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Kapitel 1



Jedes gute Märchen beginnt mit dem Satz „Es war einmal...“ So auch dieses. Wir werden auf mutige Helden treffen, schöne Prinzessinnen und schreckliche Ungeheuer, und trotzdem wird sich der eine oder andere sicher fragen, ob das wirklich noch ein Märchen ist, denn die Charaktere dürften ihm nur allzu bekannt vorkommen, und so müssen wir uns am Ende nur die eine Frage stellen: Ist das hier möglicherweise Realität gewesen?

Es waren einmal vor nicht allzu langer Zeit zwei Brüder, die gemeinsam in einer kleinen Hütte am Rande des malerischen und friedlichen Städtchens Toad-Town lebten; ihre Namen waren Mario und Luigi. Doch dies war nicht immer so gewesen, denn noch wenige Monate zuvor hatten die Brüder fluchtartig ihre Heimat verlassen, auf der Flucht vor ihrer eigenen Familie, angeführt von deren Oberhaupt Don Vito - dem Paten.

Don Vito, der mächtigste und einflussreichste Mafioso Italiens, hatte nie viel Verständnis gezeigt für die philanthropischen Neigungen, die seine beiden jüngsten Sprösslinge stets an den Tag legten, insbesondere dann, wenn es die Methoden der Sippe betraf, sich bei den Familien der Umgebung Respekt in Form von Schutzgeldern und ähnlichem zu verschaffen.

Mario und Luigi, deren Namen im Zuge eines Zeugenschutzprogrammes mittlerweile geändert wurden, hatten schon damals wenig übrig für die üblichen Mafia-Methoden wie Erpressung, Rufmord oder simplen Vandalismus. Anstatt Al Capone und Jack the Ripper verehrten sie Superman und Robin Hood, was schon zu vielen Wut- und Migräneanfällen seitens ihres Vaters geführt hatte. Als Mario schließlich Amnesty International beitrat und Luigi Mitglied bei Greenpeace wurde, riss Don Vito endgültig der Geduldsfaden. Nicht genug damit, dass seine beiden jüngsten Söhne immer wieder aufs Neue die Familienehre besudelten, jetzt musste er sich auch noch von diesen beiden Grünschnäbeln anhören, welche Menschenrechtsverletzungen er in jedem Moment beging oder dass die gute alte Pferdekopf-im-Bett-Methode gegen das Tierschutzgesetz verstieße.

Wutentbrannt forderte er von den beiden, sich endlich um die Familienangelegenheiten zu kümmern, und drohte damit, ihnen nicht nur die eigene Familie, sondern alle Mafiosi Italiens auf den Hals zu hetzen, sollten sie sich weigern, ihre Pflicht zu tun. Damit jedoch waren die Brüder völlig überfordert. Luigi brachte es einfach nicht über sich, auch nur ein einziges Pferd zu töten, und Mario, damals keineswegs  die den meisten bekannte Kämpfernatur, bekam schon bei dem Gedanken an Geldwäsche und Erpressung Schüttelfrost.

Die beiden sahen nur einen Ausweg. Um sich die Sippe wenigstens lange genug vom Hals halten zu können, um unbehelligt das Land zu verlassen, handelten sie einen Deal mit der örtlichen Polizei aus, die ihnen Begleitschutz bot, wenn sie im Gegenzug die Namen mindestens eines wichtigen Mannes preisgaben. Gut, niemand hatte gesagt, dass dieser wichtige Mann aus ihrer eigenen Familie zu stammen hatte, und so taten die Brüder ihrem Vater noch einen letzten Gefallen, indem sie seinen ältesten und schärfsten Konkurrenten Don Antonio der Polizei auslieferten, und verschwanden noch zur selben Stunde außer Landes. Schließlich verschlug es sie nach Toad-Town.

An irgendeinem Morgen also, den näher zu bezeichnen sich kaum lohnt, da in Toad-Town ohnehin alle Morgen sonnig und warm sind - es sei denn, es dient der Dramaturgie - bekam nun Mario, der ältere der beiden Brüder, den Auftrag, in den Pilzpalast zu kommen.

Seit etwa einem halben Jahr wohnten sie nun schon hier und hatten sich alles in allem auch gut eingelebt, auch wenn Mario nachts noch oft von Mamas Spaghetti und Pizza träumte. Seit Kurzem war er in Toad-Town als Klempner tätig, und da er in der Gegend der einzige Mann dieses Berufs war, lief das Geschäft erfreulich gut.

Als Mario aufbrach, saß Luigi auf der Terrasse. Im Gegensatz zu seinem großen Bruder hatte er nach wie vor Heimweh. Zudem vermisste er immer noch seine Tätigkeit bei Greenpeace, weshalb er sich bisher auch noch nicht dazu hatte aufraffen können, sich Arbeit zu suchen. Tag für Tag saß er am Tisch und löste Kreuzworträtsel, manchmal besorgte er den Haushalt und träumte davon, die Welt vor einer nuklearen Katastrophe zu retten.


Unter sich sprachen Mario und Luigi natürlich Italienisch, auch deshalb, weil sie die hiesige Landessprache nicht besonders gut beherrschten; der Einfachheit halber wird hier nur die Übersetzung wiedergegeben.

„Luigi!“, sagte Mario im Vorbeigehen. „Ich hab einen Auftrag im Palast. Irgendwelche kaputten Heizungen. Könnte länger dauern.“

Luigi nickte beiläufig. Gesprächen über Arbeit, sei es nun die seines Bruders oder seine eigene nicht vorhandene, ging er immer möglichst aus dem Weg, davon bekam er nur ein schlechtes Gewissen gegenüber Mario und Heimweh nach Greenpeace und beides hielt ihn vom Kreuzworträtsellösen ab.

„Geh ruhig“, antwortete er deshalb. „Wenn du zurückkommst, ist das Essen fertig.“

Mario nickte und wandte sich zum Gehen, als Luigi ihn zurückhielt. „Ich habe schon wieder von ihm geträumt“, gestand er unvermittelt.

Mario seufzte. Das Heimweh machte Luigi ganz schön zu schaffen, was sich in ganz besonders scheußlichen Alpträumen wieder spiegelte.

„Es war schrecklich“, berichtete dieser niedergeschlagen. „Ich war gerade dabei, alle Atombomben dieser Erde in ein Raumschiff zu schaffen, dass ich zum Jupiter fliegen musste, da ist Vater plötzlich aus dem Raumschiff gestiegen und hat eine der Bomben gezündet. Kurz bevor sie hochging, hat er noch gesagt: Luigi, man wendet sich nicht gegen Familie!“ Bei der Erinnerung daran begann er zu zittern.

Mario legte seinem Bruder tröstend eine Hand auf die Schulter. „Es war doch nur ein Traum. Sie können uns hier unmöglich finden“, erklärte er zuversichtlicher.

Tatsächlich war die Vorstellung, dass hier jemand nach ihnen suchen könnte, geradezu absurd, wenn man bedachte, dass kaum jemand von der Existenz dieses winzigen Königreiches wusste und die meisten es noch dazu für ein Märchen hielten. Luigi nickte nur und wandte sich wieder seinem Rätsel zu.

„Bis später dann“, rief Mario zum Abschied.

„Ja, bis dann. Warte, Mario!“ Sofort blieb Mario stehen, halb erwartend, dass Luigi doch mitkommen würde; immerhin versuchte er schon seit Wochen, seinen Bruder dazu zu bewegen.

„Ja?“

„Kennst du zufällig einen weltbekannten Superhelden mit fünf Buchstaben?“

Mario verdrehte die Augen und wandte sich wieder zum Gehen. „Machs gut, Luigi.“




* * *



Zur selben Zeit saß die süße Prinzessin Peach allein in ihren Gemächern im Pilzpalast und versuchte, ihre aufgewühlten Gedanken zu beruhigen.

Seit fast zehn Minuten starrte sie nun schon auf die Nachricht, die zuletzt auf dem Bildschirm erschienen war:

„Obwohl wir uns erst vor ein paar Minuten verabschiedet haben, fehlst Du

mir bereits und ich weiß nicht wie ich die langen Stunden bis zu unserer

nächsten Unterhaltung überstehen soll. Ich kann nicht mehr aufhören, an

Dich zu denken und frage mich ständig, ob es Dir wohl genauso geht.

Meine Princess, bitte gewähre mir diese eine Bitte und erlaube mir, Dir

endlich persönlich zu begegnen. In gespannter Erwartung, immer


Big B.


Prinzessin Peach war hin und her gerissen. Seit sie diesen mysteriösen Big B. in einem Chatroom für Hobbypoeten getroffen hatte, schrieben sie sich regelmäßig, und auch wenn sie über den geheimnisvollen Unbekannten nichts wusste, als dass er einen PC besaß und Sonette von Shakespeare mochte, ließen seine Nachrichten sie längst nicht mehr gleichgültig.

Inzwischen war sie siebzehn und hatte das Gefühl, dass es im gesamten Königreich keinen Mann gab, der sie richtig verstand. Nicht einmal ihr eigener Vater schien sich für sie zu interessieren, er hing nur den ganzen Tag auf dem schlossparkeigenen Golfplatz rum und überließ seine repräsentativen und politischen Aufgaben ebenso wie die Erziehung der einzigen Tochter weitestgehend seiner Frau. Doch Peach hatte all die Verpflichtungen, die der Status als Prinzessin mit sich brachte, gründlich satt. Viel interessanter als das Handelsabkommen mit einem benachbarten Königreich fand sie die Frage, ob sie dieses Jahr jemand auf den Abschlussball einladen würde. Nicht einmal den Cheerleadern ihrer
Schule hatte sie beitreten dürfen, weil ihre Mutter der Meinung war, dass die kurzen Röckchen sich für eine Prinzessin nicht ziemten.

Umso größer war ihre Überraschung gewesen, als sie durch Zufall Big B im Chat getroffen hatte und dieser sich nicht nur als humorvoller und romantischer Gesprächspartner, sondern vor allem als geduldiger und einfühlsamer Zuhörer entpuppt hatte. Verständnisvoll hatte er ihr zugehört, als sie ihm von ihrer Einsamkeit erzählt hatte, weil es niemand gab, der sich wirklich für sie als Person interessierte, von den Erwartungen, die alle auf sie setzten, sich zu benehmen, wie sie sollte, und darüber auch noch glücklich zu sein. Und von dem Gefühl, dass es niemand, wirklich niemand auf der Welt gab, der sie lieb hatte.

Dass sie in Wahrheit die Prinzessin des Pilz-Königreichs war, ahnte Big B nicht, und doch hatte er sie mit seinen freundlichen Worten und gelegentlich mit einem selbstgeschriebenen Vers aufmuntern können und ihr immer die richtigen Ratschläge erteilt.

Den Kontakt zu ihm aufrecht zu erhalten, obwohl sie wusste, dass ihre Mutter es nicht billigen würde, gab ihr ein Gefühl von Freiheit, ja beinahe fühlte sie sich ein wenig rebellisch, als sie sich den Vorschlag, Big B heimlich zu treffen, durch den Kopf gehen ließ. Natürlich würde sie es nicht tun, sie war viel zu gut erzogen, doch allein die Vorstellung, was ihre Mutter sagen würde, übte einen fast unwiderstehlichen Reiz aus.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Hastig löschte Peach die Nachricht und schaltete den PC aus. Für den Fall, dass es ihre Mutter war, wollte sie nicht beim Faulenzen erwischt werden, wo sie doch eigentlich für ihren Unterricht im Niedlichsein sowie Diplomatie für Anfänger hätte pauken sollen. Sie seufzte bedauernd. Die Antwort an Big B würde warten müssen.

„Herein!“

Sie drehte sich zur Tür, um ihre Mutter zu begrüßen, doch statt ihrer betrat ein leicht untersetzter Mann im Blaumann ihr Zimmer, der sie durch einen buschigen dunkelbraunen Schnurrbart anzulächeln versuchte. Er schien nicht sicher zu sein, was er sagen sollte, tatsächlich sah er aus, als hätte es ihm die Sprache verschlagen.

Mit einer Nase, die ungefähr Größe und Form einer großen Kartoffel hatte, war er alles andere als der Traum eines jungen Mädchens, aber er wirkte freundlich und Peach lächelte ihn ermutigend an.


* * *



Gut gelaunt pfeifend blieb Mario vor der Tür zum Zimmer der Prinzessin stehen und klopfte deutlich hörbar an. Als eine Mädchenstimme von drinnen etwas rief, verstand er dies als Aufforderung, einzutreten. Munter öffnete er die Tür -  und blieb auf der Schwelle wie angewurzelt stehen, als er sich in dem fürchterlichsten Zimmer wiederfand, das er je betreten hatte.

Alles in diesem Raum war rosa oder pink, angefangen von den altrosa Spitzenvorhängen und dem ebensolchen Himmelbett über die pastellrosa Tapeten und die roséfarbenen Polstermöbel bis hin zu dem grellpinken Computer, der in einer Ecke des Zimmers stand. Selbst das Mädchen das vor ihm stand erschien ihm auf den ersten Blick rosa. Erst beim zweiten Hinsehen fiel ihm auf, dass sich der blasse Teint ihrer Haut deutlich vom leuchtenden Grellrosa ihres Seidenkleides abhob.

Wenn man über die Farbgebung ihrer Kleidung hinwegsah, war das Mädchen wirklich eine Schönheit, fand Mario, dessen italienische Wurzeln beim Anblick einer schönen Frau wieder deutlich zum Vorschein kamen. Ihr blondes Engelshaar fiel ihr offen bis auf den Rücken und ihre strahlend blauen Augen sahen ihn freundlich, wenn auch etwas irritiert an. Das musste Prinzessin Peach sein, schloss Mario und ging freudestrahlend auf sie zu.

„Aaah, principessa bella!“, begrüßte er sie auf Italienisch, nur um gleich darauf in ein Kauderwelsch aus verschiedenen Sprachen auszubrechen. „Its a miiii, Maario! Ickä binä gekommen wegään die Heizungäään!“ Stolz, den auswendig gelernten Satz in Landessprache richtig aufgesagt zu haben, küsste er der Prinzessin galant die Hand. Sie schien ihn verstanden zu haben, denn sie antwortete etwas, das sich ihm entzog, und deutete in Richtung eines magentafarbenen Heizkörpers.

Erneut begann Mario zu pfeifen und machte sich an die Arbeit, während die Prinzessin ihm schweigend zusah. Nach einer Weile begann sie zu sprechen und Mario brach sein Pfeifen ab, um ihr zuzuhören. Zwar verstand er kaum ein Wort von dem, was sie sagte, doch hätte er es unhöflich gefunden, sie zu unterbrechen, zumal sie sich mit einem gelegentlichen „Si, principessa seinerseits zufrieden zu geben schien, weshalb er keine Notwendigkeit sah, sie darüber zu informieren, dass er kaum Kenntnis der Sprache besaß, die sie benutzte.

Dann trat sie näher, und ihrem Tonfall nach fragte sie ihn etwas. Da er nicht wusste, was er antworten sollte, schwieg er. Doch sie sprach ihn erneut an. „Mario?“

Endlich ein Wort, das er kannte. „Sì, itsa miii, Maario!“, wiederholte er erleichtert, eine Antwort geben zu können. Doch es schien die falsche gewesen zu sein, denn ihre blauen Augen füllten sich mit Tränen und ihre Unterlippe begann zu zittern.

Als sie erneut sprach war ihre Stimme dünn und piepsig, doch da er sie nicht verstand konnte er nichts antworten als „Sì, principessa.

Die Principessa brach in Tränen aus. Vollkommen perplex ging Mario auf sie zu, um sie zu trösten - weinende Frauen hatte er noch nie ertragen können. Sie jedoch schüttelte energisch den Kopf und wies ihn heftig gestikulierend zur Tür. Er wollte nicht gehen, doch als die Prinzessin auch noch hysterisch zu kreischen anfing, hielt er es für ratsam, sich zurückzuziehen.


* * *



Aufgelöst ließ Peach sich aufs Bett fallen und heulte noch lauter. Dieser Schuft. Sie hatte den Eindruck gehabt, dass er ein netter Kerl war, mit dem man reden konnte, aber sie hatte sich getäuscht. Erst schien er ja ein guter Zuhörer zu sein, aber sein langes Zögern auf ihre Frage, ob er sie zu dick fände, hatte sie stutzig gemacht und als sie nachgefragt hatte, hatte er es auch noch zugegeben.

Dabei hatte sie den Eindruck gehabt, dass er sie hübsch fand! Und dann hatte er sie auch noch so verhöhnt mit diesem „Itsa miii....“ Als ob sie nicht wüßte, wer er war, als ob sie ein kleines Kind wäre, dem man alles dreimal erklären musste.

Mit tränennassem Gesicht wandte sich Peach um und schaltete den Computer wieder ein. Diesmal würde eine E-Mail von Big B nicht ausreichen, um sie aufzumuntern, sie wusste jetzt, dass sie ihn sehen musste.

Mit zitternden, bonbonrosa lackierten Fingernägeln tippte sie nur eine kurze Nachricht:

„Will Dich sofort sehen, sag mir wo ich Dich finden kann!“


Die unmittelbar danach angekommene Antwort prägte sie sich gut ein und löschte sie dann sofort wieder. Sie wollte nicht das Risiko eingehen, dass jemand ihr folgte.
 
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