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Geschichte: Fanfiktion
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von haleth
erstellt: 16.06.2007
letztes Update: 16.06.2007
Geschichte, Drama / P12 Slash
(fertiggestellt)
Wir saßen im Fußballstadion, wie jedes Mal, wenn er mich besuchte. Doch irgendetwas schien anders heute. Naja, dieser ganze Besuch erschien anders.
Er hatte plötzlich vor meiner Tür gestanden, unangemeldet, bepackt mit zwei großen Taschen. Er war mit dem Taxi gekommen, hatte mich nicht wie immer vorher angerufen, damit ich ihn vom Flughafen abholen konnte. Er hatte gelächelt, doch nicht dieses freche, offene Lächeln, sondern ein aufgesetztes Lächeln, das nicht seine Augen erreichte.
Obwohl ich meinen Sohn nur selten sehe, kenne ich ihn doch ziemlich gut. Und ich kann sagen, wenn etwas nicht stimmt. Und gerade stimmte eindeutig etwas nicht. Benni schien sich nicht auf das Spiel zu konzentrieren, seine Gedanken kreisten um irgendetwas anders.
„Alles okay, Benni?“ Ich drehte mich zu ihm und er zuckte nur mit den Schultern. Mehr brauchte ich nicht zu wissen. Ich deutete auf den Ausgang und stand auf. Benni folgte mir, als wir uns einen Weg durch die murrenden Massen machten und schließlich standen wir relativ einsam im Foyer.
„Willst du das Spiel nicht zu Ende sehen?“ fragte Benni und ich schüttelte den Kopf. „Das reißen sie eh nicht mehr rum. Das haben sie noch nie geschafft.“
Benni nickte und wir machten uns auf den Weg zum Parkplatz. Ich wühlte in meiner Hosentasche nach dem Schlüssel.
„Können wir ein Stück laufen?“
Ich blickte meinen Sohn überrascht an und ließ den Schlüssel wieder los. „Natürlich.“
Wir liefen schweigend vom Parkplatz, ich spürte, wie Benni mit sich kämpfte.
„Ich habe mich verliebt.“ meinte er schließlich und ich sah ihn überrascht an.
„Das ist doch wunderbar…“ sagte ich vorsichtig; ich konnte mir denken, dass das nicht alles war.
„Fand Mama nicht.“ Sein Gesichtsausdruck war verschlossen und ich wusste, dass wenn er nicht schon fast erwachsen wäre, oder sich so fühlen wollte, jetzt die Tränen fließen würden. Ich seufzte. „Ich bin sicher, sie hat es nicht so gemeint.“ wagte ich einen aufmunternden Versuch. Er blieb stehen und drehte sich zu mir um. „Nicht so gemeint? Was kann man denn an „Verschwinde und lass dich hier so schnell nicht mehr blicken“ falsch meinen?“
Ich schluckte. „Das hat sie gesagt?“ So kannte ich Silvia gar nicht. Gut, sie war etwas temperamentvoll, aber sie liebte Benni genau so sehr wie ich.
„Was ist es noch?“ fragte ich schließlich.
„Wie, noch?“ gab Benni leicht störrisch zurück.
„Benni, ich kenne deine Mutter, auch wenn wir uns nicht mehr all zu oft sehen. Aber ich kann dir versichern, dass sie dich nicht rausgeschmissen hat, nur weil du dich verliebt hast!“
„Ich…“ Er zögerte kurz und seufzte dann. „Es ist mein Klassenkamerad…“
Ich sagte nichts. Aber ich verstand jetzt.
„Papa…“ meinte Benni und sah mich etwas verzweifelt an. Dachte er, ich würde ihn jetzt auch rauswerfen?
„Ja?“ Ich war noch zu aufgewühlt um irgendwelche Worte zu finden.
„Ich bin schwul.“ Mein Sohn lief wieder weiter und ich holte ihn mit wenigen Schritten ein.
„Das hab ich soweit verstanden. Und?“
„Ich bin verdammt noch mal in einen Jungen verliebt!“ Das kam wohl lauter aus ihm heraus als beabsichtigt, denn sofort schaute er sich um, ob es irgendjemand gehört haben könnte.
Ich lächelte. „Du bist also in ihn verliebt?“
„Ja!“ Er schien etwas an mir zu verzweifeln, denn seine Mimik wechselte von Unglauben bis zur totalen Verwirrung.
„Und er?“
„Er sagt, er liebt mich.“
„Dann ist doch alles wunderbar!“
Okay, jetzt in diesem Augenblick wollte mich mein Sohn einweisen lassen, da war ich mir relativ sicher.
„Benni, was hältst du davon, wenn wir einen Kaffee trinken gehen?“ Ich deutete auf das kleine Café gegenüber und mein Sohn nickte. „Okay…“ meinte er und schaute mich immer noch schief an.
Als wir im Café saßen, wusste ich nicht, was ich jetzt sagen sollte.
Ich wusste, mein Sohn hatte es verdient, diese Geschichte zu hören, die ich irgendwo ganz tief in mir vergraben hatte; aber sie jetzt wieder hervorzuholen, schien schwerer, als ich geahnt hatte. Noch nie hatte ich irgendjemand diese Geschichte erzählt. Und sie jetzt gerade vor meinem Sohn auszugraben…aber er hatte mir ja auch vertraut.
„Papa?“ Benni schien meine verkrampfte Miene aufgefallen sein, denn er schaute mich nun besorgt an.
„Benni,“ begann ich vorsichtig. „Weißt du, warum deine Mama und ich uns getrennt haben?“
Er sah mich bei dieser Frage überrascht an. „Nunja, du wolltest wieder heim nach Deutschland, Mama wollte aber nicht aus Spanien weg…“
Ich lächelte. „Ja, so war es…allerdings hatte es nur wenig mit den eigentlichen Ländern zu tun…“
„Ich komme nicht mit nach Deutschland.“ Erstaunt blickte ich auf. „Bitte was?“ „Du hast mich schon richtig verstanden. Benni und ich bleiben hier.“ „Aber…“ „Du kannst sagen, was du möchtest. Es wird mich nicht umstimmen.“
„Aber…aber was wird aus uns?“
Sie seufzte und ließ sich neben mich auf das Bett fallen. „Es ist aus.“
„Aus?“
„Natürlich, Timo. Und jetzt tu nicht so überrascht, du hast es doch auch gewusst.“
„Ich verstehe dich nicht. Was ist denn passiert?“
Sie drehte ihren Kopf zu mir und nahm meine Hand. „Ich liebe dich Timo, wirklich. Aber ich kann so nicht mehr weitermachen.“
„Wie weitermachen?“
Sie seufzte kurz, ließ meine Hand wieder los und stand auf. „Du liebst ihn immer noch.“ meinte sie dann ohne mich anzusehen. „Und versuch es gar nicht erst abzustreiten.“
Ich schwieg. Sie trat ans Fenster und nur an dem leichten Beben ihrer Schultern konnte ich erahnen, dass sie angefangen hatte zu weinen.
„Es tut mir Leid.“ sagte ich schließlich und stand auf, blieb aber in einigem Abstand zu ihr stehen. „Ich habe es versucht. Ich habe es wirklich versucht. Und ich habe es auch gewollt. Aber ich kann nichts für meine Gefühle. Und auch nichts gegen sie tun, so sehr ich es auch gehofft habe.“
Sie drehte sich wieder zu mir und wischte mit einer Handbewegung die Tränen weg. „Ich weiß es doch, Timo. Hätte ich es nicht gewusst und hätte ich nicht die Hoffnung gehabt, dass du vielleicht irgendwann…naja, mich vielleicht irgendwann genau so lieben kannst wie du ihn liebst, dann wäre ich nicht solange bei dir geblieben.“
„Ich liebe dich auch. Und Benni.“
Sie lächelte leicht und trat zu mir heran. „Ich weiß. Aber er wird immer vor mir stehen. Egal wie viele Kilometer oder Jahre euch trennen. Egal, ob wir ein Kind zusammen haben oder tausende. Er schwebte von Anfang an über dieser Beziehung. Ich wollte es nur lange nicht wahrhaben.“ Unsere Blicke trafen sich und ich sah, wie sich wieder Tränen in ihren Augen sammelten. Ich liebte sie wirklich, aber auf eine andere Art. Ich liebte sie, weil sie die Mutter meines Kindes war. Ich liebte ihre offene Art, ihre Ehrlichkeit. Ich liebte sie, wie man eine Schwester lieben sollte. Aber nicht seine Freundin.
Ganz vorsichtig legte ich die Arme um sie und zog sie zu mir. Sie ließ es widerstandslos geschehen und ihre nächsten Worte wurden immer wieder von Schluchzern unterbrochen. „Weißt du, das Schlimmste ist: Ich kann dich verstehen. Ich kann dich wirklich verstehen. Ich weiß, dass man Gefühle nicht bestimmen kann. Du liebst ihn und ich liebe dich. Und daran kann niemand etwas ändern. Ich habe es mir nur so gewünscht…“
„Du warst auch in einen Mann verliebt?“ Benni schaute mich mit einem schwer zu deutenden Gesichtsausdruck an. Etwas zwischen Schock und Hoffnung.
Ich nickte. „Ja, ich habe einen Mann geliebt. Er bedeutete mir für einige Zeit die Welt.“
Benni schien darüber nachzudenken und nippte an seinem Cappuccino. „Und warum dann…warum Mama?“ fragte er schließlich etwas unsicher.
„Wir…also, er und ich…wir hatten keine Zukunft. Oder zumindest versuchten wir uns das einzureden. Er hatte ja auch eine Freundin und als ich Silvia kennenlernte…naja, er ermutigte mich dazu. Weißt du, er lebte in einer anderen Stadt, wir sahen uns nicht oft und wenn wir längere Zeit getrennt waren, glaubte ich wirklich mich in deine Mutter verliebt zu haben. Aber sobald ich ihn wieder sah…“ Ich seufzte. „Deine Mutter ist nicht dumm. Sie hatte wohl schon länger was geahnt und naja, als sie schwanger wurde, stellte sie mich vor die Wahl: Ich konnte alleine hier bleiben oder mit ihr und dem Baby aus Deutschland weggehen. Sie würde auf jeden Fall in ihre Heimat zurückgehen.“
„Es ist gut, wenn du gehst. Du kannst in Stuttgart nichts mehr erreichen, du solltest wirklich gehen.“ Seine Stimme klang nicht halb so überzeugend wie seine Worte und dass er mich dabei nicht einmal ansah, machte es nicht besser.
Ich saß in seiner Küche und beobachtete ihn wie er versuchte in seiner ordentlichen Wohnung noch etwas zum Aufräumen zu finden.
„Darum geht es nicht.“ sagte ich.
Er erwiderte lange nichts, wischte lieber zum sechsundzwanzigsten Mal die Spüle ab.
„Ich weiß.“ meinte er schließlich. „Aber es ist leichter für mich, wenn ich glaube, dass du nicht wegen mir gehst.“
Ich sah ihn erschrocken an. „Ich gehe nicht wegen dir!“
Wieder sein Schweigen. Dann schien er tief durchzuatmen.
„Du gehst wegen ihr.“
Ich seufzte und stand auf. Mit wenigen Schritten war ich bei ihm und drehte ihn zu mir um. „Ich tue es nicht gerne. Aber ich muss.“
Er sagte nichts, sondern blickte zu Boden.
„Sie ist schwanger…“ sagte ich leise. „Ich…ich werde Vater…“
Sein überraschter Blick sagte mehr, als ich in diesem Moment vertragen konnte. Ohne weiter darüber nachzudenken, ließ ich meinen Kopf auf seine Schulter fallen und das erste Mal seit vielen Jahren weinte ich. Ich war verzweifelt. Ich wusste nicht, wie ich weitermachen sollte. Und da stand der Mann, den ich über alles liebte und den ich jetzt so verletzen musste…
Ich spürte wie sich seine Arme um mich schlangen und wie er mich fest an sich zog. Diese Geste erleichterte mich mehr als es Worte je hätten tun können. Er hielt zu mir. Er verstieß mich nicht. Obwohl ich ihm so weh getan hatte.
Wir blieben lange so stehen, jeder in seine eigenen Gedanken versunken und erst als ich mich wieder beruhigt hatte, ließ er mich los.
„Ich verstehe.“ meinte er leise und strich mir ein paar nasse Strähnen aus dem Gesicht. „Warum hast du das nicht vorher gesagt? Ich habe wirklich gedacht, du liebst sie mehr als mich…“
„Oh Gott, wie könnte ich jemals jemanden mehr lieben als dich?“ Er lächelte und nahm meine Hand.
„Ein Kind, Timo. Das ist mehr wert, als es unsere Liebe je sein könnte…du musst gehen.“ meinte er und zog mich Richtung Schlafzimmer. „Du musst gehen, so weh es auch tut. Aber du hast jetzt Verantwortung.“
Als ich neben ihm aufs Bett fiel, glaubte ich, Tränen in seinen Augen zu sehen. „Wir wussten immer, dass er nur ein Traum ist. Wir wussten immer, dass wir irgendwann aufwachen müssen. Es ist erstaunlich, wie lange wir träumen durften.“
„Ich will noch nicht aufwachen.“
„Ich auch nicht.“ Seine Lippen waren plötzlich auf meinen, seine Hände schienen überall an meinem Körper. Wir liebten uns, ein letztes Mal. Und vergaßen, dass wir am nächsten Morgen aufwachen mussten.
„Es ist einfach nicht unsere Zeit.“ sagte er am nächsten Morgen, als mir schon wieder die Tränen in den Augen standen.
Ich bewunderte ihn für seine Stärke, als er mir half, meine Taschen ins Auto zu tragen.
„Wann ist dann unsere Zeit?“ fragte ich leicht verzweifelt, als wir den Kofferraum schlossen und ich neben der Fahrertür stehen blieb.
Wieder lächelte er. „Ich weiß es nicht. Aber ich werde warten. Solange es sein muss, werde ich auf dich warten.“
Ich konnte nichts mehr sagen und stieg ins Auto ein. Er schloss die Tür, schenkte mir ein letztes Lächeln und ging zurück ins Haus. Es war vorbei. Ich war aufgewacht.
„Du musst nicht darüber reden.“ meinte Benni und legte kurz seine Hand auf meine. Ich lächelte ihn an und bemerkte das erste Mal, dass aus meinem kleinen Jungen wirklich ein erwachsener, junger Mann geworden war. Und ich hatte von seinem Aufwachsen nur so wenig mitbekommen…
„Es ist richtig, darüber zu reden.“ sagte ich leise. „Auch wenn es wehtut, aber ich kann es nicht ewig verdrängen. Außerdem ist es wichtig, dass du das weißt.“
Er schwieg kurz. „Wie habt ihr euch kennengelernt?“
„Er hat zwei Jahre in Stuttgart gespielt…“
„Er war auch Fußballer?“
Ich nickte.
„Hey! Sorry, du bist doch Timo Hildebrand, oder?“
Ich drehte mich etwas genervt um, Fans vor dem Training fand ich fast noch schlimmer als die Horden danach.
„Sorry, ich habs echt eilig, ich muss zum Training…“ Ich musterte den Jungen der vor mir stand und mich fröhlich angrinste.
„Da muss ich auch hin. Hab aber keine Ahnung, wo ich da rein muss. Hat man mir wohl vergessen mitzuteilen.“ Er lächelte und streckte seine Hand aus. „Ich bin Philipp. Oder Phil, hör auf beides. Bin eigentlich von den Bayern, aber halte das bitte nicht gegen mich, so schlimm sind die gar nicht. Naja, die haben mich für die Saison ausgeliehen und ich freu mich echt schon total drauf, Stuttgart ist echt ne schöne Stadt, auch wenn es ein bisschen kleiner als München ist, aber das bedeutet ja nicht unbedingt was schlechtes, oder?! Ich finde das sogar ganz nett, kann zum Training laufen, ist im Winter echt geschickter, findest du nicht? Außerdem gibt es ja noch die Straßenbahn, in München haben wir die zwar auch, aber die ist immer so voll, naja, München ist halt auch ne große Stadt und da lohnt sich ein Auto nicht, deshalb fahren die meisten Straßenbahn. Also, ich fahr gerne Straßenbahn, aber wenn es so voll ist, ist es echt nervig, findest du nicht? Obwohl in Stuttgart gerade samstags ja auch echt viel los ist, hätt ich gar nicht gedacht. Naja, aber wir sollten uns vielleicht beeilen, sonst kommen wir zu spät und das will ich an meinem ersten Tag nicht unbedingt.“
Er atmete. Ich war erleichtert. Ich dachte schon, das hatte er vergessen.
„Timo, wie du schon richtig festgestellt hast.“ Ich schüttelte seine Hand.
„Super, dass ich dich gleich getroffen habe. Bin furchtbar aufgeregt, weißt du, so neuer Verein und alles…da fühl ich mich gleich immer furchtbar eingeschüchtert…“
Ich grinste. Eingeschüchtert? Davon merkte ich noch gar nichts.
„Kenn ich ihn?“ fragte Benni vorsichtig.
Ich nickte. „Du hast ihn sogar schon einmal getroffen. Du warst noch klein damals, aber erinnerst du dich, als du dich in München verlaufen hattest?“
Silvia lief nervös in der Hotellobby hin- und her. Wir hatten das ganze Hotel abgesucht, jeden gefragt, doch Benni war verschwunden geblieben.
„Setz dich doch. Er wird schon wieder auftauchen!“
„Wird schon wieder auftauchen? Es ist dunkel da draußen, Timo, Benni kennt sich in dieser Stadt nicht aus…er ist sieben Jahre alt! Ich…“
„Mama!!“ hallte es plötzlich durch die ganze Halle und da kam mein Kleiner angelaufen, und fiel direkt in die Arme seiner Mutter.
„Benni, mein Engel, wo warst du denn?“
„Ich weiß nicht…ich bin nur einem Vogel gefolgt und der war dann weg und dann war ich allein und niemand war da und dann hat mich der Mann da gefunden.“ Benni löste sich aus der Umarmung und rannte wieder einmal quer durch die Halle um eine Gestalt, die am Eingang gestanden hatte, zu uns zu ziehen. Mir blieb kurz die Luft weg, als ich ihn auf uns zukommen sah. Wir schauten uns an, lange, und keiner wußte, was er sagen sollte.
„Ich hab mir gedacht, dass es deiner ist.“ meinte er schließlich und lächelte. „Ich war grade auf dem Heimweg, als ich ihn weinend auf dem Gehweg sitzen sah. Er hat mir nur erzählt, dass er in einem Hotel wohnt und naja…“ Er sah zu Benni und wuschelte ihm kurz durchs Haar. „Glücklicherweise hast du da einen fußballbegeisterten, kleinen Jungen. Sonst wär er nicht mit mir mitgegangen.“
Benni schaute etwas verlegen zu seiner Mutter. „Mama, ich weiß, ich soll nicht mit Fremden mitgehen, aber das ist…“ Er zog sie zu sich herunter. „…das ist Philipp Lahm!“ flüsterte er aufgeregt und ich musste lächeln. Wieder trafen sich unsere Blicke. „Danke, dass du ihn hergebracht hast.“ meinte ich leiser als beabsichtigt. „Kein Problem.“ sagte er und gab erst Silvia die Hand, die ihn nur mit störrischer Miene musterte und dann mir. „Ich muss dann auch wieder los.“ Er hielt meine Hand kurz fest. „War schön dich mal wieder zu sehen. Pass auf den Kleinen auf…“ Er strich Benni kurz über die Haare, dann wandte er sich um und ging wieder aus dem Hotel. Ich sah ihm lange nach, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch ihm nachzulaufen und meinem Gewissen, das genau dieses zu tun mir verbot.
„Was für ein Zufall.“ meinte Silvia und nahm meine Hand.
„Ja.“ Ich nickte und ließ mich von ihr durch den Gang ziehen. „Was für ein Zufall.“
„Papa, Papa,“ Benni zupfte an meinem Shirt.
„Ja?“ Ich schaute zu ihm hinunter, erleichtert, dass er wieder da war…wenn auch meine Gedanken immer noch Philipp nachhingen.
„Hast du gesehen? Philipp Lahm hat mich heimgebracht!“
Ich nickte. „Ja, Benni, ich habs gesehen.“
„Mama, krieg ich ein Trikot von ihm, wenn wir daheim sind?“
„Philipp Lahm?“ Benni sah mich überrascht an. Ich nickte. „Ja, Philipp.“
Seine Augen hatten sich vor Erstaunen geweitet. „Wow, das hätte ich nie gedacht.“
Ich lachte. „Das ist auch gut so. Aber glaub mir, deine Leidenschaft für ihn hat es uns nicht unbedingt einfacher gemacht.“
Auch Benni lachte. „Das Trikot hab ich nie bekommen. Er war einfach in meiner Kindheit der beste deutsche Spieler.“
Ich nickte lächelnd.. „Ja, das war er.“
„Es muss komisch für euch gewesen sein…also, wenn ihr euch wieder gesehen habt." Er rührte nachdenklich in seinem Capuccino. „ Du hast ihn immer noch geliebt?“
„Das habe ich. Und es war seltsam. Wir sahen uns ja immer noch in der Nationalmannschaft.
Wir waren drei Jahre ein Paar gewesen, ohne dass es jemand wusste oder ahnte. Und erst als wir nicht mehr wirklich miteinander sprachen, wurden unsere Kollegen misstrauisch.“
„Es hatte niemand gewusst?“
„Niemand. Das wäre nicht gegangen.“
Er nickte. „Ihr hattet es nicht einfach.“
„Nein, aber das wussten wir. Das war auch der Grund, warum ich es am Anfang nicht wahrhaben wollte…schwule Fußballer! Das war unvorstellbar in der damaligen Zeit.“
„Du wolltest nicht…?“
„Nein.“
„Wie…“ Er suchte nach Worten und ich zuckte mit den Schultern.
„Er war Philipp. Er hatte immer alles von mir bekommen, würde es wohl auch heute noch…aber ich hab es ihm sicher nicht einfach gemacht.“
„Er hat dich…?“
„Er hat mich nahezu verfolgt…er war so jung, teilweise sicher auch noch naiv und einfach schrecklich verliebt. Ich war Mitte 20, bodenständig, Mitten in meiner Karriere.“
„Und dann?“
Ich zuckte hilflos mit den Schultern. „Irgendwann konnte ich nicht mehr.“
„Verdammt, Timo, ich liebe dich! Du liebst mich! Was steht uns im Weg?“
Ich bereute es in diesem Moment, ihn in meine Wohnung gelassen zu haben. Aber er hatte einfach so vor der Tür gestanden. Ganz nass vom Regen, dem er sich mitten in der Nacht ausgesetzt hatte um hierher zu kommen. Und mich von dem zu überzeugen, von dem ich mich nicht überzeugen lassen wollte!
„Zieh dein Hemd aus, Phil, du holst dir noch den Tod.“ Ich hielt ihm ein Handtuch hin, doch er schlug es aus meiner Hand.
„Na und? Das wär dir doch egal!“
„Wär es mir nicht und das weißt du!“
„Zieh du es mir doch aus. Oder hast du Angst?“
Ich hatte in dem Moment gerade mehr Angst, dass meine Nachbarn unser lautstarkes Gespräch mitbekamen.
„Phil, lass die Kindereien!“
„Kindereien? Wer ist hier kindisch? Wer ist nicht reif genug zu seinen Gefühlen zu stehen?!“
„Ich…“
„Genau du! Du machst mich wahnsinnig, Timo!“
„Zieh das Shirt aus!“
Er streifte es sich mit einer schnellen Bewegung ab und warf es mir vor die Füße. All seine Wut schien in dem Blick, den er mir zuwarf. Dann ließ er sich einfach auf den Boden sinken.
„Warum bekomme ich keine Chance?“ Sein Tonfall hatte sich ganz plötzlich geändert; war leise und verzweifelt.
„Phil…“ sagte ich sanft und setzte mich ihm gegenüber. Ich hob das Handtuch auf und begann ihn vorsichtig abzutrocknen. „Es liegt nicht an dir.“
Er sah mich aus seinen großen Augen an und ich konnte nicht anders und zog ihn in meine Arme.
„Verdammt, Kleiner…ich kann das nicht, versteh es doch…“
„Es bleibt unter uns, Timo. Nur wir beide. Warum sollen wir uns quälen, wenn wir alleine sind? Mir ist es doch klar, dass wir nicht öffentlich händchenhaltend über den Schlossplatz marschieren können. Aber hier…“ Er sah auf und mit einer Hand begann er mein Gesicht zu streicheln. „… nur wir zwei…ich liebe dich, Timo. Und glaub mir, dass ich dir keine Sorgen bereiten will. Ich will dich glücklich machen.“
Ich lächelte leicht und spürte, wie bei den Berührungen seiner kalten Hand aller Widerstand in mir langsam zusammenbrach. Vielleicht konnten wir wirklich eine Chance haben…ohne ihn konnte ich mir Glück auf keinen Fall vorstellen.
„Wart ihr glücklich?“ Bennis Cappuccino stand nun vergessen in der Ecke. Meine Geschichte schien ihn zu sehr zu faszinieren.
„Ja, wir waren glücklich. Lange, im Nachhinein vielleicht zu lange. Ich hätte es viel früher beenden sollen.“
„Warum hast du es nicht getan?“
„Ich war verliebt. Ganz furchtbar schlimm verliebt und nur halb so erwachsen, wie ich es gerne gewesen wäre. Und Phil…oh Gott, er hatte etwas, das mich alles vergessen ließ. Alle Probleme, alle Sorgen. Mit ihm zusammen war die Welt in Ordnung. Mehr noch, sie war rosa und voller weißer Wölkchen.“
„Ich will das nicht mehr lesen!“ Wütend warf ich die Zeitschrift auf den Tisch.
„Warum tust du es dann?“ Philipp sah mich von der anderen Seite des Tisches gelassen an.
„Weil…weil...“ Ich stöhnte frustriert auf. Ich wusste es nicht. Vielleicht in der Hoffnung, dass irgendein Reporter doch noch ein gutes Haar an mir lassen würde.
Philipp stand auf und kam zu mir rüber, legte seine schlanken Arme um mich und sah mich lächelnd an. „Warum gibst du etwas darauf, was die schreiben?“
„Weil sie vielleicht Recht haben?“
„Dann müsstest du es nicht erst lesen, um dich runterziehen zu lassen. Außerdem haben sie nicht Recht.“
„Nein?“
„Nein. Ich habe Recht. Und ich sage dir: Du bist der tollste Mann, den ich kenne.“
Ein leises Lachen stahl sich aus meinem Mund und ich zog ihn näher an mich.
„Womit habe ich dich nur verdient?“ murmelte ich und er lachte leise.
„Du brauchst mich.“ stellte er dann mit einem Grinsen fest. „Ohne mich wärst du der eiskalte, egoistische Tormann, den sie da beschreiben.“ Er nickte zu den Zeitschriften. „Du wärst depressiv, aggressiv…“
„Beides?“
„Ja. Beides. Todtraurig.“
„Ist das nicht depressiv?“
„Könntest du aufhören, mich zu unterbrechen?“
Ich grinste und nickte. „Sorry.“
„Okay, wo war ich…?“
„Todtraurig.“
„Richtig. Also, depressiv, aggressiv, todtraurig. Sämtlichen Drogen verfallen. Deine Wohnung wäre ein verschimmeltes Loch. Du wärst dick und hättest fettige, strähnige Haare und deine Familie wollte…“
„Es reicht, danke, Kleiner.“
„Kein Problem. Freut mich, dass es geholfen hat.“
Er wand sich aus meinen Armen und nahm die Zeitschrift. „Boah, die haben ja noch viel bessere Adjektive! Was hältst du von…“
Ich zog ihn mit einer schnellen Bewegung zu mir und ließ ihn durch einen Kuss verstummen.
Ich hatte ja verstanden.
Und ja, ich brauchte ihn.
„Und trotzdem hast du ihn verlassen.“
„Ich hatte Verantwortung für dich. Du und deine Mama, ihr brauchtet mich.“
„Er schien was Besonderes zu sein.“ meinte er mit einem nicht wirklich deutbaren Grinsen.
„Er war perfekt. Perfekt für mich.“ antwortete ich ehrlich.
Benni legte den Kopf schief und schaute an mir vorbei. Er schien über irgendetwas zu grübeln.
„Ich bin jetzt erwachsen, Papa.“ meinte er schließlich. „Ich brauch dich nicht. Also, nicht mehr so sehr.“
Ich sah ihn überrascht an. Und wusste nicht, was ich sagen sollte.
***
Ich stand vor diesem Haus. Es war nicht groß, nicht groß genug für einen ehemaligen Europa- und Weltmeister. Aber es passte zu ihm. Ein Haus komplett aus Holz; warm, einladend. Mit kleinem Garten davor, anständig gepflegt. Ordentlich, natürlich.
Er hatte nie geheiratet. Nie Kinder bekommen. Und ich zweifelte, dass er eine Putzfrau oder Gärtnerin beschäftigte. Das passte nicht zu ihm.
Meine Schritte führten mich den kleinen Weg entlang, bis vor seine Haustür. Kein Name stand über der Klingel, doch wusste ich, dass er hier war. Hatte immer gewusst, wo er war.
Ihn nie aus den Augen gelassen.
Ich fragte mich nicht, ob es zu spät war. Ich wusste, dass es das für mich nicht war. Auch fast zwanzig Jahre später. Auch wenn ich ihn schon ewig nicht mehr gesehen hatte.
Mein Finger zögerte bevor er auf den Knopf drückte. Einmal. Dann ging ich ein paar Schritte zurück. Wartete darauf, dass die Tür sich öffnete.
Als sie es tat, schwitzten meine Hände. Und dann stand ich ihm wieder gegenüber. Blickte in seine Augen und es war so, als hätte ich ihn erst gestern verlassen. Sie leuchteten immer noch und immer noch konnte ich in ihnen lesen. Ich sah Überraschung, aber auch Erleichterung.
„Komm rein.“ sagte er leise. „Ich hab auf dich gewartet.“
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