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Geschichte: Fanfiktion
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von rotschopf
erstellt: 03.05.2007
letztes Update: 14.06.2007
Geschichte, Romanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
(fertiggestellt)
Serie: Ich will Alles 1
Warnungen: schwarzer Humor, die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, böse Sprache, gleichgeschlechtliche Liebe, Kink.
Haftungsausschluss: Und sie sind immer noch nicht meine Lustsklaven. Ich mach' hiermit weder Geld noch will ich irgendjemandem irgendetwas unterstellen. Habe auch ausnahmsweise keine bösen Absichten. Nur zum privaten Vergnügen gedacht.
Lektor(en): Liz, Kurdt & mein Fips. Danke, ihr Süßen!
Wie immer findet ihr den Rest meiner Werke entweder auf community.livejournal.com/drowfic. Oder bei Obi.
Anmerkungen: Den Titel habe ich schamlos von Doros "Ich will Alles" geklaut. Ich möchte mich insbesondere bei burningliz' Schwester bedanken für's Nachfragen beim Herrn F aus B über den Zustand seiner Brustwarzen. Das Mädel hat echt keine Hemmungen. Gut so!
~o0o~
Teil Ia
Wie um alles in der Welt er dazu kam, das Zimmer mit Timo Hildebrand zu teilen, war Clemens ein Rätsel. Letztendlich schob er es dann auf die Tatsache, dass Timos eigentliche Hüftprothese die Nacht bei seiner Freundin verbrachte - was ja auch Sinn machte.
Es hatte ihn schon sehr gewundert, dass Timo von sich aus gefragt hatte, ob Clemens mit ihm das Zimmer teilen wolle. Bei der Frage selbst hatte er ihn so charmant angegrinst, dass Clemens nicht wirklich nein sagen wollte oder konnte. Er war einfach zu perplex gewesen. So hätte er den Stuttgarter Torwart nun wirklich nicht eingeschätzt, nachdem dieser ja eher als mürrisch und launisch verschrien war.
Zugegeben, Clemens kannte Timo nicht wirklich, außer eben von diversen Bundesligaspielen, doch der Spitzname "Torschreihals", den sich Timo auf seiner Homepage kürzlich selbst verpasst hatte, war dabei mehr als zutreffend. Zumindest auf dem Platz.
Insofern war das Angebot eine Überraschung gewesen, wenn auch eine angenehme, und Clemens hatte es dankend angenommen. Er hasste nämlich nichts mehr als alleine schlafen zu müssen, wenn er mit einer Mannschaft unterwegs war. Es gab ihm immer das Gefühl, aus bestimmten Gründen zurückgewiesen geworden zu sein, und das war etwas, das mehr an ihm nagte als ein verlorenes Spiel.
Timo also. Bei ihm konnte sich Clemens zumindest sicher sein, dass er ihn nicht anmeckern würde, wenn er zu lange das Bad blockierte. Der Gedanke an Pers letzten Aufstand, als er mal wieder fast eine Stunde gebraucht hatte, um fertig zu werden, zauberte unwillkürlich ein Lächeln auf Clemens' Gesicht. Er hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass er selbst über eine Stunde warten müsste, um ins Bad zu können.
Er klopfte erneut an die Badezimmertür. "Bist du da drin gestorben?"
"Moment noch! Gib mir zehn Minuten!", kam die gedämpfte Antwort.
"Das hast du vor zehn Minuten schon 'mal gesagt", gab Clemens zurück, aber er konnte sich das Schmunzeln nicht verkneifen. Es war ja auch zu komisch, dass er ausgerechnet mit der Person auf dem Zimmer landen sollte, die länger im Bad brauchte als er. "Ey, wenn du nicht grad vor dem Spiegel stehst und dir einen runterholst, kannst du mich wenigstens duschen lassen!"
Er vernahm ein leises Fluchen und einen dumpfen Knall, und sein Schmunzeln verwandelte sich in ein breites Grinsen. Als sich die Tür einen Augenblick später öffnete, ließ Timos hochroter Kopf vermuten, dass er ihn wohl doch in einem etwas privateren Moment gestört hatte. "Weißte, für 'nen Jungnationalspieler bist du ganz schön frech", murmelte Timo und trat zur Seite, um Clemens ins Bad zu lassen.
Im Vorbeigehen rempelte Clemens Timo spielerisch mit der Schulter. "Beiß mich doch", sagte er neckisch und begann, sich auszuziehen.
Er konnte Timos geradezu fassungslosen Blick, den er ihm zuwarf, im Spiegel sehen, bevor Timo den Kopf schüttelte und grinste. "Nee du, lass mal. Am Ende gefällt dir das noch."
Jetzt war es Clemens, der Timo einen ungläubigen Blick über die Schulter zuwarf, bevor er die Augenbraue hochzog. "Vielleicht." Timo schüttelte erneut den Kopf, aber sein verschmitztes Lächeln verriet Clemens, dass er den Kommentar genau so aufgefasst hatte, wie er gemeint war. "Willste mir jetzt beim Strippen zusehen?", fragte Clemens schließlich, während sein Oberteil auf dem Badewannenrand landete.
Timos süffisantes Grinsen verhieß nichts Gutes. "Vielleicht", sagte er nach einer Weile und rempelte Clemens seinerseits an, als dieser nach seinem Duschgel und Shampoo griff. Er deutete mit einer flüchtigen Kopfbewegung auf Clemens' Brust. "Seit wann hast 'n die Piercings?"
Unwillkürlich rieb Clemens über einen der Titanringe in seinen Brustwarzen. "Schon ewig. Sechs, sieben Jahre?"
"Gefällt mir", gab Timo mit einem anerkennenden Nicken zurück. "Passt irgendwie zu dir. Aber sag mal, klebst du die während des Spiels ab?"
"Kommt drauf an. Mit Bars geht's einigermaßen ohne Pflaster, aber wenn ich die Ringe drin habe, muss ich sie abkleben, sonst laufe ich die ganze Zeit mit 'nem Ständer über den Platz", erwiderte Clemens ohne mit der Wimper zu zucken. Schließlich war er die Fragen über seinen Körperschmuck mittlerweile gewöhnt und hatte sich auch mehr als einmal anhören müssen, dass Nippelpiercings doch total schwul seien. Nur gut, dass niemand von denen, die am lautesten geschrien hatten, auch nur den Hauch einer Ahnung gehabt hatten, wie nah sie mit eben jener Aussage an der Wahrheit waren.
Clemens war zwar nicht schwul, aber er war bestimmt der Letzte, der einen gutaussehenden Mann von seiner Bettkante schubsen würde. Nur leider gab es für die meisten Leute den Begriff "bisexuell" überhaupt nicht. Wenn man auch gern mal mit Männern ins Bett ging, war man eben schwul, Ende der Diskussion.
Sei's drum. Mit dieser Tatsache würde er wohl bis zum Ende seiner Karriere - und darüber hinaus - leben müssen, denn er glaubte nicht daran, dass sich in den nächsten Jahren etwas an der Einstellung zur gleichgeschlechtlichen Liebe im Fußball ändern würde.
"So empfindlich?" Timos Frage riss ihn aus seinen Gedanken, und er nickte. "Ned schlecht."
Wieder machte sich dieser Ausdruck auf Timos Gesicht breit, der Clemens warnte, dass Timo etwas im Schilde führte. Im nächsten Moment wich er zurück, als Timo spielerisch gegen den linken Ring schnippte. "Ey, Vorsicht, wenn du nicht 'was anfangen willst, das du nicht zu Ende bringen kannst", sagte Clemens und wurde sich fast im gleichen Augenblick bewusst, was er da gerade gesagt hatte. Er hatte sich buchstäblich verraten!
"Und wer hätte bitte behauptet, dass ich's ned zu Ende bringen kann?", kam die prompte Retourkutsche, und falls das überhaupt möglich war, wurde Timos Grinsen noch eine Spur breiter.
Clemens ging ein Licht auf, und er kam nicht umhin, Timos Grinsen zu erwidern. So war das also! Na ja, hätte er sich auch denken können, vor allem, wenn er die verschiedenen Tuben, Fläschchen und Wässerchen auf der Waschtischplatte betrachtete. So etwas hatte er ja selbst bei seiner letzten Freundin nicht gesehen! Auch war er erleichtert, dass seine Aussage ihn nicht in Schwierigkeiten gebracht hatte, sondern mehr als akzeptiert wurde. "Dann kann ich ja jetzt duschen gehen, oder hast du vor, richtig zu spät zu kommen?"
Timo sah auf die Uhr. "Oh Mann, so spät schon? Ich werd ja nie fertig!", meinte er, fast panisch, und griff nach seinem Föhn.
Clemens rollte mit den Augen und kletterte in die Dusche. Schließlich musste er ja auch irgendwann fertig werden.
~o0o~
In jeder anderen Situation hätte Clemens es wahrscheinlich amüsant gefunden, dass Timo immer noch nicht abmarschbereit war, da er sich nicht entscheiden konnte, welches weiße Hemd er denn nun anziehen sollte, und das schon seit einer halben Stunde, aber nicht jetzt. Wieder sah er auf die Uhr und versuchte, nicht laut aufzuseufzen, als er feststellen musste, dass sie tatsächlich schon viel zu spät dran waren.
Es konnte doch nicht so schwierig sein, sich zwischen drei fast identischen Hemden zu entscheiden! Doch er selbst war ja nur halb-schwul, und deswegen schob er die Tatsache, dass Timo am Rande der Verzweiflung war und schon mindestens dreimal so lang brauchte wie Clemens, auf diesen kleinen, aber feinen Unterschied.
Letztendlich konnte er seinen Frustseufzer nicht mehr unterdrücken. "Wenn's mal wieder länger dauert ..."
"Snickers ist in meiner Sporttasche", gab Timo unbeeindruckt zurück, während er sanft mit den Fingern über eines der Hemden strich.
Clemens stutzte, zuckte dann aber mit den Schultern und angelte den Schokoriegel aus Timos Tasche, was gar nicht so einfach war, nachdem er keine Lust hatte, seine bequeme Lage auf Timos Bett aufzugeben. "Es kann doch nicht so schwierig sein, Timo. Mach die Augen zu und nimm einfach eins," nuschelte er mit halb-vollem Mund, bevor er grinsen musste, als Timo ihn eines bösen Blickes würdigte.
Er schüttelte den Kopf und seufzte erneut, affektiert, bevor er aufstand, den Schokoriegel noch immer zwischen den Zähnen. Er pflückte eins der Hemden vom Bügel, manövrierte Timos Arme in die Ärmel, bevor er ihm das Hemd auf die Schultern zog. Er bedachte Timo mit einem erneuten Grinsen, als dieser ihn mit entgeisterter Miene anstarrte. "Ich kann mich auch selber anziehen", meinte Timo schließlich, als Clemens seine Knopfleiste schloss.
"Anscheinend nicht, sonst wärst du schon längst fertig", erwiderte Clemens, nachdem er hinuntergeschluckt hatte.
"Du bist echt viel zu frech für 'nen Neuling", murmelte Timo, leicht genervt, aber er stopfte sich das Hemd dennoch in die Hose.
"Ey, wenn du mir solche Vorlagen lieferst, musst du auch damit rechnen, dass ich schieße!"
Das entlockte Timo dann doch wieder ein Lächeln, das er mit einem Zwinkern unterstrich. "Es liegt aber an mir, ob und wie viele ich reinlasse", sagte Timo und zog sich sein Sakko an.
Clemens zog seine Augenbrauen hoch, als er plötzlich Timos Finger an seinem Kragen hatte. "Was wird das jetzt?"
"Du kannst dich anscheinend auch ned selber anziehen. Ein Kragen drin, einer draußen ... Wie sieht das denn aus?", tadelte Timo Clemens, aber das Funkeln in Timos Augen verriet ihm, dass der Kommentar nicht annähernd so ernst gemeint gewesen war, wie er geklungen hatte. "Machst dich gut als Anzugträger. Fehlt eigentlich nur noch die Krawatte", gab Timo anerkennend zu.
"Du machst auch keine schlechte Figur", sagte Clemens leise, und er merkte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. Er wollte eigentlich gar nicht wahrhaben, wie viel ihm Timos Kompliment bedeutete, aber völlig ignorieren konnte er das flauschige Gefühl im Bauch auch nicht. Timos ehrliches Lächeln über seine Schamesröte half ihm da auch nicht weiter. "Komm schon, lass uns gehen."
Timo nickte. "Ja, gehen wir."
~o0o~
Als Timo und Clemens schließlich das Foyer des Schlosshotels betraten, stellte Clemens fest, dass sie nicht die Letzten waren. Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger fehlten auch noch. Allerdings wunderte er sich darüber nicht im Geringsten. Er wusste bereits von diversen Kommentaren, die Tim und Torsten hatten fallen lassen, dass die beiden selten bis gar nicht pünktlich waren.
Bernd war der Erste, der sie entdeckte, und er zog Clemens mit einem breiten Grinsen in seine Arme. "Da bist du ja endlich." Er drückte ihn ein wenig von sich, ohne ihn aber komplett loszulassen. "Mit ein bisschen Verspätung zwar, aber ich hab's dir doch gesagt."
Clemens lachte. Ihm war bewusst, dass Bernd nicht nur auf sein Zuspätkommen anspielte. Oft hatten sie darüber gesprochen, dass Clemens früher oder später den Sprung in die Nationalmannschaft schaffen würde, und Bernd war eine wichtige Stütze für ihn gewesen, als er nach seinem Wadenbeinbruch nicht mehr daran geglaubt hatte; Bernd hatte den Glauben an und in ihn nie verloren.
"Ja, da bin ich endlich. Ich musste Timo noch anziehen, nachdem es unglaublich schwierig ist, sich für ein weißes Hemd zu entscheiden", erwiderte Clemens, bevor er auch von Carina umarmt wurde.
"Du lässt dich auch nicht mehr blicken, junger Mann", murmelte sie mit gespieltem Vorwurf. Natürlich kannte sie die Gründe, warum er sonntags nicht mehr zum Essen kam.
"Ich gelobe Besserung", meinte er ernsthaft und grinste, als sie ihm einen Klaps über die Brust gab.
"Wie ist es denn mit Timo als Zimmergenosse?" fragte Bernd leise, als seine Lebensgefährtin Clemens wieder losgelassen hatte.
"Wie gesagt - er kann sich nicht alleine anziehen."
"Kann ich wohl!", protestierte Timo. "Ich kann nichts dafür, dass du so ungeduldig bist!"
Clemens rollte mir den Augen. "Kann ich 'was dafür, dass du dich nicht zwischen drei identischen Hemden entscheiden kannst?"
Timo verschränkte die Arme vor der Brust. "Die sind ned identisch!"
Clemens winkte mit einem Lächeln ab. "Was auch immer."
"Ich sehe, ihr versteht euch blendend", sagte Bernd schließlich und schüttelte den Kopf, bevor sich seine Augen weiteten.
Clemens hatte keine Möglichkeit, Bernd zu fragen, was los war, denn er fand sich im nächsten Augenblick in Bernds Armen wieder. Clemens lachte. Es gab nur eine Person, die ihn ungefragt und ohne Hemmungen anspringen durfte, ohne dass sie danach von Clemens eine Abreibung erhielt. "Hallo, Per!"
"Hey!" Per zog Clemens aus Bernds Armen in seine. "Ist das geil, wieder bei der Nationalmannschaft zu sein!"
"Ey! So schlimm sind wir auch nicht!", beschwerte sich Clemens sofort, aber Pers Grinsen zeigte ihm auch, dass dieser genau wusste, wie's gemeint war.
"Das habe ich auch nicht gesagt. Aber wart erst 'mal, bis du sieben Wochen mit der Nationalmannschaft unterwegs bist", entgegnete Per, noch während er Clemens durch die Haare strich.
"Kann ich mir vorstellen. Was macht die Ferse?", fragte Bernd.
"Sie macht sich." Per ließ Clemens wieder los. "Ich bin zwar immer noch nicht ganz schmerzfrei, aber es reicht für neunzig Minuten."
Bernd klopfte Per auf die Schulter. "Das sind doch 'mal gute Nachrichten."
Timo stieß Clemens mit dem Ellbogen, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er wies mit dem Kopf auf Philipp Lahm, der gerade hinter Christoph Metzelder aufgetaucht war. "Kommst du mit?"
Clemens grinste und nickte, obwohl ihm die Situation etwas unangenehm war. Warum eigentlich? Philipp war, soweit er sich erinnern konnte, Timos bester Freund, und nur weil er zufälligerweise für eine Nacht das Zimmer mit Timo teilte, hatte er noch keinen Grund, eifersüchtig zu sein!
Clemens stutzte bei diesem Gedanken. War er tatsächlich eifersüchtig? Ja, war er. Na, das konnte ja heiter werden!
Er hatte keine Gelegenheit, den Gedanken weiterzuverfolgen, da Philipps Lächeln, das er ihm und Timo zuwarf, einfach ansteckend war. "Na, vertragt ihr euch auch?", fragte der kleine Verteidiger und piekte Timo in die Seite.
"Er meckert wenigstens ned, wenn ich zu lange im Bad brauch", erwiderte Timo mit einem ebenso breiten Grienen. "Im Gegenteil! Clemens weiß, was es heißt, das Bad zu teilen."
Philipp schmollte. "Willst du damit behaupten, ich wüsste das nicht?"
"Nein, das will ich damit ned sagen. Ich mein ja nur, dass ich mir bei ihm keine Sorgen machen brauche", versuchte Timo seinen Fauxpas wieder wettzumachen, was ihm aber, Philipps Gesichtsausdruck zu urteilen, nicht wirklich gelang.
Philipps Unterlippe schob sich noch weiter vor. "Das sagst du jetzt nur so! Aber du musst ja auch immer drauf bestehen, dass du als Erster ins Bad darfst."
"Ich brauch auch länger im Bad als du mit deinem Stoppelfeld auf dem Kopf!"
Clemens zuckte zusammen, als Philipps Begleitung sich bei ihm einhakte, und sah sie überrascht an. Sie blickte bedeutungsvoll gen Himmel, bevor sie Clemens ein Lächeln schenkte. "Ich bin Nicola, Philipps Freundin."
"Clemens", sagte Clemens, noch immer etwas perplex, dass er auf einmal Philipps Freundin am Arm hatte.
"Das weiß ich doch. Komm, lass uns schon 'mal nach draußen gehen, weil bis die beiden mit ihrer Kabbelei fertig sind, sind Poldi und Schweini hoffentlich auch fertig."
"Hey!", riefen Philipp und Timo einstimmig, als Nicola ihrem Freund ein verschmitztes Lächeln zuwarf und Clemens mit in die kühle Abendluft hinauszog.
Clemens wunderte sich ein wenig darüber, dass sie bis auf das Hotelpersonal und die Chauffeure alleine waren. Wenn er mit Bremen unterwegs war, wurden sie oft hermetisch von diversen Sicherheitsleuten abgeschirmt.
"Ich bin schon sehr auf den Film gespannt. Phil hat mir ja kaum etwas erzählt", sagte Nicola und kuschelte sich enger an Clemens. Er konnte sehen, dass ihr etwas kühl war in ihrem dünnen Kleidchen.
"Du warst doch mitten drin", antwortete er höflich. Irgendwie war es ihm unangenehm, dass Nicola so vertraut mit ihm umging. Er kannte sie doch noch nicht einmal zehn Minuten! Aber vielleicht war das einfach nur ihre Art, mit Teamkollegen ihres Freundes umzugehen.
Sie lachte. "Ja, aber auch nur am Rande."
Bevor sie weitersprechen konnte, schwangen die Türen wieder auf. "Unsere Chaoten sind auch endlich fertig", meinte Bernd sarkastisch, während er Carina näher zu sich zog. "Wir können also sozusagen endlich gehen."
~o0o~
Es war ein Wahnsinnsgefühl über den roten Teppich zu laufen. Nicht nur, weil er noch nie bei einer Filmpremiere gewesen war, sondern auch, weil er nun zu jener Mannschaft gehörte, für die dieser Teppich ausgerollt worden war. Der Stolz, den er dabei empfand, erleichterte es ihm auch, das Blitzlichtgewitter zu ertragen, das über sie herniederging, als sie aus den Limousinen ausstiegen. Wenn er etwas nicht leiden konnte, war es der Medienrummel, den der Profisport mit sich brachte.
Zum Glück war er bis jetzt davon verschont geblieben, aber ihm war auch bewusst, dass es nicht so bleiben würde - egal, ob und wie er gegen Georgien spielte. Alleine die Tatsache, dass er berufen worden war, zog ein gesteigertes Interesse an seiner Person nach sich - ein Interesse, auf das er gut und gerne hätte verzichten können.
Hinzu kam, dass zwischen Philipp und Timo Funkstille herrschte - zumindest von Philipps Seite aus - und Clemens hatte das ungute Gefühl, dass er etwas damit zu tun hatte. Für den Moment jedenfalls gingen die beiden getrennte Wege - Timo vorne weg mit Christoph und Sebastian Kehl, dahinter Philipp und Nicola.
Er selbst hatte beschlossen, sich im Hintergrund zu halten. Was hätte er sonst auch tun sollen? Er gehörte zwar jetzt zum Kader, aber eben nicht zu den "WM-Helden". Eigentlich war ihm das ganz recht. Es gingen ihm zu viele Dinge durch den Kopf; Dinge, über die er am liebsten nicht nachdenken wollte.
Es überraschte ihn ein wenig, dass sie relativ unbehelligt an den Reportern und Fotografen vorbei kamen. Er hätte zumindest erwartet, dass Per oder Bernd zu Interviews gebeten würden. Allerdings blieben Nicola und Philipp bei einer Reporterin stehen, und Clemens musste schlucken, als er Timos Blick sah, den er dem kleinen Verteidiger zuwarf. Es war offensichtlich, dass die momentane Situation an Timo nagte, und fast wünschte sich Clemens, er hätte Timos Angebot ausgeschlagen.
Er atmete tief durch, als sie schließlich das Kino betraten. Einige Spieler - darunter auch Philipp - waren noch auf dem roten Teppich, um die Neugier der Reporter zu befriedigen. Er sah sich um. Irgendwie kam er sich fehl am Platz vor. Nicht unbedingt wie das fünfte Rad am Wagen, aber doch wie ein Eindringling. Klar, es waren auch andere prominente und nicht so prominente Leute da, die mit dem Film nichts zu tun hatten. Trotzdem war das etwas anderes. Die anderen waren einfach nur Gäste einer Filmpremiere. Er war nun Teil einer Mannschaft, zu der er noch nicht wirklich gehörte.
Er zuckte zusammen, als Timo ihn sanft anrempelte. "Dir taugt der Medienrummel ned, oder?", murmelte dieser und lächelte Clemens an.
"Nicht wirklich", gab Clemens zu, während er seine Hände in seine Hosentaschen schob. "Aber damit werde ich wohl leben müssen, ne."
Timo nickte. "Das schaffst du schon", sagte er leise, bevor er sich zu Thomas Hitzlsperger umdrehte.
Clemens schloss kurz die Augen, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über die Lider. Seine Hände waren jetzt schon schweißnass, und das war kein gutes Zeichen. Oder doch, je nachdem, von welchem Standpunkt aus man die Situation betrachtete.
Von welchem Standpunkt aus Bernd die Sache betrachtete, konnte sich Clemens denken. Sein Freund grinste ihn immer wieder wissend von der Seite an, wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, mit Miroslav Klose über die Freuden des Elterndaseins zu diskutieren, oder Torsten damit aufzuziehen, dass er endlich zum Friseur gehen sollte.
Er trat von einem Bein aufs andere. Je näher der Filmbeginn rückte, desto nervöser wurde er. Er sah auf die Uhr. Halb acht - genügend Zeit also, um noch einmal auf die Toilette zu gehen und seine wirren Gedanken zu ordnen.
Er stupste Bernd an. "Ich geh noch 'mal für große Verteidiger", sagte er schlicht, drehte sich um, um zu gehen, doch Bernd hielt ihn kurz fest.
"Soll ich mitkommen?", bot Bernd ihm mit einem besorgten Blick an, aber wieder schüttelte Clemens den Kopf.
Daraufhin nickte der Leverkusener und ließ Clemens los. Dankbar lächelte Clemens ihn an. Bernd hatte also noch nicht vergessen, dass er in solchen Situationen einfach lieber alleine war. Dennoch schätzte er das Angebot, ihn zu begleiten, sehr, und er wusste auch, dass Bernd das wusste.
Er konnte Timos Blick auf seinem Rücken spüren, als er sich den Weg durch die versammelte Prominenz bahnte. Für einen Moment tat es ihm leid, dass er sich einfach so umgedreht hatte und gegangen war. Auf der anderen Seite wollte er einfach nur einen Augenblick für sich haben, wollte sich darüber klar werden, was in ihm vorging.
Er konnte einen Seufzer der Erleichterung nicht unterdrücken, als er feststellte, dass die Herrentoilette verlassen war. So gern er meist unter Menschen war, so sehr genoss er jetzt die momentane Einsamkeit, als er vor das Waschbecken trat.
Er blickte in den Spiegel. Er wusste eigentlich ganz genau, was mit ihm los war. So ein Mist! Timo war drauf und dran, ihm den Kopf zu verdrehen, und das passte Clemens überhaupt nicht. Er wollte die Dinge eigentlich so belassen, wie sie waren, aber er wusste auch, dass sie nicht so bleiben würden - wie immer, wenn er sich zu jemandem hingezogen fühlte. Er war zwar nicht gerade auf den Mund gefallen, aber sobald er anfing, sich für mehr als Freundschaft zu interessieren, hatte er einen Knoten in der Zunge. Und ausgerechnet Timo Hildebrand!
Aber was sollte er machen? Er konnte ja schließlich keinen Schalter in seinem Kopf umlegen, der irgendwelche Gefühlsregungen verhinderte, auch wenn so ein Schalter gerade jetzt sehr praktisch wäre.
Clemens schüttelte den Kopf und öffnete den Wasserhahn, um sich das Gesicht zu waschen, aber das half ihm auch nicht, die Gedanken an Timo zu vertreiben oder sich klarer darüber zu werden, wo das Ganze hinführen sollte.
Wenn er es objektiv betrachtete, wusste er, dass er sich eigentlich keine Gedanken machen musste. Noch nicht. Klar, er fand Timo reizvoll, seine unerwartet lockere Art angenehm. Diese Tatsache hieß aber noch lange nicht, dass Timo genauso über ihn dachte. Vielleicht war es für Timo einfach nur eine neue Erfahrung, einen Mannschaftskollegen auf dem Zimmer zu haben, der ähnlich gepolt war wie er selbst, und er zeigte offen seine Freude und Erleichterung darüber.
Es war egal. Mannschaftskollegen waren für Clemens einfach tabu, unabhängig davon, wie gut er sich mit ihnen verstand. Das hatte ihn seine unglückliche Beziehung mit Marco Engelhardt gelehrt. Es war so lange gut gegangen, bis sie sich das erste Mal gestritten hatten. Er wusste noch nicht einmal mehr, um was es eigentlich gegangen war. Fakt war aber dennoch, dass ihre Beziehung daran zerbrochen war, und beinahe auch ihre Freundschaft. Das war etwas, das Clemens nicht noch einmal wiederholen wollte.
Er sah erschrocken auf, als die Tür aufging, aber im nächsten Moment musste er grinsen. Eigentlich hätte er es sich denken können. Zwar wusste Bernd, dass er in solchen Momenten die Einsamkeit suchte, aber er konnte es eben doch nicht lassen, nach dem Rechten zu sehen. "Ich weiß, ich weiß", sagte Bernd auch sofort, "du willst lieber alleine sein. Aber die Will redet schon seit zehn Minuten, und da du nicht zurückgekommen bist, dachte ich, ich sammel dich ein."
"Das ist lieb von dir, Mama", feixte Clemens und bekam dafür auch prompt einen freundlichen Klaps auf den Hintern.
Im nächsten Moment änderte sich die Stimmung zwischen ihnen. Bernd hatte schon immer ein sehr feines Gespür dafür besessen, Clemens' Gemütslage zu lesen und auch entsprechend zu reagieren. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, zog Bernd ihn in eine Umarmung, die Clemens dankbar erwiderte. "Was machst du nur für Sachen?", murmelte Bernd halb in Clemens' Hals hinein.
"Weiß ich doch auch nicht", erwiderte Clemens leise und drückte Bernd etwas fester an sich. "Ich kann's mir doch nicht aussuchen, ne."
"Nein, das kannst du nicht. Ich hoffe nur, dass du dich hier nicht in etwas hinein manövrierst, das dir am Ende doch nur wieder Kummer bereitet."
Clemens wusste genau, auf was Bernd anspielte, da ihm die gleichen Gedanken auch durch den Kopf gegangen waren. Wieder einmal war er dankbar, Bernd als Freund zu haben, denn es war unter anderem Bernds Verdienst gewesen, dass er Marco nach wie vor in die Augen sehen konnte und sie auch nach wie vor eng miteinander befreundet waren.
"Das hoffe ich auch." Mit einem Seufzen löste sich Clemens aus der Umarmung. "Lass uns wieder zurückgehen, bevor die anderen auf die Idee kommen, einen Suchtrupp loszuschicken."
"Timo war auch drauf und dran, dir zu folgen", meinte Bernd mit einem verschmitzten Grinsen, und Clemens stöhnte gequält auf. "Du scheinst einen ähnlichen Eindruck bei ihm hinterlassen zu haben wie er bei dir."
"Ich werd den gleichen Fehler nicht noch 'mal machen, Bernd, und das weißt du auch", gab Clemens mit ernster Miene zurück, als sie zusammen ins Foyer traten. "Es ist völlig gleich was ich über Timo denke, oder er über mich. Ich will die gleiche Scheiße nicht noch mal durchmachen müssen. Das mit Marco hat mir gereicht."
"Das mag alles sein, und du weißt auch, was ich über die Sache denke", sagte Bernd mit ernster Miene. "Es gibt aber einen bedeutenden Unterschied zwischen Timo und deinem angeblich besten Freund."
Clemens schob die Hände in die Hosentaschen. "Ach, und der wäre?"
"Timo is'n Kerl", war Bernds trockene Antwort, und er wich dem Knuff, der für seine Schulter bestimmt gewesen war, geschickt aus. "Da musst du schon etwas früher aufstehen, Fritzi."
Jetzt musste Clemens lachen. "Warst es nicht du, der die Aussage getätigt hat, er hoffe, dass ich mich nicht wieder in Kummer reinreite?"
"Dazu musst du Timo erst 'mal reiten, oder?"
Diesmal traf Clemens. "Du bist so doof!"
Bernd taumelte gespielt über den Boden, bevor er Clemens wieder angrinste. "Wenigstens kann ich dich noch zum Lachen bringen, und mehr wollte ich doch gar nicht."
~o0o~
tbc ...
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