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Geschichte: Fanfiktion
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von Lucie
erstellt: 27.08.2007
letztes Update: 01.10.2007
Geschichte, Drama / P16
(fertiggestellt)
Spielt nach OotP und ist lange vor DH entstanden, also keine Spoilergefahr.
Autorin ist die fantastische enahma, mit deren Erlaubnis ich die Story hier übersetze. Die Originalstory ist sowohl auf ff.net als auch auf enahma.hu zu finden. Die Figuren gehören wie immer J.K. Rowling.
Viel Spaß beim Lesen!
Der Schrank
Die Nacht war klirrend kalt; es war bereits Herbst: der Oktober war schon fast vorüber, der November war nahe, überdies war keine Wolke am Himmel zu sehen und ein scharfer Wind wehte vom Norden her, so dass der Körper des sechzehnjährigen Jungen, der oben auf dem Astronomieturm saß, erzitterte, doch dies schien den Jungen, Harry Potter, nicht zu stören. Ganz im Gegenteil: er saß dort ohne auch nur zu frösteln, in einem einfachen T-Shirt und dünnen Hosen, während er zum Himmel starrte.
Harry dachte, dass die beißende Kälte ihm irgendwie ein Gefühl von Lebendigkeit vermittelte: ein Gefühl, das er in den letzten Monaten, seit Sirius’ Tod, kaum verspürt hatte. Normalerweise fühlte er sich wie benommen, als würde er fliegen; die Monate waren in verschwommener Weise an ihm vorbeigerauscht und ohne dass er sich groß kümmerte, ließ er sich treiben. Er lebte nicht, er existierte. Er existierte und überlebte: er hatte den endlosen, langweiligen Sommer mit Onkel Vernon, Tante Petunia und Dudley überlebt; sie hatten ihn in Ruhe gelassen bis September, als er endlich nach Hogwarts zurückgekehrt war – doch er empfand Hogwarts nicht länger als sein zu Hause … Alles schien leer und bedeutungslos. Hier konnte er wirklich fühlen, dass er das Leben irgendwo auf seinem Weg hinter sich gelassen hatte.
Er konnte sich nicht einmal schuldig oder traurig wegen den Ereignissen des letzten Jahres fühlen. Er war einfach nur leer. Eine bloße Hülle, ohne Seele, als hätte ein Dementor sie herausgesaugt. Es hatte wenigstens einen Vorteil: er brauchte keine große Anstrengung zu unternehmen, seinen Geist vor dem Schlafen zu leeren, eine Übung, die er nun jeden Tag machte, bevor er ins Bett ging. Sein Geist fühlte sich immer leer an, selbst während seiner Fortgeschrittenen Kurse. Seine Noten waren furchtbar, und Hermine nervte ihn ständig deshalb, doch er konnte es nicht ändern. Er würde ohnehin nicht lange genug leben, um nach der Schule einen Job zu bekommen. Voldemort würde ihn am Ende töten, also hatte er es aufgegeben, um bessere Noten zu kämpfen.
Seine Augen wanderten zu den leuchtenden Sternbildern bis sie am Canis Maior hängenblieben. Der Große Hund, und Sirius, der leuchtendste Stern blinkte fröhlich auf ihn nieder … Harry hielt den Atem an, aber er weinte nicht. Er weinte nicht, denn im Grunde konnte er nicht weinen, nicht mehr. Weinen war ein Teil des Lebens und er war nicht mehr lebendig. Er konnte sich nicht einmal daran erinnern, wann er das letzte Mal geweint hatte.
Seine Augen schweiften vom Himmel zu dem leuchtend rotglühenden Ende seiner Zigarette und er nahm einen weiteren tiefen Zug. Das leuchtende Rot wurde für eine lange Minute zu Purpur, bevor es wieder verblasste.
Die Kälte, die ihn umgab, traf nun seinen Körper und er erschauderte.
„Mr. Potter“, eine kühle Stimme brach das eisige Schweigen.
Harry verdrehte seine Augen und drückte seine Zigarette auf dem Steinboden aus.
„Ja, Professor?“, mit einem müden Gesichtsausdruck, sah er hoch zu seiner Hauslehrerin.
„Es ist bereits nach der Sperrstunde“, sagte die strenge Frau scharf. „Wieder einmal.“
„Ja, ich weiß“, murmelte Harry und wappnete sich für die gewöhnlich folgende Unterhaltung. Die nächste Frage der Lehrerin wäre über sein Wohlergehen, er würde antworten, dass er sich absolut exzellent fühlte. Dann würde die Verwandlungslehrerin ihn wegen Regelbrechens und unverantwortlichem Verhalten ausschelten und ihn zurück zum Gryffindorgemeinschaftsraum begleiten, wobei sie versuchen würde, ihm eine Reaktion zu entlocken und ihn wegen möglicher negativer Folgen vom Rauchen und Herumlungern nach der Schließzeit warnen würde. Harry würde ihre Besorgnis zerstreuen und am Ende würden sie einander eine gute Nacht wünschen.
Oh, und es würde eine weitere rastlose und schlaflose Nacht werden, doch dies war nicht Teil ihrer Unterhaltung, es war nur ein weiteres gewöhnliches Muster dieser Tage.
Er stand auf, sah seine Lehrerin an und zeigte, dass er bereit war, zum Gryffindorturm zurückzukehren. Doch McGonagall bewegte sich nicht.
„Ich habe Sie schon gewarnt, sich nicht weiter derartig zu verhalten, Mr. Potter“, sagte sie mit einem Hauch Ungeduld in ihrer Stimme. „Ihr wiederholtes Fehlverhalten bringt Ihnen zehn Punkte Abzug von Gryffindor und eine Woche Nachsitzen.“
Harry seufzte und zuckte mit den Schultern, beinahe nicht wahrnehmbar, doch McGonagall bemerkte es. Ihre Stimme wurde plötzlich noch schärfer.
„Und Sie werden Ihr Nachsitzen bei Professor Snape verbringen.“
Harrys Gesicht verdunkelte sich und er ballte die Fäuste vor Ärger.
„Das können Sie nicht tun, Professor“, flüsterte er heiser.
Ärgerlich hob sie ihre Augenbrauen.
„Ich versichere Ihnen, Mr. Potter, ich kann und ich werde“, sagte sie und presste ihre Lippen so fest aufeinander, dass sie eine dünne, zornige Linie auf ihrem Gesicht bildeten.
Harry lehnte sich gegen die Mauer und sah seine Lehrerin an.
„Ich hasse Snape und er hasst mich, Sie wissen das. Ich will ihn nicht für eine ganze Woche im Nacken sitzen haben.“
„Das heißt Professor Snape für Sie und wenn Sie nicht noch mehr Hauspunkte verlieren wollen, sprechen Sie nie wieder in diesem Ton über Erwachsene, Mr. Potter. Was auch immer Sie gegen Professor Snape haben, er ist ein Lehrer an dieser Schule und Sie werden Ihr Nachsitzen bei ihm verbringen.“
Harry ballte seine Fäuste so fest zusammen, dass sich die Nägel in seine Handfläche gruben. Er wollte diesen Idioten nicht sehen!
„Professor, ich glaube nicht, dass es mir gut tuen wird, eine Woche bei Professor Snape zu sein. Sie wissen, er und Sirius …“, er probierte es mit Jammern: das war immer erfolgreich gewesen.
„Das ist jetzt nicht von Bedeutung, Mr. Potter“, McGonagalls Ton wurde noch eisiger. „Es ist offensichtlich, dass nachsichtige Behandlung Ihnen nicht gut getan hat. Sie müssen wieder zurückfinden.“
Zornig schob sich Harry von der Mauer fort.
„Wissen Sie, Professor, ich glaube, Sie sind die beste Freundin, die ich jemals hatte“, sagte er sarkastisch, nicht in der Lage das hässliche Grinsen auf seinem Gesicht zu verbergen.
„Das sind weitere zehn Punkte von Gryffindor, Mr. Potter.“
Harry zuckte wieder mit den Schultern.
„Ist mir egal.“
„Ich kann auch eine weitere Woche arrangieren“, fauchte die Verwandlungslehrerin drohend.
Harry senkte seinen Kopf, doch in seinem Inneren war sein Zorn am Siedepunkt angelangt.
Ganz tief drinnen, schämte er sich für sein eigenes Verhalten, doch der Zorn, den er fühlte, wann immer Snapes Name fiel, unterdrückte jedes Gefühl von Schuld oder Bedauern. Er hasste diesen widerwärtigen Bastard mehr, als jeden anderen Menschen in seinem Leben, mehr als er Voldemort oder Umbridge hasste: Voldemort war jenseits von Hass oder Liebe und Umbridge war lediglich eine dumme und grausame Spielfigur des Ministeriums, aber Snape … Snape war eine andere Sache: Ein Mann, dem Dumbledore vertraute, ein Mann, der Sirius und Harry hassen durfte, ein Mann, den Dumbledore immer verteidigte, während der alte Mann den Nerv hatte, Sirius wegen seines Verhaltens gegenüber Kreacher, dem verdammten Hauself, die Schuld zuzuschieben und für seinen eigenen Tod, weniger als eine Stunde nach dem Geschehen … Und nie ein schlechtes Wort über Snape – Snivellus, das dreckige Stück Sch …, der ein noch größerer Tyrann war, als es James Potter jemals gewesen war, und immer wurde ihm vergeben und niemand hatte jemals Harry oder die anderen nicht-Slytherins gegen ihn verteidigt oder diesen Bastard für sein ungerechtes und grausames Verhalten getadelt.
Harry lächelte bitter. Er erinnerte sich an den Tag, an dem er seine ZAG Ergebnisse erhalten hatte. Er hatte vier O’s erhalten: zwei für seine Prüfung in Verteidigung, eins für Wahrsagen (es hatte sich herausgestellt, dass Professor Marchbanks tatsächlich einen rundlichen, düsteren, durchnässten Fremden getroffen hatte, der sie informiert hatte, dass der Tee, den sie an dem gewissen Dienstag zu trinken vergessen hatte, in der Tat vergiftet worden war, so dass sie ursprünglich an jenem Tag hätte sterben müssen – genau an jenem Dienstag, den Harry in seiner Prüfung erwähnt hatte) und eins für seine schriftliche Zaubertrankprüfung, während der Zaubertrank, den er gebraut hatte, ein E bekam, so wie seine praktischen Prüfungen in Verwandlung, Zauberkunst, Pflege Magischer Geschöpfe und Kräuterkunde … Seine entgültige Zaubertranknote war ein O gwesen, wie McGonagall ihn in ihrem Brief informiert hatte, doch Snape hatte sich geweigert, ihn in seinen Kurs zu lassen, aufgrund seines „Versagens“ im praktischen Teil.
Harry hatte sich nicht dagegen aufgelehnt. Er hatte zurückgeschrieben, dass er ohnehin nicht an Zaubertränke teilnehmen wollte, zu McGonagalls völliger Verzweiflung, doch es hatte ihn nicht gekümmert. Er war – und war es noch immer – erleichtert gewesen, dass er nicht an diesem Unterricht teilnehmen musste, in dem er täglich lächerlich gemacht und erniedrigt werden würde. Er würde das sicher nicht vemissen, vielen Dank auch!
Als er seiner Hauslehrerin zurück zu den Schlafsälen folgte, dachte Harry über die Ereignisse dieses neuen Schuljahres nach. Sein Quidditchverbot war noch nicht aufgehoben – aber er war nicht überrascht, er hegte den Verdacht, dass Dumbledore nicht wollte, dass er spielte - es war zu gefährlich, aber das kümmerte ihn alles nicht. Quidditch hatte irgendwie seinen Reiz verloren, wenn er an sich dachte, wie er den Schnatz fing, sein zerzaustes Haar … Selbst wenn er Snape hasste, er konnte sich nicht anders als abgestoßen fühlen, von der widerlichen Art, in der sein Vater sich verhalten hatte: schlimmer noch als Malfoy, wie es Harry vorkam. Ein Mistkerl, der Fantastische Sucher … Nein, nie wieder Quidditch, hatte er entschieden.
Er erinnerte sich, wie Dumbledore ihn über das Verbot informiert hatte: er, Harry, hatte so nah an der Tür wie möglich gestanden, sein Blick war auf den Boden fixiert, absichtlich hatte er den Blick des Schulleiters vermieden – nicht wegen Voldemort, sondern weil er wusste, dass Dumbledore gut genug in Legilimentik war um Harrys Gefühle ihm gegenüber zu entdecken: Ärger und Hass. Er hatte bei der Erwähnung des Verbotes genickt und dann eilig Dumbledores Angebot abgelehnt, ihn in Okklumentik zu unterrichten. Er brauchte nicht noch weitere Leute, die seine Gedanken lasen: Snape und Voldemort reichten aus. Der Direktor hatte versucht ihn von der Notwendigkeit der Okklumentik zu überzeugen, doch Harry war es egal. Er hatte etwas von „manche Wunden, die zu tief sind, um zu heilen“ gemurmelt, in einem spöttischen und ätzenden Ton, und als sein sarkastischer Kommentar den alten Mann zum Schweigen gebracht hatte, hatte er sich ohne aufzublicken aus dem Staub gemacht. Seit diesem Tag, hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen.
Der einzige Erwachsene, der sich um ihn zu kümmern schien (außer Hagrid, natürlich, doch der zählte Harrys Meinung nach nicht richtig) war McGonagall gewesen, bis zu diesem Abend jedenfalls, doch ihre neuste Entscheidung ihn Snape zu überlassen, war ein zu mieser Schlag um ihr das zu vergessen.
Beim Porträt der Fetten Dame wünschten sie sich so kalt wie der Nordpol eine gute Nacht und Harry tat sein bestes, um nicht eine scharfe Bemerkung ihr gegenüber zu machen, wodurch er dann hundert Punkte von Gryffindor verlieren würde.
Ron und Hermine warteten auf seine Rückkehr, so wie an jedem Abend, doch Harry nickte ihnen bloß kurz zu und flüchtete dann zum Schlafsaal. Er wollte nicht reden, obwohl er wusste, dass seine Freunde ziemlich besorgt um ihn waren. Morgen! Morgen würde er sich zu ihnen setzen und sie würden gemeinsam frühstücken. Alles würde zwischen ihnen in Ordnung sein.
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„Ich denke eine Woche wird ausreichen, um den Klassenraum ohne Magie zu reinigen, Mr. Potter“, Snape lächelte ihn geringschätzig an und Harry fühlte das Blut in seinen Adern kochen. Aber er sah nicht auf und ließ Snape ebensowenig in seine Augen schauen, wie den Direktor. Verdammte Legilimentiker: diese zwei hakennasigen Bastarde!
„Ja, Sir“, antwortete er frostig, doch mit perfekter Höflichkeit.
„Ich möchte, dass die Tische geschrubbt, die Schränke gesäubert und geordnet, die Zutaten sortiert, die Kessel geputzt werden und dass der Boden fleckenfrei ist. Sie können nicht vor neun Uhr gehen: die Tür wird verschlossen. Wenn Sie die Säuberung des Klassenraums nicht am Ende des Wochenendes beendet haben, werden Sie eine weitere Woche Nachsitzen ableisten …“
„Aber“, Harrys Kopf fuhr hoch und er sah Snape voller Hass an, „McGonagall hat nur eine Woche angeordnet!“
Snapes Grinsen wurde breiter.
„Oh, sie stimmte zu, als ich ihr gegenüber diesen Teil erwähnte.“
Harry musste dem Drang widerstehen, seinen Lehrer anzuspucken, deshalb wandte er sich ab.
„Gut denn“, die Worte klangen trotzdem, als würde er spucken.
„Fünf Punkte Abzug von Gryffindor, für diesen unhöflichen Ton gegenüber einem Lehrer …“
„Sie sind kein Lehrer“, Harry musste sich wieder zu Snape umwenden. „Sie sind ein Tyrann“, zischte er.
„Das sind weitere zehn Punkte …“
„ … nicht besser als James Potter …“
„GENUG!“ Snape machte einen Schritt auf Harry zu und packte seine Schulter so fest, dass der Junge erneut aufzischte, aber dieses Mal vor Schmerz. „Halten Sie den Mund, Potter, und reden Sie nicht über Dinge, von denen Sie nicht die geringste Ahnung haben.“, schrie er und Spucke sprühte aus seinem Mund. Er stieß Harry von sich fort, so dass der auf ein Pult fiel. „Und das sind weitere zwanzig Punkte Abzug.“ Und damit stürmte er aus dem dunklen Klassenraum, seine Roben wehten hinter ihm her, als er ging.
Harry wagte nicht, sich zu bewegen, bis sich die Tür hinter der forteilenden Person verschloss. Erst als er endlich allein war, griff er nach seinem schmerzenden Ellenbogen, massierte ihn vorsichtig und richtete sich auf.
„Snivelly“, murmelte er hasserfüllt. „Itzy-bitzy Snivelly. Wahrheit ist schmerzhaft, nicht wahr?“
Langsam näherte er sich dem Schrank, der die Putzutensilien enthielt und begann nach einigen Minuten der Vorbereitung zu arbeiten. Er startete seine Putzaktion bei den Pulten, scheuerte und kratzte den alten Dreck mit einem stumpfen Messer und war bald so in die Arbeit vertieft, dass er, als um neun die Tür aufschlug, überrascht aufsprang. Doch zu dieser Zeit waren fast die Hälfte der Pulte sauber und Harry stellte die Geräte mit einem stolzen Gefühl weg. Die Tische, die er schon gesäubert hatte, sahen aus wie neu, fort waren die alten Schichten aus Dreck und selbst der Gestank im Raum hatte sich bemerkenswert vermindert.
In dieser Nacht hatte er nicht das Bedürfnis den Astronomieturm aufzusuchen: nachdem er seine Hausaufgaben mit Hermine (die an diesem Abend sehr zufrieden mit ihm war) und Ron (der nicht aufhören konnte, ihn wegen seines Pechs mit den zwei Lehrern zu bedauern) beendet hatte, ging er geradewegs ins Bett und schlief nach einer kurzen Meditation und Leeren seines Geistes ein.
Am nächsten Tag traf er Snape noch nicht einmal an: der Raum war leer, als er eintraf und die Tür schloss sich gleich hinter ihm, als er eingetreten war. Für einen Augenblick erwog er vor Frustration aufzuschreien, doch als er darüber nachdachte, in einem leeren Raum zu stehen und für sich allein zu schreien, verwarf er die Idee und zuckte die Achseln. Stattdessen ging er zum Putzschrank und begann wieder zu arbeiten.
Zuerst wischte er den Dreck von den bereits gereinigten Tischen und sofort danach schrubbte er weiter. Die Tür öffnete genau um neun, doch Harry ging nicht eher, bis er mit dem letzten Pult fertig war. Es war beinahe zehn, doch jeder Tisch war sauber, wie noch nie zuvor.
Dieses Mal schien Hermine ein wenig besorgt zu sein, als er nicht rechtzeitig erschien, aber trotzdem half sie ihm mit den Hausaufgaben. Nachdem sie fertig waren und Ron bereits zu Bett gegangen war, gestand Harry Hermine, dass er diese Art von Nachsitzen mochte. Snape war die ganze Zeit nicht zu sehen, die Arbeit war nicht übermäßig spannend – doch wenigstens erschöpfte sie ihn körperlich so sehr, dass er hinterher schlafen konnte.
Am dritten Tag, während er die Vorratsschränke, wo die Trankutensilien verstaut waren, neu sortierte, spielte Harry sogar mit der Idee sich eine weitere Woche Nachsitzen einzuhandeln. In diesem Zaubertrankklassenraum nervte ihn niemand mit Fragen, niemand warf ihm fragende Blicke zu, wollte, dass er über Voldemort redete oder fragte ihn nach seinem Befinden oder nach Sirius. Es war beinahe entspannend. Harry schrubbte und wischte und säuberte und wusch und ordnete, während er alberne Weihnachtslieder vor sich hin summte (warum Weihnachtslieder, wusste er nicht, aber sie waren einfach gut zu summen). Er war so entspannt, als er später zum Gryffindorturm zurückkehrte, dass er seine Hausaufgaben schneller als je zuvor erledigen konnte und es deshalb schaffte einige zusätzliche Dinge zu lesen. Hermine war absolut zufrieden mit Harrys Vorstellung.
„Wenn ich gewusst hätte, dass dir Putzen so gut tut, wäre ich zu Professor McGonagall gegangen und hätte ihr viel eher vorgeschlagen dich arbeiten zu lassen. Oh, und Harry“, sie lächelte ihn an, „heute als ich Zaubertränke hatte, konnte ich den Klassenraum kaum wieder erkennen. Du leistest wirklich eine tolle Arbeit dort.“
Überrascht hob Harry seine Augenbrauen.
„Meinst du?“, aber er konnte die Zufriedenheit aus seiner Stimme kaum verbannen.
„Absolut.“
Hermines Lob verstärkte seine eigenen Gefühle: endlich, er leistete Arbeit, die sichtbare Ergebnisse hatte und das gefiel ihm, auch wenn Malfoy und seine Anhänger ihn auslachten und ihm zur neuen Verwendung seines Besens gratulierten. Der ganze Spott war so kindisch, dass Harry nicht einmal ärgerlich wurde. Malfoy gehörte nicht derartig in seine Welt, als das es wert war auf seine Stimme zu hören.
Am nächsten Tag beendete er das Ordnen der Schränke und begann die Kessel zu reinigen, sowie die anderen Utensilien, was bis zum fünften Tag andauerte. Zu diesem Zeitpunkt konnte Harry sehen, dass er zu sehr hinterher war und er hatte noch nicht einmal begonnen die Zutaten in den anderen Schränken zu sortieren. Der nächste Tag war glücklicherweise ein Samstag, deshalb fragte er Hermine nach einigen Zaubertrankbüchern und nachdem er die richtigen erhalten hatte, ging er direkt nach dem Mittagessen in den Klassenraum und begann die verschiedenen frischen Zutaten einzuordnen. Es benötigte mehrere Stunden und es war beinahe elf, als er fertig wurde. Zufrieden blickte er über die Schränke und den Raum. Es war beinahe unglaublich sauber und nur ein Hauch des gewöhnlich unangenehmen Geruchs lag in der Luft: der viel bessere Duft der Putzmittel überdeckte den beinahe fauligen Gestank von falsch gebrauten Tränken und schleimigen Zutaten.
Nur der Boden und der Putzschrank blieben noch für den nächsten Tag.
Am Sonntag betrat er die Kerker erneut direkt nach dem Mittagessen. Er wollte seine Arbeit vor dem Abendessen beenden, so dass er noch genügend Zeit hatte seinen Aufsatz für Verwandlung zu beenden und für den Verteidigungsunterricht zu üben – der neueste Dozent, Shacklebolt, war ein sehr strenger Lehrer und Harry wollte nicht mit ihm aneinandergeraten.
Er hatte keine Schwierigkeiten mit dem Boden, obwohl er viel schlimmer als die Tische aussah – hatte jemals jemand vor ihm diesen Raum gesäubert? tobte er innerlich – aber der kleine Schrank, in dem das Putzmaterial verstaut war … es war unglaublich! Harry musste erneut das Messer verwenden, als er versuchte den beinahe versteinerten Schmutz zu entfernen.
Es war ein kleiner Schrank, und Harry war während des Sommers recht groß geworden, also musste er sich ducken und sehr vorsichtig sein, wenn er seinen Kopf nicht am Rahmen oder am Oberteil des Schrankes stoßen wollte. Aber selbst wenn er so klein gewesen wäre, wie in seinem ersten Schuljahr, hätte er Probleme gehabt genug Raum für Bewegung zu finden, geschweige denn zum Putzen, dachte er bei sich.
Er warf den Lappen, den er zum Säubern verwendete ins Wasser und machte ihn so nass. Der letzte Teil seines Nachsitzens war dran: die Schranktür, die nicht nur dreckig war, sondern mit irgendeinem widerwärtigen Material verschmiert war, also entschied er, sie einzuweichen und nach einigen Minuten sein Messer enut zu verwenden.
Bald entdeckte er etwas unter dem Dreck.
Buchstaben! Da waren Buchstaben!
Er wurde neugierig, aber wollte nichts übereilen und die Schrift beschädigen, also verwendete er noch mehr Wasser, bis die Schrift lesbar war.
Zertifikat – war die erste lesbare Zeile.
Harry verlor beinahe das Interesse, weil er dachte, dass das Zertifikat irgendetwas über die Möbel aussagte, aber dann entdeckte er die Wörter „Sirius“ und „Snape“ einige Reihen darunter. Wie wahnsinnig, begann er die Tür zu schrubben, so kräftig, wie er es wagte, ohne die Inschrift zu zerstören.
Das widerwärtige, schleimige Material verschwand nicht, aber es wurde durchsichtig, also wurden die Buchstaben darunter deutlich sichtbar.
Der Raum war ziemlich dämmrig und Harry musste seinen Zauberstab heranziehen.
„Lumos“, flüsterte er und lehnte sich näher dran.
Der Text war in großen kindlichen Buchstaben geschriebn und die Linien waren schräg, anstatt gerade. Es war offensichtlich, dass der Text von einem Erst- oder Zweitklässler stammte. Dort stand:
Hiermit bestätigen wir, James Potter und Sirius Black, dass Severus Snape, nachdem er zwei Tage in diesem Schrank verbracht hat, nicht nur um sein erbärmliches Leben gebettelt hat, sondern, dass er weinte und sich nass gemacht hatte, wie ein Baby, so dass er damit offiziell den Namen „Snivellus“ erhalten hat, auf den er von nun an zu antworten hat.
Im Namen der Untersuchungskommission: James Potter und Sirius Black,
In einer anderen Schrift war hinzugefügt:
Er weinte wirklich – Remus Lupin (Zeuge)
Und eine weitere Zeile:
Er bettelte und weinte und war absolut nass – Peter Pettigrew (Zeuge)
Am 21. November 1970
Der Zauberstab in Harrys Hand zitterte und fiel in die kleine Pfütze Wasser, die sich unter der Tür gebildet hatte. Der Raum wurde plötzlich dunkel und die Gedanken in seinem Kopf begannen zu tanzen und so zu wirbeln, dass sich Harry schwindlig fühlte und sich auf seine Knöchel setzen musste.
Die Stille im Raum dröhnte in seinen Ohren.
Harry fühlte, wie sein Herz zu Eis wurde und schlug, als wäre er einen Marathon gelaufen und wie sich sein Magen schmerzhaft zusammen zog. Die Leere der letzten Monate schien durchbrochen und die Illusion von Neutralität und Gleichgültigkeit zerbrach in kleine Stücke.
Diese Worte, diese grausamen und erbarmungslosen Worte, waren von seinem Vater und Sirius und ihren beiden Freunden geschrieben worden. Diese Worte bezeugten einen solchen Akt, zu dem er niemals jemanden fähig gehalten hätte. Außer Dudley, natürlich.
Vier Kinder, vier Mistkerle gegen einen … Und sie hatten diesen einen nicht nur für ein paar Stunden eingeschlossen, sondern für zwei Tage bis … bis er so vollständig erniedrigt und wahrscheinlich nicht wenig verzweifelt und ängstlich war … dass …
Vier gegen einen – nur weil es ihnen als guter Witz erschien. Oh ja, Harry kannte diese Art von Scherzen sehr gut; er war zu viele Male selbst auf der falschen Seite gewesen, um das zu vergessen. Er wusste, was es bedeutete im Dunkeln zu sitzen, ohne Hoffnung bald rausgelassen zu werden und mit einem dringenden Bedürfnis, ohne zu wissen, wann jemand ihn hinaus auf die Toilette gehen lassen würde … Er kannte die brennende Scham, wenn man sich selbst nassmachte, das spöttische Gelächter und die grausamen Kommentare, die Angst und die Erniedrigung.
Aber wenigstens hatte er seinen Schrank gekannt, er war groß genug um sich darin zu bewegen, sich zu strecken und er konnte den Fernseher durch die Tür hören, damit die Zeit verging – aber hier … hier war einfach nichts, und diese zwei Tage hatten ein Wochenende sein müssen, ein Wochenende in einem leeren Zimmer, unmöglich die vergangenen Stunden zu zählen, wenn jede Sekunde wie eine halbe Stunde erschien … und genau zu wissen, dass die Retter auch die Peiniger waren …
Und die hatten es getan: sein Vater, der Mann, von dem Harry immer wollte, dass er stolz auf ihn war, Sirius, sein Pate, den er jahrelang als Vaterfigur angesehen hatte und selbst Remus Lupin, ein Mann, den er immer für anständig und rechtschaffen gehalten hatte …
Sirius und James Potter: zwei Männer, denen er sich nahe gefühlt hatte. Und obwohl beide seit einiger Zeit tot waren, das erste Mal fühlte sich Harry wirklich allein.
Und er war sich nicht sicher, ob er sie wieder zurück haben wollte.
Ihr Andenken enthielt keine Freude mehr, Glück oder Hoffnung: es wurde in nichts besser, als seine Erinnerungen an Dudley und seine Gang.
In diesem Moment starben sie wirklich in Harry, ein für alle Mal!
Harry wusste nicht, wann er zu weinen begann, doch das Gewicht des schrecklichen Verlusts, den er in diesem Moment spürte, brachte ihn beinahe um. Verloren war das Bild des liebenden Vaters und verloren war die Vorstellung des Paten, der sich um ihn kümmerte. Das einzige an das Harry denken konnte war das Bild von zwei sadistischen Jungen, die neben dem See standen und einen dritten mit einer grausamen Fröhlichkeit auf ihren Gesichtern folterten und zwei anderen, die ohne ein Wort des Protests dabei saßen … Aus purer Langeweile.
In diesem Moment fühlte er, dass er sie mehr verloren hatte, als man seine Lieben an den Tod verlieren konnte: keine Liebe und Sorge blieben in seinem Herzen, nur Schmerz, Ersticken, Beißen, ätzender Schmerz und Kälte und eine derartig immense Einsamkeit, wie er sie noch nie gefühlt hatte.
Seine Brille fiel auf den Boden und er konnte die Gläser zerbrechen hören, aber konnte nicht nach ihr greifen. Seine Hände zitterten so furchtbar, dass jeder Versuch sinnlos war.
Durch seine Tränen, mit seinen kurzsichtigen Augen, konnte er nicht anders, als die grausamen Worte wieder und wieder zu lesen: war das alles wahr? Hatten sie das einem anderen Lebewesen angetan, waren sie nicht besser als sein Cousin gewesen, sondern noch schlimmer? Und um allem die Krone aufzusetzen: wie hatten sie es niederschreiben können?
Wie?
Warum?
WARUM? Warum er? Warum immer er? Warum konnte er nicht einmal in seinem Herzen eine liebende Familie haben? Warum wurde ihm alles entrissen, gestohlen? Warum suchte sich das Schicksal immer ihn aus, um ihn zu foltern, ihn immer noch mehr zu verspotten?
„Mum“, weinte er, „Mum, Mum …“. Der Schmerz zeriss ihn: er begrub sie, die zwei Tyrannen, James und Sirius, die so viel schlimmer waren, als Malfoy und die Dursleys je gewesen waren, und er fand, dass die einzige Person, an die er sich wenden konnte, seine seit langem tote Mutter war, die einzige Erinnerung, von der er Trost erhalten konnte in diesen Minuten war ihre, und nur ihre.
Er wusste nicht, wie lange er in dem schmutzigen Wasser kniete und den Lappen, den er für’s Putzen verwendet hatte ans Gesicht presste: der Kummer, der Schmerz ließen ihn erstarren, das Schluchzen betäubte ihn, die Tränen blendeten ihn.
„Mum, wo bist du?“, schluchzte er und jammernd lehnte er sich gegen die Schranktür. „Wo warst du?“, setzte er hinzu und musste immer wieder an den kleinen, weinenden Jungen zusammengekauert in der Ecke, den er in Snapes Erinnerung gesehen hatte, denken – jetzt, in seinen Gedanken, weinte der kleine Junge seit Tagen in diesem dreckigen Schrank und er erinnerte sich an all die Jahre in seinem eigenen Schrank und er wusste, er wusste genau, dass wenn er mit James Potter und Sirius Black zur Schule gegangen wäre, die aufgeblasenen Gryffindors ihn für Spott und Quälerei ausgesucht hätten: der kleine muggelähnliche Junge, in den Lumpen seines Cousins und ohne genaues Wissen über die magische Welt. Er war nur ein weiterer Spinner, so wie Sirius ihm von Snape erzählt hatte: ein Spinner, dessen größte Sünde es gewesen war, dass er einfach existiert hatte … wie viele Male, hatten die Dursleys ihm das ins Gesicht geschrieen?
War es grausame Rechtfertigung des Schicksals, dass er dasselbe von seinen Verwandten erleiden musste, das Snape von seinem Vater erlitten hatte? Musste er für die Sünden seines Vaters zahlen?
Das schmutzige Wasser rann seine Wangen herab, doch es kümmerte ihn nicht. Er hatte seinen Vater und seinen Paten verloren, das zweite Mal in seinem Leben: doch dieses Mal realisierte er, dass der Verlust absolut entgültig und unwiderbringlich war. Er wollte nicht mehr, dass sie bei ihm waren, nicht einmal in seinen Erinnerungen. Er brauchte sie nicht. Aber er konnte das Gefühl nicht verleugnen, dass ihm etwas gestohlen worden war.
„Mum“, stöhnte er erneut und der Name war so sanft, so gut zu äußern, um darum zu weinen, so dass er ihn immer und immer wiederholte.
So elend hatte er sich in seinem ganzen Leben noch nicht gefühlt.
Jemand hatte ihm vor langer Zeit erklärt, dass man erst, wenn man seine Eltern verlor, wirklich erwachsen wurde und Harry war sich sicher, dass nun dieser Moment in seinem Leben erreicht war: er war völlig allein und alles was er in den letzten Monaten, Jahren, getan hatte, lastete auf seinen Schultern, erdrückte ihn. Er hatte so viele Dummheiten begangen, er hatte so viel Hass und Vorurteile genährt. Er war so dumm und hatte sich wie ein verwöhntes, kleines Balg benommen, in der Annahme, dass sich die ganze Welt um ihn zu drehen hatte … Er hatte nie versucht, hinter die Oberfläche zu blicken, er hatte Snape gehasst, weil es scheinbar der einfachste Weg gewesen war, auf den Hass des Mannes zu reagieren, er hatte Dumbledore die Schuld gegeben, weil es so viel einfacher war, als ihn ernst zu nehmen und darauf zu vertrauen, dass er wisse, was er tue … Er hatte nie auf Hermine gehört, die einige wichtige Punkte in Sirius’ und seinem, Harrys, Verhalten festgestellt hatte, was die Hauselfen und Okklumentik betraf … Er hatte sich wirklich wie ein Kind benommen, rücksichtslos und unverantwortlich …
Aber es war so einfach jetzt einsichtig zu sein – und damals war es so schwer.
Kaum bemerkte er, wie ihm jemand den Putzlumpen aus dem Griff entwand und ihn auf die Füße zog.
„Potter“, sagte eine kalte Stimme, doch er reagierte nicht. Seine Knie zitterten und wieder wimmerte er, wie ein Welpen, der von seiner Mutter weggenommen wurde. „Potter“, wiederholte die Stimme erneut, doch dieses Mal war die Kälte nicht so offensichtlich. „Was ist geschehen?“
by enahma
Noch eine Anmerkung: Normalerweise verwende ich auch die deutschen Namen in einer Übersetzung. Bei Snivellus mache ich in diesem Fall eine Ausnahme, weil die korrekte Übersetzung dieses Spottnames soviel wie "Heulsuse oder Rotznase" bedeutet, was - meiner Meinung nach - besser die bösartige Bedeutung und nicht nur eine Namensspielerei (wie bei Schniefelus) widergibt.
Gruß Lucie
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