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von HelenV    erstellt: 10.11.2007    letztes Update: 12.08.2008    Geschichte, Drama / P18 Slash    (fertiggestellt)
Kapitel 2


Einen Monat später…



Mitten am Piccadilly Circus in London stand eine junge Frau Anfang dreißig und sah in ihren Stadtplan. Zeitweise hob sie den Kopf, um das, was sie mit dem Finger auf der Karte entlang fuhr, auch in die Wirklichkeit umzusetzen.
Wohin sollte sie gehen? Ihr Orientierungssinn teilte ihr mit, sie müsse, um wieder zum Hyde Park zu gelangen, sich gen Westen halten. Die junge Frau drehte sich im Kreis. Wo zum Teufel lag nun Westen?
Irgendwann war es ihr zu dumm, sie folgte einfach ihrem Gefühl und lief los. Im Hintergedanken ständig das Gefühl, sich erneut verlaufen zu haben. Aber sie war zu feige, um nach dem Weg zu fragen.
Helen Lambert, so hieß die junge Frau, hatte gerade ihren zweiunddreißigsten Geburtstag hinter sich gebracht. Obwohl die, die sie sahen, sie für höchstens Mitte zwanzig schätzten. Die knapp Schulterlangen, dunklen Haare trug sie stets zusammengebunden, was ihren Gesichtszügen eine herbere Note verlieh. Die Lippen rosig bemalt, die großen, grünen Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt, ansonsten fiel sie nicht weiter auf in der Menge.

Sie war allein nach London gereist. Damit hatte sie sich einen persönlichen Traum erfüllt, erneut in ihre Lieblingsgroßstadt zu reisen. Obwohl Großstädte gar nicht ihre Favoriten waren. London allerdings hatte sie bei ihrem ersten Besuch vor einigen Jahren sofort in ihr Herz geschlossen. Warum, dass wusste sie selbst nicht so genau. Lag es an der etwas anderen Luft, die vom Ärmelkanal herrührte? Dem Wissen, in einem anderen Land zu sein? Oder war es einfach die Stadt selbst, die mit ihrem Flair, ihrem Sein ihr Herz im Nu erobert hatte? Mit all ihren Sehenswürdigkeiten, den alten Gemäuern, der ganzen Ausstrahlung, die diese Stadt zu bieten hatte?

Helen war Single, wie so viele junge Menschen heutzutage. Den passenden Partner hatte sie bislang noch nicht gefunden. Sie legte es auch nicht darauf an, jemanden kennen zu lernen. Aufgrund einiger Umstände, Verlust von Freundschaften, immer währender und aufkommender Arbeitslosigkeit, die zwei gescheiterten Beziehungen ihrer Mutter, hatte sie sich selbst mehr und mehr zurückgezogen. Ließ niemanden mehr nah genug an sich heran.
Wie sie es geschafft hatte, sich diese Reise, eine Woche London und Umgebung zu leisten, fragte sie sich immer noch. Es war wohl mehr ein Glücksgriff gewesen.

„Wo zum Teufel…?“, grollte Helen verdrießlich, dann holte sie erneut ihren Stadtplan hervor. Sie kannte sich mit dem Teil zwar nicht aus, drehte und wendete diesen aber, nur um festzustellen, dass sie wohl in die entgegengesetzte Richtung gelaufen war, in die sie hätte laufen sollen. Sie sah missmutig auf, irgendwo hier musste es doch ein Straßenschild geben als Orientierungspunkt.
„Lisle Street, na wenigstens etwas!“, seufzte Helen und sah erneut in ihren Stadtplan. „Komplett falsche Richtung! Toll gemacht, Helen! Wirklich toll!“, jubelte sie sich selbst zu und sah ganz und gar nicht nach Jubeln aus. Erneut stand sie am Straßenrand, drehte sich um sich selbst und überlegte, welche Richtung sie nun einschlagen sollte, um zurück zum Hyde Park zu gelangen. Denn von dort würde sie der Bus wieder abholen.
Der Magen begann zu knurren, die Laune sank auf den Nullpunkt und der Hyde Park war noch weit entfernt. Nachdem sie den Park als grünen Punkt auf ihrer Karte entdeckt hatte, und den Weg zu ihrem momentanen Standpunkt mit dem Finger zurückverfolgt hatte, machte sie sich wieder auf den Weg.
Sie war noch nicht weit gekommen, als sie aus einer Gasse auf einmal seltsame Laute vernahm. Trommelklänge. Neugierig, woher diese kamen, ging sie in die Richtung. Nur um kurz nachschauen, vielleicht war es eine einheimische Band die dort spielte, überlegte sie.

Die Gasse war lang und wirkte nicht sehr vertrauensselig. Und doch ging sie weiter. Aus irgendeinem Gefühl heraus konnte sie nicht anders. Etwas Fremdes lockte.
Das Trommeln kam näher und nun hörte sie auch Worte, in einer Sprache, die sie nicht verstand. Sie stand inzwischen vor einer Tür und sah die Häuserwand hinauf.
`Du solltest lieber wieder gehen! ´, riet ihr die innere Stimme und pochte an ihrem Verstand. Diese Trommeln, der Rhythmus, in dem sie geschlagen wurden, die Stimmen dazu, es war beinahe wie ein Rausch. Fasziniert blieb Helen stehen und lauschte. Weiter traute sie sich allerdings nicht. Ihr Herz schlug heftig, fast im Takt mit den Schlägen. Einem inneren Drang nach, wollte sie wissen, was dort drinnen vor sich ging. Was schadete es schon, nur einen Blick hinein zu riskieren?, fragte sie sich.
`Irgendwas ist unheimlich! ´, rief ihr die warnende Stimme zu. Und als plötzlich ein lauter Paukenschlag erklang, der Helens Herz für einen kurzen Moment zum Stillstand brachte, riss die junge Frau die Augen auf. Für einen Augenblick starrte sie die Häuserwand hinauf. Und im nächsten Moment drehte sie sich herum und lief die enge Gasse schnellen Schrittes zurück.

Doch das Ende dieser Gasse erreichte sie nicht. Stocksteif blieb sie mitten des Weges stehen. Ihr Herz klopfte so laut, als befürchtete sie, der Fremde der dort am anderen Ende der Gasse stand, könnte es hören. `Einfach weitergehen! ´, schalt sie sich selbst und zwang sich, einen Fuß nach dem anderen zu setzen. `Nur nicht stehen bleiben! Zeig ihm nicht deine Angst! ´ Doch warum hatte sie überhaupt dieses Gefühl? Warum glaubte sie, etwas Unrechtes, etwas Verbotenes gehört oder gar gesehen zu haben? Das war verrückt! Lag es an der Haltung ihres Gegenübers? Der Kleidung die dieser trug?
Langsamen Schrittes, den Kopf erhoben, ging Helen weiter. Näher und näher kam sie der Person, die ihrerseits langsam auf Helen zuging.
Ihr Herz pochte zum zerspringen. `Du hast keine Angst! Nein! Das ist Unsinn! ´, schalt sie sich erneut und ging langsamen Schrittes weiter. Ihr Atem ging flach. Sie sah den rettenden Ausgang. Das Ende der Gasse, die belebte Straße.
Die Person trug eine Kutte. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Jetzt wurde es Helen noch mulmiger, als es ihr ohnehin schon war. `Es ist nur ein Mönch! ´, rief sie sich selbst Mut zu. `Nur ein Mönch!´
Nur noch wenige Schritte trennten sie voneinander. Ihr Gefühl sagte ihr, jetzt und sofort loszurennen. Ihr Verstand riet ihr zur Vernunft und sich nichts anmerken zu lassen. Sie war nur eine Touristin. Und die konnten sich schließlich mal verirren.

Sie waren beide auf gleicher Höhe. Helen und der seltsame Kuttenträger. Kurz drehten beide ihre Köpfe zueinander hin. Doch während Helen nur ins Schwarze blickte, anstatt in ein Gesicht, sah der andere sie genau.

Die junge Frau fröstelte, als sie sich so nah gegenüberstanden, für den Bruchteil einer Sekunde. Helen schluckte nervös, lief dann aber zügig weiter.
Erst als sie wieder aus der Gasse heraus war, drehte sie sich um. Doch von dem Mönch war nichts mehr zu sehen. Was war das bloß für ein Gefühl gewesen, als sie ihm begegnet war? Diese durchdringende Kälte, dieses beklemmende Gefühl ließ sie immer noch leicht zittern. Sie hatten sich angesehen und doch hatte sie ihn nicht wirklich gesehen.
`Das war einfach nur unheimlich! ´, dachte sie und machte sich schnell auf den Weg zurück zum Park. Und dieses Mal gelangte sie auf direktem Wege dorthin, gerade noch rechtzeitig, denn wenige Minuten später kam der Bus und brachte sie zurück in ihr Hotel.

Die restlichen Stunden bis zum Abend verbrachte sie in ihrem Zimmer vor laufendem Fernseher. Zur Untermalung hatte sie ihn eingeschaltet, während sie sich einen Tee aufsetzte und zum Fenster hinaus sah. Viel sah sie nicht. Es ging viele Meter tief runter in eine kleine Seitenstraße mit einem kleinen Fleckchen Grün. Ihr gegenüber stand der nächste Hotelkomplex. Und doch fühlte sie sich so wohl wie nirgendwo anders. Dieses Gefühl kannte sie von zu Hause nicht. Dort wohnte sie einfach nur. Während auf dem englischen Sender die aktuellsten Nachrichten liefen, dachte die junge Frau daran, wie es wohl wäre, wenn sie hier leben und arbeiten könnte. In London, oder überhaupt in England. Trotz ihrer Sprachprobleme trug sie diesen Wunsch schon lange in ihrem Herzen. Sie wollte eines Tages ganz hier leben. Sich ihren Traum erfüllen, hier ihre Zukunft verbringen zu können. Ohne den Zwang, dem tristen Grau von dem Zuhause, was sie bislang kannte. Warum zog diese Stadt sie so in ihren Bann? Warum fühlte sie sich hier so wohl, wie nirgends sonst?

Später am Abend saß sie mit einigen Leuten aus ihrer Reisegruppe unten im Hotel in der Bar und trank ihr allabendliches Guinness, während sie den Tag Revue passieren ließ.  


**~~*+*~~**



Eilige Schritte, die über den Asphalt hinweg eilten. Durch enge Gassen und auf Gehwegen.
Schritte, die sich schnellstmöglich von einem Punkt zum nächsten bewegten, als sei die Person dazu auf der Flucht. Immer im Schatten der Straßenlaternen hallten die Stiefel auf dem Gehweg und verklangen in der Ferne.
Jemand hatte es eilig. Immer wieder sah sich die Person hastig um, ehe sie weiter lief.
Es war Nacht und nur wenige Fahrzeuge kamen der Person entgegen. Wenn sie von Fern bereits die Scheinwerfer herannahender Autos vernahm, drückte sich die Gestalt an eine Häuserwand oder verschwand eiligst in eine Seitengasse. Sie verschmolz regelrecht mit den Schatten der Nacht. Doch sie hielt sich nicht auf, ging mit schnellen Schritten weiter, ihrem Ziel entgegen.
Es war eine diesige Nacht. Nebelverhangen, feucht und kühl. Doch der Schein trog. Am Tage würden die Temperaturen wieder die dreißig Grad Marke überschreiten.

In einer engen Seitengasse lehnte sich die Gestalt gegen das Mauerwerk und atmete tief ein und aus. Eine Weile sah sie sich immer wieder um, ob nicht doch einer der Verfolger es geschafft hatte, ihn einzuholen. Minutenlang lauschte die Person, doch es blieb ruhig. Nur die typischen Nachtgeräusche einer Großstadt waren zu hören.

Gabriel Van Helsing schloss für einen Moment die Augen.
Stille!
Die Kühle der Nacht ließ ihn frösteln und er zog seinen Mantel enger um sich. Den Schlapphut aus vergangenen Tagen, tief ins Gesicht gezogen, verbargen seine wahren Emotionen. Vorsichtig lugte er um die Häuserecke. Doch außer einer streunenden Katze, die gerade die Mülltonne eines Hauses durchstöberte, war alles ruhig. Van Helsing sah sich jedoch genauer um. Er traute dem Frieden nicht.
Erst als er wirklich sicher war, seine Verfolger abgeschüttelt zu haben, tauchte er in die Schatten der Nacht unter und verschwand erneut.

Plötzlich hielt er inne und sah sich um. Eine Bewegung auf der anderen Straßenseite hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Im nächsten Augenblick verschmolz Van Helsing wieder mit den Schatten. Doch nur für einen kurzen Moment, dann sprang er hervor.
Und nicht zu spät. Denn just in diesem Moment sprang über ihm ein Schatten zu Boden und messerscharfe Klingen bohrten sich in den Asphalt. Dort, wo Van Helsing gestanden hatte, hockte jetzt eine vermummte Gestalt und starrte grimmig zu ihm hoch.
„Das Zielen müssen wir aber noch mal üben, würde ich sagen.“, grollte Van Helsing leise.
Die Gestalt vor ihm grollte etwas Unverständliches zurück, ehe sie sich erhob. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, starrte sie den großen Mann vor sich an.
„Ich nehme an, dass sich das gegenseitige Vorstellen erübrigt!“, spottete Van Helsing weiter und zog eine Grimmasse. Seine Hand griff blitzschnell in seine innere Manteltasche, zog eine Schrotflinte hervor und richtete sie auf den Gegner.
„Van Helsing!“, zischte es unter der Kapuze des Gegenübers und die Hände der Person glitten ebenfalls in die Seitentaschen der Kutte.
„Das würde ich sein lassen, wenn ich du wäre!“, knurrte Van Helsing zurück und lud seine Waffe durch.
Im nächsten Moment flogen ihm zwei Wurfgeschosse entgegen, denen er nur ausweichen konnte, indem er sich nach hinten fallen ließ. Haarscharf flogen die scharfkantigen Wurfsterne direkt über seinen Kopf hinweg. Er hatte seinen Rücken durchgebogen und verlor beinahe sein Gleichgewicht. Sein Schlapphut fiel nach hinten weg und eine Haarsträhne wurde durch eines der beiden Geschosse durchtrennt.
Van Helsing ließ sich zu Boden fallen, rollte hastig zur Seite und schoss.

Das dumpfe Aufschlagen eines Körpers bestätigte ihm, dass er getroffen hatte. Röchelnd blieb der Kuttenträger liegen. Der Jäger kam näher, die Schrotflinte erneut im Anschlag. Van Helsing kniete sich neben den Kuttenträger hin und drehte ihn so, dass er dessen Gesicht sehen konnte.
„Und nun, reden wir übers Geschäftliche!“
„Das können Sie vergessen, Van Helsing!“, keuchte der Angeschossene und hielt sich schmerzvoll die Seite, wo die Kugel ihn getroffen hatte.
„Nun! Wir können es auf die sanfte Tour machen, oder auf die schmerzvollere!“, gab Van Helsing zur Antwort und zog sich seinen Hut zurecht.
„Die schmerzvolle Variante habe ich ja gerade gemerkt, Dreckskerl!“
„DAS mein Lieber, war die sanfte Tour!“, entgegnete der `Dreckskerl´ und ein gehässiges Grinsen zog über dessen Gesicht. „Also? Kommen wir wie gesagt nun zum Geschäftlichen! Ihr habt etwas, was ich unbedingt haben will! Und du wirst mir sagen, wo es ist!“
„Niemals!“, keuchte der Verletzte und spürte etwas Feuchtes an seiner Seite entlang laufen.
„Du strapazierst meine Geduld, das ist dir hoffentlich klar!“, knurrte Gabriel und packte den anderen am Kragen und zog ihn hoch. Ein schmerzvoller Laut war die Antwort auf die grobe Behandlung. „Wo finde ich die Schatulle?“
„Ich weiß nicht, was Sie meinen?“
„So ein kleines Kästchen, vergoldet und verschnörkelt!“, zischte Gabriel und sein Gesicht war nahe dem anderen.
„Nie so was gesehen!“, war die knappe Antwort. Doch Van Helsing wusste, dass dieser Kuttenträger mehr wusste, als er zugeben wollte.
„Ich helfe deinem Gedächtnis gern auf die Sprünge!“ Und im nächsten Moment drückte er seine Schrotflinte Hand gegen die blutende Wunde. Ein schmerzvoller Laut entrang aus der Kehle des Anderen und er kniff die Augen zusammen.
„Also gut!“, keuchte der Mönch während er schwer atmend nach Luft schnappte. Und mit leisen Worten erfuhr Gabriel Van Helsing, was er wissen wollte.
Er ließ den Mann zu Boden sinken und starrte zu ihm runter.
„Und warum nicht gleich so? Hättest dir das da…“ Er deutete mit der Waffe auf die verletzte Seite, „…wirklich ersparen können!“ Dann drehte er sich um und verschwand auf die gegenüberliegende Straßenseite.

Der Kuttenträger rappelte sich nur mit Mühe auf. Er musste seine Leute warnen. Aber zeitgleich wusste er auch, dass er in seinem derzeitigen Zustand niemals rechtzeitig dort sein würde. Und Van Helsing besaß nun die Information, die er brauchte. Ein heiseres Stöhnen unterdrückend hielt sich der Mönch die Seite mit der Schussverletzung und schlurfte die Häuserwände entlang den Weg zurück.

Gabriel hastete durch die Straßen und Gassen von London. Es war früher Morgen, als er sich in der Nähe eines alten, schäbigen Gebäudes befand. Er sah an der Fassade hoch. Irgendwo in den oberen Stockwerken befand sich das, wonach der Mann mit den schulterlangen, kastanienbraunen Harren suchte. Was er so lange bereits verfolgte. Und das ihm immer wieder vor der Nase verschwand. Eine kleine Schatulle mit brisantem Inhalt.
Die Erinnerung holte ihn wieder ein. Der Mann mit dem Schlapphut und dem langen Mantel stand im Schatten des Hauses und starrte nach oben zu den Fenstern. Diese hatten auch schon mal bessere Zeiten gesehen. Vermutlich waren sie vor zehn Jahren das letzte Mal geputzt worden, dachte er und verzog angewidert das Gesicht.
Wie lange war es nun her? Wie viele Jahre waren vergangen, seit er sich auf die Suche gemacht hatte? Er hatte es verdrängt. Die Erinnerungen waren zu verworren. Gabriel van Helsing wollte sich nicht erinnern. Nicht jetzt, wo er dem Ziel so nah war. Das Ziel war die kleine vergoldete Schatulle. Der Besitz der katholischen Kirche.

Der attraktive Mann mit den dunklen Haaren zog aus seinem Mantel einen Wurfanker, eine Pistolenähnliche Waffe. Mit diesem Wurfanker konnte er Schluchten und Hindernisse überqueren, die für andere unüberwindlich waren. Van Helsing zielte nach oben. Die Zacken des Ankers der mit einem langen Tau verbunden war, schnellte hoch und verkeilte sich im Mauerwerk des Kamins. Ein prüfender Ruck und Gabriel kletterte behände an der Häuserwand hoch.
Am obersten Fenster angekommen, schwang er sich auf den kleinen Fenstersims. Mit dem Stiefel stieß er kurz gegen die Fensterscheibe. Das Fenster war tatsächlich geöffnet und schwang nach innen auf.
„Ich habe aber auch ein Glück heute!“, sprach er zu sich selbst. Zog sich dann ganz zum Fenster rüber und rutschte in einem Male durch die Öffnung.
In dem Zimmer war es dunkel und nur ein Stuhl, ein schäbiger alter Schreibtisch und eine alte Schreibtischlampe standen darin. Gabriel tastete sich durch den Raum bis hin zur Tür und lauschte. Nichts war zu hören. Er war dem Ziel so nah, er spürte es förmlich.

Vorsichtig drückte er die Klinke hinunter und öffnete die Tür einen Spalt breit. Stille lag in dem Gang, der sich vor ihm erstreckte. Leise, die Tür hinter sich schließend, ging er das Geländer entlang, die Treppe hinunter. Auch von innen befand sich das Gebäude in einer Art Auflösungsstatus. Das Geländer selbst wackelte verdächtig. Es war eher davon abzuraten, sich dagegen zu lehnen. Die einzelnen Stufen knarrten unter seinen Stiefeln. Verdrießlich verzog der Mann bei jedem Auftreten das Gesicht ein wenig mehr.
`Das würde ja selbst meine Großmutter aus ihrem Grabe wecken´, dachte er grimmig und eilte die letzten Stufen schneller hinunter. In der unteren Etage sah er sich erneut um. Doch im Haus schien alles friedlich zu sein. Für Van Helsing war dies allerdings zu friedlich. Er traute der trügerischen Ruhe nicht und war umso vorsichtiger. Zielsicher begab er sich zu einer weiteren Tür im unteren Geschoss und öffnete diese.
„Hm! Entweder sind die Leute hier äußerst vertrauensselig oder einfach nur nachlässig!“, murmelte er zu sich selbst und steckte seinen Kopf in den Raum. Auch hier war es finster. Nur das Licht von draußen, welches von den Straßenlaternen hinein drang, warf schaurige Schatten an den Wänden.
Er war dem Ziel so nah. Die Schatulle war hier, ganz in der Nähe. Ein Zurück gab es für den Mann mit dem Schlapphut jetzt nicht mehr.

Der Raum war leer, als hätten hier nie Möbel gestanden. Van Helsing lief zur Tür, die ihm am nächsten kam und fand auch diese unverschlossen vor.
Dieser Raum wurde von unzähligen Kerzen erhellt, die auf einem hinteren Altar standen. An den Säulen rechts und links von ihm, warfen sie Schatten und ließen den Raum in einem gespenstischen Licht erscheinen.
Er war hier. Und vor ihm der Altar, auf dem eine kleine golden verzierte Schatulle stand.
Sein Ziel.
Langsam, immer im Schatten der Säulen kam er der Verehrungsstätte näher. Die Personen die hier ihre Zeremonien abhielten, schienen sich verzogen zu haben. Wenige Meter trennten ihn noch von dem Altar. Immer wieder sah Gabriel sich um. Sein Herzschlag war ein Takt schneller als gewohnt. So lange hatte er darauf gehofft. So lange schon war er auf der Suche danach gewesen. Jetzt endlich sollte es ein Ende finden.
Die letzten Meter legte er eiligst zurück und stand im nächsten Augenblick vor dem Altar. Das hier noch kürzlich Opfer dargebracht wurden, in welcher Form auch immer, erkannte Van Helsing an den Rauchspuren und vereinzelten Blutstropfen, die am Boden zu finden waren. Van Helsing schlug ein Kreuz für die arme Seele, die hier ihr Leben verloren hatte, dann war sein Hauptaugenmerk wieder etwas anderes.
Ein Kästchen, nicht breiter als eine Zigarrenschachtel, golden, mit seltsamen alten Symbolen verziert. Andächtig hob er es hoch.
Die Erinnerungen schienen ihn zu überwältigen. Bilder längst vergangener Zeit drangen ihm wieder ins Gedächtnis.

**


„Diese Schatulle darf niemals mehr in fremde Hände gelangen. Es hat zu viele Leben gekostet, zu lange schon hat der Schrecken diesen Namen getragen“, klagte Kardinal Jinette leise, während er, ein weiteres Mitglied der Kirche, sowie Van Helsing selbst sich in die Katakomben aufmachten. Die Gänge waren düster und vermittelten einem das Gefühl von Beklemmung. Nur mit Fackeln bewaffnet betraten die Männer den Torbogen der Gruft in die sie hinab stiegen. Die Wände warfen ihre Schatten voraus. Wie lange, dürre Finger schienen sie nach den drei Besuchern greifen zu wollen. Gabriel fühlte sich nicht wohl in dieser Umgebung und er machte auch keinen Hehl daraus. Nur wegen dem Kardinal und dem Wissen selbst, dass er als einer von dreien dazu bestimmt worden war, den Aufenthalt der kleinen goldenen Schatulle zu erfahren, war er mitgekommen.
„Darf ich fragen, Eminenz, wohin Ihr es bringt?“, fragte der Jäger, der hinter dem Kardinal herlief.
„Dorthin, wo es sicher für alle Zeiten verwahrt ist.“, lautete die Antwort.

**


`Sicher!? ´, dachte Gabriel, der sich wieder in der Gegenwart befand. So sicher wie das Amen in der Kirche? Ein Irrglaube. Wenige Jahre hüteten sie diesen Schatz, tief unterhalb der Kirche in einer Krypta. Ein Gewirr aus unterirdischen Gängen, verfallenen Gebäuden längst vergessener Zeiten, einer Stadt gleich zeigte sich dem Betrachter. Doch nur die wenigsten wussten, was sich unterhalb der Stadt Rom wirklich verbarg.
Von irgendeiner Stelle war etwas durchgesickert. Von irgendwoher wurde verlauten lassen, dass die katholische Kirche diese Schatulle mit brisantem Inhalt besaß. Die undichte Stelle konnte nie gefunden werden.
Der Jäger drehte das kleine Kästchen in seinen Händen und betrachtete es. Danach hatte er all die vergangenen Jahre gesucht. Nun endlich hielt er sie in seinen Händen.

„Genießen Sie den Augenblick!“, vernahm er plötzlich eine Stimme hinter sich und wirbelte herum. „Sie mögen zwar hier eingedrungen sein, aber hinaus kommen Sie nicht mehr, Van Helsing!“, blaffte die Stimme des Mannes, der an der offenen Türe stand.
„Ich nehme an, Sie sind hier der Oberguru?“, kommentierte Gabriel nach kurzem Blick auf den Mann und besah sich die Kutte des anderen genauer. Diese war, im Gegensatz zu den üblichen Kutten der übrigen Mönche dunkelrot mit einer gelbgoldenen Kordel um die Taille gebunden. Die der anderen waren meist schwarzbraun mit schwarzen Kordeln versehen.  
„Ich bevorzuge den Titel Hohepriester!“
„Wie auch immer!“, gab Gabriel salopp zurück und hielt weiterhin die Schatulle in seinen Händen. „Das hier nehme ich mit! Als Gastgeschenk sozusagen!“
„Nicht wenn wir es verhindern!“, entgegnete der Hohepriester und trat in den Raum.
„Wir?“, fragte Gabriel und sah sich irritiert um. „Ich war zwar in der Mathematik nicht gerade eine Leuchte, aber ich sehe nur Sie und mich! Und das schließt ein `wir´ aus, denn ich werde mich selbst nicht daran hindern, mit der Schatulle zu verschwinden!“
Der Hohepriester lächelte dünn.
„Ihr Humor hat in den Jahren nicht gelitten, Van Helsing!“ Der Rotgewandte kam noch näher. Gabriel hastete hinter den Altar und sah sich nach einer Fluchtmöglichkeit um.
„Es war nett, wieder Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben! Aber die Schatulle bleibt hier!“
„Nun! Da gehen unsere Meinungen leider auseinander. Ich halte sie in Händen und gedenke auch nicht ohne sie von hier zu verschwinden.“, kontere Van Helsing zurück und lächelte vielsagend. Er würde sich jetzt nicht geschlagen geben. Er besaß die Schatulle und er würde sie nicht wieder hergeben. Die Jagd danach hatte bereits zu lange gedauert. Viel zu lange.

In diesem Augenblick ging hinter ihm eine Tür auf und ein dutzend Kuttenträger traten ein und gingen hinter dem Jäger in Stellung. Und als van Helsing nach vorn sah, traten hinter dem Hohepriester ebenfalls ein gutes Dutzend solcher Gewandtypen ein und verteilten sich im ganzen Raum.
„Ist das fair?“, fragte Gabriel und sah sich mit gemischten Gefühlen um.
„Fair? Sie sprechen von Fairness, Mr Van Helsing?“, höhnte der Hohepriester und nickte seinen Leuten zu, die den Kreis um den Eindringling immer enger zogen.
„Brauchen Sie wirklich so viele, um einen einzelnen Mann zu erledigen? Sie enttäuschen mich!“, rief Gabriel mit spöttischem Unterton. „Einer gegen…“, er zählte kurz durch, sah kurz zum Rotgewandten und zählte noch einmal.
„… so viele?“, antwortete er dann und zog seinen Wurfanker. Damit schoss in die Decke weit vor ihm und schwang sich im nächsten Augenblick über den Altar hinweg in die Luft.
„Schnappt ihn!“, rief der Hohepriester mit zorniger Stimme. „Er darf mit der Schatulle nicht entkommen!“
Die Kuttenträger rannten augenblicklich los. Van Helsing flog auf ein Geländer zu, sprang hinauf und hastete rüber zur Wand, die der Tür Richtung Ausgang am nächsten war. Er sah hinunter. Die Kuttenträger zogen ihrerseits ihre Waffen, so genannte Khukri Messer, die wie die kleinere Ausgabe einer Machete aussahen, mit hölzernem Griff und gebogener breiter Klinge. Damit rannten sie über eine Außentreppe hinauf zur Empore, um den Eindringling in die Enge zu treiben. Dieser sah seine Angreifer heran nahen und wagte den Sprung in die Tiefe. Der Hohepriester starrte hinauf, als Van Helsing ihm förmlich entgegen sprang und hechtete in letzter Sekunde zur Seite.
„Was um alles in der Welt….“, stöhnte der Mann, während er sein Gleichgewicht zu halten versuchte. Er starrte Van Helsing, der sicher auf dem Boden landete und ihn angrinste, fassungslos mit offenem Mund an.
Doch im nächsten Augenblick sauste eines der Messer auf Gabriel zu, der war für Sekunden abgelenkt und reagierte zu spät.
Das Messer bohrte sich in seine Seite. Schmerzvoll verzog der Jäger das Gesicht. Diesen Augenblick nutzte der Hohepriester und schlug seinem Gegner mit der Faust ins Gesicht. Van Helsing fiel hinten rüber und stöhnte auf. Und wieder zischte etwas durch die Luft. Als Gabriel den Kopf wand, sah er, wie gleich drei dieser Khukri Messer auf ihn nieder sausten. Er lief eiligst in gekrümmter Haltung, eine Hand auf seine Wunde gepresst zur Tür.
„Sie werden nicht mit dem Kästchen verschwinden!“, blaffte der Hohepriester ihn an und trat zu.
Es war Gabriel, als würde man ihm die Luft aus den Lungen in einem Schlag ausquetschen. Der Tritt war präzise und in einer Sekunde des Schocks, ließ er die Schatulle zu Boden fallen.
Schon rannten die anderen Kuttenträger auf ihn zu, während der Hohepriester und er selbst für einen Moment die Schatulle anstarrten.
„Das hier nehme ich!“, erwiderte der Rotgewandte selbstsicher und gehässig. Er griff nach dem Kästchen am Boden. Gabriel blieb nichts anderes übrig, als tatenlos mitanzusehen, wie der kostbare Schatz ihm wieder einmal entrissen wurde. Er eilte aus dem Raum, hinaus über den Gang. Die Mönche hinter ihm her. Mit der Mordslust ihm am liebsten die Kehle durchzuschneiden.
Gabriel hastete zum Fenster am ende des Ganges. Nur ein Sprung konnte ihn jetzt noch retten. Die Arme im Lauf vors Gesicht verschränkt, rannte er trotz schmerzender Wunde, auf das Fenster zu. Im nächsten Moment schon stürzte er sich todesmutig hinaus.
Die Männer in ihren Gewändern blieben mit offenem Munde stehen, als sie sahen, wie der Mann sich in einem Hechtsprung aus dem Fenster warf, welches in tausend Scherben zersplitterte. Einige sahen noch hinaus und konnten gerade noch sehen, wie der Jäger aus einem Container stolperte und aus der Gasse flüchtete.
Gabriel Van Helsing keuchte vor Schmerzen, vor Wut und Verzweiflung auf. So nah und doch so fern, war nun sein Ziel. Erneut hatte er es nicht geschafft, die Schatulle in seine Hände zu bekommen. Verzweiflung übernahm die Oberhand. Zuerst musste er seine Wunde versorgen. Sie würden sicherlich bald seine Spur erneut aufgenommen haben. Soweit kannte er diese `Brüder´ bereits. Er verfluchte sie.

Diese Sekte bestand seit über einem Jahrhundert und länger. Und inzwischen wusste der Jäger, dass es die Vorfahren der Mönche waren, die einst in die Katakomben eingedrungen waren, um das zu stehlen, wonach er, Gabriel Van Helsing so lange suchte. Was er so lang begehrte. Gabriel grollte. Sie hatten ihn vorgeführt, abermals.
Er lief durch die Straßen Londons. Irgendwo musste er einen sicheren Platz finden, um seine Wunde zu verbinden. Danach würde er es erneut versuchen. Er musste diese Schatulle bekommen, egal was kommen würde. Sein Wille war weiterhin ungebrochen. Er würde sie bekommen, das wusste er. Die Frage war nur wann?

Es war bereits nach Sonnenaufgang, als er in die Nähe eines Hotels kam. Gerade wurden die Eingangspforte geöffnet. Gabriel, der seinen Hut tief ins Gesicht gezogen hatte, lief am Haupteingang vorbei und verschwand in der anliegenden Seitenstraße.  Er wand sich an der Mauer entlang und sah immer wieder hoch. Warum waren die Fenster hier alle verschlossen, fragte er sich mürrisch?
Dann allerdings sah er ein Fenster am Ende der Mauer, im dritten Stock welches offen stand. Die Wunde die das Messer bei ihm hinterlassen hatte, blutete inzwischen stärker. Gabriel brauchte unbedingt etwas zum abbinden. Aber hier war er zu leicht zu finden. Erneut zog er seinen Wurfanker und zielte damit direkt unters Dach. Die Schmerzen waren kaum mehr auszuhalten. Vermutlich Gift, überlegte er und verzog erneut das Gesicht zu einer schmerzvollen Maske.
Schwerfällig zog er sich an dem Mauerwerk hoch, hinauf zu dem geöffneten Fenster.
Nach einer Weile hatte er sich soweit hoch gehangelt, dass er sich am Fensterrand festhalten konnte. Mit einer Hand konnte er das Fenster gänzlich hochdrücken und hievte sich schwerfällig ins Innere. Gerade rechtzeitig, als um die Ecke des Gebäudes zwei der Kuttenträger kamen.

Vorsichtig sah er sich um. Die Vorhänge waren noch zugezogen und die Person, die in dem Zimmer schlief, hatte von dem Gepolter welches Van Helsings veranstaltete, noch nichts mitbekommen.
Es war ein kleines Einzelzimmer, wie er feststellte. Denn die Person in dem Bett lag dort allein. Und ein weiteres Bett gab es nicht. Gabriel hielt sich erneut seine Wunde. Als er den Mantel beiseite schob, hatte das Blut bereits sein Hemd durchtränkt.
„Verdammter Mist!“, fluchte er leise und krümmte sich vor Schmerzen. Er versuchte ins angrenzende Badezimmer zu gelangen. Doch er übersah den Umhängebund einer Tasche, strauchelte und stieß gegen das Tischbein.
„Verdammte…“ Instinktiv hielt er inne. Etwas hatte sich gerade geändert.

„Wer zum Teufel…?“, kam es vom Bett her und er drehte den Kopf, in die Richtung, aus der die Stimme kam und schluckte verlegen.


**~~*+*~~**



Etwas hatte sie geweckt. Helen Lambert wachte auf und grummelt leise in ihr Kissen. Ein Geräusch war im Zimmer zu vernehmen. Sie hob den Kopf leicht an und glaubte sich zunächst noch im Traum. Dort stand ein großer Mann mit Schlapphut und Mantel in ihrem Zimmer und machte sich an dem kleinen Tisch an der Wand zu schaffen.
Mit großen Augen sah sie ihn an. Träumte sie vielleicht immer noch? War das möglich, was sie da gerade sah?

„Wer zum Teufel…?“, brachte sie gerade noch heraus.
„Nicht schreien!“, beschwörte Gabriel die junge Frau, die instinktiv die Decke bis zur Nasenspitze hochzog. „Ich will nur kurz ihr Bad benutzen!“ Dieser eine Satz ließ ihn kurz inne halten. Das hatte er jetzt nicht wirklich gesagt, oder doch? Den Blick nach zu urteilen, hatte er es. Ein kurzes Mundwinkelzucken und Gabriel rappelte sich auf, setzte den Stuhl wieder richtig und kratzte sich verlegen am Kopf.
Helen starrte den Fremden an. Er sah nicht gefährlich aus, nicht gewalttätig. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Die weichen, kastanienbraunen Haare fielen auf seine Schulter. Der Hut, den er gerade abnahm, hatte sein Gesicht halb verdeckt.
„Dort!“, antwortete sie leise und verhalten, während sie mit ausgestrecktem Arm Richtung Bad deutete.
„Heißen Dank!“, murmelte Gabriel und stolperte in den angrenzenden Raum.  

Jetzt allerdings schrieen Helens Alarmglocken. Es war ein Fremder in ihrem Zimmer. Und dieser Fremde benutzte jetzt gerade ihr Bad. Hastig stieg sie aus dem Bett und ging die wenigen Schritte zur Badezimmertür, die nur angelehnt war. Drinnen hörte sie ein Gemurre und Gestöhne.
„Alles… alles in Ordnung?“, fragte sie zögerlich nach und lehnte den Kopf gegen die Tür. Sie war schließlich kein Unmensch. Und die Höflichkeit gebot es ihr, sich wenigstens nach dem Befinden des Fremden zu erkundigen. Vielleicht würde er gerade auch in ihrem Bad sterben, dachte sie verzweifelt mit pochendem Herzen. Und einen Toten im Zimmer liegen zu haben, war das Letzte was Helen Lambert haben wollte.
Sie bekam nur ein Stöhnen zur Antwort und schluckte schwer. Wer zum Teufel war dieser Mann und wie um alles in der Welt kam er hier in ihr Zimmer? Sie hatte ihr Zimmer im dritten Stock. Vorsichtig schob sie die Türe etwas weiter auf. Gleichzeitig fragte sie sich, warum sie es tat. War es die pure Neugierde, die sie dazu trieb, das für sie sichere Bett zu verlassen? Sie biss sich auf die Zunge, als sie vorsichtig durch den Spalt sah.
Van Helsing hatte gerade seinen Mantel und sein Hemd ausgezogen und beides lag nun achtlos auf dem Boden.
„Sie…bluten!“, stellte Helen mit zunehmender Besorgnis fest und starrte auf die Blutflecke die auf der Kleidung des Mannes zu sehen waren.
„Gute Feststellung!“, knurrte Gabriel und suchte im Bad nach Verbandszeug. „Verdammt noch mal, wo ist hier…“
„Was suchen Sie denn?“, fragte Helen und war selbst überrascht von ihrer Art, diesen Fremden überhaupt anzusprechen. Aber hier mussten Prioritäten geschaffen werden. Denn schließlich galt es, den fremden Mann wieder aus dem Zimmer zu bekommen, bevor er vielleicht seine Taktik änderte und ihr noch etwas antat.
„Verbandszeug!“, knurrte Gabriel und hielt sich eine Lage Toilettenpapier auf die offene Fleischwunde.
„Ich glaub… ich hab…“, begann Helen zu stammeln und stellte zu spät fest, was sie da gerade tat. Der Mann drehte sich zu ihr herum. Sekundenlang musterten sie sich.

Da stand er, Gabriel van Helsing, im Bad eines Hotelzimmers und vor ihm eine junge Frau, nur mit einem Slip und einem Shirt bekleidet.
„Wäre überaus großzügig von Ihnen, wenn Sie es holen würden.“, antwortete er und sah sie immer noch an.
„Ja! Natürlich. Sofort. Ist in meiner Tasche!“, stammelte sie und eilte zu ihrer Tasche, die dem Mann zur Stolperfalle geworden war. Darin fand sie das, wonach er gesucht hatte. Ihre kleine Erste-Hilfe-Ausstattung die sie immer bei sich trug, wenn sie unterwegs war. Da sie selbst dazu neigte, sich ab und an mal zu schneiden, benötigte sie generell immer eine Packung Pflaster und eventuell auch noch Verbandsrollen.
Mit dieser Rolle Verband kam sie zurück und reichte dem Mann das Gewünschte.
„Brauchen Sie sonst noch was?“, fragte sie vorsichtig und vermied es, ihn anzustarren. Was nicht gerade leicht war, da er mit freiem Oberkörper vor ihr stand.
„Danke. Nein!“, ächzte der Verletzte, drehte sich herum und desinfizierte seine Wunde weiter.

Was sollte Helen tun? Irgendwas riet ihr, hinaus zu rennen, hinaus auf den Flur um Hilfe holen. Aber stattdessen saß sie stumm und steif wieder auf dem Bett und starrte die Wand zum Badezimmer an. Warum tat sie nichts? Der Mann würde sie vielleicht töten, wenn er erst einmal seine Wunde versorgt hatte. Vielleicht vorher noch vergewaltigen. Helen schluckte erneut. Aber sie saß hier und rührte sich immer noch nicht. Sie war zur Unfähigkeit verdammt, wie es schien.

Nach einer Weile kam der Mann wieder aus dem Bad heraus. Mit verbundenem Oberkörper und offenem Hemd.
„Das ziehen Sie wieder an?“, entfuhr es Helen und sie schlug sich gedanklich die Hand auf den Mund. Der Mann warf ihr einen Blick zu, sah kurz an sich runter und zuckte kurz mit der Schulter.
„Ich laufe nicht gern halbnackt durch die Straßen!“, kommentierte er nur. Helen nickte stumm.
Sie saß immer noch auf dem Bettrand, unfähig sich zu bewegen. Angst machte sich nun breit. Was geschah jetzt. Sie beobachtete, wie der Fremde zum Fenster ging, sich in die Ecke stellte und vorsichtig hinaus schaute.
„Erwarten Sie noch jemanden?“, fragte sie leise und sah sich schon von noch mehr fremden Männern umgeben.
Der Mann vor ihr musste sichtlich schmunzeln.
„Nein! Eigentlich nicht!“, entgegnete er kurz und sah wieder aus dem Fenster. Waren sie ihm gefolgt? Hatten sie seine Spur aufgenommen?, fragte sich der Jäger, während er die Gasse im Auge behielt.

Ihre Gedanken wirbelten umher. Was tat sie hier eigentlich? Warum schrie sie nicht um Hilfe? Es war ein fremder Mann in ihrem Zimmer. Ihr Herz schlug heftig.
„Danke für das hier!“, sprach Gabriel, sah kurz zu der jungen dunkelhaarigen Frau rüber, die auf der Bettkante saß und ihn immer noch zu mustern schien. „Aber ich werde jetzt wieder gehen!“
„Wohin?“, platzte es aus Helen heraus. Im gleichen Moment hätte sie sich am liebsten erneut auf die Zunge gebissen.
Der Mann lächelte. Es schien fast so, als würde er das Ganze amüsant finden.
„Es ist besser, das für mich zu behalten. Trotzdem, danke.“
„Keine Ursache!“, murmelte sie und sah zu, wie er wieder aus dem Fenster sah und dann sich seinen Mantel schnappte, eine Waffe zog…
Ein erstickter Laut entfuhr ihr und sie starrte auf das Teil in seinen Händen.
„Keine Panik. Das ist nur ein Wurfanker!“, antwortete er und zielte auf die gegenüberliegende Dächerseite.
„Ach so!“, murmelte die Frau auf dem Bett und nickte, als wüsste sie, was ein Wurfanker war. Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte sie den Fremden weiterhin. Unattraktiv war er mit Sicherheit nicht. Aber nähere Bekanntschaft wollte sie nun auch nicht mit ihm.
Als der Anker sich im Mauerwerk des gegenüberliegenden Gebäudes festgekrallt hatte, zog Van Helsing kurz am anderen Ende, um sicherzustellen, dass es fest saß. Dann grinste er noch einmal kurz zu Helen rüber und kletterte aus dem Fenster. Im nächsten Moment schwang er sich hinaus und verschwand aus ihrem Sichtfeld. Der Vorhang wehte noch einen Augenblick nach.

Zurück blieb eine ziemlich verwirrte und blass ausschauende Helen Lambert, die mit großen Augen zum Fenster starrte, wo der Mann entschwunden war. Irgendeine innere Stimme riet ihr, sich am besten ins Bett zu legen und die Augen zu schließen. Vermutlich war das gerade nur ein äußerst verwirrender Traum gewesen. Dieser Mann war nicht in ihr Zimmer eingedrungen, hatte sich nicht in ihrem Bad mit ihrem Verbandszeug die Wunde verbunden. Und er war auch nicht wieder aus dem Fenster verschwunden.
Langsam und mit Bedacht, legte sie sich wieder zurück ins Bett. Zog die Decke bis hoch zur Nasenspitze, während ihre Augen noch eine ganze Weile hin und her durch den Raum sahen. Vielleicht kam ja doch noch jemand vorbei, dachte sie. Oder dieser Typ hatte was vergessen?, kam es ihr in den Sinn. Was Unsinn war, denn warum sollte er wiederkommen, wenn Helen sich versuchte einzureden, dass das alles nur ein Traum war? Es war nie geschehen.

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