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von Fumiyo    erstellt: 04.08.2007    letztes Update: 23.02.2009    Geschichte, Romanze / P18 Slash    (abgebrochen)
No Light Without Shadows


By Draeconin

(Translator Fumyo)



Autor: Draeconin (www.fanfiction.net/u/588696/)

Übersetzer: Fumyo

Disclaimer: Idee und Handlung dieser FanFiction gehören Draeconin. Charaktere, Orte usw. basieren auf J. K. Rowlings Kreation. Ich verdiene kein Geld hiermit und bin von Draeconin dazu autorisiert diese Geschichte zu übersetzen.

Genre: Romanze/Drama

Warnungen: m/m, Slash, mpreg, Sprache, OOC

Pairing: Harry Potter/Draco Malfoy

Summary: Harry ist es Leid, dass sich jeder in sein Leben einmischt... und aufgrund der Ereignisse im Zaubereiministerium gegen Ende seines fünften Schuljahres, beginnt er nun selbst sein Leben  in die Hand zu nehmen... Was dabei herauskommt? Lest selbst!

Zusatz: Nach JKR, entspricht eine Galleone £5 Pfund. Nach dem Stand von 2006 entspricht eine Galleone demnach $8,78 Dollar und €7,20 Euro. Ich habe diese Angaben einfach mal von Draeconin übernommen…


So, hallo ihr Lieben!
Ich hab kürzlich die Fanfic von Draeconin auf FF.net  gelesen und spontan beschlossen, sie ins Deutsche zu übersetzen. Und hier ist nun das Ergebnis. ^^ Ich werde versuchen, regelmäßig weiter zu posten, doch da die Kapitel recht lang sind (und ich eigentlich auch nicht vorhatte, sie zu unterteilen), könnte es auch mal ein bisschen länger dauern. Aber ich werde auf jeden Fall weitermachen – sollte sie denn gut ankommen… *g*
Ich wünsch euch also viel Vergnügen beim lesen und hoffe, dass das Kapitel gefällt (schließlich will ich Draeconin ja ein bisschen positives Feedback geben können)!
Also dann… Viel Spaß!


~*~


Kapitel 1


Harry war stinksauer und so wütend, dass er… Nun, es schien als hätte er die Dinge in seinem Leben noch nie zuvor deutlicher wahrgenommen. Leider führte ihn jedes Detail der Tatsache näher, dass er blind gewesen war. Als er seinen Paten im Zaubereiministerium verloren hatte, nachdem dieser von Bellatrix Lestrange verflucht wurde und anschließend durch den Schleier*1 fiel, war er in tiefer Verzweiflung versunken. Dieser Zustand hatte fast bis zum Ende der ersten Woche seiner Sommerferien, die er bei den Dursleys verbrachte, angedauert: Eine Woche voller Schuld, Selbstvorwürfe und Depressionen.

Doch dann erinnerte er sich an all die anderen Personen, die zu Sirius Tod beigetragen hatten: An erster Stelle auf der Liste stand Bellatrix Lestrange, da es ihr Fluch gewesen war, der Sirius – ihren eigenen Cousin – durch den Schleier hat fallen lassen; dann kam Voldemort angesichts der offensichtlichen Gründe. Immerhin war er es gewesen, der ihm die falsche ‚Vision’ von einer Gefangennahme Sirius im Ministerium geschickt hatte.  
Auch Snape und Dumbledore waren weit davon entfernt unschuldig zu sein, obwohl ihre Beteiligung weniger direkt war – es handelte sich eher darum, dass sie nicht das getan hatten, was hätte getan werden müssen, um nicht direkt darin verwickelt zu werden.

Und er selbst? Nein, Harry war keineswegs schuldlos, doch er war hinters Licht geführt und benutzt worden – von beiden Seiten. Snapes hasserfüllte und erbitterte Zunge, seine konträre Einstellung und hartnäckige Ablehnung, auch nur irgendetwas Glauben zu schenken, das Harrys Mund entsprang; und Dumbledores Liebe zu Rätseln und Heimlichtuerei, auch wenn es sich um Informationen handeln sollte, die rechtmäßig anderen gebühren: Dies waren Gesichtspunkte, die dazu beigetragen haben, Sirius in den Tod zu führen. Nachdem es ihn nur wenige Stunden Überlegung gekostet hatte, um auf dieses Ergebnis zu kommen, begann er kurz darauf darüber nachzudenken, was er hätte tun können, um zu verhindern was passiert war.

All dies führte Harry zur Erkenntnis, dass er von den anderen nicht nur im Dunkeln gelassen worden war. Er war sogar froh gewesen, dass er sich einfach nur hatte fallen lassen können und hatte andere seine Entscheidungen treffen lassen, seine so genannten ‚besten Freunde’ mit eingeschlossen: Ron, der einen ausgelassenen Kumpel wollte – und obwohl Ron ein sehr guter Freund sein konnte, war er dennoch ein eifersüchtiger, nach Aufmerksamkeit heischender Kerl, der sich im anerkannten Ruhm von Harrys ungewolltem Heldenstatus gesonnt hatte, und akademisch faul noch dazu. Rons Reaktion, nachdem der Feuerkelch im vierten Jahr Harrys Namen ausgespuckt hatte, verdeutlichte zweifellos seine wenig solide Loyalität gegenüber Harry.

Und dann war da noch Hermine, die den armen, verwaisten Jungen-der-lebt bemuttern und sich währenddessen vielleicht sogar ein gesteigertes Selbstgefühl aufbauen hatte wollen. Ein geringes Selbstwertgefühl würde natürlich auch erklären, warum sie so angetrieben war, sich schulisch selbst zu beweisen und auf Schritt und Tritt mit ihrem Wissen zu prahlen. Und obwohl auch sie eine gute Freundin sein könnte und ihm bei Gefahren beretwillig folgen würde, hatte sie die schlechte Angewohnheit, ihm diese Erlebnisse mitten ins Gesicht zu werfen und jeden seiner Schritte ebenso wie jede seiner Entscheidungen zu hinterfragen – hin und wieder sogar seine Gefühle.

Und er, der Idiot der er war, hatte ihnen beiden auch noch geschmeichelt und ihre Wünsche und Bedürfnisse über seine eigenen gestellt, nur um akzeptiert zu werden. Jetzt konnte man sehen was er bekommen hat: Die letzte Familie, die er gehabt hatte, war nun tot. Doch das würde jetzt ein verdammtes Ende haben. Er war vielleicht nicht dazu fähig andere zu zwingen, ihn auf dem Laufenden zu halten, aber er konnte sich selbst so gut wie möglich weiterbilden und genauso gut die Zusammenarbeit mit Dumbledore verwehren, bis er informiert werden würde. Der Sprechende Hut hatte gesagt, er hätte einen scharfen Verstand – es war an der Zeit ihn auch zu benutzen.


~*~


Harry hätte sich ja eine der Herausgaben der Zauberernachrichten abboniert, um die Geschehnisse zu beobachten, doch die einzigen die wenigstens etwas glaubwürdig waren, enthielten nur Themen, die keinen Bezug zu jedweden wirklichen Nachrichten aus der Zaubererwelt aufzuweisen hatten. Der Tagesprophet war von jedem, der auch nur annähernd etwas Macht besaß (gewöhnlich von Politikern), zu leicht zu manipulieren und hatte keine Probleme damit Lügen und Verunglimpfungen zu drucken. Der Klitterer druckte üblicherweise nur Prominentenklatsch und Nonsens, die Hexenwoche behandelt nur die Interessen der Hausfrauen und jugendlichen Mädchen und die Zeitschrift Rennbesen im Test war nur für diejenigen aufschlussreich, die sich für Quidditch und die neuesten Besen interessierten.

Mit neuer Entschlossenheit schlich Harry zum Schrank unter der Treppe – seinem alten Zimmer, welches nun zur Aufbewahrung seines Schulkoffers diente, seit die Dursleys beschlossen hatten keinen Kontakt mehr mit den ‚Sachen eines Freaks’ haben zu wollen solange sie ihn bei sich dulden mussten – und grub seine alten Schulbücher daraus hervor, ebenso seinen Zauberstab. Er würde zwar nicht dazu in der Lage sein, die Zaubersprüche und Übungen tatsächlich auszuführen, da das Zaubereiministerium die Zauberei von Minderjährigen außerhalb der Schule verboten hatte, aber er konnte die Zauberstabbewegungen trainieren.

Wieder zurück in seinem Zimmer versteckte Harry alle VgddK-Bücher bis auf das des ersten Jahres unter seinem Bett. Danach öffnete er das Buch und fing an es zu überarbeiten. Zwei Stunden später hatte er es fertig durchgearbeitet und, was keine wirkliche Überraschung für ihn war, weit mehr gefunden als das, was Quirrel lediglich versucht hatte ihnen beizubringen. Glücklicherweise hatte er das meiste des fehlenden Stoffs über die Jahre hinweg von älteren Schülern aufgefasst, sodass er nicht all zu viel Zeit für dieses Buch benötigte. Er legte es zu den anderen zurück und zog das Zauberkunstbuch des ersten Jahres hervor, danach das Verwandlungsbuch desselben Jahres. Er konnte mehr oder weniger die Dinge an die er sich noch erinnerte ignorieren. So konnte er das Buch ziemlich schnell durchgehen und hielt nur dann an einer Stelle inne, an die er sich nicht mehr gut erinnern konnte oder sie noch nicht gelernt hatte.  

Zu der Zeit bemerkte er noch nicht, dass er diesen Sommer keine einzige Eule von irgendjemandem außer der Schule bekommen hatte und dass diese eine erst drei Wochen vor Beginn des nächsten Schuljahres angekommen war, um ihm seine Noten des letzten Jahres zu überbringen. Er war leicht überrascht, dass seine ZAGs so gut ausgefallen waren. Die Wahlen für die Kurse des sechsten Jahres hingen von den ZAG-Ergebnissen ab. Da er diese nun wusste, wählte er vorläufig einige Kurse, die er für das kommende Jahr belegen würde. Jedoch würde er diese Wahlen mit Professor McGonagall durchgehen müssen, wenn er nach Hogwarts zurückgekehrt war.

Harrys erste Entscheidung war, Wahrsagen abzuwählen. Außer dass er ein ‚Mies’ bekommen hatte, war es Zeitverschwendung; und Trelawney war größtenteils ein Witz gewesen. Er hatte es sowieso nur gewählt, um Ron eine Freude zu machen. Dumbledore wird schon etwas finden, um die Zeit zu füllen, dachte er bitter. Zwar war Trelawney letztes Jahr entlassen worden und Firenze hatte ihre Position bekommen, doch Harry schüttelte seinen Kopf. Nein, selbst wenn es interessant wäre einen Zentauren als Professor zu haben, das Fach würde Zeit in Anspruch nehmen, die er für andere Dinge benötigte, und er konnte keinen nützlichen Zweck darin erkennen. Nach sorgfältiger Überlegung entschied er sich ebenso dazu Astronomie, Geschichte der Zauberei und Kräuterkunde abzuwählen. Pflege Magischer Geschöpfe wollte er behalten, da es ihm einen Tempowechsel in Bezug zu seinen anderen Kursen verschaffen würde, und eigentlich mochte er Tiere.

Mit Ausnahme von Pflege Magischer Geschöpfe würde für ihn noch Zauberkunst, Verteidigung gegen die Dunklen Künste, Zaubertränke und Verwandlung übrig bleiben – Kurse, von denen er eher dachte, dass sie Kenntnisse hervorbringen würden, die er sowohl im bevorstehenden Kampf gegen Voldemort als auch im alltäglichen Leben brauchen würde… vorausgesetzt er würde überleben um es zu genießen.

Harry hatte früh entschieden, dass er, sollte er überleben, Auror werden würde. Jetzt spottete er über diesen verfrühten Beschluss. Es war gleich den Träume der Mugglejungen, die sich wünschten Polizist, Feuerwehrmann oder ein anderer täglicher Held zu werden, wenn sie herangewachsen waren. Nach allem was er durchmachen musste, konnte Harry nun die nachteiligen Aspekte dieses Berufs erkennen, nicht zuletzt die des Ministeriums selbst. Wie auch immer, er wusste noch nicht, was er machen wollte. Harry zuckte die Schultern.  Er würde sich Sorgen darum machen, wenn er den Krieg überstand.


~*~


Harry war zu beschäftigt, um zu bemerken, dass der Tag, an dem die Weasleys ihn für die letzten zwei Wochen der Sommerferien abholen wollten, gekommen und ohne dass sie aufgetaucht waren auch wieder vorbeigegangen war. Allerdings war es vermutlich das Beste so. Sein Groll gegen Ron hätte seinen Aufenthalt sehr schwierig gestaltet und die Ablenkung hätte auf jeden Fall seine Überarbeitungspraktiken gestört.

Stattdessen erschienen Shacklebolt und Tonks eine Woche später, um ihn zu eskortieren. Aber da er wusste, dass bald jemand kommen würde, um ihn zur Winkelgasse zu begleiten, hatte er bereits heimlich alles bis auf das Buch, welches er gegenwärtig am lesen war, in seinem Schulkoffer verstaut. Jedes Mal, wenn er diesen allein zurückließ, stellte er sicher, dass er fest verschlossen war. Demgegenüber behielt er seinen Zauberstab immer bei sich. Er konnte ihn zwar wegen dem Verbot der Zauberei von Minderjährigen seitens des Zaubereiministeriums nicht benutzen, doch er wollte es nicht darauf ankommen lassen, dass Dudley oder Vernon neugierig seinen Koffer öffneten und ihn anschließend zerlegten, sollten sie seine Aktivitäten aufdecken.

Als Kingsley Shacklebolt und Nymphadora Tonks eintrafen, hatte Harry alle Bücher der bisherigen Schuljahre außer das des zweiten Jahres VgddK durchgearbeitet. Lockharts Bücher waren alles gestohlene Berichte über die Taten anderer, die der aufgeblasene, inkompetente Mann für sich beansprucht hatte. Ohnehin wären sie alle nur wenig von Nutzen gewesen. Harry hatte sie in den Mülleimer geworfen, darauf vertrauend, dass sie, sollte der Mülleimer geleert werden, einer seiner Bewacher vom Orden richtig beseitigen würde; aber es kümmerte ihn nicht wirklich. Harry fragte sich ob Dumbledore außerstande war, sich einzugestehen einen Fehler gemacht zu haben oder unfähige Professoren zu entlassen.

Er hatte nicht wirklich viel im fünften Jahr bei Umbridge in VgddK gelernt – außer die Frau zu hassen – aber das Lehrbuch war nicht allzu schlecht. Für dieses Buch brauchte er mehrere Tage, um es zu studieren. Auch hatte Harry vor, es noch einmal durchzugehen, wenn er zurück in Hogwarts war.

Zaubertränke? Nun, wenn Harry die zugewiesenen Bücher überhaupt einmal gelesen hätte anstatt sich mit Ron zu verdrücken und zu versuchen sich auf die Vorträge und Hermine zu verlassen, hätte er es in all den Jahren viel einfacher haben können. Jetzt hatte er ein viel besseres Verständnis von diesem Fach. Er konnte all die Tränke, die sie studiert hatten, nicht noch einmal durchgehen (nur einige von ihnen, bevor er beschlossen hatte, dass er nicht genug Zeit haben würde alles bis auf die Theorie zu lernen), aber nun wusste er genug, um in der Lage zu sein, zu verstehen, was er tat anstatt bloß den Anweisungen zu folgen und auf das Beste zu hoffen, wie er es sonst immer gehandhabt hatte. Wie er ein ‚O’ in dem Fach hatte erreichen können… Harry zuckte mit den Achseln. Vielleicht Dumbles – der alte Narr.

Die Auroren hatten Harrys Laune natürlich bemerkt. Shacklebolt ließ Harry in Ruhe, wofür dieser äußerst dankbar war, da er sich nicht in der Stimmung befand, sich gesellig zu zeigen. Tonks hingegen versuchte noch einige Male ihn ‚aufzumuntern’, bevor sie es schließlich aufgab und Harrys Schweigen respektierte.

Sie besuchten Gringotts, sodass sich Harry das Geld abholen konnte, das er brauchen würde. Tonks and Shacklebolt nahmen in geringer Distanz zu ihm Stellung auf, um in der Lage zu sein die anderen Gäste besser überblicken und somit Anzeichen von Gefahr rechtzeitig erkennen zu können.

„Ah, Mister Potter!“ rief einer der hässlichen, kleinen Kobolde in geschäftsmäßigen Tönen, nachdem Harry an einem Bankschalter auf sich selbst aufmerksam gemacht hatte. „ Sind Sie also gekommen, um Ihre Erbschaft anzunehmen?“

„Erbschaft?“ wiederholte Harry ausdruckslos. „Welche Erbschaft?“

Das kleine Wesen überprüfte das Kontenblatt vor sich, blickte dann wieder auf und fragte: „Sie hatten gerade Ihren sechzehnten Geburtstag, oder liege ich da falsch?“

„Ja“, antwortete Harry vorsichtig und wunderte sich was vor sich ging.

„Und ein Mister…“ Der Kobold hielt inne, während er das Blatt abermals kontrollierte, jedoch eher für den Effekt als der Auffrischung seines Gedächtnisses wegen. „… Sirius Black war Ihr Pate?“

„Ja“, antwortete Harry auf dieselbe Weise wie er es zuvor schon tat.

„Wenn Sie dann in Mister Grabpokits Büro eintreten würden“, sagte der Kobold als er zur Seite trat und eine im Schalter geschickt versteckte Tür öffnete. „Wir haben da einige Papiere, die Sie unterzeichnen müssten und einige Entscheidungen, die Sie zu treffen hätten.“

Als Harry auf die Tür zutrat, kam Kingsley schnell auf ihn zu, dicht gefolgt von Tonks.

„Mister Potter?“ fragte er.

„Eine Erbschaft?“ antwortete Harry verwirrt als Gegenfrage.

„Ich fürchte die Einzelheiten sind vertraulich“, warf der Kobold zudringlich ein.

„Gut“, erwiderte Shacklebolt und warf einen skeptischen Blick auf Harry. „Aber Sie werden uns erlauben, dass wir standardübliche Sicherheitsmaßnahmen vornehmen?“, fuhr er fort, als klar war, dass Harry keine Antworten für ihn hatte.  

Der Kobold neigte seinen Kopf und bedeutete den Auroren vorauszugehen. Unter den wachsamen Augen beider Bewohner des Büros und des Kobolds, der den Schalter bedient hatte, sah Kingsley das Büro in Form einer gründlichen technischen und magischen Inspektion ein, während Tonks Harry bewachte. Dann nahmen er und Tonks draußen Wachpositionen ein und wurde Harry hineingeführt.

Etwas über zwei Stunden später kam Harry mit einem sehr befremdlichen Ausdruck auf seinem Gesicht wieder aus Mister Grabpokits Büro: eine betäubende Mischung aus Traurigkeit, Wut und Erstaunen. Doch wenn er danach gefragt wurde, erklärte Harry ihnen nur, dass er weit mehr gelernt hatte, als er erwartet hatte.

Harry hatte mental ein großes rotes Häkchen hinter Dumbledore abgehakt. Seit der alte Mann dazu beauftragt worden war, die Finanzgeschäfte für ihn zu erledigen, hatte Harry darüber informiert werden müssen. Doch Dumbledore hatte es für sich behalten – nachdem er geschworen hatte, nichts mehr vor Harry geheim zu halten! Harrys Gryffindorseite wollte den alten Mann unverzüglich damit konfrontieren und ihm alle Arten der Verwüstung bescheren. Aber seine Slytherinseite gewann und er entschied, dass Geheimnisse beidseitig funktionierten. Außerdem verlieh Harry dies einen Vorteil, da Dumbledore nicht wusste, was er wusste. Er würde sein Wissen nutzen, wenn es am günstigsten für ihn war.

Natürlich hatte Harry Dumbledore von allem losgelöst, das wie auch immer mit seinen Finanzen oder dem Verwalten seiner Verliese zu tun hatte. Mister Grabpokits hatte er allerdings gebeten, den Schulleiter von Hogwarts nicht davon zu unterrichten. Da Harry außerdem den Status als Oberhaupt der Familien Potter und Black angenommen hatte, wurde er schon ein Jahr früher automatisch von ‚minderjährig’ zu ‚erwachsen’ aufgestuft, sodass Dumbledore diesbezüglich auch keine Vollmacht mehr über ihn hatte.


~*~


Harry verbrachte zwei weitere Stunden damit, seine Verliese zu besichtigen und sie zu untersuchen. Eine gute Stunde wurde allein mit dem Studieren von zwei Wandteppichen mit den zwei Familienstammbäumen darauf in den zwei jeweiligen Verließen zugebracht. Der sonstige Inhalt derselben und ein separates Verlies würden weitere Erkundungen sicherstellen: Die anderen enthielten nicht viel mehr als Geld und vornehme Einrichtungsgegenstände, obgleich er schon genug mit den zwei ersteren Verliesen zu tun hatte.

Doch schließlich spürte Harry, dass er Hunger bekam. Der Tag war schon fortgeschritten und so nahm er den ‚bodenlosen’ Beutel heraus, den er von der Bank für wenig Geld bekommen hatte, und legte weit mehr Galleonen hinein als er je entnommen hatte.

Da Tonks und Shacklebolt in der Empfangshalle weit über Harry auf ihn warteten, bemerkten sie dies nicht.

Harry erzählte den zwei Auroren, dass er im Lesen einiger Dinge in seinem neuen Verlies versunken gewesen war und bestand dann darauf mit ihnen zu Mittag zu essen. Tonks plagte ihn vehement mit ihren Fragen über sein unerwartetes Erbe, welchen er so gut es ging auswich. Er hatte genug von Leuten, die in seinem Leben herumschnüffelten. Leider
war Harrys Geduld am Ende des Mittagessens verbraucht; sein vorig ausgebliebener Ärger kehrte zurück und er war kaum ansprechbar.

Sie holten alle Bücher und Materialien ab, die für die Kurse, die Harry entschieden hatte fortzuführen, aufgelistet waren. Harry nahm noch einige andere Bücher und spezielles Zaubertrankzubehör mit – als Erklärung, wenn er gefragt wurde, nannte er, dass er auf den neuesten Stand im Zaubertrankunterricht kommen und  härter für den bevorstehenden Kampf mit Voldemort trainieren wollte. Ausreichend wahr, aber nicht die ganze Wahrheit. Er dachte nicht, dass sie sehr glücklich mit der Vorstellung wären, dass Dumbledores ‚Goldjunge’ sich dazu entschieden hatte, das Schürzenband zu ihnen abzutrennen.

„Ich brauche neue Roben.“ erklärte Harry seinen Begleitern knapp und machte sich auf den Weg über die Straße zu Madame Malkins.

Er hatte mittlerweile bemerkt, dass, als ihn die Auroren abgeholt hatten, die Weasleys nicht aufgetaucht waren, da er sie bis zu diesem Zeitpunkt auch nicht wirklich vermisst hatte. Nicht, dass er Ron unbedingt sehen wollte, aber die Erkenntnis, dass er sitzen gelassen wurde, schmeckte bitter. Es war nur eine weitere Sache, die ihm seine Laune verdarb und ohne sich dessen bewusst zu sein, ließ er es die Welt wissen.

„Harry!“ rief Tonks verstimmt aus, als Harry auf die Straße hinaustrat, auf direktem Weg zu seinem Ziel.

Harry drehte sich um und runzelte die Stirn, sein eigener Ärger gut sichtbar. „Ja?“

„Könntest du bitte versuchen noch ein bisschen unfreundlicher zu sein?“

Harry blinzelte. War er…? Ja. Er war. Und die beiden Auroren hatten es wahrhaftig nicht verdient. Seine Wangen färbten sich leicht rosa. „Entschuldige, Tonks – Mister Shacklebolt.“

„Jeder hat mal einen schlechten Tag, Mister Potter“, entgegnete Kingsley ausdruckslos, seine Gefühle zu der Angelegenheit nicht verratend.

„Bist du bereit darüber zu reden, Harry?“ fragte Tonks, nun in sanfterem Ton.

Harry schüttelte seinen Kopf. „Es ist nichts, was du ändern könntest. Tut mir Leid, dass ich meine Launen an euch ausgelassen habe. Aber ich brauche wirklich neue Roben… und vielleicht auch eine ganz neue Bekleidung.“ Die ganze Zeit über, schon bevor er einen Fuß in die Winkelgasse gesetzt hatte, hatte er vorgehabt, bessere Kleidung zu kaufen, damit er nicht mehr die tragen musste, die er von Dudley bekommen hatte. Doch nach wie vor dachte er, dass seine Babysitter (wie er sie bezeichnete) das nicht wissen brauchten. Jetzt allerdings konnte er sich weit mehr und viel bessere Klamotten leisten, als die, mit denen er früher getröstet wurde. In Wirklichkeit brauchte er sich gar keine Sorgen um die Preise zu machen. Wenn das, was der Kobold ihm erzählt hatte, wahr war, so erzielten die beiden Vermögen der Potter- und Blackfamilie einen Wert, der knapp unter dem der Malfoys lag.

Tonks akzeptierte seine Antwort. Sie hätte gerne weiter gebohrt, doch sie wusste, dass man Harry nicht zwingen konnte, sich emotional zu öffnen. Er musste es von sich aus tun, wenn er es wollte.

„Dann lass uns dich mal ausstatten“, erwiderte sie gezwungen fröhlich. Sich in Harrys Arm einhakend und Shacklebolts missbilligenden Blick ignorierend, steuerte sie den Kurs zu einem Bekleidungsgeschäft an.

Nachdem Harry sorgfältig ausgemessen wurde, bestellte Harry drei Garnituren Sommerroben, drei Garnituren Winterroben aus Wolle – beide Male mit entsprechenden Unterroben – und zwei schwarze Umhänge: alles für die Schule. Dies außer Acht gelassen, bestellte er noch zwei Garnituren Festroben: Eine in dunklem Waldgrün und Altgold, die andere in dunklem Burgund und mattem Silber. Dann ging er zu den Hosen über: Sechs schwarze Paare und sechs weitere in verschiedenen geschmackvollen Farben. Anschließend bestellte er noch vierundzwanzig Hemden aus feinem Leinen und Seide in umfangreicher Farbwahl, sechs Kaschmirpullover und zwei schwere, wasserdichte Mäntel, von denen einer mit kunstvollen Stickereien verziert war.

Harry war schwer auf Madame Malkins Beratung hinsichtlich des Stils und der Farben angewiesen, doch er beachtete ihre Erklärungen über das, was ihm stehen würde und warum, nicht wirklich. Fast wie ein nachträglicher Einfall nahm er noch zwei Dutzend Paare Unterwäsche in drei körpergerechten Stilen (alles Lappige konnte geschrumpft oder gebündelt werden, damit die Falten seiner Klamotten behoben würden) und je ein Dutzend Paare feine Socke, schwarze Wollsocken und weiße Baumwollsocken mit.

Zaubersprüche beugten der Erfordernis eines Hutes vor, aber sein Haar war alles andere als kenntlich. Daher kaufte er sich den am wenigsten verzierten Hut, den sie hatten. Eine weltlichere Person hätte vielleicht erkannt, dass dieser eine entfernte Ähnlichkeit zu einem australischen Regenhaut-Hut regnerischer Vielfalt aufwies, obwohl er aus der Haut eines norwegischen Ridgebacks gefertigt wurde. Die Krempe war breiter und er hatte ein umfangreiches, goldfarbenes Band mit großen roten Federn, die an einer Seite angeheftet waren.

Zwei Shirts und eine Hose, die ziemlich gut zusammenpassten, kaufte er sofort und zog sie direkt an; auch, um etwas zum Wechseln zu haben. Alles andere würde maßgeschneidert und zu Beginn des Schuljahres nach Hogwarts geliefert werden. Madame Malkins, welche darauf bestanden hatte, den Jungen-der-lebt selbst zu bedienen, hielt Harrys alte Kleidung zwischen Daumen und Zeigefinger, als ob sie befürchtete davon verseucht zu werden.

„Was soll damit passieren, Mister Potter?“ Ihre Stimme drückte deutlich ihre Abneigung aus.

Harry blickte sie an und brach bei ihrem Gesichtsausdruck beinahe in Lachen aus. „Verbrennen?“ schlug er grinsend vor.

Anstatt dessen zog sie ihren Zauberstab und lies sie verschwinden. „Wünschen Sie sonst noch etwas, Mister Potter?“ Nun war ihre Stimme viel warmherziger.

Harry sah sich im Geschäft um. „Ich kann keine Schuhe entdecken, oder Stiefel?“

„Da würde ich Ihnen den Leder Laden am Ende der Straße empfehlen“, entgegnete sie.

„Wie war der Name?“ fragte er.

„Der Leder Laden“, wiederholte sie.

„Ja, genau“, erwiderte Harry, in der Annahme, sie habe eine Frage gestellt, und blickte seltsam zu Tonks hinüber. Diese schien plötzlich an einem schlimmen Kicheranfall zu leiden und Shacklebolt schmunzelte an seinem Platz an der Tür.  

„Das ist der Name, Mister Potter“, sagte Madame Malkins geduldig, die Lippenwinkel in Belustigung kräuselnd.

Harry errötete vor Verlegenheit. „Oh.“ Und nach einem Moment peinlicher Stille: „Danke.“

„Schon in Ordnung, Mister Potter.“

„Wie viel bekommen Sie, bitte?“, fragte Harry schließlich, um das Thema zu wechseln.

Nachdem er die Rechnung bezahlt hatte, machten sie sich auf den Weg zu dem Leder Laden. Unterwegs kam Harry eine Frage in den Sinn. „Ihr habt beide den ganzen Tag mit mir verbracht; werdet Ihr eigentlich dafür bezahlt?“

„Wir machen das gern, Harry“, antwortete Tonks, was bedeutete, dass sie kein Geld dafür bekamen. Sie opferten ihre Freizeit, um ihn zu bewachen. Doch Harry wusste es besser, als ihnen anzubieten, sie zu bezahlen; sie würden ablehnen und sagen, es sei ihre ‚Pflicht’. Nun, es gab andere Wege.


~*~


Der Leder Laden hatte Schuhe und Stiefel in vielen verschiedenen Stilen und aus etlichen Tierhauttypen. Auch Lederklamotten, Accessoires, Drachenhautpanzer und magiefördernde Rucksäcke wurden dort geführt. Sich umschauend, stellte Harry fest, dass sich die drei Paar Schuhe, die er eigentlich geplant hatte, auf einige andere Dinge ausgeweitet hatten. Und als er sich die Rucksäcke ansah, erinnerte er sich an seinen eigenen, der jetzt, da er ihn die letzten fünf Jahre benutzt hatte, zu abgenutzt und beschränkt war. Er musste ihn ersetzen. Aber das sah nach einem weiteren Laden aus und er hatte schon genug von Kingsleys und Tonks Zeit in Anspruch genommen. Also dann… Er hatte sowieso die Absicht, im Tropfenden Kessel zu bleiben anstatt zu den Dursleys zurückzugehen. Daher würde er später wiederkommen – vielleicht morgen. Doch diesen Umstand musste er fürs Erste noch vor seinen Bewachern verbergen, sodass er seinen ursprünglichen Plan zu Ende führte.  

Als er das Geschäft verließ, hatte er ein Paar schwarze ledergeschützte Schuhe für die Schule, ein Paar Drachenhautstiefel und ein Paar Sportschuhe.

„Es ist schon spät und es war ein langer Tag. Darf ich Euch also beide zum Abendessen in den Tropfenden Kessel einladen?“ fragte Harry. „Ich bestehe sogar darauf. Es ist das mindeste, was ich tun kann.“

Tonks kam gerne auf sein Angebot zurück, doch Shacklebolt entschuldigte sich mit der Erklärung, seine Frau erwarte ihn. Das gefiel Harry ganz gut: Eine Person weniger, mit der er zu diskutieren hatte; und Tonks dürfte leichter zu überzeugen sein.

Als sie das Establishment betreten hatten, führte Harry Tonks zu einem Tisch, der nah genug am Feuer stand, damit es gemütlich war, aber weit genug von dessen Licht entfernt, sodass er nicht so leicht für die anderen Gäste zu erkennen war.

„Was möchtest du?“ fragte er sie. Aus Rücksicht auf die Atmosphäre und die Tageszeit hatte sie ihre Haarfarbe von ihrem vorigen grellen pink in ein ruhigeres dunkelblau verändert.

„Fisch und Pommes, weiche Erbsen und ein großes Dunkles?“ antwortete sie.

„Du bist leicht zufrieden zu stellen“, neckte Harry sie und ging zur Bar. Es hörte sich eher nach einer Bestellung fürs Mittagessen als nach einem Abendessen an, aber wenn es sie glücklich machte…

„Hallo, Tom“, begrüßte Harry den Barinhaber. „Was steht heute Abend auf der Speisekarte?“

„Hallo, Harry“ erwiderte der Mann heiter. „Wie wär’s mit Lammkoteletts, Bratkartoffeln, Kraut un’ Pudding mit Rosinen*2? Aber ’türlich könn’n wir auch was andres für dich koch’n.“

„Mhm, hört sich gut für mich an. Meine Begleiterin hätte gerne Fisch und Pommes, weiche Erbsen und ein großes Dunkles. Ich krieg ein Butterbier. Danke.“

„Wie immer, Harry“, sagte der Mann leichthin, die Bestellung an die Küche weiterleitend.

„Und ich hätte gerne ein Zimmer bis die Schule wieder anfängt, bitte“, fügte Harry hinzu.

Tom hob eine seiner Augenbrauen, doch er war ein Geschäftsmann; er würde keine Kundschaft wegschicken. „Für dich allein?“, fragte er.

„Ja, bitte.“

Tom drehte sich um und holte einen Schlüssel von dem Regal hinter ihm. „Nummer fünf liegt am Ende des Korridors: hübsch und ruhig.“

Harry nahm den Schlüssel und steckte ihn ein. „Danke, Tom.“ Er gab dem Mann vier zehn-Galleonen Münzen. „Um die Rechnung zu bezahlen”, sagte er. „Und behalte den Rest.“ Es war mehr als das Doppelte des eigentlichen Preises, Essen und Getränke miteinbezogen, doch das Geld würde sicherstellen, dass Tom kein Wort über Harrys Aufenthalt dort verlieren würde. Harry war sich ziemlich sicher, dass der Mann ohnehin diskret war, aber eine kleine Extraversicherung tat niemals weh.

Tom blickte beinahe beleidigt auf die Überbezahlung, doch das Geld nahm er trotzdem. Das Geschäft lief eben nicht besonders gut in letzter Zeit.

Harry kehrte unterdessen mit den Getränken zu seinem Tisch zurück. „Tom meint, es dauert nicht lange“, sagte er zu Tonks, als er sich setzte.

„Du hast doch nicht wirklich geglaubt, ich würde es nicht sehen, oder Harry?“ fragte sie, bevor sie ihren ersten Schluck von dem Bier nahm.

Harry zuckte mit den Schultern. „Nicht wirklich, nein“, antwortete er und folgte ihrem Beispiel. „Außerdem hättest du es sowieso wissen müssen bevor du gegangen wärst, weil ich nämlich nicht zu den Dursleys zurückgehen werde.“

Tonks lehnte sich nach vorn über den Tisch. „Dumbledore wird nicht besonders erfreut darüber sein“, warnte sie ihn mit leiser Stimme.

Harry sah ihr direkt in die Augen. „Das ist mir ziemlich egal“, erwiderte er. „Aber ich würde es schätzen, wenn du Hedwig und meinen Schulkoffer aus dem Haus der Muggle retten könntest. Ich habe alles bis auf die Dinge, die ich noch unmittelbar gebraucht haba, gepackt bevor ihr aufgetaucht seid.“

„Und wenn ich es nicht tue?“ forderte sie ihn heraus.

Harry sah sie hart an. „Da ist immer noch der Fahrende Ritter“, sagte er. Dann lehnte er sich vornüber und sprach in ernstem Ton. „Ich hätte euch auch vortäuschen können, zurückzugehen und dann den Fahrenden Ritter nehmen können und ihr wärt kein bisschen klüger. Auf diesem Weg wüsstet ihr, wo ich bin.“

„Wir könnten den Fahrenden Ritter sperren lassen“, sagte Tonks, Harrys Entschlossenheit auf die Probe stellend.

„Dadurch würdet ihr mich nur zwingen andere Maßnahmen zu ergreifen“, entgegnete er kalt, seine Augen gleich grünem Eis. „Und ich hätte eine andere Bleibe finden müssen – irgendwo, wo ich vielleicht nicht so sicher sein würde.“

In bestürzter Überraschung lehnte Tonks sich zurück und betrachtete ihn. Während sie dies tat, fielen ihr Veränderungen an Harry auf, die sie zuvor übersehen hatte, aufgrund ihrer Vertrautheit zu ihm. Harrys Gesicht war kantiger geworden – weniger kindlich. Es war noch nicht so kantig und knochig, als dass sie daran dachte, es wäre fast so wie das eines Erwachsenen, aber die Aussicht auf einen Erwachsenenlook hatten schon begonnen durchzuscheinen. Auch Harrys Augen waren härter – welterfahrener und abgeklärter. Und sie erinnerte sich, wie Harry an diesem Tag seine Interaktionen mit anderen Personen gehandhabt hatte.

Kurzzeitig hatte sie einen Stich von Eifersucht auf denjenigen verspürt, bei dem der Junge – nein, junge Mann – letztlich hängen bleiben würde. Irgendwie dachte sie jedoch, dass dieser ‚jemand’ keine Frau sein würde. Harry hatte nicht den geringsten Hauch Sanftheit oder Weiblichkeit in seinem Verhalten, doch da war eine unaussprechliche Eigenschaft, die regelrecht ‚schwul’ schrie. Vielleicht war es die Art, wie er sie nicht ansah, oder auch nur irgendeine Frau, der sie begegnet waren. Es gab keine Andeutungen von Begierde oder Lust nach ihnen – nicht der Hauch von Interesse außer des bloß beiläufigen.

„Du bist gewachsen“, bemerkte sie leise.

Harry zuckte leicht die Achseln. „Ich bin jetzt etwa 1,74 groß“, erwiderte er. Mit gerade erst sechzehn Jahren würde Harry noch weiter wachsen; vielleicht sogar weitere acht oder zehn Zentimeter.  

Tonks schüttelte ihren Kopf. „ Nein, das meinte ich nicht. Ich habe bereits bemerkt, dass du größer geworden bist, als wir dich abgeholt hatten. Nein, was ich meine ist, dass du reifer geworden bist.“

„Jemanden zu verlieren, den man geliebt hat, kann so was bewirken“, sagte Harry. Seine leise Stimme zeigte seine Verbitterung.

Im selben Augenblick erschien Tom mit ihrem Essen. Nachdem er es abgestellt hatte und wieder zurück hinter seine Bar gegangen war, begannen sie zu essen, eine ungemütliche Stille zwischen ihnen. Tonks beobachtete Harry weiter, während sie aßen und Harry gab vor, es nicht zu bemerken.

„In Ordnung“, sagte Tonks schließlich, da sie fast fertig waren, und brach die Stille zwischen ihnen. „Du kannst hier bleiben.“

Als ob du mich hättest aufhalten können’, dachte Harry rebellisch.

„Aber ich erwarte von dir“, fuhr sie fort, „dass du dich jeden zweiten Tag beim Orden meldest, ganz so wie du es bei deiner Tante und deinem Onkel auch getan hast. Und ich werde so oft wie möglich zur Kontrolle bei dir vorbeischauen. Wenn ich nicht selbst kommen kann, dass werde ich jemand anderen schicken. Und wenn du nur einmal vergisst…“ Sie ließ die Drohung mitten in der Luft hängen.

Harry nahm ihr die Einschränkungen und die Tatsache, dass er von jemandem kontrolliert werden würde übel, doch es war besser als wenn der Orden eine Großfahndung organisieren würde, wenn er plötzlich verschwunden wäre.

Tonks tupfte ihre Lippen mit einer Serviette ab, erhob sich anschließend und kam um den Tisch herum auf Harrys Platz zu, lehnte sich vor und platzierte einen Kuss auf seinen Kopf. „Denk dran – jeden zweiten Tage eine Eule“, mahnte sie ihn.

„Ja, Mutter“, erwiderte Harry sarkastisch.

Tonks schlug ihm leicht gegen den Hinterkopf. „Freche Göre“, sagte sie leise lachend. Dann umarmte sie ihn kurz und verließ die Bar. Sie bemerkte nicht, dass Harry für diese Sache der Humor fehlte – sie sah nicht hin.


~*~


Harry brachte seine Schuhe und das andere Gepäck in sein neues Zimmer, schloss die Tür ab, zog dann seine abgetragenen Turnschuhe aus und schmiss sie in den Mülleimer, bevor er das diesjährige VgddK-Buch aus seinen Schulsachen ausgrub. Er sah es sich an, dann überdachte er es noch mal und holte stattdessen das Zaubertrankbuch heraus, bevor er auf das Bett kletterte und zu lesen begann.

Etwa eine Stunde später lieferte Mundungus Fletcher seinen Schulkoffer und Hedwig in ihrem Käfig ab. Harry bedankte sich, ließ Hedwig heraus und öffnete das Fenster für sie. Dann, als der Mann gegangen war, durchsuchte er seinen Koffer sorgfältig. Erfreulicherweise war alles da, sodass er eine Zeit lang Hedwig streichelte und mit ihr sprach, ehe er das diesjährige Zaubertrankbuch weiter durcharbeitete.

Wirklich – was dachten sie sich, einem bekannten Dieb seine Habseligkeiten anzuvertrauen?


~*~


„Alle Achtung… du hast dich ganz nett herausgeputzt, Potty. Wenn du jetzt nur noch etwas mit diesem Heuhaufen auf deinem Kopf und diesen-“

Harrys Hand drückte sich gegen Dracos Kehle, als er den Slytherin praktisch gegen die Wand knallte und den höhnischen Worten ein Ende setzte.

„Ich bin nicht in der Stimmung, um deinem Gelaber zuzuhören, Malfoy“, zischte Harry, unbedacht irgendwelcher vorübergehenden Personen.

Obwohl Furcht seine Augen erfüllte, beabsichtigte Draco nicht, so leicht nachzugeben. „Was würden deine Freunde zu deinem Verhalten sagen, Potty?“ spottete er hauchend, da er nur wenig Luft bekam. Der Gedanke, seinen Zauberstab zu ziehen, schlich durch seine Gedanken, doch er räumte sich keine Chancen ein.

„Frag mich, ob’s mich interessiert, Malfoy.“

„Ich denke nicht“, war die leicht trotzige Erwiderung.

Sehr gut. Dann muss ich nicht diese einladenden Lippen beschädigen, nicht wahr?“ Mit diesen Worten drückte Harry als Warnung kurz fester gegen Dracos Hals, wandte sich dann ab und führte seinen Weg fort, den Schock in den ängstlichen Augen des Blonden nicht sehend.

Harry war auf dem Rückweg vom Leder Laden, nachdem er ein äußerst zufrieden stellendes, wenn auch einfaches Frühstück gehabt hatte, als sein Erzrivale ihn angesprochen hatte. Es war jedoch ein Rätsel, dass Malfoy allein gewesen war. Der Blonde war fast nie allein und hatte immer einen oder mehrere seiner Slytherinkumpanen dabei.

Als er sich sicher war, dass ihn niemand beobachtete, bearbeitete Harry heimlich seine Erektion, bis sie abgeklungen war.

Draco seinerseits starrte Harry hinterher, seinen Hals dort reibend, wo Harry ihn zusammengedrückt hatte, und seinen eigenen Körper für seinen Verrat verfluchend. Nicht nur, dass er hart geworden war, als Harry sich gegen ihn gepresst hatte – etwas, über das er sich keine Sorgen gemacht hätte, wenn es nur irgendein anderer Kerl gewesen wäre (na gut, einer, den er ausgewählt hätte; obgleich er selbst eigentlich derjenige war, der ‚presste’) – so fühlte er sich auch noch erröten und war mehr als atemlos. Es war lediglich ein Zufall. Es musste einer gewesen sein. Er wollte Harry-ich-bin-zu-blöd-zum-sterben-Potter nicht. Und er würde es beweisen.  

Dabei versuchte er zu vergessen, dass er nun wusste, dass Potter ab jetzt auf der ‚zu-haben’-Liste stand.


~*~


Als Harry im Leder Laden war, war das erste, das er sich angesehen hatte, die Rucksäcke gewesen. Er hatte sich einen von ihnen herausgesucht, der aus dickem, haltbarem Leder bestand und in britischem grün gefärbt war. Er hatte vier Fächer, nur zwei von ihnen, die innen keinen ausgedehnten Platz hatten. Dann wählte er einen knielangen Drachenhautmantel vom Peruanischen Viperzahn (kupferrot gefärbt), ein Paar Drachenhauthosen vom Schwedischen Kurzschnäuzler (silberblau) und ein ärmelloses Shirt vom Antipodischen Opalauge (schillernd weiß)*3 aus.

Mit dieser Ausstattung sah zum einen stilvoll aus und zum anderen war er durch die Materialstärke vor Zaubersprüchen gut geschützt. Es würde zwar nichts stoppen, was über diese Stärke hinausging, doch die Effekte würden um ein oder zwei Größen gedämpft werden.

Auf nähere Betrachtung, entschied er sich dazu, sich eine Kampfrüstung zu kaufen. Sie war zwar nicht schön, aber der Ukrainische Eisenbauch*3 konnte eine Person eine ganze Weile vor allem beschützen, bis auf den Todesfluch. Er hoffte, dass er sie nie brauchen würde, aber wenn er doch… Die Rüstung, die tatsächlich aus einer Drachenhauthose, einer Weste, einer Robe mit Kapuze und Stiefeln bestand, würde annähernd einen Monat brauchen, um sie anzufertigen, da jedes Teil individuell hergestellt und maßgeschneidert werden würde. Harry hatte gefragt, ob man Schutzzauber auf sie aussprechen könnte, doch ihm wurde gesagt, dass Drachenhaut selbst schon vor Flüchen schützte, da es dazu tendierte, diese zu reflektieren – kein gutes Material also, um einen Zauberspruch darauf auszusprechen. Er fühlte sich ziemlich dumm, hinterher.

Da er die wichtigen Dinge erledigt hatte, suchte Harry sich zwei breite, eindrucksvoll und schön gearbeitete Gürtel aus, die er mit seinen Festroben tragen würde, drei Sätze sehr flaue, pastöse Unterwäsche aus Schweinsleder, die wie Handschuhe passten, und zwei Paar Lederhosen – eine braune und eine schwarze – de ebenfalls hauteng waren: sowohl Hosen als auch Unterwäsche wurden so verhext, dass sie maximale Beweglichkeit ermöglichten und der Haut erlaubten, zu atmen. Er entdeckte auch einige schlüpfrigere Sachen, wie ein Paar Hosen, die zusammengeschnürt wurden, da sie an der Seite offen waren, doch er beschloss, dass er noch nicht bereit war, schon so weit zu gehen.

Nachdem er sichergestellt hatte, dass seine Einkäufe bis auf den Rucksack, ein Set Unterwäsche von der Farbe getrockneten Blutes und die schwarze Lederhose, die er sofort mitnahm, geliefert werden würden, machte er sich auf den Weg zu Gringotts. Als er aus dem Geschäft trat, erspähte er allerdings noch niedrige Festonstiefel mit Ketten und kaufte auch diese aus einem Impuls heraus.

In der Bank überwies er dreißig Galleonen an Tonks und Shacklebolt. Dann verbrachte  er den Rest des Morgens in den amtlichen Potter- und Blackfamilienverliesen (die meiste Zeit in ersterem). Er entschied sich dazu, das Bücherverlies, welches ebenso einige Artefakte beinhaltete, für ein anderes Mal zu verlassen. Er war vielmehr überrascht darüber, dass Sirius sein Cousin war, obgleich es nicht allzu nah war: was bedeutete, über viele Ecken, dass Narzissa und deshalb auch Malfoy… Nun, sie waren nicht so nah miteinander verwandt, als dass sie sich hätten akzeptieren müssen… oder? Dann waren da noch Andromeda und Nymphadora Tonks, da Andromeda Narzissas Schwester war. Harry ignorierte unverwandt die Existenz der dritten Schwester. Denn diese war tot, sobald er es arrangieren konnte.

Sich bewusst, dass die meisten der britischen Zaubererbevölkerung über eine oder mehrere Ecken miteinander verwandt waren, gürtete Harry mental seine Lenden und öffnete seinen Geist, um seine Verwandtschaft zurückzuverfolgen. Endlich fühlte Harry den Gewinn in der Welt zu bekommen, die er glaubte, retten zu müssen, und dies wollte er nicht aufgeben, ganz egal wie unbequem es für ihn werden würde.

Nach einer Mittagspause kehrte Harry wieder zu den Verliesen zurück. Als sein Magen ihm zu Verstehen gab, dass es Zeit fürs Abendessen sei, ging er nur ungern, doch er nahm sich noch einige Dinge aus den Verliesen mit.


~*~            


*1 Im Originaltext von Draeconin heißt es ‚Veil Between the Worlds’, was wörtlich übersetzt ‚Schleier zwischen den Welten’ bedeutet. Damit ist die Verbindung bzw. das Tor zwischen dieser Welt und der Welt der (vermutlich) Toten gemeint. Aber ich denke, jeder kennt den Schleier aus JKR Band 5…

*2 ‚chops, bubble and squeak, and spotted dick’: chop – (Lamm-, Hammel-, Schwein-) Kotelett; bubble and squeak – normalerweise Bratkartoffeln und Kraut/Weißkohl, manchmal aber auch mit anderem Gemüse; spotted dick – Pudding aus Mehl, Talg und Brotkrumen (gewöhnlich mit Rosinen).

*3 Der Peruanische Viperzahn, der Schwedische Kurzschnäuzler, der Antipodische Opalauge und der Ukrainische Eisenbauch sind Drachenarten, die der Feder JKRs entsprungen sind.


TBC

 
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