Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
«
»
von MysticT    erstellt: 09.07.2007    letztes Update: 24.03.2010    Geschichte, Krimi / P18    (fertiggestellt)
Der Fuchs sagt:
"Jeder weiß, dass all das Mahnen wenig nützt,
dass Vorsicht allein unsere Kinder nicht schützt.
Wie sollen sie sich denn von der Gefahr fernhalten?
Kinder erkennen manche gefahren einfach nicht.
Ja, ist es denn dann nicht unsere verdammte Pflicht
die Gefahr für unsere Kinder auszuschalten?"

Der Prediger sagt:
"Wer ein Einziges der Kleinen fängt,
für den wäre es besser, er würde versenkt
mit einem Eselsmühlstein auf dem Meeresgrunde!"

Der Richter sagt:
"In welchem Erdloch er sich auch verbirgt,
sein Recht auf Freiheit ist für alle Zeit verwirkt!"

Das Unfassbare ist in diesem Wald gescheh'n.
Nichts ist wie es war, wie soll das Leben weitergeh'n?
Nur einer fehlt, doch dieser eine fehlt uns allen.

(aus: Reinhard Mey - Der kleine Wiesel)


Der Herbst hielt dieses Jahr langsam Einzug im Nordseeraum. Obwohl es bereits Mitte September war leuchteten die Blätter der Bäume noch in saftigem grün und die Wiesen boten dem Vieh mehr als genug Nahrung. Die alten Fischer und Bauern schüttelten die Köpfe und beschwerten sich über laue Brisen und warme Temperaturen an diesem sonst durch Sturm und Kühle gekennzeichneten Flecken Erde. Sogar die Kühe wunderten sich und lagen den ganzen Tag faul im Schatten, anstatt sich, als Schutz gegen den kalten Wind, zusammenzudrängen.
Der Tag war viel zu schön, um ihn drinnen zu verbringen, also waren die beiden Brüder Henry und Stefan von ihren Eltern gleich nach dem Mittagessen nach draußen geschickt worden. Die beiden Kinder hatten es mit Freude aufgenommen, denn Henry, der Ältere, hatte erst vor einigen Tagen im Wald die Überreste eines alten Bunkers gefunden, den sie jetzt inspizieren wollten. Ausgerüstet mit Stöcken, als Verteidigung gegen den unsichtbaren Feind, und einer Taschenlampe, waren die Brüder in den nahen Küstenwald aufgebrochen.
Die Sonne schien durch das Blätterdach und beleuchtete den alten Pfad, dem Henry und Stefan folgten, geheimnisvoll. Der Pfad, das wusste Henry, führte hinunter zur Adolfskoog und damit zur Nordseeküste. Um diese Zeit, schätzte der Ältere der beiden, würde Ebbe herrschen. Umso besser, bei dem flachen Land war es möglich, dass der in der Erde versunkene Bunker sonst überflutet wäre. Mit seinem Stock schlug er unterwegs fröhlich auf die Pflanzen ein, die am Wegesrand wuchsen.
Nach einiger Zeit des Laufens erreichten sie die Stelle, die Henry gesucht hatte. Während der Pfad sich ein wenig nach rechts in Richtung Adolfskoog bewegte, ging Henry raschen Schrittes nach links in den Wald. Hier, kaum sichtbar, aber für kindliche Fantasien ein breiter Weg, begann eine Schneise.
„Henny?“, Stefans Stimme hallte ängstlich durch den so stillen Wald. Entnervt drehte sich der Angesprochene um.
„Was ist denn?“, rief er zurück. Sein Bruder war am Wegrand geblieben, ungefähr dreißig Meter von Henry entfernt. Ungeduldig schlug er mit dem Stock auf den Boden.
„Mama hat gesagt“, begann der Jüngere, wurde aber sofort unterbrochen.
„Ist doch egal, was Mama sagt“, keifte Henry, „Jetzt sind wir einmal hier und jetzt will ich mir den alten Klotz auch mal von Innen ansehen.“
Er war mit neun Jahren der Anführer der Jungen. Sein Bruder Stefan war erst sieben. Und für Henrys Geschmack hing er zu sehr am Rockzipfel seiner Mutter.
„Aber das ist gruselig“, ließ sich Stefans dünne Stimme vernehmen.
„Mir doch egal!“, rief Henry und ging tiefer in den sommerlichen Wald hinein, „Ich fürchte mich nicht. Kannst ja nach Hause laufen und dich bei Mami ausheulen, wenn du dich nicht traust.“
Der ältere Bruder lief ein Stück durch das Laub und hieb dabei mit dem Stock die dünnen Äste der Bäume beiseite, die ihm in die Quere kamen. Dann kletterte er auf einen kleinen Hügel und spähte durch den Wald. Irgendwo hier musste es gewesen sein.
Er hörte raschelnde Schritte hinter sich und drehte sich schnell um, aber es war kein imaginärer Feind, sondern lediglich Stefan, der nicht alleine nach Hause laufen wollte und seinem Bruder nun doch zwischen die Bäume gefolgt war.
Henry drehte sich wieder um und beachtete seinen kleinen Bruder so wenig wie möglich. Der klammerte sich schnell an Henry fest, während dieser wiederum seinen Blick durch über das Laub schweifen lies. Dann entdeckte er es.
„Dort drüben.“, sagte er und stiefelte los, Stefan diesmal in seinem Schlepptau.
Schließlich fanden sie den Bunker. Er war noch genauso, wie Henry ihn in Erinnerung hatte. Früher einmal war er wahrscheinlich ganz unter Erde und Laub verborgen gewesen, doch Witterung und Wind hatten eine Ecke freigelegt. Neben einer Eiche klaffte in der Betonmauer ein Loch.
„Was ist das, Henny?“, fragte Stefan und deutete auf das Loch. Noch immer hatte er nicht gelernt, den Namen seinen Bruders richtig auszusprechen. Wahrscheinlich würde er es auch nie lernen.
Henry schüttelte seinen Bruder ab und ging vorsichtig näher an die Wand heran, den Stock erhoben, für den Fall, dass ein Tiger aus dem Loch kommen und sich auf sie stürzen könnte. Stefan folgte ihm dicht. Als sie das Loch erreichten zog Henry die Taschenlampe hervor und knipste sie an. Dann leuchtete er in die schwarze Finsternis und steckte den Kopf durch das Loch.
„Was siehst du?“, flüsterte sein Bruder hinter ihm. Henry zog den Kopf wieder hervor.
„Unermessliche Schätze.“, sagte er und stieg durch den Durchbruch in den Bunker. Bis zum Boden war es etwas mehr als ein Meter. Drinnen war es dunkel, feucht und stickig. Eine dicke Schicht Erde und Laub bedeckte den Boden und schluckte jedes Geräusch. Durch das Loch fiel etwas Sonnenlicht und beleuchtete die gegenüberliegende Wand. Auch aus Beton, dachte Henry.
„Henny?“, Stefans Stimme war im Bunker nur dumpf zu hören. Henry drehte sich um und ging ein paar Schritte zum Loch zurück, um seinem kleinen Bruder hinein zu helfen. Dann knipste er die Taschenlampe wieder an und leuchtete in alle Ecken. Links von dem Loch befand sich in der Seitenwand eine rostige Eisentür. Sie stand einen Spalt offen.
„Komm. Hier lang.“, sagte Henry und nahm seinen Bruder an der Hand. Die Tür ließ sich noch ein Stück aufziehen, sodass sie sich hindurch quetschen konnten. Henry schwenkte wieder die Lampe und sie sahen, wo sie sich befanden.
Vor ihnen führte eine Betontreppe hinunter, tiefer unter die Erde. Nur einzelne trockene Laubblätter lagen verstreut, ansonsten machte der Bunker den Eindruck, als habe man ihn erst gestern verlassen. Henry gab sich ein paar Sekunden der Vorstellung hin, am Ende der Treppe noch einen Einsatztrupp Soldaten zu finden, die ihrem Tagwerk nachgingen. Ein Funker würde, große Kopfhörer auf den Ohren, geheime Nachrichten verschicken und ein Kommandant würde, über eine Karte gebeugt, die nächsten Schritte ihres Vorgehens planen.
Henry riss sich zusammen und leuchtete die Treppe hinunter. Am nächsten Absatz sag er gerade noch Stefan um eine Ecke verschwinden.
„Hey!“, rief er ihm nach und sah sich hastig um, ob es wirklich Stefan gewesen war. Aber das schallte schon seine Stimme, merkwürdig verzerrt, nach oben: „Hast du Schiss, Henny?“
Henry konnte seinen Bruder lachen hören. Es war doch  nicht zu fassen. Eilig nahm auch er die Treppe in Angriff. Am ersten Absatz angekommen, überlegte er, wie er weiter vorgehen musste. Die Treppe führte eine weitere Ebene nach unten, vor ihm und links von ihm waren weitere, geöffnete, Eisentüren. Stefan hat keine Lampe, überlegte Henry. Wahrscheinlich versteckt er sich hier in der Nähe und wartet, dass ich komme, um mich zu erschrecken. Belustigt von der Vorstellung den schlauen Plan seines Bruders so schnell entschlüsselt zu haben, schlich Henry durch die linke Tür. Mit der Lampe leuchtete er durch den Raum. Er war leer. Am anderen Ende stand wieder eine Tür offen. Langsam schlich Henry weiter. Daran, die Lampe auszumachen, dachte er gar nicht. Sollte Stefan ihn doch ruhig kommen sehen. Wenn er sich bewegen würde, würde Henry ihn schneller haben, als er „Schnappdich“ sagen könnte.
Jetzt hatte er die Tür erreicht und schlüpfte hindurch, leuchtete links und rechts der Tür, ob sein Bruder dort hockte und nur darauf wartete, dass er, Henry, durch diese Tür kommen würde. Aber sein Bruder war nicht zu sehen. Henry richtete sich wieder auf und leuchtete in den Raum. Ihm stockte der Atem.
Hier standen überall alte Geräte herum, von einer dicken Staubschicht überzogen. An den Wänden reihten sich die Aktenschränke und in der Mitte stand ein großer Tisch mit einem Stuhl. Weiter hinten glaubte Henry ein Funkgerät ausmachen zu können. Bedächtig ging er, die Lampe vor der Brust, darauf zu. Plötzlich glaubte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung zu sehen. Mit der Lampe fuhr er herum und rief: „Stefan?“
Aber da war nichts. Sollte sein Bruder doch bleiben, wo der Pfeffer wächst, dieses Funkgerät reizte ihn mehr als alles andere. Er musste es genauer untersuchen. Wieder eine Bewegung. Er leuchtete dorthin. Natürlich war dort wieder nichts. Er wandte sich erneut dem Funkgerät zu.
Eine Hand packte ihn von hinten und hielt ihm den Mund zu. Dann wurde ihm die Lampe aus den Händen geschlagen. Henry sah sie in Zeitlupe durch den Raum segeln, auf dem Boden aufprallen und erlöschen.
Dunkelheit legte sich über die plötzliche Stille und Henry wusste, dass es nicht sein Bruder sein konnte, der ihn da überfallen hatte.
«
»
Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
> Nutzungsbedingungen <   > Datenschutz <   > Impressum <          v3.9-7097