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von ZMistress    erstellt: 15.10.2007    letztes Update: 30.10.2011    Geschichte, Drama / P12    (pausiert)
2. Kapitel: Ein Vagabund kommt in die StadtText

Kaoru seufzte tief. Eine Woche war seit dem Zwischenfall mit dem falschen Battousai vergangen und noch immer hatte sich keiner ihrer Schüler wieder blicken lassen. Sie hatte alles, was in ihrer Macht stand, getan um den Mörder zu vertreiben, hatte sogar ihr Leben riskiert und doch schien es, als wäre der Plan der beiden Hiruma-Brüder zu effektiv gewesen, als wäre es nicht möglich, das wiederherzustellen, was sie verloren hatte. Dabei waren die beiden Verschwörer doch von der Polizei sichergestellt worden und konnten kein Unheil mehr anrichten.
Nun, wenigstens eine Veränderung hatte sich in ihrem Leben seit der Verhaftung der Hirumas schon ereignet. Sie war nicht länger allein. Aber hätte ihr jemand vor nur zwei Wochen gesagt, sie würde einmal den legendären Hitokiri Battousai in ihrem Dojo wohnen lassen, sie hätte ihn wohl für verrückt erklärt. Noch immer verursachte ihr der Gedanke solches Unbehagen, dass sie es vorzog nicht allzu viel darüber nachzudenken. Der Rurouni Kenshin machte es ihr leicht. Nichts in seiner höflichen, wenn auch distanzierten Art und in seinem überaus vorsichtigen und artigen Umgang mit ihr ließen sie auch nur ansatzweise an den gefürchteten Attentäter denken.
Schon seine äußere Erscheinung deckte sich so wenig mit den Beschreibungen des Battousai, dass es Kaoru schwer fiel von beiden als von ein und derselben Person zu denken. Nach allem was sie gehört hatte, war der Battousai zwei Meter groß, hatte feuersprühende Augen und konnte mit einer bloßen Handbewegung eine Mauer einreißen. Sein Bart war lang und so hart, dass er ihn an Stelle eines Schwerts als Waffe gebrauchen konnte und seine Hände endeten in Klauen, die einen erwachsenen Mann in der Luft zerreißen konnten.
Nicht dass Kaoru diese Gerüchte für bare Münze genommen hatte, doch der schmächtige, junge Mann, der sich seit einer Woche um ihre Wäsche kümmerte, die Trainingshalle mit ihr schrubbte und wenn auch wiederwillig Einkäufe für sie erledigte, stimmte so wenig damit überein, dass sie ihm seine Behauptung niemals abgenommen hätte, wäre sie nicht Augenzeuge gewesen, mit welcher Leichtigkeit er Gohees Männer außer Gefecht setzte.
Und doch war sie unschlüssig. Warum war der berühmte Attentäter ein Vagabund geworden? Die meisten anderen der Ishin Shishi, gerade diejenigen, die sich während der Bakumatsu verdient gemacht hatten, waren mit wichtigen Posten in der neuen Regierung belohnt worden und hatten dem Schwert entsagt. Wenn Kenshin der war, für den er sich ausgegeben hatte, warum hatte er nicht ebenso gehandelt? Warum wanderte er allein durch Japan und weigerte sich sein seltsames Sakabatou aufzugeben, obwohl er nach dem Verbot der Schwerter damit bestimmt Schwierigkeiten anziehen musste?
Sie hatte ihn darauf ansprechen wollen, es dann aber doch nicht gewagt. ,Ich vermute jeder hat ein Geheimnis, über das er nicht gern spricht.’ Sie selbst hatte das zu ihm gesagt und sie erinnerte sich noch gut an seine zurückweichende Reaktion.
Kaoru seufzte wieder und blickte auf Kenshins Rücken vor ihr. Sie hatte ihn dazu überredet sie auf dem Weg zum Markt zu begleiten, damit er ihr später beim Tragen helfen konnte, wozu er sich auch etwas unglücklich bereit erklärt hatte, doch sein Sakabatou hatte er partout nicht zurücklassen wollen. Nun konnte sie nur hoffen, dass sie keiner Patrouille über den Weg laufen würden.
Während sie ihm noch nachsah, wurde Kaoru von einer vorbeirumpelnden Kutsche aus den Gedanken gerissen. Der einzige Fahrgast, ein gut gekleideter Mann mittleren Alters, bedeutete dem Kutscher zu halten und beugte sich zu ihr hinaus. „Ich bitte um Verzeihung! Ich scheine mich verirrt zu haben. Wo finde ich das Polizeipräsidium?“
Kaoru deutete die Straße hinunter. „Äh... Sie müssen in die nächste große Straße einbiegen.“
Der Mann folgte ihrem Finger mit einem Blick. „Danke,“ nickte er. Dann beugte er sich auch schon vor und rief dem Kutscher zu, weiter zu fahren.
Kaoru sah der Kutsche verwundert nach. „Seltsam... Schien eine wichtige Persönlichkeit zu sein.“ Sie gab sich einen Ruck und lief Kenshin nach, der schon lange zwischen den Geschäften verschwunden war, und nichts von alledem mitbekommen hatte.
Der Mann in der Kutsche zündete sich unterdessen nachdenklich eine Zigarre an. „Bist du wirklich in dieser Stadt..." flüsterte er, "Battousai Himura?“

****


Gut eine halbe Stunde später hatte Kaoru ihren Begleiter schon wieder aus den Augen verloren. Nun gut, er wusste, was sie kaufen wollte und war vielleicht damit beschäftigt nach Verkäufern Ausschau zu halten. Kaoru wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Gemüse zu, das sie gerade inspizierte, als plötzlicher Lärm von der anderen Seite des Marktes sie aufhorchen ließ.
„Was ist denn da los?“ fragte sie sich halblaut.
„Die Polizei hat jemanden erwischt, der gegen das Schwertverbot verstoßen hat!“ erklärte ihr ein Passant bevor er weitereilte, begierig sich das Spektakel nicht entgehen zu lassen.
Kaoru starrte ihm entsetzt nach, dann setzte sie sich hastig in Bewegung und eilte dem Mann nach.

****


Das Zentrum des Tumults, ein schmächtiger, rothaariger Mann, stand mit dem Rücken zur Wand und betrachtete seufzend die Barriere aus keuchenden Polizisten, die sich in einem Halbkreis um ihn aufgebaut hatten.
„Hier endet deine Flucht! Diesmal entkommst du uns nicht!“ drohte einer der Polizisten und hob abwehrend seinen Holzstab.
Kenshin fuhr sich mit einer verlegenen Geste durch das rote Haar und seufzte wieder. „Ihr seid wirklich hartnäckig. Na schön, Ihr habt gewonnen. Ich lasse mich verhaften...“
„He! Aus dem Weg!“ wurde er von einer barschen Stimme unterbrochen.
Ein Raunen ging durch die Menge kurz bevor sie von den Neuankömmlingen grob zur Seite geschoben wurde. „Die bewaffnete Polizei kommt.“
Der Ruf ließ die Schaulustigen respektvoll zurückweichen. Immerhin bildete sich die sogenannte „bewaffnete Polizei“ aus den besten Schwertkämpfern innerhalb der Polizei und so war auch nur ihnen das Tragen von Schwertern erlaubt, wenngleich sie nicht die japanischen Katanas trugen, sondern schmale, europäische Waffen. Allerdings stand diese Elitetruppe nicht gerade in dem Ruf zimperlich mit vermeintlichen Verbrechern umzugehen, weshalb niemand darauf erpicht war, ihnen in die Quere zu kommen.
Der Anführer der nur mit Stäben ausgerüsteten Polizisten, die den Vagabunden gestellt hatten, ein junger Mann, salutierte erschrocken als der Trupp vor ihm Halt machte. „L-lieutnant Ujiki…“ begann er zögernd.
„Danke! Wir übernehmen den Fall“, fiel ihm Ujiki ungehalten ins Wort. „Sie können abrücken!“
„A-aber wir haben ihn bereits umzingelt, und er hat sich uns ergeben… Ihr Eingreifen ist nicht erforderlich…“
Dieses Mal unterbrach Ujiki ihn nicht mehr mit Worten, sondern schlug mit dem Heft seines Schwerts ohne Vorwarnung zu. Er traf den Polizisten hart zwischen die Augen und der junge Mann ging wortlos zu Boden.
„Ich lasse mir von keinem kleinen Beamten Befehle erteilen.“ erklärte er eisig. „Wenn ich sage ,abrücken’, dann rücken Sie ab!“
Ohne sich weiter um seinen bewusstlosen Kollegen zu kümmern trat Ujiki nach vorn und musterte den Vagabunden. „Ein ziemlich schmächtiger Bursche!“ kommentierte er spöttisch. Plötzlich riss er das Schwert aus der Scheide und ließ es auf Kenshin niederfahren. Ein erschrockenes Gemurmel ging durch die Menge, doch der Rurouni zuckte nicht einmal zusammen, als die Klinge nur Zentimeter von seinem Gesicht entfernt zum Stehen kam.
„Zieh dein Schwert, Bürschchen!“ verlangte Ujiki gereizt. „Du hältst dich wohl für einen großen Schwertkämpfer, sonst würdest du in der Stadt kein Schwert tragen!“
Statt gleicherweise auf die Herausforderung zu antworten, griff Kenshin nur hinauf und schob die Klinge mit der Hand zur Seite. „Ich ziehe mein Schwert nie übereilt. Außerdem trage ich es nicht, um mit meiner Kraft zu prahlen.“
Ujiki trat zurück, ein verächtliches Lächeln auf den Lippen und das Schwert an die Schulter gelehnt.
In diesem Moment drang eine dünne Stimme zu den beiden Kontrahenten hinüber: „Kenshin!!“
Der Vagabund blickte erschrocken auf und sah Kaoru auf zu ihnen herübereilen.
Ujiki hob die Augenbrauen. „Das ist wohl deine kleine Freundin“, bemerkte er prüfend.
Kenshin schluckte. „Bleibt zurück, Kaoru-dono!“
Kaoru hatte inzwischen die Polizisten erreicht und blieb erschrocken stehen. Links und rechts von ihr kam plötzlich Bewegung in zwei der Männer aus Ujikis Truppe. In einer fließenden Bewegung zogen beide ihre Schwerter und ließen sie auf Kaorus Hals herabfahren. Mit einem kaum hörbaren Geräusch gab das blaue Haarband, das Kaorus schwarze Mähne zurückhielt, nach und im selben Augenblick, in dem die Schwerter nahe Kaorus Schulter zur Ruhe kamen, legten sich auch ihre langen Haare von dem Band befreit um sie.
Ujiki betrachtete das Mädchen, das ihn aus angsterfüllten Augen anstarrte, kühl. „Als nächstes zerschneiden wir deinen Kimono“, drohte er und warf Kenshin einen Blick zu, die Lippen zu einem schiefen Grinsen verzogen. „Ich wiederhole: Zieh dein Schwert!“
Der Rurouni sah ihn traurig an. „Und so etwas nennt sich Polizist?“ murmelte er.
Sein Gegenüber lehnte sich mit einem breiten Lächeln zurück. „Ich gehöre zur bewaffneten Polizei!“ erwiderte er als erkläre das alles. „Das heißt, ich darf ein Schwert tragen und habe das Recht Leute zu töten! Ziehst du nun endlich dein Schwert?“
Kaoru starrte ihn wütend an und auch in der umstehenden Menschenmenge schwang die Stimmung um. Stimmen der Empörung machten sich breit und wenngleich sie nicht ausreichten das Grinsen von Ujikis Gesicht zu vertreiben, so ließ ihn doch der eine oder andere Ausruf aufmerken.
„Ihr habt die Stirn mich zu beschimpfen!“ zischte er ungehalten und lächelte gleich darauf wieder. „Das ist Widerstand gegen die Staatsgewalt!“ Er warf seinen Leuten einen kurzen Blick zu. „Alle verhaften! Zieht eure Waffen! Wer Widerstand leistet wird niedergemacht!“
Als die anderen Polizisten mit gezogenen Schwertern begannen auf die Menschen einzudringen, drohte sich alles in Panik aufzulösen. Erschrocken schoben und drängten diejenigen, die den Polizisten am nächsten waren, zurück, doch konnten die hinten stehenden gar nicht schnell genug fliehen um ihnen Raum zu schaffen.
Ein Schwert wurde mit leisem Klirren gezogen, das in dem Chaos beinahe unterging. Doch als gleich darauf der junge Mann mit dem roten Haar zu sprechen begann, erstarrten trotz seiner leisen Stimme sowohl Polizisten als auch Schaulustige.
„Ich warne Euch, erhebt nicht das Schwert gegen Kaoru-dono oder diese Leute! Wenn Ihr kämpfen wollt, kämpft mit mir! Ich werde Euch in den Staub schicken!“
Ujiki legte den Kopf schief und betrachtete den Vagabunden. Sein ganzes Auftreten war von einem Moment auf den nächsten komplett verändert. Ujiki lächelte böse. „Endlich nimmst du die Herausforderung an! Ein Schwert mit verkehrter Klinge ist auch eine Waffe, und das gibt mir das Recht, mich zu verteidigen.“ Er hob sein Schwert zum Mund und fuhr mit der Zunge spöttisch über die Klinge. „Ein Schwertkämpfer muss gelegentlich jemanden töten, um seine Sinne und seine Klinge zu schärfen.“

****


„Also war es ein Betrüger...“ Es war hoher Besuch im Zimmer des Polizeidirektors. Aritomo Yamagata, der Mann, den Kaoru in der Kutsche gesehen hatte, zog an seiner Zigarre, während er darauf wartete, dass sein Gastgeber weitersprach.
„Ja.“
Yamagata nickte nachdenklich. „Ich bin nach der Beilegung des Seinan-Krieges sofort hierher geeilt. Wenn man es sich recht überlegt, wäre Himura zu solchen Morden auch nicht imstande. Er hat zwar sehr viele Menschen auf dem Gewissen, doch er hat nie aus Eigennutz getötet, sondern immer nur für die neue Ära. Er ist ein Held, der viele Ishin Shishi gerettet hat... Ohne ihn wäre die Restauration unmöglich gewesen.“ Er lehnte sich nach vorn und drückte die Zigarre in dem Aschenbecher vor ihm auf dem Tisch aus. „Ich kam her, um ihm einen Posten in der Kaiserlichen Armee anzubieten...“
„Die wahren Schuldigen wurden im Morgengrauen vor dem Präsidium abgeladen,“ unterbrach ihn der Polizeidirektor. „Sie behaupten, der echte Battousai habe sie übel zugerichtet...“
„Was...?“ fuhr sein Besucher auf. Er hatte sich schon wieder mit dem Gedanken statt Battousais nur einen Betrüger gefunden zu haben, soweit abgefunden, dass es ihn völlig überrumpelte nun doch vom vielleicht echten Battousai zu hören. „Vermutlich nichts weiter als dummes Geschwätz...“
In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen und ein Polizist stolperte herein und rang nach Atem. „Es... es ist schrecklich, Herr Direktor!“
„Idiot! Ich habe einen Gast! Kannst du nicht anklopfen?!“
Der Polizist salutierte unbeholfen. „Ich bitte um Verzeihung... Aber die bewaffnete Polizei...“
Der Polizeidirektor unterdrückte einen Seufzer. „Macht Ujiki schon wieder Ärger?“
Yamagata warf ihm einen fragenden Blick zu. „Was für eine bewaffnete Polizei?“
„Eine auf Befehl des Hauptquartiers gegründete Einheit, der das Tragen von Schwertern erlaubt ist. Ein wilder Haufen, über den ich keine Kontrolle habe... Der Anführer ist einer der Ishin Shishi aus Satsuma.“
Yamagata unterdrückte ein Seufzen. Nachdem sie sich in der Bakumatsu verdient gemacht hatten, waren es hauptsächlich die Clans aus seiner Heimat Choshu oder aus Satsuma gewesen, die das politische Geschehen bestimmten. Aber anscheinend war einigen der Ruhm etwas zu Kopf gestiegen.
Er griff nach seinem Mantel und murmelte: „Verstehe... Die Leute aus Satsuma sind für ihre Arroganz bekannt.“
Der Polizeidirektor baute sich vor dem Polizisten auf. „Wen haben sie diesmal in der Mangel?“
„Also...“ stammelte dieser. „Na ja... Diesmal werden sie in die Mangel genommen! Und das von einem einzigen Kämpfer!“
„Idiot, das ist unmöglich! Die Einheit besteht aus den besten Schwertkämpfern der Polizei!“
„Aber es stimmt!“ verteidigte sich der Untergebene des Polizeidirektors.
„Kaum zu glauben! Wer mag dieser Mann sein?“
„Keine Ahnung.“
Yamagata hatte sich inzwischen angezogen und beschlossen die internen Schwierigkeiten innerhalb der Reihen der Polizei sich selbst zu überlassen.
„Er ist klein und schmächtig. Ein zierlicher Bursche mit roten Haaren...“ hörte er den Polizisten berichten und war mit einem Mal wieder ganz Ohr.
„Er führt sein Schwert mit unglaublicher Geschwindigkeit und auf der linken Wange hat er eine kreuzförmige Narbe!“
Yamagatas Augen weiteten sich. Battousai Himura.

****


Es war keine zehn Minuten später als Yamagatas Kutscher am Marktplatz die Pferde zum Stehen brachte und sein Herr aus der Kutsche sprang. Yamagata schritt eilig auf den Tumult vor ihm zu und fand sich mitten in einem Freudenfest wieder. Ein Auflauf von Menschen unterschiedlichsten Alters feierte einen kleinen, rothaarigen Burschen, der in dem Gedränge beinahe unterging und eher nach einem Fluchtweg zu suchen schien als die Aufmerksamkeit der Leute zu genießen.
Yamagata trat an mehreren Männern in der Uniformen der bewaffneten Polizei vorbei, die reglos am Boden lagen, doch zu seiner Überraschung konnte er nirgends Blut oder schwerwiegende Verletzungen entdecken. Dann holte er tief Luft und rief über den Aufruhr hinweg: Himura!“
Als sich ihm die Blicke zuwandten legte sich das Stimmengewirr und die Menschen wichen respektvoll auseinander. Die Augen des abgerissenen Gesellen mit der Narbe auf der Wange weiteten sich verblüfft, doch dann lächelte er.
„Endlich sehen wir uns wieder!“ fuhr Yamagata fort. „Zehn Jahre habe ich gesucht…“
„Tragt Ihr jetzt einen Bart, Yamagata-san?“
Yamagata nickte dem Polizeidirektor, der ihm verwundert gefolgt war, zu. „Sorgen Sie dafür, dass wir ungestört sind! Bitte!“
Kaoru Kamiya, die die ganze Zeit nicht von Kenshins Seite gewichen war, schluckte. Yamagata? Doch nicht etwa…
Während der Fremde auf die Beiden zutrat und ein weiterer Trupp Polizisten begann auszuschwärmen um die Menge auseinander zu treiben und ihre bewusstlosen Kameraden einzusammeln, raste Kaoru alles durch den Kopf, was sie über Aritomo Yamagata wusste: ,Er war Kommandant der „Kiheitai“, der mächtigsten Truppe der Ishin Shishi. Heute ist er Oberbevollmächtigter des Heeres der Meiji-Regierung.’ Und dieser wichtige Politiker wollte zu Kenshin?
Yamagata hielt Kenshin seine behandschuhte Linke hin. „Dort wartet eine Kutsche. Viele Kampfgefährten warten auf deine Rückkehr. Komm!“
Der Vagabund lächelte verlegen. „Es tut mir leid, aber…“ begann er stockend. „Ich hatte nicht die Absicht als Hitokiri zu Ruhm und Macht zu gelangen.“
„Was sagst du? Deine Taten dienten in erster Linie der Meiji-Erneuerung. Vergiss die Vergangenheit! Gewiss, einige Leute halten dich für einen Mörder, aber dieses Pack werde ich…“
„Mit Polizeigewalt unterdrücken?“ fiel ihm Kenshin ins Wort. Yamagata starrte ihn überrascht an, doch der Rurouni schüttelte nur sanft den Kopf. „Genau dieser Hochmut bringt solche Kerle hervor!“ Er warf einen Blick auf Ujiki, den gerade einige seiner Kameraden auf die Beine zogen, und wandte sich ab. „Wir haben nicht um Macht und Ansehen gekämpft, sondern um die Menschen zu schützen und einen Ära einzuleiten. Damit die Menschen in Frieden leben können. Wer das vergisst, ist ein Opportunist, Yamagata-san.“
Damit ging er davon und die völlig verblüffte Kaoru musste sich beeilen, zu ihm aufzuschließen.
„Warte, Himura!“
Der Vagabund blieb stehen und betrachtete Yamagata mit einem seltsamen Blick. Dieser folgte ihm aufgebracht. „Die Zeiten haben sich geändert. Die Meiji-Ära hat die Samurai abgeschafft und das Tragen von Schwertern verboten. Die Bakumatsu-Ära ist ebenso vorbei wie die Herrschaft des Schwerts. Ein einziges Schwert kann ohne Amtsgewalt in der Meiji-Zeit nichts ausrichten!“
Kenshin lächelte und legte wie selbstverständlich eine Hand auf Kaorus Schulter. „Aber ich kann mit meinem Schwert die Menschen beschützen, die mir nahe stehen. Die Zeiten mögen sich ändern, aber ich mich nicht. Nur aus dem Hitokiri wurde ein Rurouni.“ Damit gingen er und Kaoru davon und ließen den erschütterten Yamagata zurück.
Der Staatsmann blickte noch immer auf die Stelle, an der sich eben noch sein alter Kampfgefährte befunden hatte. Er bemerkte eine Bewegung aus den Augenwinkeln und riss sich aus den schwermütigen Gedanken. „Herr Polizeidirektor, ich denke, es liegt auf der Hand, wer für den Zwischenfall verantwortlich war.“
Der andere nickte. „Am Besten, wir vergessen die Sache. Sein Schwert stellt keine weitere Gefahr dar. Und was diesen falschen Battousai angeht, so schien er mir weitaus gefährlicher zu sein! Der echte Battousai ist ganz anders.“

****


Kaoru kannte den Weg zurück zum Dojo in und auswendig. Normalerweise ließ sie ihren Blick die ganze Zeit durch die Gegend wandern, erfreute sich an all den vertrauten und liebgewonnenen Ecken, doch heute war sie zu tief in Gedanken dazu. Hinter sich konnte sie Kenshins schlurfenden, leisen Schritt hören, der sie an die Anwesenheit ihres ungewöhnlichen Gefährten erinnerte…
Er wollte keine Belohnung für Mord. So dachte er also über seine legendären Heldentaten. Vielleicht hatten ihn auch die Ishin Shishi, die jetzt an der Macht waren, so enttäuscht, dass er ein Leben als Vagabund vorzog, frei von allen politischen Machenschaften. Aber er wollte nach wie vor beschützen.
Ob er jemals sein Schwert aufgeben würde?
Er führte seine Waffe um Leben zu schützen, ganz wie es der Kamiya-Kasshin-Ryu entsprach, doch hatte er genau das als bloße Träumerei bezeichnet.
Kaoru zuckte innerlich die Schultern. Vielleicht würde sich Kenshin eines Tages neu entscheiden. Wer wusste schon was die Zukunft bringt?
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