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von Andunie
erstellt: 08.11.2007
letztes Update: 21.09.2011
Geschichte, Abenteuer / P16
(pausiert)
Das Schmerzen meiner Augen brachte mich unsanft in die Wirklichkeit zurück. Verdammt! Ich hatte die Kontaktlinsen schon wieder vergessen! Blind tappte ich durch die Dunkelheit meines Zimmers in Richtung Badezimmer. Da ich morgens nie das Licht anmachte, schaffte ich es ohne mir irgendetwas zu brechen. Als ich die Tür zu meinem Badezimmer aufstieß, stach mir das Sonnenlicht in die Augen. Ich kniff die Augen zusammen, was den Schmerz, den die Kontaktlinsen hervorriefen leider noch um einiges schlimmer machte. Müde tappte ich zum Spiegel und versuchte mit tränenden Augen den Behälter für die Linsen zu finden. Er war genau da, wo ich ihn nicht erwartet hatte, dort wo er hingehörte. Aus geröteten Augen blickte mich mein Spiegelbild an, während ich die Desinfektionsflüssigkeit in den Behälter füllte. Als die ich Linsen weggepackt hatte und wieder in den Spiegel sah, wurde mir wie so oft bewusst, warum ich diese Dinger trug. Ich brauchte die Kontaktlinsen nicht, weil ich schlechte Augen hatte, nein, meine Augen waren sogar unnatürlich gut, aber die Iris hatte eine Farbe, die die meisten Menschen, die ich kannte in Angst und Schrecken versetzte. Nicht einmal meine Mutter hatte diesem hellen, strahlenden Blau standhalten können. Es war einfach unnatürlich. Strahlend blaue Augen, das klingt nicht sonderlich unheimlich, nicht wahr? Aber dieses Blau war es. Besonders jetzt, wo sie auch noch von den Kontaktlinsen gerötet waren, wirkten meine Augen furchteinflößend. Schnell senkte ich den Blick. Wahrscheinlich hatte ich mal wieder bis Mittags geschlafen, wie jedes Wochenende.
Da es draußen immer noch ungewöhnlich warm war, entschied ich mich dazu meine Hausaufgaben auf morgen zu verschieben und mich an den Pool zu setzten. Schnell zog ich mir Badesachen an und weil für heute kein Besuch auf dem Plan stand, entschied ich mich für einen Bikini, bei dem zwar die Narbe wunderbar zu sehen war, der aber bequemer war, als die ganzen Badeanzüge, die ich besaß. Außerdem beschloss ich die Kontaktlinsen heute nicht mehr zu tragen. Ich schnappte mir das Buch, das ich gerade las vom Schreibtisch und machte mich, ein Handtuch im Arm auf den weg nach unten. Glücklicherweise traf ich weder meinen Vater, noch meine Schwester.
Unser Pool lag ruhig da, glatt wie ein Spiegel glänzte die Oberfläche. Das Geschrei der Möwen und das Rauschen des Meeres lagen in der Luft. Ich schob mir eine Sonnenliege direkt an den Pool, so dass ich im sitzen noch immer mit der Hand das Wasser berühren konnte und machte es mir bequem.
Sofort begann ich zu lesen. Es war ein Deutsches Buch, meine Mutter war in Deutschland aufgewachsen und hatte darauf bestanden, dass ich ihre Muttersprache zu beherrschen lernte. Es dauerte nicht lange, bis ich vollkommen in das Buch versunken war.
„Lucine!“ erschrocken fuhr ich zusammen. Fast wäre mir das Buch ins Wasser gefallen, doch zum Glück waren meine Reflexe vom Fechten so gut trainiert, dass ich es auffangen konnte, bevor es die Oberfläche berührte. Wütend funkelte ich meine Stiefschwester an. „Ich hoffe, du hast einen guten Grund mich so zu erschrecken“ Fauchte ich. „Dad will, dass du dich anziehst, es sind ein paar Leute gekommen, die dich sprechen wollen“ Berenique wirkte belustigt. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Ich wusste, sie würde nichts Genaueres sagen, also schnappte ich mir das kurze, blaue Kleid, dass ich gestern vor dem Tauchen hier liegengelassen hatte und das von der Sonne schon auf eine unangenehme Art aufgewärmt worden war.
Im Laufen zog ich es über den Kopf und rannte in Richtung Empfangsraum. Gerade, als ich die Tür erreichte, wurde mir bewusst, dass ich die Kontaktlinsen nicht trug und ich mich so wohl kaum irgendwelchen Gästen zeigen konnte. Schon wollte ich umdrehen, als ich eine fremde Stimme durch die Tür hindurch wahrnahm: „Und sie haben wirklich nichts dagegen, wenn wir ihre Stieftochter mitnehmen?“ Erschrocken fuhr ich zusammen. Mitnehmen? Wohin??? Genau das gleiche fragte sich wohl auch mein Stiefvater„Wo genau wollen sie sie hinbringen“ „Dorthin, wo man ihre Krankheit vielleicht heilen kann“ antwortete der Fremde meinem Stiefvater„Ich dachte immer Mutationen könne man nicht heilen?“ „Ein weit verbreiteter Irrglauben, glauben sie mir, ihre Stieftochter wird wieder gesund sein, wenn wir sie zurückbringen“ „Dann nehmen sie sie am besten gleich mit, Dr. Jones“ „Einverstanden“ Wie eine Welle überrollte mich die Panik. Ohne nachzudenken stürmte ich los, niemand sollte mich einfangen! Niemand! Ich wollte einfach nur weg hier, weit weg. Beinahe hätte ich Berenique umgerannt, als sie mir entgegenkam, ich konnte gerade noch ausweichen, doch dafür musste eine Vase, die auf einem kleinen Tisch stand und wahrscheinlich alles andere als billig gewesen war daran glauben. „Sag mal, bist du jetzt völlig durchgedreht?“ rief mir meine liebenswürdige Stiefschwester hinterher, als ich die Haustür hinter mir zuschlug. Ich stolperte die Stufen der Veranda herab. Viele verwunderte Blicke folgten mir, als ich den Bürgersteig entlang rannte. „Lucine!“ schrie mir eine Stimme hinterher, die ich als die meiner besten Freundin und Nachbarin Alex erkannte, doch ich reagierte nicht darauf, selbst, als sie hinter mir her rannte und mich fast einholte blieb ich nicht stehen. Irgendetwas in mir wollte laufen, weiter, immer weiter und niemals zurückblicken. Ich glaube ich habe Alex zwei Straßen weiter abgehängt, vielleicht war es später, vielleicht schon früher. Meine Füße schmerzten, als ich rücksichtslos die von der Sonne erhitzten Straßen entlanglief. Schon bald hatte ich das Stadtviertel der Reichen verlassen. Die Häuser an beiden Seiten der Straße, die sich bis auf den Ziegel glichen, flogen an mir vorbei. Sie wollten mich mitnehmen! Schoss es mir immer wieder durch den Kopf. Mutant! Mutant!! Mutant!!!
Zu spät bemerkte ich das kleine Kind, das am Boden kniete und mit einem Plastik-Traktor spielte. Mit voller Wucht rannte ich gegen es, flog in hohem Boden durch die Luft und konnte mich gerade noch halbwegs abrollen, bevor ich gegen einen Baum prallte (natürlich gegen den einzigen im Abstand von zwanzig Metern) und benommen liegenblieb. Das schreien des Kindes klang weit entfernt. Eine Frau mittleren Alters nahm es hoch und kam dann auf mich zu. Auch ihr Gezeter klang wie aus einer anderen Welt, als ich verwirrt zu ihr hochblickte, kreischte sie auf, schrie wieder irgendetwas und hastete dann mit ihrem Kind davon. Ein Wort in diesem Geschrei hatte ich erkannt „Mutantin“
Ich rappelte mich wieder auf und begann wieder zu rennen. Es war, als wäre mein einziger Lebenszweck zu Laufen, weiter, immer weiter. Mutantin, Mutantin, Mutantin, das Wort hallte im Takt meiner Schritte durch meinen Kopf. Die Wolkenkratzer der Stadt ragten bald vor mir auf, während immer noch Häuser an mir vorbeirasten. Lief ich, oder bewegte sich nur meine Umgebung? Ein paar Jugendliche zeigten lachend auf mich, doch es verstummte, als ich sie ansah. Alle hatten sie Angst vor mir, ich war ein Monster, kein Mensch! Graffiti besprühte Häuser flogen an mir vorbei. „Mutanten zur Hölle“ hieß es auf einem. Ich glaube dort war auch eines auf dem man mit viel Fantasie die beiden bekanntesten Mutanten Amerikas erkennen konnte: Hank McCoy und Ororo Monroe, die beide an einem Galgen baumelten. „Nieder mit den Monstern“ stand darunter.
Tausend Gedanken schossen durch meinen Kopf. Irgendwie hatte ich schon immer gewusst, dass ich eine Mutantin war, aber ich hatte gehofft, dass es sich nur auf meine Augenfarbe auswirken würde. Etwas, was man verstecken konnte, etwas was nicht „geheilt“ werden musste. Aber scheinbar war es anders. Warum lief ich weg, wenn die mir nur helfen wollten?
Ich kam erst wieder wirklich zu mir, als es begann dunkel zu werden. In meiner Verzweiflung hatte ich mich vollkommen verlaufen. Verwirrt blickte ich mich um, die Straßen waren schon ziemlich leer, wahrscheinlich aßen die meisten Leute gerade mit ihren Familien zu Abend. Etwas, was ich wahrscheinlich nie wieder tun würde. Irgendjemand sagte einmal, man merkt erst, was einem wichtig ist, wenn man es verliert. Früher habe ich ihn nicht verstanden, jetzt verstehe ich ihn.
Traurig blickte ich aufs Wasser des Flusses hinaus, der nicht weit von hier ins Meer mündete. Den Wolkenkratzern nach musste ich mich irgendwo in Tampa befinden. Eine hoffnungslos große Stadt, und ziemlich weit von meinem ehemaligen zuhause entfernt. Ich hatte gewusst, dass mir das Fechttraining eine gute Ausdauer gegeben hatte, aber so gut? Erst jetzt bemerkte ich, wie sehr mein Herz raste und wie schnell mein Atem ging. Mein Knie schmerzte. Als ich an mir herabsah, bemerkte ich, dass ich es mir bei dem Sturz aufgeschlagen hatte. Dunkles Blut lief an meinem Bein herab. Aber was kümmerte es mich? Ja, es tat weh, doch der Schmerz drang nicht wirklich zu mir hervor, genau so wenig, wie die Tatsachen, dass ich alleine, nur mit einem kurzen Kleid und einen Bikini bekleidet, mit aufgeschürftem Knie und wunden Füßen mitten in einer Großstadt stand und nicht wusste, wohin ich gehen sollte.
„Was haben wir denn hier? Ein kleines Mädchen, ganz alleine, mitten in einer großen Stadt?“, Machte mich eine Stimme auf eben diesen Zustand aufmerksam. „Was meinst du, John, sollen wir dafür sorgen, dass sie heute Nacht nicht ganz so alleine ist?“ fragte eine andere Stimme. „Ich weis nicht, Willy“ Erschrocken drehte ich mich um. Drei schmierig aussehende Muskelprotze standen nun direkt vor mir und starrten mich gierig an. „Och komm, du siehst durch, wie hübsch sie ist, mit der kann man sicher seinen Spaß haben“ meinte der größte und breiteste der drei. Erschrocken wich ich einen Schritt zurück und stieß mit dem Rücken gegen die Brüstung der Brücke, auf der wir uns befanden. Ein schneller Blick nach unten bewies, dass der Fluss viel zu flach war, um aus dieser Höhe hineinzuspringen. Auch war niemand in der nähe, außer den drei Kleiderschränken. „Komm, zier dich nicht so!“ meinte der eine, den sie Willy genannt hatten. Schon streckte er seine widerliche Pranke nach mir aus. Und ich konnte nicht fliehen. Gegen drei Männer, die aussahen, als würden sie jeden zweiten Tag im Fitnessstudio verbringen hatte ich bei Leibe keine Chance. Die Angst machte mich beinahe bewegungsunfähig, als „Willy“ noch näher an mich herantrat, so dass mir sein Gestank nach Zigaretten in die Nase stieg. „Komm schon, du kannst uns doch jetzt nicht den Spaß verderben, kleines“ Er fasste mein Kinn und schob es hoch, damit ich ihm ins Gesicht blickte. In das unrasierte, grobschlächtige Gesicht eines Mannes, der das, was er jetzt vorhatte schon einige Male getan hatte.
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