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von rotschopf    erstellt: 03.05.2007    letztes Update: 14.06.2007    Geschichte, Romanze, Schmerz/Trost / P18 Slash    (fertiggestellt)
Titel: Ich will Mehr 2/7
Serie: Ich will Alles 1
Warnungen: schwarzer Humor, die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, böse Sprache, gleichgeschlechtliche Liebe, Kink.
Haftungsausschluss: Und sie sind immer noch nicht meine Lustsklaven. Ich mach' hiermit weder Geld noch will ich irgendjemandem irgendetwas unterstellen. Habe auch ausnahmsweise keine bösen Absichten. Nur zum privaten Vergnügen gedacht.
Lektor(en): Liz, Kurdt & mein Fips. Danke, ihr Süßen!

Wie immer findet ihr den Rest meiner Werke entweder auf community.livejournal.com/drowfic. Oder bei Obi.

Anmerkungen: Den Titel habe ich schamlos von Doros "Ich will Alles" geklaut. Ich möchte mich insbesondere bei burningliz' Schwester bedanken für's Nachfragen beim Herrn F aus B über den Zustand seiner Brustwarzen. Das Mädel hat echt keine Hemmungen. Gut so!

~o0o~

Teil Ib

Es war ein Bild für die Götter, dachte Clemens, als die Tür zum Kinosaal hinter ihnen ins Schloss fiel. Timos Gesicht war von einer Sekunde auf die andere von Gewitter auf Sonnenschein umgeschlagen, und das gab Clemens das Gefühl, dass Timo wohl während seiner Abwesenheit ohne Unterbrechung die Tür beobachtet haben musste.

Philipp dagegen saß mit verschränkten Armen neben Timo und starrte mit angesäuerter Miene auf Christoph Metzelders Hinterkopf. Wer hatte den Riesen eigentlich vor Philipp gesetzt? Nicola saß mit wippendem Fuß neben ihrem Freund, und wenn Blicke töten könnten, würde Philipp jetzt wohl seinem Schöpfer die Hand schütteln.

Bastian hatte unterdessen damit angefangen, Sebastian Kehls Haartracht mit Erdnüssen zu dekorieren, auch wenn die meisten Nüsse Sebastians Vorderleute trafen. Just in diesem Moment drehte Sebastian sich um und fing das nächste Wurfgeschoss geschickt mit dem Mund, bevor er Bastian angrinste.

"Du bist voll langweilig", murrte Bastian und ließ sich wieder in seinen Sessel zurückfallen.

"Wart nur bis Schweini oder Poldi deine Piercings sehen", flüsterte Bernd, und Clemens musste schlucken. Daran hatte er ja gar nicht mehr gedacht! Klar würden seine neuen Mannschaftskollegen beim ersten gemeinsamen Umziehen, oder spätestens beim kollektiven Duschen nach dem Training, seinen Körperschmuck bemerken, und wenn Bernds Andeutung irgendetwas zu besagen hatte, durfte sich Clemens auf etwas gefasst machen. "Jetzt schau nicht so! Wird schon nicht so schlimm werden." Bernd hatte ja keine Ahnung, wie schlimm es werden konnte.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass er wohl netterweise zwischen Timo und Bernd saß. Er drehte sich zu Bernd um und hob die Augenbrauen, aber alles, das er als Reaktion erhielt, war ein süffisantes Grinsen.

Er setzte sich neben Timo und versuchte, ruhig zu bleiben. Dieser Versuch wurde in dem Moment zunichtegemacht, als Timo ihn spielerisch mit dem Ellbogen stieß. "Alles in Ordnung bei dir?"

Clemens grinste, obwohl er am ganzen Körper zitterte. "Klar. Ey, Duschen ohne dich ist zwar noch nicht drin, aber alleine aufs Klo gehen funktioniert schon ganz gut. Außerdem hat Bernd dich würdig vertreten."

"Ihr habt zusammen geduscht?", fragte Philipp entsetzt während sein Blick von Timo zu Clemens und zurückwanderte.

"Nein!" Clemens lachte. "Ich hab geduscht während Timo sich die Haare geföhnt hat."

"Du hast einfach so geduscht während Timo dabei war?", wollte Philipp ungläubig wissen.

Clemens zuckte mit den Schultern. "Klar, warum nicht? Ich dusch ja auch mit zwanzig anderen Männern in der Mannschaftsdusche."

"Das ist doch 'was völlig anderes!" Philipp klang entrüstet und auch ein wenig peinlich berührt. "Ich würd das nicht machen."

"Du kommst ja auch aus Bayern", gab Clemens frech zurück.

"Was hat das denn bitte damit zu tun?" brauste Philipp auf, und Clemens zuckte leicht zusammen. Das hatte er ja mal wieder fabelhaft hinbekommen! Jetzt hatte Philipp noch einen Grund, ihn nicht zu mögen.

Clemens seufzte, und als im nächsten Moment das Licht ausging, musste er zugeben, dass er noch nie so froh gewesen war, sich in der Dunkelheit verstecken zu können.

~o0o~

Clemens rieb sich fröstelnd die Arme. Es war doch kühler als er erwartet hatte. Dennoch zog er noch nicht einmal in Erwägung, wieder zum Empfang zurückzukehren. Timo hatte versucht, seine Aufmerksamkeit zwischen ihm und Philipp zu teilen, was natürlich nicht funktioniert hatte. Jedes Mal, wenn Timo auch nur den Versuch unternommen hatte, mit Clemens mehr als fünf Minuten zu reden, hatte sich Philipp dazwischen geschaltet.

Clemens verstand es nicht. Es war doch nicht so, als ob er jetzt Timos neuer bester Freund wäre! Lag es an ihm? Er hatte Philipp doch nichts getan! Zugegebenermaßen, sein Kommentar kurz vor Filmbeginn war nicht wirklich nett gewesen, aber er hätte auch nicht damit gerechnet, dass Philipp darauf so empfindlich reagieren würde.

Er seufzte und lehnte sich auf das Balkongeländer. Es tat ihm weh, dass Philipp sich so abweisend verhielt. Er hatte ihn komplett ignoriert! Normalerweise wäre ihm das egal - man konnte sich schließlich nicht mit allen Menschen auf dieser Welt gut verstehen, aber im Anbetracht dessen, dass er sich mit Timo mehr als nur gut verstand, war es ihm eben nicht gleichgültig.

Er hörte, wie die Balkontür geöffnet wurde, und er sah über seine Schulter. Er lächelte. "Na, haste dich loseisen können?"

Timo grinste verlegen. "Tut mir leid."

"Das ist schon in Ordnung", winkte Clemens ab. "Er ist schließlich dein bester Freund."

Timo gesellte sich zu ihm. Die körperliche Nähe, die Wärme, die Timo ausstrahlte, schickte einen wohligen Schauder durch Clemens. "Wenn's das nur wäre." Er fuhr sich durch die Haare, ließ seinen Blick über die nachtbeleuchteten Häuser streifen. "Wenn's das nur wäre", wiederholte er.

Clemens runzelte die Stirn. "Wie meinst du das?"

"Ums kurz zu machen, Phil ist eifersüchtig", sagte Timo knapp.

"Eifersüchtig?", wiederholte Clemens ungläubig.

Timo nickte. "Ja, eifersüchtig. Auf dich."

Clemens fiel die Kinnlade hinunter. "Auf mich? Wieso das denn?"

"Das ist etwas kompliziert", wich Timo aus, und Clemens konnte förmlich zusehen, wie Timo die Schamesröte ins Gesicht stieg. "Phil ist es einfach ned gewöhnt, dass ich mich auf Anhieb so gut und so locker mit jemandem verstehe. Ich brauche normalerweise ein bisschen, bis ich auftaue, und bis jetzt war er der Einzige gewesen, bei dem es auch auf Anhieb geklappt hatte."

"Und deswegen ist er sauer auf mich", sagte Clemens, und es war mehr eine Aussage als eine Frage.

"Ned nur." Timo seufzte. "Es kommt hier, glaube ich, einiges zusammen. Dein Kommentar von vorhin, zum Beispiel, dass Phil aus Bayern kommt."

Clemens stöhnte. "Wusst ich's doch! Ich kann manchmal meinen Mund einfach nicht halten!"

"Ich glaub ned, dass es das war. Eher, dass du Recht damit hast. Phil ist zwar sehr aufgeschlossen, aber ..." Timo schluckte. "Na ja, Phil weiß, dass ich schwul bin. Er weiß, dass ich lange in ihn verliebt war. Er hat diese Gefühle nie erwidert, aber auch immer darauf geachtet, dass ich ned das Gefühl hatte, er hätte ein Problem mit mir. Hat er ja im Grunde auch ned. Ich mein, wenn er ein Problem damit hätte, ließe er sich von mir weder anfassen, noch umarmen, noch sonst etwas. Aber eben solche Sachen wie duschen, wenn ich auch im Bad bin, sind dann doch etwas zu viel des Guten. Kann ich aber auch verstehen. Ich mein, ist wohl doch etwas komisch, wenn du weißt, dass du in der Dusche stehst, und dein bester Freund, der in dich verknallt ist, auch im Bad ist und sehr wahrscheinlich einen Ständer hat und doch weiß, dass daraus nie etwas werden wird. Ist irgendwie ein bisschen grausam. Und dann kommst du und gibst einfach so zu, dass du damit kein Problem hast. Ich kann dir jetzt schon verraten, dass Phil die Krise bekommt, wenn er deine Piercings sieht. Ich mein, er will zwar nichts von mir, aber das Konkurrenzdenken ist trotzdem da, vor allem, weil wir uns so gut verstehen. Ich weiß auch ned."

Clemens brummte der Kopf von Timos Geständnis allein, aber auch von der Geschwindigkeit, mit der Timo das alles herausgelassen hatte. Es hatte den Anschein, dass Timo diese Gedanken schon länger mit sich herumgetragen hatte und jetzt einfach auch dankbar war, dass er jemanden hatte, mit dem er über solche Dinge sprechen konnte.

Und dann war da noch etwas, das Timo gesagt hatte. Er war in Philipp verliebt gewesen! Clemens wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Gehörten diese Gefühle wirklich der Vergangenheit an, oder waren sie noch da, und warum war das überhaupt wichtig? Das war doch immerhin Timos Sache und ging ihn nichts an, auch wenn Timo ihm das gerade alles erzählt hatte. Dennoch fühlte sich Clemens hilflos im Angesicht der verschiedenen Emotionen, die in ihm hochstiegen. Eifersucht, Wut, Enttäuschung, aber auch ein bisschen Erleichterung. Ebenso tat es ihm leid für Timo, dass Philipp seine Gefühle nie erwidert hatte. Er wusste nur zu gut, wie es sich anfühlte, in jemanden verliebt zu sein, den man nicht haben konnte.

Vorsichtig legte er den Arm um Timos Schultern und zog ihn etwas näher zu sich. "Aber in der Mannschaftsdusche siehst du ihn doch auch", murmelte Clemens schließlich, entschlossen für Timo jetzt da zu sein und seinen eigenen inneren Konflikt zurückzustellen.

Timo schmiegte sich regelrecht in die Umarmung. "Wie Phil schon sagte, das ist etwas anderes. Da sind noch zwanzig andere um dich herum. Ich weiß ned. Vielleicht fühlt er sich da einfach sicher, oder er denkt sich, dass ich ihn da wohl ned anstarren würde, oder was weiß ich. Keine Ahnung."

"Macht trotzdem keinen Sinn für mich. Genauso wenig, dass er ausgerechnet auf mich eifersüchtig ist, nur weil ich das etwas lockerer sehe, kein Problem damit habe ..." Clemens ließ seine Gedanken schweifen, versuchte sich in Philipp hineinzuversetzen. Wie wäre es für ihn gewesen, wenn Marco nicht das Gleiche für ihn empfunden hätte wie er für ihn? Oder umgekehrt? Wie muss es für Marco gewesen sein, sich das Zimmer mit Clemens zu teilen und zu wissen - oder glauben zu wissen, dass er Clemens nicht haben konnte? Wie war es für ihn selbst gewesen, all die Momente, in denen er Marco scheue Blicke zugeworfen hatte, als sein bester Freund unter der Dusche gestanden hatte? Aber zwischen ihm und Marco war es doch anders gewesen. Sie waren zusammen aufgewachsen, waren zusammen durch dick und dünn gegangen. Er war der Erste gewesen, dem Marco gestanden hatte, dass er schwul war, und umgekehrt hatte er sich als Erstes Marco anvertraut. Es war anders gewesen. "Ich weiß es doch auch nicht."

"Eigentlich weiß ich es schon", sagte Timo ganz leise und blickte auf, sah ihm direkt in die Augen.

Clemens zitterte. In Timos Augen spiegelten sich die Lichter der Stadt wider, und noch so viel mehr. Er sah in seinen Augen das, was er selbst fühlte; das, was drohte, ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen; das, was wohl auch Philipp gesehen hatte. Auf der einen Seite war es ein berauschendes Gefühl zu wissen, dass er in diesem Gefühlschaos nicht alleine war. Auf der anderen Seite schoss ihm die Panik in die Adern. Zu sehr wurde er daran erinnert, wie Marcos und seine Beziehung zerbrochen war, wie diese Tatsache ihre Leistung auf dem Spielfeld beeinträchtigt hatte. Er konnte - wollte - das nicht noch einmal riskieren.

Dennoch blieb sein Blick an Timos leicht geöffneten Lippen hängen, und er musste unwillkürlich schlucken. Es war die perfekte Versuchung, der er widerstehen musste, und er konnte fühlen, wie der Widerstand in ihm langsam zerbrach.

"Hör auf", bat Clemens leise, "sonst ..."

"Was? Sonst was?"

In diesem Moment wurde die Balkontür erneut geöffnet, und Clemens und Timo fuhren erschrocken auseinander; es war Philipp. "Stör ich?", fragte dieser kalt.

"Nein", gab Timo ebenso kalt zurück, aber Clemens konnte hören, dass Timo Philipp in diesem Moment wohl am liebsten den Hals umgedreht hätte. "Wir haben uns nur unterhalten."

Philipp zog die Augenbrauen zusammen, musterte Clemens von oben bis unten. Clemens weigerte sich, Philipps forschem Blick auszuweichen, beantwortete die offene Feindseligkeit in Philipps Augen mit einem Lächeln und einer hochgezogenen Braue. "Ich glaub, ich werd dann 'mal ins Hotel zurückfahren", sagte er beiläufig. "Ich seh dich dann später, ja?"

"Ich komm gleich mit", antwortete Timo bestimmt. "Ich bin irgendwie müde. Außerdem hab ich Migräne."

"Timo ...", sagte Philipp und er klang fast verzweifelt.

Clemens legte eine Hand auf Timos Schulter. "Ey, warum klärt ihr das nicht kurz, und ich verabschiede mich in der Zwischenzeit von den Jungs?"

Timo nickte nur kurz, während er von Philipp überhaupt keine Reaktion bekam, und er zuckte mit den Schultern. "Ich bin dann 'mal drinnen", sagte er noch leise, bevor er die Tür hinter sich zuzog.

~o0o~

Die Anspannung in Clemens erreichte ihr Crescendo, als die Hoteltür hinter ihnen ins Schloss fiel. Er hatte keine Ahnung, was jetzt zwischen ihnen passieren würde, ob er überhaupt wollte, dass etwas passierte. Auf dem Weg zum Hotel hatte er eigentlich an nichts anderes denken können als an das, was beinahe auf dem Balkon - vor aller Augen - passiert wäre, wenn Philipp sie nicht gestört hätte. Nach wie vor wusste er nicht, ob er Philipp dafür dankbar sein sollte oder nicht, und seit wann war er eigentlich so unvorsichtig? Er wollte gar nicht daran denken, was hätte passieren können, wenn Timo und er sich geküsst hätten und jemand hätte sie dabei erwischt.

Er entledigte sich seines Sakkos und öffnete die ersten beiden Knöpfe seines Hemdes. Er war sich Timos Präsenz mehr denn je bewusst, fühlte, wie Timos Blick jede seiner Bewegungen verfolgte. Es erschien ihm, als ob die Temperatur gerade um mehrere Grad angestiegen wäre. Er schob seine Hemdsärmel so weit hoch, wie die engen Manschetten es erlaubten. Gerade wollte er das Fenster öffnen, hatte die Finger schon am Fenstergriff, als er plötzlich Timos Körper gegen seinen spürte, seine Hände auf seinen Hüften, seinen Atem in seinem Nacken. Er musste wirklich alles an Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht aufzustöhnen und sich in Timos Arme sinken lassen. Alles in ihm schrie danach, wollte es, wollte sich umdrehen und einfach Timos Lippen unter seinen begraben.

Er schloss die Augen für einen Moment, versuchte, Abstand zu der Woge an Emotionen zu gewinnen, die durch ihn schwappte.

"Clemens?" Timos Stimme spiegelte seine eigene Unsicherheit wider, und doch war die Art und Weise, wie Timo seinen Namen gesagt hatte, so wundervoll beruhigend. "Ist alles in Ordnung mit dir?"

"Ich weiß nicht", gestand Clemens. Unwillkürlich lehnte er seinen Kopf zur Seite, als er Timos Lippen auf seinem Hals spürte, und doch wusste er schon jetzt, dass er Timo für den Moment zurückweisen würde. "Timo, nicht, bitte."

Timos leises und enttäuschtes Seufzen tat Clemens in der Seele weh. Er fasste nach Timos Händen, führte Timos Arme um seinen Körper, ließ sich einen Moment in diese intime Umarmung fallen. "Es liegt nicht an dir, Timo", begann Clemens leise, als er sich letztendlich dazu durchgerungen hatte, Timo von Marco zu erzählen. Wie könnte er sonst rechtfertigen, was er im Begriff war zu tun? "Ich weiß, dass das eine dämliche Floskel ist."

Timos Schnauben klang eher amüsiert als entnervt. "Allerdings", sagte er, drückte Clemens ein wenig fester an sich. "Aber ich nehme 'mal an, dass du sie ned einfach so dahinsagst."

"Nein." Clemens atmete tief durch. Es hatte keinen Sinn, lange um den heißen Brei herumzureden. Das war weder ihm noch Timo gegenüber fair. "Die letzte Beziehung, die ich mit einem Mannschaftskollegen hatte, endete buchstäblich in einem Fiasko. Ich weiß noch nicht 'mal mehr, warum wir uns überhaupt gestritten haben. Wahrscheinlich so 'was Dämliches wie, dass der eine vergessen hat, dass der andere keine Oliven auf seiner Pizza mag."

"Das ist doch eigentlich kein Trennungsgrund, oder?"

Clemens schloss die Augen. "Wenn du jemanden schon zwanzig Jahre kennst, dann ist das anscheinend einer. Ich mein, Marco und ich sind sozusagen zusammen aufgewachsen und auch gemeinsam jeden Weg gegangen. Und dann ... ja dann war es vorbei. Ich hab auch ehrlich geglaubt, dass unsere Freundschaft vorbei sei, ne. Das war eine böse Zeit."

"Das kann ich mir vorstellen." Timo strich mit seiner Nase an Clemens' Ohr entlang. "Darf ich fragen, wer Marco ist?"

"Lieber nicht. Ich will ihn nicht outen, und ich hab' eigentlich sowieso schon zu viel verraten." Er seufzte, aber es war nicht nur aus Frust, sondern auch aus Erleichterung. Timo stellte die Verbindung zwischen ihm und Marco Engelhardt nicht her, obwohl Timo mit Marco schon zusammen bei der Nationalmannschaft gespielt hatte. Marco hatte auch erzählt, dass er und Timo sich sehr gut verstanden hätten, weswegen es Clemens eigentlich seltsam vorkam, dass Timo da keinen Bezug herstellte. Oder hatte Marco übertrieben, als er gesagt hatte, dass Timo, Mike Hanke und er viel Zeit miteinander verbracht hatten? Sei's drum. Im Moment war das völlig irrelevant. "Ich will das nicht noch mal mitmachen, Timo."

"Verständlich." Sanft drehte er Clemens' Gesicht zu sich, sah ihm wieder direkt in die Augen. "Aber du kannst auch ned von vornherein sagen, ob's funktioniert oder ned."

Clemens sah weg. "Timo ..."

"Was willst du, Clemens?", unterbrach Timo ihn leise. "Was willst du jetzt, in diesem Moment? Sei ehrlich."

Clemens schluckte. Das war ja wohl die gemeinste Frage, die Timo ihm hatte stellen können! Clemens kam nicht umhin, sich zu fragen, ob Timo ihm diese Frage gestellt hatte, weil er bereits wusste, was Clemens wollte. War es nicht genug, dass er 'nein' gesagt hatte? Warum musste Timo weiterbohren? Warum konnte er es nicht einfach akzeptieren und die Sache auf sich beruhen lassen?

Er seufzte leise auf, als Timos Mund sich endlich über seinem schloss, spürte, wie der letzte Widerstand in ihm zerbrach; zerbrach an Timos Wärme, an dem Gefühl der Geborgenheit, das Clemens den Boden unter Füßen wegzog, ihn in den freien Fall schickte und gleichzeitig sicher wieder auffing. Es war nichts Forderndes in Timos Kuss, und doch war es so wunderbar intensiv, so vollkommen richtig, dass ... Clemens kniff seine Augen zusammen, und er war sich sicher, dass die Sterne, die er sah, nicht davon herrührten.

Ein letztes sanftes Saugen an seiner Unterlippe, bevor sich Timos Mund wieder von seinem löste und er ihn ansah. "Weißt du eigentlich, wie verdammt hübsch du bist?"

Clemens fühlte, wie ihm erneut die Hitze ins Gesicht stieg, und er sah verschämt zu Boden. Noch nie hatte ihn jemand 'hübsch' genannt. Gut aussehend, ja, aber niemals hübsch. Er war doch kein Mädchen!

Timo lachte leise, und Clemens bemerkte, dass er das Letzte wohl laut ausgesprochen hatte. "Nein, ein Mädchen bist du sicher ned." Sanft, aber bestimmt, drehte er Clemens zu sich um, nahm sein Gesicht in seine Hände und küsste ihn erneut.

Als Clemens Timos Zunge gegen seine Lippen spürte, konnte er ein Stöhnen nicht mehr unterdrücken, konnte nicht anders, als seine Arme um Timo zu schlingen und ihn einfach festzuhalten. Timo war nun alles andere als zurückhaltend, drängte ihn gegen das kalte Fenster, küsste ihn tiefer. Wieder spürte er Timos Hände an seinem Hemd, fühlte, wie Timo ihm ungeduldig und fast ein wenig ungeschickt die Knöpfe öffnete. Irgendwie beruhigte es ihn, dass Timo wohl doch genauso nervös war wie er.

Er keuchte erschrocken auf, als Timo einen Finger in ein Piercing einhakte und sanft daran zog. Fast ungewollt wich er aus dem Kuss zurück, hielt Timos Hand fest. "Nicht ..."

Timo hielt inne. "Warum? Tu ich dir weh?", fragte er besorgt.

"Nein, das nicht. Es ist nur ..." Clemens sprach nicht weiter. Wie sollte er Timo nur erklären, wie es sich für ihn anfühlte, wenn jemand mit einem der beiden Ringe spielte? Er konnte ihm ja schlecht sagen, dass jedes Zupfen, eigentlich jede Berührung fast wie ein kleiner Höhepunkt war!

Ein weiterer sanfter Kuss auf seinen Mund, und Timo lächelte ihn an. "Ich weiß, dass du empfindlich bist."

"Du hast ja keinen Schimmer, wie empfindlich", murmelte Clemens scheu, aber ihm entging der Schauder, der durch Timos Körper lief, nicht. "Ja, empfindlich genug, dass ..."

Timos Augen verdunkelten sich. "Geil." Bevor Clemens reagieren konnte, hatte Timo ihn zu einem der Betten bugsiert, in die Laken gedrückt und sich auf ihn geschoben. "Hast du eigentlich eine Ahnung, wie heiß du mich machst?", raunte Timo und fuhr mit beiden Händen in Clemens' Haare.

"Heiß genug, um nicht aufzuhören, wenn ich es sage?", gab Clemens zurück und sah Timo direkt in die Augen. Er musste es einfach wissen! Er spielte zwar gerne den passiven Part im Bett, aber einfach so stechen ließ er sich auch nicht, mal abgesehen von der Tatsache, dass er nicht wirklich etwas von One-Night-Stands hielt, auch wenn sie sich manchmal nicht vermeiden ließen.

Was dachte er da überhaupt? Er war kurz davor, Timo einfach gewähren zu lassen, wollte es eigentlich genauso sehr wie der Andere. Trotzdem konnte er nicht leugnen, dass allein der Gedanke daran, er könnte für Timo nichts anderes sein als ein williger Bettgenosse, ihn enttäuschte. Warum?

Timo schüttelte den Kopf. "Sag mir jetzt und hier, dass du's ned willst, und ich hör auf." Er seufzte resigniert. "Ich werd ned schlau aus dir."

Das war doch mal wieder typisch für ihn! Hilflos, und auch ein wenig verzweifelt, erwiderte er Timos Geste, fuhr mit einer Hand in Timos Haare, während er mit der anderen über dessen Rücken streichelte. "Ich will's einfach nur wissen. Ich kenn dich noch nicht lang genug, um dich einschätzen zu können. Ich muss wissen, dass ich dir vertrauen kann."

Timos Augen weiteten sich. Dann lachte er. "Ach, du! Ich hatte eigentlich ned vor, heute mit dir zu schlafen. Ich steh nämlich eigentlich ned drauf, gleich am ersten Abend mit jemandem ins Bett zu gehen."

Clemens grinste. "Ich auch nicht."

"Wobei ich da bei dir eine Ausnahme machen würde."

Timos heißer Atem an seinem Hals ließ Clemens erneut aufstöhnen. "Würdest du?", fragte er heiser, drückte Timos Kopf noch ein weniger tiefer in die Beuge.

"Ja." Ein leichter Biss, direkt gefolgt von einem weiteren, härteren, aber doch nicht fest genug, um sichtbare Spuren zu hinterlassen. "Du hast wirklich keine Ahnung, oder?"

Clemens antwortete nicht. Stattdessen zog er Timo das Hemd aus der Hose, schob seine Hände darunter. Timos Haut war unglaublich weich - und so warm! Warum fiel ihm das erst jetzt auf? Sei's drum - er wollte mehr.

Sanft schob er Timo weg und grinste, als dieser ihn fragend ansah. Wortlos begann er, Timos Hemd zu öffnen, streifte es ihm über die Schultern. Wieder war dieses verschmitzte Lächeln auf Timos Lippen, dass Clemens zittern ließ, und Timo setzte sich zurück auf seine Hacken, um seine Ärmelabschlüsse zu öffnen. "Du auch", sagte er leise. "Du hast es eh einfacher mit den Manschettenknöpfen."

"Das sieht nur so aus", gab Clemens genervt zurück, während er versuchte, die Bügel der Knöpfe aufzubekommen. "Ich hass diese Dinger!"

"Sehen aber gut aus. Lass mich mal." Ohne Probleme konnte Timo die Bügel öffnen und schließlich Clemens auch sein Hemd ausziehen. "Du solltest dich jetzt sehen, Clemens", meinte Timo mit rauer Stimme, bevor er Clemens zurück in die Kissen drückte.

Diesmal stieg Clemens die Hitze nicht nur ins Gesicht, sondern flutete seinen ganzen Körper. "Lieber nicht."

"Hemmungen?" Clemens antwortete ihm nicht, konnte es nicht. Ja, er hatte Hemmungen, fühlte sich unter Timos prüfendem Blick verletzlich und nackt. Plötzlich verstand er, was Philipp gemeint hatte. Es war anders, mit zwanzig Männern zu duschen, mit jemandem das Trikot zu tauschen oder es sich vor Freude vom Leib zu reißen, weil man ein entscheidendes Tor geschossen hatte. Da war man nur einer unter vielen.

Aber hier, in diesem Bett, wollte Clemens am liebsten das Licht löschen und unter die Decke kriechen. Er war es nicht gewöhnt, dass jemand ihn so ansah, mit so viel offener Leidenschaft in den Augen und einem Hunger, der Clemens erneut erschaudern ließ. Timos Hand, die langsam über seinen Bauch hinauf zu seiner Brust wanderte, schien sengende Spuren auf seiner Haut zu hinterlassen, und Clemens konnte nicht anders als die Augen zu schließen, Timos Berührungen zu akzeptieren, sich ihnen hinzugeben.

Auch wenn er bereits wusste, welches Ziel Timos Finger hatten, zuckte er dennoch zusammen, biss sich in die Unterlippe, um sein Stöhnen zu unterdrücken, als Timo anfing, mit dem linken Ring zu spielen. Er spürte Timos Gewicht auf seiner Seite, hörte den schweren Atem an seinem Hals.

"Lass dich gehen, Clemens", raunte Timo, bedeckte Clemens' Hals mit federleichten Küssen. "Du musst dich vor mir ned verstecken."

Wie eine Feder, die man zu schnell losgelassen hatte, löste sich all das, was Clemens zu unterdrücken versucht hatte. Er zog Timos Gesicht zu sich, presste seine Lippen auf seine, vergrub seine Hände in Timos Haaren. Falls Timo überrascht gewesen war von Clemens' Heftigkeit, zeigte er das nicht, erwiderte den Kuss mit der gleichen Hingabe.

Auf einmal war alles ganz einfach. Es war nicht mehr wichtig, wie weit sie gehen würden, oder was morgen passieren könnte. Es war Clemens egal. Er wollte nur noch Timo spüren, wollte sich fallen lassen und nicht darüber nachdenken, welchen Konsequenzen er ins Auge sehen müsste.

Ohne zu zögern, fuhr Clemens mit beiden Händen zwischen ihre Körper, öffnete Timo die Hose. "Komm schon. Zieh die aus", murmelte er, als Timo ihn überrascht ansah. "Will dich spüren."

Timos starrte Clemens an. "Sicher?"

Ungeduldig versuchte Clemens, die lästigen Stoffschichten Timos Schenkel hinunter zu schieben. "Ist mir egal. Ich will dich einfach nur Haut an Haut spüren."

Als die Sekunde, die Timo anscheinend benötigt hatte, um zu begreifen, was Clemens gerade im Begriff war zu tun, verstrichen war, ging alles blitzschnell. Schnell wand sich Timo aus seiner Hose, seinen Shorts und seinen Socken, bevor er Clemens seiner Sachen entledigte.

Clemens krümmte sich, als Timo sich schließlich nackt auf ihn schob. So warm, und Timo roch so gut! Clemens krallte sich keuchend in Timos Schultern fest, als Timo seine Zunge über das eine Piercing tanzen ließ und seine Finger anfingen, mit dem anderen zu spielen. Er wollte Timo warnen, wollte ihm sagen, dass es ganz schnell vorbei sein würde, wenn er die Ringe nicht in Ruhe ließ. Es war zu spät.

Er versuchte, sich dagegen zu wehren, wollte seinen Höhepunkt hinauszögern, aber es war in dem Moment vorbei, als Timo sich noch näher an ihn presste, ihn seine Erregung noch mehr spüren ließ. Clemens war sich sicher, dass er schrie, als Timo sanft in seine Brustwarze biss, aber dann verlor sich alles in einem Wirrwarr aus Farben, die sich langsam zu einem weißen Strudel verwoben, der ihn fortriss. Er hörte nichts mehr außer das Rauschen seines Blutes in den Ohren, fühlte nichts anderes als die harten Schocks, die seinen Körper durchzuckten.

Langsam lichtete sich der rote Schleier, der ihm die Sinne vernebelte, wieder. Er bekam eine Gänsehaut, als Timo sich von ihm löste und ihn fast zärtlich ansah. "Ich hol schnell ein Handtuch", sagte er leise, strich mit seinen Lippen kurz über Clemens' Mund. "Du hast dir die Lippen blutig gebissen."

Clemens fuhr Timo mit einer Hand durch die Haare. "Das ist nicht so schlimm. Passiert mir öfter."

"Ich hab das noch nie geschafft." Timo grinste. "Bin gleich wieder da."

Clemens nickte und ließ sich zurück in die Kissen sinken. Jetzt da die Erregung langsam abebbte, kamen Clemens Zweifel. War's das gewesen? Hatte Timo jetzt bekommen, was er wollte? Würde er einfach in sein eigenes Bett gehen und Clemens ignorieren? Und warum versetzte der Gedanke daran, für Timo könnte dies jetzt das Ende sein, ihm einen Stich in die Magengrube? Warum tat das richtig weh?

"Hör auf, so laut zu denken!", kam Timos undeutlicher, wenn auch amüsierter, Kommentar von der Badezimmer Tür; er putzte sich die Zähne. "Da bekomm ich ja Kopfweh."

"Das wollen wir natürlich nicht, ne." Clemens stand auf. Zähneputzen war wirklich keine schlechte Idee. Er hasste nichts so sehr wie das pelzige Gefühl im Mund an einem Morgen, vor dem man vergessen hatte, seine Zähne zu putzen - vom Mundgeruch ganz zu schweigen! Auch sollte er sich vielleicht das fast trockene Sperma abwaschen.

Ohne wirklich darüber nachzudenken, griff er nach einem Handtuch, befeuchtete es, und begann, sich zu säubern. Er erschrak, als er Timos Hand auf seiner fühlte, und sah ihn fragend an. "Lass mich das machen."

"Das macht dir Spaß, ne, mich richtig in Verlegenheit zu bringen?", murmelte Clemens scheu, aber er ließ Timo gewähren. Es fühlte sich ja auch gut an. Nicht auf eine sexuelle Art und Weise, eher ... intim.

"Hat überhaupt nichts damit zu tun", antwortete Timo, legte eine Hand in Clemens Nacken und zog ihn kurz zu sich, um ihn zu küssen. Timo schmeckte nach Zahnpasta, und dies erinnerte Clemens daran, dass er sich ja auch die Zähne putzen wollte.

"Meine Zähne darf ich mir aber selber putzen, oder?", meinte er keck, bevor er aufkeuchte, als Timo ihn in den Hintern kniff.

"Viel zu frech", murmelte Timo, bevor er Clemens losließ und wieder nach nebenan wanderte.

Clemens schüttelte den Kopf und grinste, griff nach seinem Zahnputzzeug. Plötzlich stutzte er. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Timo völlig entspannt gewesen war. Wann war das denn passiert? Noch im Bett? Oder hatte Timo sich auch ins Bad zurückgezogen, um selbst Hand an sich zu legen? Wenn ja - warum?

"Du denkst schon wieder zu laut!", rief Timo, riss Clemens aus seinen Gedanken, und irgendwie war Clemens ihm dankbar dafür. "Werd endlich fertig, ich will schlafen!" Warum war es wichtig, dass er fertig wurde, wenn Timo schlafen wollte?

Als er wieder in das Schlafzimmer kam, wurde ihm bewusst, warum. Timo lag grinsend in Clemens' Bett, schlug die Decke demonstrativ zurück. "Na, komm schon."

Etwas verlegen kroch Clemens zu Timo unter die Decke. Noch bevor Clemens sich richtig hingelegt hatte, rollte sich Timo gegen ihn wie eine Katze, schmiegte seinen Kopf auf seine Brust. "Sag bloß, du willst kuscheln?", sagte Clemens, während er einen Arm um Timo legte.

Timo sah ihn an. "Klar. Du etwa nicht?"

"Was ist das denn für eine blöde Frage?", gab Clemens zurück, drückte Timo noch etwas fester an sich. Natürlich fand er es schön, nach dem Sex zu kuscheln, auch wenn er es eigentlich anders gewöhnt war. Er hatte nur nicht damit gerechnet, dass Timo das genauso sah, und vielleicht sollte er einfach aufhören, auf Dinge zu schließen, die er nicht wissen konnte, nur weil er es nicht anders kannte.

"Die ist genauso blöd wie deine." Timo rieb seine Nase über Clemens' Brust, sah erneut zu ihm auf mit einem Lächeln. "Ich mag deine Mischung", murmelte Timo, bevor er sein Gesicht wieder in Clemens' Haut schmiegte und sie mit sanften Küssen bedeckte.

Clemens zog eine Augenbraue hoch. "Wie meinst du das?"

"Na, wie du bist. Auf der einen Seite rotzfrech und charmant, und auf der anderen Seite scheu und zurückhaltend." Wieder sah Timo ihn an, grinste. Er zog Clemens' Gesicht zu sich, leckte ihm vorsichtig über die Lippen, aber zögerte dennoch nicht, Clemens tiefer zu küssen, als dieser den Zungenschlag erwiderte. "Schlafen?"

"Hört sich gut an", sagte Clemens leise und seufzte zufrieden, als Timo sich noch enger an ihn schmiegte und kurz darauf eingeschlafen war.

~o0o~

tbc ...
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