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von Rebescha    erstellt: 16.06.2007    letztes Update: 01.07.2007    Geschichte, Romanze / P12    (fertiggestellt, keine anonymen Reviews)
1. Selbstmitleid

„Mistwetter“…So habe ich mir mein Leben in meiner Traumstadt wahrlich nicht vorgestellt. Da hat man endlich mal Feierabend und dann so was!
Mein Name ist Rebecca. Ich bin 21 Jahre alt und arbeite seit knapp einem halben Jahr als Festangestellte in einer Anwaltskanzlei in München. Den ganzen Tag in einem winzigen, stickigen Büro bei strahlendem Sonnenschein, so heiß, dass ich sogar schon meinen kleinen Tischventilator aus dem Schrank gekramt habe. Jetzt, wo ich dann endlich Feierabend habe und in mein gemütliches Wochenende abdriften kann, gießt es in Strömen. Wieso sollte es auch anders sein? Schließlich kann auch nur ich so ein Glück haben.
Hastig, soweit dass auf diesen ätzenden Pumps geht, laufe ich durch die Innenstadt um die S-Bahn noch zu erwischen, die mich hoffentlich noch vorm Schließen des Supermarktes zum selbigen bringt. Ich muss heute wirklich mal wieder einkaufen gehen, sonst falle ich noch vom Fleisch.
Warum musste ich auch unbedingt hierher ziehen?!?! Hätte ich nicht zu Hause in meinem kleinen Kaff glücklich und zufrieden alt werden können? Nein, natürlich nicht! Rebecca muss ja unbedingt in die weite Ferne ziehen, über 600 Kilometer von zu Hause entfernt, von Freunden, Familie...Die Person, die mich auf diese absurde Idee gebracht hat, war Simon. Mein damaliger Freund. Wäre er nicht gewesen, hätte ich diese, natürlichen nur an warmen und vor allem trockenen Tagen, wunderschöne Stadt nie kennengelernt.


Flashback

Oktober 2006; Eine Woche München pur. Simon und ich. Mit allem was dazu gehört: Viktualienmarkt, Marienplatz, der englische Garten. Für das Oktoberfest waren wir leider zu spät dran gewesen. Sehr zur Unzufriedenheit von Simon. Das Wetter in dieser Woche war einfach bombastisch. Die Ruhe, welche die so gelassenen Bayern ausgestrahlt haben, war einfach ansteckend. Durch die Fußgängerzone spazieren, ohne auch nur die geringste Hektik. Als Simon und ich dann am Marienplatz kurz innehielten und der beschaulichen Musik eines Xylophonspielers lauschten, beschloss ich nach meiner Ausbildung hier mein weiteres Leben zu verbringen. Simon fand diese Idee hervorragend, vor allem wegen des Oktoberfestes…

Niemand, wirklich niemand, hätte je gedacht, dass es dazu kommt, niemand hatte mir diesen Schritt zugetraut. Als dann jedoch der Zeitpunkt des Umzuges kam, stand ich allein da.
„Rebecca es tut mir leid, aber ich kann das nicht. Ich will nicht so weit wegziehen, alles neu aufbauen. Ich bin glücklich mit allem was ich hier habe. Vergiss es doch einfach. Wir können doch auch hier glücklich sein!?!?“, hatte er gesagt.
Aber nein, das würde ich mir nicht nehmen lassen. Ich musste schon in unsrer vorherigen Zeit so viel zurückstecken, bin für ihn sogar von zu Hause ausgezogen, ohne Geld, aber das geht zu weit. Er wusste ganz genau, dass ich mir das wirklich in meinen Sturkopf gesetzt hatte und dass ich auch ohne ihn diesen Schritt machen würde.

Drei Monate später saß ich allein  im Zug in Richtung München Hauptbahnhof.

Für den Anfang wohnte ich in einem kleinen Appartement, dass ich von meinen Ersparnissen finanzierte, dann zog ich in eine Ein-Zimmer- Wohnung am Rande Münchens ein.
Simon hatte öfters die Aussprache mit mir gesucht, aber für mich war es vorbei. Sein Egoismus hatte mich immer in den Wahnsinn getrieben, dass hatte ich ihm schon vorher mehrmals gesagt und so bestand für mich kein Klärungsbedarf mehr. Simon wurde in die Vergangenheitsschublade verfrachtet.

Vorerst erjobbte ich meine Miete, bis ein gewisser Herr Dr. Schneider, alias Chef, auf meine Bewerbung in seinem Betrieb antwortete und mich nach dem Vorstellungsgespräch einstellte.

Flashback Ende


„Das darf doch nicht wahr sein…“, ich blicke gen Himmel… „Was habe ich denn so schlimmes getan?“ Der letzte Wagon der S-Bahn rauscht quietschend  an mir vorbei. Das wars wohl mit einkaufen. Triefend lasse ich mich auf die Parkbank nieder. Hätte ich mal doch meinen Regenschirm mitgenommen. Der Regen prasselt unaufhörlich nieder und zieht in den tiefen Pfützen kleine Kreise. Ich beschließe aus Zeitvertreib bis zur nächsten Station zu Fuß zu laufen, nass war ich ja eh schon. Bei meinem Glück werde ich nicht mal krank und der ganze Mist hat sich gar nicht gelohnt.
Langsam stöckele ich los, schaue kurz auf den Fahrplan der Nummer 21 und stelle fest, dass ich jetzt noch 25 Minuten Zeit habe.
Ich komme an vielen Schaufenstern vorbei: Schuhe von Prada, Mäntel von Armani, Kleider von Gucci. Vielleicht kann ich mir ja irgendwann mal von diesen Marken ein Paar Socken kaufen, wenn es der Lohn zulässt. Manchmal gehe ich in diese Läden, um nur aus Spaß diese Sachen anzuprobieren, um dann zu behaupten ich hätte meine Kreditkarte wohl zu Hause vergessen, und müsse die Sachen zurücklegen zu lassen. Natürlich unter falschem Namen, ich heiße dann immer Frau Dr. Schneider. Das ist schließlich alles Chefsache.
Allerdings hatten die Läden schon geschlossen und ich sah heute wirklich nicht so aus, als könnte ich mir das alles leisten.

Anscheinend hatte ich mal wieder ein bisschen zu lange vor den Schaufenstern verharrt, denn plötzlich hörte ich ein sehr bekanntes Rattern hinter mir. „Verdammt“, ich sollte nicht so viel träumen, vom reich und schön sein. Ich drehe mich um und sehe die großen Leuchtbuchstaben der Nummer 21 auf mich zu fahren. Sie überholt mich. Ich nehme die Beine in die Hand und beginne zu rennen. Da sind sie wieder. Die Deichmann-Pumps. Auf die Bremslichter der S-Bahn starrend hetze ich über den Gehweg und da passiert es.
Ein stechender Schmerz durchzieht meinen rechten Fuß. Ich gehe zu Boden und mir schießen die Tränen in die Augen. Im Augenwinkel sehe ich die abfahrende S-Bahn. Vorsichtig schaue ich auf meinem Fuß. Ich hatte das Schlagloch auf dem Weg wohl übersehen. Ich Blindfisch. Ich versuche vorsichtig aufzustehen, sacke jedoch wieder in mich zusammen.

Ich weiß nicht wie lange ich dort auf dem nassen Boden gesessen haben muss, aber der Schock saß mir noch tief in den Knochen.
„Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“
Ich drehe mich um und blicke in ein freundlich lächelndes Gesicht eines jungen Mannes. Er trägt eine schwarze Jacke, Jeans und… einen Regenschirm. Letzteren hält er schützend über mich. „Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“
„Natürlich…! Ich sitze immer im strömenden Regen auf der Straße..“ ,antworte ich mit einem leicht patzigen Ton der Ironie in der Stimme. Direkt neben mir steht eine Straßenlaterne. Ich versuche mich daran hochzuziehen, Fehlversuch. Der junge Mann schmunzelt.
„Kommen Sie ich helfen Ihnen!“ Er greift mir unter die Arme und zieht mich sachte nach oben. Ich bleibe auf dem linken Fuß stehen und richte meinen Rock. „Danke…“
„Nicht der Rede wert. Was ist denn mit Ihnen passiert? Sie sind ja nass bis auf die Knochen, und Ihr Fuß?“ Er betrachtet mich von oben bis unten. Seinen tiefblauen Augen bleiben an meinem rechten Fuß hängen.
„Bin umgeknickt und kann nicht mehr auftreten…und meine S-Bahn is weg.“ , antworte ich leicht angesäuert.
„Das ist ja wohl das geringste Übel. Keine Angst Sie kommen schon nach Hause. Sie müssen jetzt erstmal ins Krankenhaus. Nicht das da noch was Schlimmeres ist mit Ihrem Fuß. Den brauchen sie schließlich noch.“ Freundlich lächelt er mich an „Kommen Sie ich fahre Sie! Mein Auto steht 10 Minuten weit weg von hier!“ Er legt meinen Arm um seine Schulter und stützt mich. Auf einem Bein hüpfend überwinde ich die nächsten Schlaglöcher. Die Pumps habe ich mittlerweile ausgezogen und trage sie in der Hand. Das ist sicherer.

Nach einer halben Ewigkeit biegen wir in eine kleine Gasse ein. Wir sind mittlerweile in so einem „SchickiMicki-Viertel“ angekommen. Imposante Penthouses über mir und die dicken Karossen vor der Tür. Mein „Retter“ zieht einen Schlüsselbund aus der Tasche und in ca. 20 Meter Entfernung sehe ich einen Audi blinken. „ Wow, nicht schlecht die Kiste!“ Ich ziehe die Augenbrauen in die Höhe „Dafür dass ich sonst nur S-Bahn fahre…“
„Danke, Mann tut sein bestes um die Frauen zu beeindrucken.“ Er grinst mich verschmitzt an. „Irgendein Wunsch-Krankenhaus?“ , fragt er. „Ich wohne noch nicht lange hier und weiß eigentlich nur wie ich von zu Hause zur Arbeit und wieder zurück komme.“
Ich lasse mich in den weichen Ledersitz fallen.
„Dann entscheide ich also.“ Er dreht den Schlüssel in der Zündung um und fährt los.
 
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