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von ZMistress
erstellt: 15.10.2007
letztes Update: 30.10.2011
Geschichte, Drama / P12
(pausiert)
Und hier beginnt unsere Geschichte, im elften Regierungsjahr des Meiji, in der Unterstadt von Tokyo...
1. Kapitel: „Kenshin – Battousai Himura“
Nacht lag über Tokyo.
Stille hatte sich über die sonst so von geschäftigen Leuten wimmelnden Straßen gelegt. Und doch war es nicht die Stille des Friedens, sondern eine angespannte Furcht, die sich wie ein schweres Tuch auf diesen Bezirk der Stadt gelegt hatte.
Ueno, dieser Teil Tokyos, in dem der Charme des alten Japans zu überleben suchte, war schon oft Zeuge von Gewalt gewesen. Vor zehn Jahren hatten auch hier die Straßenkämpfe der Bakumatsu, der Ära, die in den Geschichtsbüchern das Ende des Tokugawa-Shogunats genannt werden sollte, gewütet und ihren Blutzoll auf beiden Seiten gefordert. Sowohl Kämpfer der shogunatstreuen Shinsengumi, als auch die Ishin Shishi, die auf eine Lösung der Probleme durch die Wiedereinsetzung des Kaisers in seine ehemalige Machtposition hofften, hatten hier ihr Leben gelassen.
Doch dann wurde Mutsuhito, genannt Meiji, Kaiser Japans und den Ishin Shishi gelang es, ihre Gegner in verschiedenen Schlachten zu bezwingen. Es war der Beginn einer neuen Ära, voller Hoffnung auf ein besseres Leben, auf Frieden. Doch die neue Regierung, so edel ihre Absichten auch sein mochten, vermochte doch das Land, das sie in ihren Schlachten niedergerissen hatte, nicht ebenso leicht neu zu errichten. Zu tief war die Vergangenheit in das Bewusstsein vieler eingegraben.
Und nun war wieder Blut vergossen worden im Namen einer alten Legende. Der Battousai war wieder unterwegs, hieß es flüsternd in den Straßen. Er schlug scheinbar wahllos zu, erschlug einige, verletzte viele. Wenige hatten ihn selbst gesehen und die Berichte widersprachen sich. Doch wie eine Krankheit breitete sich das Wissen aus, woher der Mörder stammte: Ein Schüler der Kamiya-Kasshin Schule.
****
Kaoru Kamiya war nicht oft zu so später Stunde unterwegs, doch fürchtete sich das Mädchen auch nicht etwa. Trotz ihrer jugendlichen siebzehn Jahre, hatte sie gelernt für sich selbst zu sorgen und zu kämpfen. Sie umfasste ihr Holzschwert, das Bokotou, fester und lief weiter. Heute nacht wollte sie den Mörder finden.
Als sie um eine Ecke bog, gesellte sich zu ihrem schnellen leichten Schritt, ein Schlurfen hölzerner Sandalen, der japanischen Geta, und Kaoru lief schneller um zu dem Mann aufzuholen. Einen Moment später sah sie die Gestalt deutlich vor sich. Eine kleine schmächtige Person mit langem, ungepflegtem rötlichem Haar, gekleidet in die traditionellen, weiten Hakama, und einem dunkelroten Gi. Doch was viel herausstechender an dem Mann vor ihr war, war das Schwert an seiner Seite. Ein Schwert, das er entgegen des Verbots trug.
„Hitokiri Battousai!“
Der Mann drehte sich zu ihr um und in seinen ungewöhnlich hellen Augen blitzte Verblüffung auf. Seine Züge waren eher zart und erschienen fast mädchenhaft, wäre nicht die kreuzförmige Narbe auf seiner linken Wange gewesen.
„Endlich habe ich dich gefunden!“ Kaoru trat etwas näher an ihn heran und hob drohend das Bokotou. „Heute mache ich deinen Morden ein Ende.“
Noch immer machte der junge Mann keine Anstalten auch nur vor ihr zurückzuweichen, sondern starrte sie nur verwirrt an. Er öffnete den Mund, als wolle er etwas erwidern, doch statt dessen entfuhr ihm nur ein unwillkürlich komisch klingender Laut. „Oro?“
Kaorus Augen blitzten zornig auf. Es schien ihr als nehme der Fremde sie nicht im geringsten ernst und dies gefiel dem temperamentvollen Mädchen überhaupt nicht. „Spiel nicht den Unschuldigen!“ fuhr sie ihn an. „Niemand läuft trotz des Verbots nachts mit einem Schwert durch die Stadt!!“ Ohne noch länger abzuwarten, hob sie das Bokotou und griff an.
Der Fremde wich ihrem Schlag ohne große Probleme aus und sprang geschmeidig zur Seite, doch einen Moment später erwies es sich, dass er sich dabei verschätzt hatte. Sein elegantes Ausweichmanöver fand ein jähes Ende, als er ungeschickt gegen einen der hohen Zäune prallte und zu Boden ging.
Kaoru betrachtete ihn überrascht. Eine so tollpatschige Darbietung hatte sie von dem legendären Battousai nicht erwartet. Vorsichtig kam das Mädchen einen Schritt näher. „Und du willst der Hitokiri Battousai sein?“
Der junge Mann setzte sich auf und lächelte. Trotzdem spiegelte sein Gesicht keine Belustigung wider. Eher wirkte das Lächeln verlegen und seltsam traurig. „Rurouni“, entgegnete der Fremde.
Kaoru blicke ihn fragend an. Das Lächeln wuchs etwas in die Breite. „Ich bin nur ein Rurouni, ein Vagabund“, erklärte er. „Ein Schwertkämpfer auf einer Reise ohne Ziel. Ich bin gerade erst in der Stadt angekommen... Also wieso Meuchelmörder?“
„Und wie erklärst du dann das Schwert da?“ gab Kaoru misstrauisch zurück. „Auch Schwertkämpfer dürfen nicht einfach mit einer Waffe herumlaufen.“
Sie beugte sich vor und bevor der Fremde protestieren konnte, hatte sie sein Schwert aus der Scheide gezogen. Was erst wie ein normales Katana, ein langes, leicht geschwungenes Schwert, gewirkt hatte, erwies sich auf den zweiten Blick als unbrauchbare Waffe: Schneide und Schwertrücken waren vertauscht.
„Was ist das?“ murmelte Kaoru verblüfft. „Ein Katana mit verkehrter Klinge?“
„Mit diesem Schwert kann man keine Menschen töten,“ erklärte der Rurouni.
Kaoru nickte und ließ die Finger über die ungewöhnliche Waffe gleiten. „Die Klinge zeigt keine Scharte, keine Spuren von Blut oder Fett. Sieht aus als ob sie noch nie benutzt wurde.“
Das Mädchen starrte den schmächtigen Mann mit einer Mischung aus Erleichterung und Bedauern an. Fast schämte sie sich dafür, aber eine seltsame Enttäuschung breitete sich in ihr aus, noch immer nicht mit ihrer Suche am Ziel zu sein. Der Mann, so fremd er ihr erschien, war dennoch nicht der Mörder den sie zu stellen gehofft hatte.. Trotzdem war sie zutiefst verwirrt von seinem Auftreten.
„Du bist wirklich nur ein... ein Rurouni,“ bekannte Kaoru zögernd, während der Vagabund sich erhob und den Staub von seinen ohnehin zerschlissenen Hakama klopfte. „Aber“, fuhr sie fort, „warum trägst du so ein nutzloses Schwert?“
Bevor der Rurouni ihr Antwort geben konnte, zerriss ein schriller Pfiff die Luft.
„Die Polizei,“ keuchte Kaoru. „Das muss er sein!“
Sie ließ das Schwert mit der verkehrten Klinge einfach fallen und eilte davon. Der Rurouni griff erschrocken nach seinem Schwert, dem Sakabatou, und schob es rasch in die Scheide zurück. Dann blickte er dem Mädchen nach, die hellen Augen voller Sorge und Nachdenklichkeit. Wie seltsam das Mädchen, das ihn Hitokiri Battousai genannt hatte doch war, wie verblüffend ihr Mut und ihre Entschlossenheit einem Mörder mit dem Ruf Battousais entgegenzutreten. Der Vagabund runzelte die Stirn. „Wie es scheint geschieht da etwas ohne mein Wissen.“
****
Kaorus Haar peitschte auf ihren Rücken als sie durch die Straße eilte. Keuchend schlitterte sie um eine Ecke und sog die Luft ein als sich ihr das Bild bot, mit dem sie gerechnet hatte.
Auch hier war die Stille der Nacht zerrissen wurden. Doch während die Begegnung Kaorus mit dem mageren Vagabunden weitgehend friedlich verlaufen war, machte hier bereits das Klirren der Waffen klar, dass es beiden Seiten ernst war.
Kaoru hielt nicht lange inne um die Szene zu betrachten, doch in den wenigen Sekunden, die es dauerte an den Polizisten vorbei zu kommen, stürmten Bilder auf sie ein. Der maskierte Hüne, ein blutbeflecktes Schwert in der Hand. Mehrere Polizisten, die mit gezogenen Waffen bereitstanden, aber nicht wagten sich zu rühren. Zwei Polizisten, die einen ihrer verletzten Kameraden aus der Gefahrenzone zerrten. Andere Gestalten, die reglos am Boden lagen. Blut. Und über allem aufragend der riesenhafte Mann, zu dem ihr Blick unwillkürlich zurückkehrte. Der Battousai.
Mit einem Schrei hob Kaoru das Bokotou und ging zum Angriff über. Die Holzklinge prallte mit lautem Knall auf den Arm Battousais, der sich mit erstaunlicher Beweglichkeit weggedreht und seine eigene Waffe zum Einsatz gebracht hatte. Kaoru schnappte nach Luft und stolperte rückwärts um ein wenig Distanz zwischen sich und ihren Gegner zu bringen. Beinahe gleichzeitig wurde sie sich der Hitze des Blutes, das ihren Arm herablief und der Kühle der Hauswand in ihrem Rücken bewusst. Mit zusammengebissenen Zähnen drängte sie die aufsteigende Panik zurück und suchte verzweifelt nach einem Ausweg.
Der Battousai starrte sie hasserfüllt an. Mehr noch, in der schnellen Bewegung, zu der sie ihn gezwungen hatte, war seine Maske etwas verrutscht und erlaubte den Blick auf ein verzerrtes Gesicht, dessen Augen ihr deutlich machten, dass sie nicht lange genug leben würde, um dieses Wissen irgendwie zu nutzen.
Kaoru erstarrte in Erwartung des tödlichen Schlages als sie sich plötzlich gepackt und zur Seite gerissen fühlte. Für den Bruchteil einer Sekunde wurde sie sich bewusst, dass überraschend starke Arme sie hielten, sah das von rotem Haar eingerahmte entschlossene Gesicht, in dem die kreuzförmige Narbe schimmerte, und die intensiven Augen eines Mannes, der mehr sein musste als ein bloßer Vagabund. Dann war der Augenblick vorüber und der Rurouni stolperte hastig mit ihr in Sicherheit.
Kaoru landete unsanft neben ihrem schmächtigen Retter auf dem Boden, der sich die schmerzende Hüfte hielt und dabei so unheldenhaft wirkte, dass sich Kaoru nur mit Mühe davon zurückhalten konnte, etwas Verstand in ihn zu schütteln.
Ihre Augen huschten wieder zu Battousai, der seine Maske zurechtgerückt hatte, so dass nur seine Augen sichtbar waren, aus denen aber die Verachtung deutlich genug schien. Kaoru erwiderte den eisigen Blick und konnte so nicht den Rurouni bemerken, der den Hünen durch das strähnige Haar hindurch verstohlen musterte.
Stolz wandte sich der Battousai von ihnen ab und schien sich zu Kaorus Verblüffung und Entsetzen zum Gehen zu wenden.
„Ich bin Battousai!“ verkündete er stolz als er die Straße hinuntereilte. Die überlebenden Polizisten schienen bei dem Namen regelrecht zusammenzuzucken und jeden Gedanken an eine Verfolgung aufzugeben. „Battousai Himura von der Kamiya-Kasshin Schule. Man nennt mich den Hitokiri Battousai!“
Trotz des blutenden Armes war Kaoru Kamiya im nächsten Moment mit zornig blitzenden Augen wieder auf den Beinen. Wie konnte er es wagen ihren Namen so zu missbrauchen? „Warte!“ schrie sie und hastete ihm nach.
Umso unerwarteter kam es als der Rurouni im gleichen Augenblick auf die Füße kam und in dem Versuch sie aufzuhalten nur ihren langen, schwarzen Zopf zu fassen bekam. Kaoru machte sich wütend los und schlug kurzerhand mit dem Holzschwert zu.
Der Rurouni stolperte rückwärts und landete wieder auf dem Hintern. „Ihr seid verletzt“, versuchte er zu erklären. „Es wäre gefährlich ihn zu verfolgen. Außerdem hat er uns den Namen seiner Kampfschule verraten…“
„Hat er nicht!“ fiel ihm Kaoru aufgebracht ins Wort. „Kamiya-Kasshin ist meine Schule! Der Kerl begeht seine Verbrechen im Namen meiner Schule!“
Der Rurouni sah sie überrascht und betroffen an.
Kaoru wandte sich um und setzte ein zweites Mal zur Verfolgung an, doch auch dieses Mal wurde sie von dem rothaarigen Vagabunden festgehalten.
„So können wir ihn unmöglich einholen“, meinte er besorgt und warf einen nervösen Blick zu den Polizisten hinüber, von denen einige inzwischen doch dem Battousai gefolgt waren, wenngleich Kaoru sich ziemlich sicher war, dass deren halbherzige Versuche kaum von Erfolg gekrönt sein würden. Der Rurouni hatte ihr Handgelenk mit einer schmalen Hand umklammert und schien sich nur mühsam davon zurückzuhalten sie einfach fortzuzerren. „Wir müssen verschwinden, bevor die Polizei kommt und lästige Fragen stellt“, sagte er eindringlich.
Kaoru, der bewusst war, dass sie den Battousai inzwischen ohnehin nicht mehr einholen würde, seufzte nur und zeigte dem Rurouni den Weg, als die beiden vom Ort des Geschehens verschwanden.
****
Der Kamiya-Dojo hob sich nicht allzu sehr von der Umgegend ab. Vielmehr schmiegte sich das von hohen Mauern umgebene kleine Gelände so in das Stadtbild von Asakusa, ein weiterer Bezirk Tokyos, dass es schien als könne das eine ohne das andere kaum vollständig sein. Die Dunkelheit der Nacht tat ebenfalls das ihre, die Grenzen verschwimmen zu lassen und so konnte sich der Rurouni als er über die Schwelle des Tores trat kaum des heimeligen Gefühls erwehren, das sich um ihn legte. Schweigend folgte er Kaoru in die Trainingshalle der Kampfschule, wo sie von einem erschrockenen, kleinen, älteren Mann begrüßt wurden, der sich sofort Kaorus verletzten Arms annahm.
Der Vagabund wanderte unterdessen mit großen Augen durch die Halle und blieb an der Wand stehen, wo für gewöhnlich auf hölzernen Tafeln unter dem Schriftzug „Kamiya-Kasshin-Ryu“ der Meister und die Schüler aufgeführt waren. Doch nur ein Platz war belegt. „Stellvertretender Meister: Kaoru Kamiya“, las er halblaut. „Das war’s?“
Mit einem quietschenden „Oro?“ zuckte er zusammen als ihn Kaoru aus den Gedanken riss. „Wir waren immer nur eine kleine Schule…“ begann sie leise. „Aber wir haben uns mit unseren zehn Schülern stets tapfer geschlagen. Vor ungefähr zwei Monaten fing dieser Kerl zu morden an. Und dann haben unsere Schüler aus Furcht vor dem Namen ,Battousai’ die Schule verlassen. Die Leute aus der Stadt wagen sich nicht mehr in die Nähe des Dojo. Selbst in der Meiji-Zeit wird der Hitokiri Battousai von allen Menschen gefürchtet.“
Kaoru warf einen traurigen Blick auf den Rurouni, doch er schien völlig in Gedanken versunken, als sei er mit einem eigenen Schmerz beschäftigt, den sie nicht erkennen konnte. Trotzdem wusste sie, dass er ihr zuhörte und fuhr fort: „Aber warum missbraucht er den Namen meiner Schule und stürzt mich ins Unglück? Ob er wirklich Battousai ist? Ich weiß es nicht, aber jemand muss seinem gefährlichen Treiben ein Ende bereiten…“
„Sicher“, erwiderte der Rurouni. „Doch Ihr solltet vorerst auf Eure nächtlichen Patrouillen verzichten.“
Kaoru starrte ihn fassungslos an.
„Dieser Kerl ist viel stärker als Ihr, Kaoru-dono.“
„Was?“
„Ein Schwertkämpfer weiß die eigene Kraft und die seines Gegners richtig einzuschätzen. Ein weiterer Kampf wäre tödlich. Seid Ihr Euch dessen bewusst? Euer eigenes Leben wiegt schwerer als das Ansehen Eurer Schule.“
Die sanfte, leise Stimme des Rurouni hatte nie ernster geklungen, doch Kaoru war viel zu aufgebracht um sich darum zu kümmern. „Die Kamiya-Kasshin-Ryu…“ begann sie mit vor Zorn bebender Stimme. „Die Kamiya-Kasshin-Schule wurde von meinem Vater zu Beginn der Meiji-Zeit gegründet, nachdem er die Unruhen der Bakumatsu-Ära überlebt hatte. Zehn Jahre hat er eine Schwertkunst vertreten, die nicht Tod und Verderben bringt, sondern das Leben schützt! Aber dann wurde er mit einer Säbel tragenden Einheit in den Seinan-Krieg abkommandiert…“ Kaoru biss sich auf die Lippe und schluckte bevor sie weitersprechen konnte. „Die Umstände seines Todes standen in krassem Widerspruch zu seinen Idealen. Dieser Kerl, der sich ,Hitokiri Battousai’ nennt, hat im Namen der Kamiya-Kasshin-Schule über zehn Menschen verletzt oder getötet. Die Schule, die mein Vater einst gründete, um mit dem Schwert das Leben zu schützen, wird durch diese Mordserie entehrt.“ Tränen standen in Kaorus Augen. „Aber was versteht ein Vagabund schon von Ehre?“
Der Rurouni blickte einen Moment betroffen zur Seite, doch dann lächelte er wieder auf diese seltsam unbeholfene Art. „Nichts“, erwiderte er leise. „Doch ich weiß, dass Ihr mit diesem Arm unmöglich auf Patrouille gehen könnt.“
Kaorus Blick folgte seinem zu dem Arm, den ihr Diener Kihee gerade verbunden hatte. Sie war so völlig von seiner simplen Logik überrumpelt, dass sie kein Wort mehr hervorbrachte.
„Ihr solltet vor allem auf Eure Gesundheit achten“, fuhr der Rurouni freundlich fort. „Schließlich wäre es eine Ironie des Schicksals, wenn jemand dem so viel am Leben anderer liegt, das eigene Leben verliert.“ Sein Lächeln wurde immer wärmer. „Außerdem war es gewiss nicht der Wunsch Eures verstorbenen Vaters, dass Ihr Euer eigenes Leben für die Ehre der Schule opfert.“ Damit schritt er zur Tür des Dojos, verabschiedete sich höflich und war verschwunden, bevor die perplexe Kaoru auch nur antworten konnte.
„Fertig.“ Kihees Gesicht blieb unleserlich als er sich zurücklehnte und die junge Herrin des Dojos musterte.
„Danke, Kihee“, antwortete Kaoru hastig, noch immer tief in Gedanken.
Kihees kleine Augen glitzerten dunkel. „Sie dürfen diesem Burschen nicht vertrauen, Kaoru-san. Er ist schließlich nur ein Vagabund. Sie sind viel zu gutmütig zu solchen Leuten.“
Kaoru seufzte und versuchte vernünftig zu klingen, „Ich weiß…“ murmelte sie. „Sie haben sicher recht.“
****
Einige Tage später ging die Sonne zu einem der strahlendsten Februarmorgende, die Kaoru je gesehen hatte, auf. Fast schien es ihr als solle dadurch alle Düsternis dieser Nacht wettgemacht werden. Die Nacht, in der Kaoru den Battousai gestellt hatte und doch nicht besiegen konnte. Die Nacht, in der sie ein abgerissener, magerer Rurouni so mit Zweifeln erfüllt hatte, bevor er spurlos in der Dunkelheit verschwand. Kaoru, die noch lange wachgelegen und an den Tag gedacht hatte, als ihr Vater von Tokyo aufbrach und sie ihn nicht halten konnte, hatte sich heute entschlossen alle Traurigkeit unter einem farbenfrohen Kimono zu verstecken und sich mit Kihee auf den Weg zum Markt zu machen.
Auch hier erinnerte nichts an die ausgestorbenen, furchtbelasteten Straßen der letzten Nächte. Tokyo war voller Leben, geschäftig und doch geregelt.
Doch plötzlich schien an einem Ende der Menschenmenge ein Tumult zu entstehen. Kaoru reckte den Hals und kam neugierig näher. Ein aufgeregtes Stimmengewirr begrüßte sie und es schien als habe sie richtig geraten und es wurde wirklich gerade jemand verhaftet. Kaoru ignorierte Kihees strafenden Blick und drängte durch den Pulk nach vorn. Als die Menschen vor ihr auseinander wichen, gaben sie den Blick auf eine schmächtige Gestalt frei, die von mehreren Polizisten zu Boden gedrückt wurde. Langes rotes Haar fiel in ein zartes, von einer kreuzförmigen Narbe verunstaltetes Gesicht und ein leises, jammerndes „Oro“ war zu hören.
„Der Rurouni!“ keuchte Kaoru entgeistert. „Wolltest du die Stadt nicht verlassen?
Der Vagabund hob den Kopf so weit es die Polizisten zuließen und betrachtete die junge Frau vor ihm mit großen Augen. Dann lächelte er auf einmal breit. „Oh, Ihr seid es Kaoru-dono. In diesen Frauenkleidern hätte ich Euch fast nicht erkannt.“
Der Rest des Satzes ließ die höfliche Anrede verpuffen. Wütend drehte sich Kaoru auf dem Absatz herum und zischte erbost im Gehen: „Dann helfe ich dir eben nicht!“
„Nein wartet…“ quietschte der Rurouni erschrocken.
Ebenso schnell wie er gekommen war, verrauchte Kaorus Zorn auch wieder. „Nun…“ wandte sie sich an den Polizisten, der den Vagabunden gerade unsanft auf die Beine gezogen hatte. „Was hat dieser Kerl verbrochen?“
„Er hat gegen das Verbot des Schwerttragens verstoßen.“ Der Mann musterte Kaoru mit wenig freundlicher Miene. „Hm? Du gehörst zum Dojo von Hitokiri Battousai…“ begann er.
„Für diese Anschuldigungen gibt es nicht den geringsten Beweis!“ fiel ihm Kaoru heftig ins Wort.
„Was fällt dir ein? Du wagst es, einem Beamten zu widersprechen?“ gab der Polizist nicht weniger wütend zurück.
Kaoru funkelte ihn an. „Sie missbrauchen Ihr Amt und verstecken sich hinter Ihrer Uniform.“
„Aber, aber, ich bitte sie!“ schaltete sich eine weitere Person ein.
„Kihee“, stellte Kaoru überrascht fest, als der ältere Mann zu der Gruppe hinzutrat.
Der aufgebrachte Polizist, der anscheinend seinen Stolz in Gefahr sah, betrachtete ihn missmutig. „Was willst du?!“
Kihee antwortete mit einem ruhigen Lächeln als er die Hand des Beamten ergriff und fest drückte. „Können wir das nicht in aller Ruhe regeln?“ fragte er leise.
Kaum dass der Polizist das Geld in seiner Hand bemerkte, schien seinem Stolz Genüge getan zu sein. Er räusperte sich und machte seinen Leuten ein Zeichen, den Vagabunden gehen zu lassen. „In Anbetracht seines Alters drücke ich ein Auge zu… Aber nimm dich in Acht!“ Er wandte sich zum Gehen und warf Kaoru noch einen finsteren Blick zu. „Und du sei brav, Kleine!“
Kaoru schnitt ihm eine wütende Grimasse, kaum dass er sich umgedreht hatte.
Der Rurouni seinerseits sah den abziehenden Polizisten mit bekümmertem Gesicht nach. „Auf die Polizei dieser Stadt ist kein Verlass!“ murmelte er.
Kaoru warf ihm einen überraschten Blick zu. „Was?“
Er lächelte nur verlegen. „Ach nichts.“
„Warum bist du immer noch in der Stadt?“ wechselte Kaoru das Thema. „Hast du noch etwas zu erledigen?“
„Nein, eigentlich nicht.“ Erwiderte der Rurouni vage. „Aber was ist mit der Mordserie?“
Kaoru hob die Brauen. Sie hatte gar nicht erwartet, dass ihn ihre Sorgen so kümmerten. „Na ja, also..“ fing sie unsicher an. „Ich habe einen Verdacht, wer der Täter sein könnte.“
Kihee betrachtete sie aus den kleinen Augen, schwieg jedoch.
„In der Nachbarstadt gibt es einen Schwertkampfdojo namens Kihei-Kan…“ fuhr Kaoru fort.
„Kihei-Kan?“ wiederholte der Vagabund nachdenklich.
„Ja. Ein ehemaliger Dojo, der heute Spielern und Banditen als Unterschlupf dient. Vor etwa zwei Monaten soll dort ein runtergekommener Ex-Samurai das Kommando übernommen haben. Ein Riesenkerl, etwa 6 Shaku und 5 Sun groß. Zur selben Zeit begannen die Morde. Ein seltsamer Zufall, oder? Außerdem ist der Mörder sehr groß und sehr geschickt im Umgang mit dem Schwert.“
Kaoru machte ein finsteres Gesicht und knetete ihre Hände. „Doch ohne Beweise kann ich nichts unternehmen. Aber die finde ich sicher bald!“
Kihee trat zu ihr, wagte aber nicht sie anzufassen um auf sich aufmerksam zu machen. „Ich muss das Abendessen vorbereiten, Kaoru, darf ich…“
„Oh ja bitte.“ Das Mädchen nickte ihm lächelnd zu.
Kihee richtete sich auf und blickte noch einmal von einem zum anderen, wobei sein Augen besonders lange an dem jungen Vagabunden hängen blieben. Der Rurouni erwiderte den prüfenden Blick, ohne vor Kihees abschätziger Miene zurückzuweichen. „Dann verabschiede ich mich.“
Als der ältere Mann in der Menge verschwand, sah ihm der Vagabund nachdenklich nach. „Ist das nicht der Mann von neulich Abend?“
„Wer… Kihee? Er gehört zur Dienerschaft und wohnt bei mir. Es geschah kurz nach dem Tode meines Vaters. Er brach vor dem Haus zusammen und ich hab mich um ihn gekümmert.“ Kaoru seufzte. „Es macht ihm Sorgen, dass ich mich als Mädchen in der Schwertkunst übe. Er meint, ich solle den Dojo verkaufen und ein friedliches Leben führen.“
„Aus welchem Grund?“
„Danach habe ich ihn nie gefragt.“
Der Rurouni zuckte beinahe zusammen. „Das war sehr leichtsinnig!“
Kaoru musterte ihn aufmerksam. „Ach ja, meinst du? Mir ist es gleich. Ich denke, er hat irgendein Geheimnis, über das er ungern spricht. Du doch sicher auch? Bis du nicht deshalb Vagabund geworden?“
Die Augen des Rurouni weiteten sich etwas, dann senkte er den Kopf, so dass das lange Haar den Blick in seine Augen verwehrte. „Vielleicht habt Ihr recht…“ flüsterte er.
Auf einmal bereute Kaoru die Frage überhaupt ausgesprochen zu haben. Der Vagabund war vor ihr zurückgewichen als habe sie ihn geschlagen. Sie zwang sich zu lächeln und machte einen Schritt auf den mageren jungen Mann zu. „Ich vermute, du hast kein Geld für eine Unterkunft. Warum kommst du nicht mit zu uns?“
„Äh, nein danke“, antwortete der Rurouni, straffte die Schultern und lächelte sie wieder an. „Ich habe noch etwas zu erledigen. Lebt wohl.“
„Aber vorhin sagtest du…“ begann Kaoru wieder.
„Es war mir entfallen“, unterbrach er sie. „Also dann…“
Kaoru sah den Vagabunden schon fast in der Menschenmenge verschwinden, da fasste sie sich ein Harz und lief ihm nach. „Halt, warte!“
Er hielt inne und blickte zu ihr zurück. „Was ist?“
„Alsooo…“ murmelte Kaoru. „Wegen neulich Abend… Statt dir für deine Hilfe zu danken, hab ich dich als Vagabund beschimpft.“
Der Rurouni betrachtete sie verblüfft. „Ja und…“
„Dafür…“ fiel sie ihm ins Wort, „dafür möchte ich mich entschuldigen.“
Der junge Mann lächelte wieder verlegen und schüttelte den Kopf. „Ich weiß, Ihr habt recht. Aber ein Vagabund macht sich nichts aus solchen Kleinigkeiten. Also macht Euch keine Sorgen, Kaoru-dono.“
Er nickte ihr nochmals zum Abschied zu und Kaoru ließ ihn stumm gehen. Als er bereits nicht mehr zu sehen war, durchzuckte sie ein Gedanke. ,Ich habe wieder vergessen, ihn nach dem Schwert mit der verkehrten Klinge, diesem Sakabatou, zu fragen.’ Kaoru seufzte. Nun das war nicht zu ändern. Aber was mochte er nur zu erledigen haben?
Ohne ihr Wissen machte sich auch der Rurouni gerade darüber Gedanken. ,Der Dojo Kihei-Kan in der Nachbarstadt’, dachte er bei sich. ,Deshalb war meine Suche in dieser Stadt erfolglos.’
****
Der Dojo Kihei-Kan war hinter dem hohen Zaun und den struppigen Bäumen fast verborgen in der früh hereingebrochenen Dunkelheit. Die Sonne war längst untergegangen als Nishiwaki fröstelnd von der Engawa, der Veranda des Grundstücks, zum Tor des Dojo schlich. Innerlich fluchend, dass ausgerechnet er in der kühlen Winterluft nachsehen musste wer so beharrlich draußen nach ihnen rief, hielt er einen Moment inne und lauschte auf die Stimme, die von jenseits des Zauns herüberwehte.
„Gewährt mir Einlass! Gewährt mir Einlass!“
Immer und immer wieder erklang der etwas zarte, aber beharrliche Ruf. Nishiwaki kratzte sich das unrasierte Kinn und schnitt eine ärgerliche Grimmasse. Der Stimme nach konnte dort draußen kaum jemand wichtiges warten, doch bevor er ihnen den letzten Nerv raubte, war es doch besser zu prüfen, wer sich zu dem Dojo hinaus gewagt hatte.
Der drahtige Raufbold schob das Tor auf und blickte überrascht auf die kleine Gestalt, die vor ihm stand. Der zierliche junge Mann trug traditionelle Kleidung und ein Schwert an seiner Seite, als habe er noch nichts von dem Verbot gehört. Das Nishiwakis Meinung nach viel zu weiche Gesicht mit der kreuzförmigen Narbe auf der Wange war auch nicht geeignet, dem abgerissenen Gesellen mehr Respekt entgegenzubringen.
„Was soll dieses Geschrei?! Was willst du?“
Der Fremde lächelte höflich. „Ich möchte Euren Anführer…“ begann er.
„Hiruma-sensei ist im Moment nicht da,“ knurrte ihn Nishiwaki an. „Komm später wieder.“
Das Lächeln seines Gegenübers wuchs noch etwas in die Breite. „So, so, er heißt also Hiruma.“
„Wusstest du das etwa nicht?!“
„Ich dachte“ erwiderte der rothaarige Fremde unschuldig, „sein Name sei Hitokiri Battousai.“
Nishiwakis Züge gefroren. Auf einmal verschwand das Lächeln vom Gesicht des Vagabunden. „Anscheinen hatte Kaoru-dono recht,“ murmelte er.
„Was ist los, Nishiwaki?“ meldete sich eine Stimme aus dem Dojo. Der Angesprochene lächelte böse, als aus dem Dunkel hinter ihm mehrere Männer traten. „Was will dieser Zwerg?“
Einen Moment später hatten sich auch schon nahezu zwanzig Männer im Halbkreis um den Fremden aufgebaut und ihm den Fluchtweg abgeschnitten. „Sieh an, eine kleine Ratte!“ zischte einer von ihnen, bevor sich der erste auf den Eindringling stürzte.
****
Kaoru zuckte zusammen. Sie hatte beim Trainieren im Dojo etwas Ruhe gesucht und war wieder in einen einfacheren Kimono und ihre Hakama geschlüpft. Kaum dass sie sich dann niedergelassen hatte um etwas zu lesen, war ihr ein kalter Windhauch über den Rücken gestrichen.
„Kaoru-san?“
Die junge Herrin des Dojo fuhr herum. „Du hast mich erschreckt, Kihee. Was gibt es?“
„Es betrifft den Verkauf dieses Anwesens.“
Kaoru betrachtete ihn verwirrt. „Aber ich sagte dir doch, dass ich den Dojo nicht verkaufen will.“
„Nun ja“, Kihee lächelte kühl und hielt ihr ein Stück bedrucktes Papier hin. „Die Papiere sind bereits aufgesetzt.“
Kaorus Augen weiteten sich entgeistert. „Kihee?“
„Es fehlt nur noch dein Siegel“, fuhr dieser ruhig fort. „Dann gehört dieses Anwesen uns!“
Hinter ihm wurde mit einem Ruck die Tür aufgerissen und ein schwarzbärtiger Hüne schob sich in den Dojo, gefolgt von einer Bande wenig Vertrauen erweckender Kerle. Kaoru erstarrte. Sie kannte diesen Mann. Vor ihrem inneren Auge, sah sie wieder die halb hinter einer Maske verborgenen hasserfüllten Züge das Battousais und wusste mit wem sie es hier zu tun hatte.
„Das ist Gohee Hiruma, Meister des Kihei-Kan“, stellte Kihee ihn vor. „Mein jüngerer Bruder!“
Kaoru wich entsetzt zur Wand zurück, wo auf einem Gestell die Bambus- und Holzschwerter aufbewahrt wurden, und packte eines davon.
Kihee folgte ihr gelassen und redete unbeirrt weiter. „Eigentlich ist dieses Vorgehen sonst nicht meine Art. Ich halte mich lieber an das Gesetz. Aber nachdem du die wahre Identität meines Bruders herausgefunden hast, blieb mir keine Wahl. Zuerst lief alles nach Plan. Ich spielte den gutmütigen Alten und konnte so dein Vertrauen gewinnen. Aber du musstest ja unbedingt deinen Kopf durch setzen und auf deiner Schwertkunst beharren.“
Die Worte kamen einer verbalen Ohrfeige gleich. Kaoru starrte ihren vermeintlichen Diener mit fassungsloser Traurigkeit an. Sie hatte dem ruhigen, gesetzten Mann vertraut, hatte ihn nie hinterfragt, nie an ihm gezweifelt. „Kihee…“ flüsterte sie tonlos.
Der ältere der Hiruma Brüder ignorierte sie. „Also stiftete ich meinen Bruder zu einer Reihe von Morden an“, fuhr er gelassen fort, „und brachte den Namen deiner Schule in Verruf. Der Ruf des Hitokiri Battousai hat seine Wirkung nicht verfehlt. Niemand weiß ob jener legendäre Attentäter wirklich existiert hat, aber noch heute spricht man von seiner unglaublichen Kraft.“ Er nickte zu den Holztafeln der Schüler und Meister hinüber, wo bis auf den Namen Kaorus als Stellvertretendem Meister gähnende Leere herrschte. „Daher sieht die Lage heute so aus.“
Kihee lächelte böse und strich sich mit der Hand übers Kinn. „Nach meiner Berechnung ist der Grundstückspreis in dieser Gegend infolge der kulturellen Erneuerung und Verwestlichung um das fünf- bis sechsfache gestiegen. Dein Dojo ist hier fehl am Platz.“
„Kihee“, murmelte Kaoru wieder. Sie wollte noch mehr erwidern, doch plötzlich drängte dessen hünenhafter Bruder Gohee nach vorn, sein Katana lässig gegen die Schulter gelehnt. Er schien genug von Kihees kleiner Rede gehört zu haben und war nun selbst darauf aus sich Kaoru zu widmen.
„Mein Bruder hat mir gesagt“, begann er gedehnt, „mit deiner Schwertkunst möchtest du das Leben der Menschen schützen.“ Seine Lippen verzogen sich zu einem schiefen Grinsen. „Interessant. Mal sehen, ob es dir gelingt wenigstens dein eigenes Leben zu schützen.“
Kaoru hob ihr Bokotou in einer Geste hilflosen Trotzes, wagte aber nicht, sich von der Stelle zu rühren.
Gohee betrachtete sie kalt. „Wenn du nicht anfängst, tu ich’s.“
Mit einer Wut, die an Verzweiflung grenzte, warf sich Kaoru nach vorn und versuchte einen Schlag zu landen, doch der stärkere Gohee fing das Holzschwert einfach mit der Hand ab. Kaorus Augen weiteten sich vor Schreck als ihr klar wurde, wie wirkungslos ihr Angriff verpufft war.
„Ich wusste, dass so ein kleines Mädchen mit dem Schwert nichts ausrichten kann!“ triumphierte Gohee gehässig, bevor er seine Faust auf Kaoru hinunterschnellen ließ. Diese riss ihr Bokotou in die Höhe um sich zu schützen und taumelte betäubt zurück als die hölzerne Klinge bei dem Aufprall zerbrach.
Gohee packte sie grob am Kragen und zerrte sie in die Höhe, bis das Mädchen keinen Boden mehr unter den Füßen hatte. „Gewalt ist das Ziel!“ schrie er ihr zu. „Tod ist der Sinn! Das ist das wahre Wesen der Schwertkunst!“
Kihee trat unbeeindruckt an ihm vorbei und griff nach der Hand Kaorus, die in Gohees Griff zusammengesackt war. Mit einem kleinen Messer ritzte er ihren Daumen an und presste dann den Finger auf den Vertrag. „Das war’s“ lächelte er. „Jetzt gehört das Land uns. Das ist das Ende der Kamiya-Kasshin-Schule.“
Mit einem Schlag wurde die Schiebetür bis an den Ansatz aufgeschoben. In der Öffnung stand ein weiterer Schläger von Gohees Truppe. „Nishiki?“ begrüßte er ihn etwas ungehalten. „Was ist los?“
Nishiki regte sich nicht, starrte nur reglos in die Runde. „Er ist…“ krächzte er stockend, „stark!“
Damit brach er in die Knie und schlug schließlich bewusstlos lang hin. Hinter ihm trat eine schmächtige Gestalt mit abgenutzter Kleidung und langem Haar in den Dojo, auf dessen Wange eine kreuzförmige Narbe leuchtete.
Kaoru schaffte es den Kopf zu drehen und musterte den kleinen Mann mit einer Mischung aus Überraschung und Entsetzen. „Der Ru… der Rurouni!“ brachte sie heraus.
Der Vagabund neigte höflich den Kopf und lächelte. „Verzeiht meine Verspätung.“ Er nickte zu dem reglosen Nishiki hinüber. „Er hat mir alles erzählt.“
Gohees Miene verfinsterte sich weiter. „Du schon wieder!“ knurrte er und hob drohend sein Katana. „Glaubst du auch an das Schwert, das Leben beschützt?“
Der Rurouni sah ihn einen Moment aufmerksam an. In seinen Augen schimmerte etwas, das Kaoru nicht einordnen konnte. „Nein“, antwortete er schließlich leise, aber mit klarer Stimme.
In Kaorus Augen brannten Tränen. Nach Kihee verriet sie nun auch der Rurouni, lehnte die Werte ihres Vaters ab, trat die Kamiya-Kasshin-Ryu in den Dreck.
„Das Schwert ist eine Waffe“, fuhr der Vagabund fort als wiederhole er etwas was er vor langer Zeit schmerzlich gelernt habe. „Die Schwertkunst ist die Kunst des Tötens. Allen Beschönigenden Worten zum Trotz ist dies ihre wahre Bestimmung. Kaoru-dono weiß nicht, wovon sie spricht, denn sie hat noch nie getötet. Sie hängt einem schönen Traum nach!“
„Rurouni…“, flüsterte Kaoru mit erstickter Stimme.
„Aber…“ der Rurouni lächelte auf einmal wieder unbeholfen. „Ich für meinen Teil gebe Kaoru-donos Traum gegenüber der Wirklichkeit den Vorzug! Ich wünschte dieser schöne Traum würde Wirklichkeit werden.“
Gohee warf seinem Bruder einen Blick zu. „Du hast doch nichts dagegen, wenn ich ihn töte?“
„Nein,“ erwiderte der kleinere der Hiruma-Brüder. „Der Bursche ist mir lästig. Sollen ihn deine Leute zu Tode foltern.“
Darauf schien Gohee nur gewartet zu haben. „Packt ihn!“ rief er seinen Männern zu, die nur zu begierig waren, den Wünschen ihres Sensei zu folgen.
„Verschwinde, Rurouni!“ schrie Kaoru ihm verzweifelt zu.
Der Vagabund reagierte nicht auf sie und legte seine Hand ans Heft seines Schwertes. „Ich will nicht, dass es noch mehr Verletzte gibt. Zieht Euch zurück, wenn Euch Euer Leben lieb ist!“
„Es wird keine Verletzten geben!“ knurrte ihm einer von Gohees Männern entgegen, während er mit dreien seiner Kumpane mit gezogenen Schwertern auf ihn zu kam. „Aber dafür gibt es gleich einen Toten: Dich!“
Der Rurouni zögerte nicht länger und setzte sich mit plötzlicher Geschmeidigkeit, die alle Anwesenden völlig verblüffte, in Bewegung. Er raste gebückt auf die verduzten Angreifer zu und wenn seine veränderten Bewegungen sie nicht in Schrecken versetzten, dann reichte ein Blick in seine Augen um sie zurückweichen zu lassen. Diese Augen, die eben noch so unschuldig naiv gewirkt hatten, waren nun schmal, von tödlicher Kälte erfüllt und blitzten mit eisiger Entschlossenheit.
Der Rurouni zog sein Sakabatou in einer fließenden kaum wahrnehmbaren Bewegung und hielt keine Sekunde inne bevor er in die Gruppe raste und seine Gegner mit einem einzigen Schlag ausschaltete. Die übrigen Raufbolde waren vor Schreck erstarrt und schafften es nicht einmal zu fliehen als der Rurouni seinen Kampf auf sie ausweitete und mit blitzendem Schwert durch ihre Reihen fuhr.
Kihee sah mit weit aufgerissenen Augen zu. „Wahnsinn!“ stammelte er, „Er hat mit einem Schlag vier oder fünf Männer niedergestreckt! Ist das Zauberei?“
„Das ist keine Zauberei,“ antwortete ihm Kaoru, die noch immer von Gohee festgehalten wurde, der aber nichts anderes als den Kampf um ihn herum wahrzunehmen schien. „Das ist eine Frage der Schnelligkeit! Der Schnelligkeit seines Schwertes... Der Schnelligkeit seines Körpers... Und der Schnelligkeit, mit der er die Bewegungen seiner Gegner vorhersieht... Nutzt er diese Schnelligkeit zu seinem Vorteil, kann er mit einem Streich unzählige Gegner besiegen!“
Der Rurouni richtete sich auf, nur wenige Momente nachdem er sein Sakabatou gezogen hatte. Um ihn herum lagen über dem Boden verstreut Gohees bewusstlose Männer. Er stand mit dem Rücken zu Kaoru und den beiden übriggebliebenen Männern, als er leise zu sprechen begann. „Eins vergaß ich zu erwähnen...“ Er drehte sich zu ihnen um, das Sakabatou, das Schwert mit der verkehrten Klinge, leicht an die Schulter gelehnt, und noch immer das kalte Funkeln in seinen Augen. „Der Hitokiri Battousai bedient sich nicht der Technik der Kamiya-Kasshin-Schule, sondern einer alten Technik aus der Sengoku-Zeit, deren besondere Stärke darin besteht, gegen viele Gegner gleichzeitig kämpfen zu können. Ihr Name lautet Hiten-Mitsurugi, die Kunst des fliegenden Schwerts. Es handelt sich um eine pfeilschnelle Technik von tödlicher Präzision, es sei denn sie wird ausgeführt von einem Sakabatou.“
Kaoru schluckte. „Das heißt du bist der Hitokiri Battou…“
Gohee stieß sie abrupt zur Seite. In seinen Augen brannte die Demütigung, die ihm dieser schwächliche, kleine Vagabund beigebracht hatte. „Ich hielt dich neulich für einen unbedeutenden Wicht“, zischte er wütend. „Aber ich habe dich unterschätzt. Di hast deine wahre Stärke verheimlicht!“
Der Rurouni erwiderte den Blick. „Im Gegensatz zu dir verabscheue ich Gewalt“, erklärte er kühl, seine Augen noch immer schmal. „Aber es war ein Fehler, dich nicht gleich zu besiegen. Diesen Fehler werde ich jetzt korrigieren.“
Gohee grinste verächtlich. „Du bist dir deiner Sache sehr sicher. Und du bist sehr arrogant!“ Er streifte die Scheide von seinem Katana und riss das Schwert in die Höhe, bereit seinen zierlichen Gegner zu zermalmen. „Diese Welt braucht keine zwei Battousais! Der Name gebührt mir!“
Wie von ein Pfeil schnellte der Vagabund nach oben, stieß sich vom Boden ab und ließ dann sein Sakabatou mit seinem ganzen Gewicht auf Gohee Rücken krachen. Gohee schlug hart mit dem Gesicht auf den Boden und rührte sich nicht mehr. Der Rurouni betrachtete ihn noch einen Moment, dann sagte er leise. „Ich hänge zwar nicht sehr an dem Namen Battousai, aber einem Kerl wie dir kann ich ihn nicht überlassen“
Er trat auf den zitternden Kihee zu, dessen Pläne sich mit der Niederlage seines Bruders zunehmend in Nichts auflösten. Der ältere Mann kannte den Ruf des schrecklichsten aller Hitokiris nur zu gut, sonst hätte er ihn nie für seine Zwecke ausgewählt. Sollte an diesem Ruf auch nur ein wenig Wahrheit sein, würde er diesen Ort niemals lebendig verlassen. Kihee wich zurück bis sein Rücken die Wand berührte und wagte nicht den Blick von dem Mann zu nehmen, den er für einen bloßen Vagabunden gehalten hatte. Die Augen seines Gegenübers waren von so eisiger Entschlossenheit, dass Kihee begann zu ahnen, wie dieser unscheinbare Junge die Herzen seiner Gegner mit Furcht erfüllt hatte.
Der Rurouni hielt sein Sakabatou mit einer Hand, während er näher kam. „Und nun zu dir“, flüsterte er. „So leicht kommst du mir nicht davon.“ Er drehte das Sakabatou herum, so dass nun die geschliffene Seite der Klinge nach vorn zeigte. „Vielleicht sollte ich an dir die Schärfe meiner Klinge prüfen.“ Kihee keuchte entsetzt, verdrehte die Augen und rutschte ohnmächtig an der Wand herunter in die Pfütze, die sich unter ihm gebildet hatte.
Der Rurouni seufzte tief und bückte sich nach dem Vertrag, den Kihee fallen gelassen hatte. „Nun das war’s“, meinte er leise, während er das Schriftstück kurzerhand zerriss. „Alle Intriganten sind im Grunde ihres Herzens Feiglinge.“
Kaoru beobachtete ihn schweigend, noch immer zu fassungslos vom Lauf der Ereignisse, als dass sie ihre Gedanken hätte ordnen können. Gerade noch war sie mit dem Tode bedroht worden durch einen falschen Battousai um dann vom wirklichen Attentäter gerettet zu werden, einem Mann, von dem sie nicht im Traum erwartet hatte, er wüsste auch nur wie man eine Fliege erschlägt.
„Verzeiht mir, Kaoru-dono“, schnitt seine weiche, helle Stimme durch das Chaos in ihren Gedanken. Sie starrte ihn an, als er sich zu ihr umdrehte, das Gesicht erhellt durch sein unbeholfenes Lächeln, doch die Augen schimmernd von bitterer Traurigkeit. „Ich hatte nicht vor, Euch meine Identität zu verheimlichen oder Euch zu täuschen. Aber ich hätte dieses Geheimnis lieber für mich behalten.“
Kaoru spürte einen Kloß in der Kehle als sich der schmächtige Vagabund zum Gehen wandte, rang nach Worten, die ihm erklären würden, was sie fühlte. Sie sah hilflos zu wie er die Tür erreichte und sich höflich verabschiedete und wusste plötzlich, dass sie platzen würde wenn sie nichts sagte.
„Warte gefälligst!“ brach es plötzlich aus ihr hervor, heftiger als sie beabsichtigt hatte.
Der Rurouni fuhr mit einem erschrockenen „Oro!“ zusammen und starrte sie verblüfft an.
„Soll ich mich etwa ganz allein um die Schule kümmern?“ fragte sie. „Du könntest mir wenigstens etwas helfen! Deine Vergangenheit interessiert mich nicht!“
Der Rurouni sah sie an, als habe er so etwas noch nie gehört. Dann ging ein Ruck durch ihn und er lächelte wieder sein seltsames Lächeln. „Es gibt noch mehr Menschen wie Kihee. Seid also in Zukunft vorsichtiger“, warnte er die verdutzte Kaoru. Dann legte er die Hand auf den Griff der Schiebetür. „Es ist wohl besser, wenn ich jetzt gehe“, sagte er langsam. „Es ist Euch gelungen, den Namen Eurer Schule reinzuwaschen. Bliebe der echte Battousai bei Euch, wäre alles umsonst gewesen.“
Das also war es. Kaoru verzog das Gesicht. „Wer hat gesagt, dass Battousai bleiben soll?“ korrigierte sie sofort. „Ich spreche von dem Rurou…“ Mitten im Satz verstummte sie, als würde ihr bewusst wie viel sie schon gesagt hatte.
Verlegen drehte sich Kaoru um und starrte ins Leere, unfähig den Blick des Vagabunden länger zu ertragen. „Vergiss es“, murmelte sie leiser. „Wenn du gehen willst, dann geh! Aber… bevor du gehst, verrat mir wenigstens deinen Namen. Den Namen „Battousai“ hast du bei den Ishin Shishi angenommen, richtig? Also wie lautet dein richtiger Name?“
Im Gesicht des Rurouni stritten sich die Gefühle. Traurigkeit, Zweifel und doch eine ungeheure Sehnsucht.
Kaoru hörte wie sich die Schiebetür schloss und wusste, dass er gegangen war. Sie atmete tief ein und versuchte alle Tränen zu verscheuchen.
„Kenshin.“
Kaoru wirbelte herum und starrte den Rurouni fassungslos an.
„Kenshin Himura“, wiederholte er lächelnd. „So nenne ich mich heute. Ich bin das Herumziehen leid. Wenn es Euch nicht stört, dass es einen Vagabunden irgendwann weitertreibt… Ich werde eine Weile bei Euch bleiben.“
Während er weiterredete begann Kaoru zu lächeln, bis sie schließlich von ganzem Herzen strahlte.
Und so beginnt die Geschichte, im elften Jahr des Meiji, in Tokyos Unterstadt mit der Ankunft des Vagabunden Kenshin Himura.
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