Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
«
 
von Xylune    erstellt: 22.04.2007    letztes Update: 22.04.2007    Geschichte, Romanze / P18 Slash    (abgebrochen)
~***~ -> Zeitsprung
******************* -> Perspektivwechsel


Kapitel 1: Es könnt ein Anfang sein

Im Grunde kann man behaupten, wir wären ganz normale Geschwister gewesen, nun gut, zweieiige Zwillinge, aber sonst stritten wir uns weder weniger noch mehr als andere. Zumindest bis wir in die Mitte unserer Pubertät gelangten und zu dem Schluss kamen, dass die biologischen Normen und Vorstellungen nicht unserem persönlichen Ideal entsprachen.
Ich glaube, ich habe laut gelacht, als Aki, du, mir mit zittriger Stimme „gestanden“ hast, dass Männer dich eher reizen würden als Frauen.
„Also… ähm… das heißt ja nicht, dass ich schwul bin oder so…“, stottertest du und ich klopfte dir immer noch lachend auf die Schultern.
„Ja, klar, ist doch aber auch nicht so wichtig, oder?“, erwiderte ich nur und erntete einen dankbaren Blick von dir.

Als auch ich meine „Zugehörigkeit“ erkannte und wir es nach langen Diskussionen unseren Eltern gestanden, nahmen diese es relativ gefasst.
„Na dann… solange ihr nicht gegenseitig was anfangt“, ein Scherz und sie brachen in Lachen aus, während wir noch aufatmeten und sie etwas verständnislos anblickten. Ich glaube, dass diese Worte für uns damals nicht soviel Bedeutung hatten und ich glaube auch, dass unsere Eltern wirklich glücklich mit dieser tatsächlichen Lösung waren. Denn irgendwann später hatte ich im Wohnzimmer einem Gespräch gelauscht, in dem sie fragten, ob das Erziehungsfehler seien oder was sie den Leuten sagen sollten, wenn sie nach ihren Söhnen fragten.

„Stell dir vor, zwei Söhne und vom anderen Ufer, was wird man denken?“, fragte unsere Mutter in den Raum hinein, während ich vor der halbgeschlossenen Tür erstarrte.
„Vermutlich nichts…“, beruhigte sie unser Vater, wenn man auch die Zweifel in seiner Stimme heraushörte.
„Sie werden fragen, welche Fehler wir begangen hätten, sie werden…“, sie brach ab und begann leise zu weinen. Das leise Schluchzen traf mich mitten ins Herz, ließ mich nun vollends erstarren. Diese Zweifel schmerzten, wie auch das Weinen meiner Mutter unheimlich schmerzte. Wie ist es, die Person, die nie weinte, weinen zu sehen? Man möchte hineingehen, sie in den Arm nehmen, doch nichts kann man tun. Denn sie hat dich soeben verraten, dir soeben verständlich gemacht, dass du einen Fehler begangen hast.
Während mein Vater ihr leise gut zuredete, ging ich davon, schlich die Treppen hinauf in unser gemeinsames Zimmer.
Erstaunt sahst du auf, legtest dein Buch zur Seite und blicktest zu mir herüber. Innerhalb von Sekunden wechselte dein Erstaunen in Leid angesichts der Tränen, die aus unerfindlichen Gründen sich ihren Weg meine Wange herab bahnten.
„Was ist los… Yann?“

Ich antwortete nicht, setzte mich stumm auf mein Bett, vergrub mein Gesicht in den Kissen. Darüber reden wollte ich nicht, wollte nicht, dass du leidest, dass du dir Vorwürfe machst, dass du dasselbe Leid erfährst wie ich.
Also schwieg ich trotz der Hand, die sanft über meinen Kopf strich, trotz der ruhigen Stimme, die mich unaufhörlich fragte, was los sei.
Nie habe ich dir geantwortet, dir nie von dem Gespräch berichtet. Vielleicht stehst du deshalb jetzt dort draußen vor dem Baum und schweigst, vielleicht ist es eine Illusion zu denken, ich hätte es verhindern, dich davor bewahren können.
Ist es so?

Als ich in der Verhandlung behauptete, ich hätte die Schuld an der Sache getragen, hast du dich vehement gewehrt, gemeint, du hättest es so gewollt.
„Warum?“, hörte ich mich fragen.
„Weil ich es so möchte…“


************************************************************************************************

„Yann? Warum redest du nicht mit mir?“
Noch immer stumm vor dich hinweinend, hattest du nur deinen Kopf geschüttelt.
Was war nur los mit dir? Sonst hattest du dich mir immer anvertraut, nie ein Geheimnis vor mir gehabt, aber jetzt?
Ich mochte es nie, dich so zu sehen. Du warst doch immer der Stärkere von uns beiden, der, der nie seine Schwächen zeigen will! Was war es nur, was dich so aufwühlte?
„Ist es wegen mir?“, fragte ich leise.
„Red doch keinen Unsinn!“, fuhrst du mich unwirsch an. „Ich will einfach nicht darüber reden, okay?“
Ergeben und enttäuscht seufzte ich leise und versuchte dir irgendwie zu zeigen, dass ich für dich da war.
Die ganze Zeit über, die du schluchzend auf dem Bett verbrachtest, saß ich neben dir und streichelte leicht über dein wirr abstehendes Haar, über den zitternden Rücken. Nach und nach wurdest du tatsächlich ruhiger, bis dein Atem wieder gleichmäßig ging und ich feststellen musste, dass du eingeschlafen warst.
Es war schon spät und so stand ich nur noch ein Mal auf, um das Licht zu löschen und hatte mich dann zu dir gelegt. Ganz nah kuschelte ich mich zu dir, wollte dir das Gefühl vermitteln, dass du nicht allein warst...

~***~


Nun stehe ich hier, allein, auf diesem fast leblosen Hof.
Der einzelne Baum, der hier verlassen steht - der einzige Beweis, dass es noch außerhalb unseres Käfigs eine Welt voll Leben gibt - Vorbote eines Frühlings, der uns hier drinnen nicht erreichen wird... geschützt von einem Zaun, oder vielmehr gefangen?
Geht es ihm wie mir?
Vollkommen allein auf diesem Platz, keiner, der sich ihm nähern darf... Normalerweise ein Musterbeispiel des blühenden Lebens um diese Jahreszeit.
Doch die kalten grauen Mauern um uns herum, nehmen jegliche Freude, stehlen die Empfindungen, die der Frühling in uns wecken sollte, lassen keine glücklichen Gefühlsregungen zu, töten das Herz nach und nach ab...
Was du wohl gerade machst? Sitzt du einsam in deinem Zimmer und denkst an unsere gemeinsame Zeit, so wie ich es jede Minute tue?
Bereust du es?
Hältst du noch immer zu mir?
Warum bist du nicht auch hier draußen, legst deine Arme um mich und sagst mir, dass das Alles nicht so schlimm ist? Komm zu mir und sag mir, dass du mich trotz allem noch liebst! Ich will nicht weiter jeden Tag mit dieser Unwissenheit verbringen, ob du mich nun hasst oder ob du dich nach mir sehnst! Was fühlst du, wenn du an mich denkst? Bitte, sag es mir...

~***~


Verschlafen hatte ich meine Augen am nächsten Morgen geöffnet und gesehen, dass du noch tief und fest schliefst; in meinen Armen.
Gerade so, als könnte ich dich vor dem beschützen, was dich in diesem Moment so bedrückte. Aber wie sollte ich das tun, wenn du mir verschwiegst, worunter du so leiden musstest?
Noch immer waren die getrockneten Spuren deiner Tränen leicht zu erkennen, bewiesen, dass selbst du Schwächen hast, die deine Fassade durchbrechen können und du sie vor mir nicht mehr verstecken kannst.
Leise löste ich mich aus deiner Umklammerung. Auch wenn es ein angenehmes Gefühl war, hier mit dir zu liegen, konnte ich nicht weiter still liegen und so ging ich nach unten, in das Wohnzimmer unserer Eltern.
Wie jeden Morgen saßen sie auf der Couch; Vater mit der Morgenzeitung und einem Kaffee in den Händen und Mutter in eine Morgensendung im TV vertieft und ebenfalls eine Tasse Kaffee trinkend.
„Guten Morgen, Aki“, begrüßte unsere Mutter mich gut gelaunt, wie jedes Mal.
„Na, du Langschläfer“, fiel Vater mit ein. „Wo hast du Yann gelassen? Sonst steht ihr doch immer zusammen auf.“
„Er schläft noch“, antwortete ich und setzte mich mit auf das Sofa.
Was war nur los gestern Abend? Du bist doch gestern Abend von unseren Eltern gekommen, aber die lassen sich von einem eventuellen Streit nichts anmerken, sonst hätte unser Vater wohl kaum nach dir gefragt.
Was kann es nur sein, was dich so sehr beschäftigte? Oder hattest du einfach nur überreagiert und heute ist schon wieder alles in Ordnung?
Ich werde dich noch ein Mal darauf ansprechen müssen. Vielleicht vertraust du dich mir ja doch an – das hoffe ich zumindest.

*************************************************************************************************

Wie erschlagen fühlte ich mich am drauffolgenden Morgen und ich blieb einige Minuten lang regungslos ist meinem Bett liegen, versuchte, mich zu erinnern. Vielleicht ein Fehler, denn sofort prasselten die Erinnerungen an das belauschte Gespräch auf mich ein und lösten wieder ein bedrückendes Gefühl in mir aus. Die Tränen hielt ich jedoch zurück, ich hätte es doch erahnen können...

Die offene Akzeptanz war nur eine Fassade gewesen, ein verzweifelter Versuch, sich den Gesetzen einer neuen Welt anzupassen. Toleranz lautete das Stichwort. Wer ihm –zumindest zum Schein- Folge leistete, hatte viel gewonnen. Wer zu tolerant war, wurde mit Füßen getreten. Die Einen empfingen einen mit offenen Armen, andere würden mir den Tod und das ewige Fegefeuer wünschen, uns.
Ich bereute es beinahe, ihnen von meiner Neigung berichtet zu haben, vielleicht wäre es einfacher gewesen, wenn ich ihren Wünschen von Familie und Enkelkindern nachgekommen wäre. Vielleicht würden sie dann nicht abends auf dem Sofa sitzen und weinen.

Die Tür schwang mit einem leisen Knarren auf und ich sah, wie du das Zimmer betratst und erkanntest, dass ich wach war.
„Morgen, Yann“, meintest du und ließt dich auf deinem Bett nieder, um dort deinen Kopf auf deine Hände zu stützen und mich abwartend anzusehen.
„Was ist los?“
„Was sollte sein?“, erwiderte ich zögerlich, wohlwissend, dass du mir keinen Glauben schenken würdest.
„Wenn du nichts sagen möchtest, frage ich eben nicht.“ Dankbar blickte ich dich einen Moment lang an, bevor ich mich schwerfällig erhob und anzog.

Meine düsteren Vorahnungen zu diesem Zeitpunkt, waren weitaus nicht so düster, wie sie vermutlich hätten sein sollen. Das Ausmaß begriff ich später, zu spät, wie ich heute wusste. Damals warf ich meinen Eltern Scheintoleranz vor, heute längst nicht mehr. Es war keine Scheintoleranz, im Endeffekt siegten altbewährte Moralvorstellungen und der Glaube an die Normen der Gesellschaft.
Kein Platz für Liebe und Akzeptanz.

~***~

Du stehst noch immer dort draußen auf dem Hof, hängst deinen Gedanken nach. Denkst du auch an mich?
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als jemand die zahlreichen Schlösser der grauen Stahltür hinter mir öffnet und eine Person in meinen Raum, meine kleine Welt, hineintritt.
„Zeit fürs Essen, Mäki.“
Wir haben nicht einmal denselben Nachnamen, du und ich. Als Mutter und Vater damals heirateten, behielt jeder von ihnen ihren Namen. Eine Revolution gegen die alte Regelung, die die Annahme des Namens des Mannes bestimmte.
Genauso, wie sie verschiedene Namen trugen, sollte auch uns dieses Schicksal ereilen.
„Gerechte Teilung“, sagte meine Mutter einmal, als ich sie nach dem Grund fragte.

Ich drehe mich um und folge dem uniformierten Mann mit dem stählernen Blick, trotte vor ihm her in Richtung des Esssaales. Der einzige Zeitraum am Tage, an dem ich meinen Raum verließ, allerdings hatte ich das so verfügen lassen. Nur die Esszeiten blieben mir nicht erspart.
„Wir sind kein Hotel“, sagte man mir, als ich darum bat, in der Zelle essen zu dürfen. Um ihnen zu entgehen. Das hatte ich auch so gesagt, doch man hatte es ignoriert, darauf hingewiesen, dass solche Rangeleien üblich seien.

Üblich...

„Der Kinderficker schon wieder“, ruft einer, als ich den Saal betrete, die unzähligen Tische mit den unzähligen gleichaussehenden Menschen erblicke.
„Quatsch Kinderficker“, korrigiert ihn ein anderer, „das ist so’n Wichser, der es mit seinem Bruder treibt.“
„Blutschänder!“, meint ein Dritter und die argwöhnischen Blicke der anderen begleiten mich bis zu meinem Platz.
Kaum habe ich mich hingesetzt, raunt mein Nachbar mir etwas zu.
„Bleib nachher noch, dann poliere ich dir deine verdammte Fresse und kastrier’ dich.“
Ich ignoriere diese Drohung, doch als ich versuche, etwas Essen zu mir zu nehmen, werde ich ständig angestoßen und vergieße die Hälfte meiner Suppe auf dem Tisch.
„Durchweg ein Schwein“, mein Gegenüber grinst und tritt mir gegen das Schienbein. Vor Schmerz stöhne ich leise auf.
Leise tuscheln sie, flüstern hörbar zueinander, was sie von einem wie mir halten. Einem, der Blutschande betrieben hat, indem er sich mit seinem Bruder einließ. Einem, der es nicht verdient hat, zu existieren. Nicht einmal hier, wo der Abschaum der Gesellschaft thront. Der Abfall unter dem Müll, das bin ich. Das erfahre ich Tag für Tag.

Als ich diesen Saal zum ersten Mal betrat, hatte man mir mitgeteilt, dass ich diesen Ort niemals lebendig verlassen würde. Langsam glaube ich, dass man mir die Wahrheit erzählt hat...

                         
*********************************************************************************************

Du wolltest nicht mit mir reden, hast dich vehement dagegen gewehrt. Dankbar warst du mir einzig und allein dafür, dass ich nicht weiter nach dem Grund deiner Tränen gefragt hatte.
Ich verstand es nicht. Ich wollte es nicht verstehen. Warum hattest du dich mir nie anvertraut? Dachtest du, ich würde es nicht verstehen? Oder wolltest du mich, wie schon oft zuvor, schützen? Nur wovor? Wenn ich doch wenigstens das gewusst hätte...
Seit diesem Abend jedenfalls, warst du verändert. Du wirktest ruhiger, nachdenklicher auf mich. Wenn ich es einmal schaffte, dich zum Lachen zu bringen, klang es aufgesetzt. Alles war ein einziges Schauspiel.
Ständig hast du mir den sorglosen großen Bruder vorgespielt und ich konnte nur tatenlos zusehen, wie du langsam daran kaputt zu gehen drohtest. Wenn ich es wagte, dich auf dein Verhalten anzusprechen, hast du sofort abgeblockt. War dir zu diesem Zeitpunkt klar, wie sehr du mich damit verletzt hast?
Ich hatte Angst, zwischen uns würde es nie wieder wie früher sein. Leider musste ich bald feststellen, dass diese Angst nicht unbegründet war, selbst wenn es einen anderen Grund für diese Veränderung gab.
Nur noch selten hast du mir deinen wahren Charakter offenbart. Manchmal bist du abends in Tränen ausgebrochen und ich konnte wieder nichts anderes unternehmen, als dich zu trösten. Immer wieder hatte ich dir gesagt, dass nichts so schlimm sein könne, dass es dich derart aufregt und in diesen Momenten hast du mich zweifelnd angelächelt und mich zu dir gezogen. Du hast dich an mir festgekrallt und mir versichert, du würdest nicht zulassen, dass mich jemals jemand verletzen würde.
Ich hatte deine Worte nicht verstanden und trotzdem legte ich meine Arme um dich, versuchte, dir den Trost und das Verständnis entgegenzubringen, welches du offensichtlich so dringend brauchtest.

  ~***~

“Hakola! Essenszeit!”, schallt es über den beinahe leeren Hof von dem untersetzen kleinen Wärter, der mir mürrisch entgegen kommt.
Man könnte meinen, ich sei ein Schwerverbrecher, der schon viele Ausbruchversuche hinter sich hat; ich werde nie unbeaufsichtigt gelassen. So, wie eine Mutter auf ihr Kind aufpasst, doch auf eine viel grausamere Weise.
Trotz der Verzweiflung, die mich hier nur allzu oft überkommt, wenn ich allein in meiner Zelle sitze, lasse ich alles schweigend über mich ergehen. Ich wehre mich nicht, mache auch nichts, was Aufmerksamkeit erregen könnte und das nur aus einem Grund:
Ich bin nicht der Einzige, der das Alles ertragen muss. Dir geht es hier drinnen genauso wie mir. Vielleicht leidest du sogar mehr als ich, denn ich weiß es. Ich weiß, dass du dir die alleinige Schuld an allem gibst, doch das ist Unsinn. Du hast mich nicht dazu überredet oder mich gar dazu gezwungen, diese Gefühle für dich zu entwickeln. Sie sind da, sind von allein entstanden und daran ist niemand schuld. Weder du, noch ich. Und doch fühlen wir uns beide schuldig...
Bevor ich den Esssaal betrete, wappne ich mich innerlich, wie jeden Tag, vor dem, was nun kommen wird. Doch auch heute werde ich es ignorieren, alles andere würde schließlich auch nichts bringen.
Bevor ich mich zu meinem Platz begebe, lasse ich flüchtig meinen Blick durch den Raum schweifen. Dort. Dort hinten sitzt du. Für den Bruchteil einer Sekunde hast auch du mich angesehen, doch deine Tischnachbarn lenken deine Aufmerksamkeit sofort wieder auf sich. Du siehst unglücklich aus. Wie sollte es auch anders sein? Wir werden hier drinnen beide kaputt gehen, denn hier ist unsere Hölle.
Um uns beiden weitere Sticheleien, sinnlose Drohungen und Verachtung zu ersparen, starre ich vor mich her, sehe dich nicht ein weiteres Mal an. Doch die anderen hier brauchen gar keine weiteren Möglichkeiten, uns in den Dreck zu ziehen. Allein die Tatsache, weswegen wir hier sind, ist für sie verächtlich.
Gerade, als ich versuchen will, etwas zu essen, was mir ohnehin schwer fällt, da du so nah, für mich aber unerreichbar bist, stößt mich mein Sitznachbar an und grinst mich höhnisch an.
“Was ist los? Willst du nicht zu deinem Bruder rüber gehen und es ihm besorgen? Ihr müsst ja schon total auf Notstand stehen, oder hast du noch einen anderen Bruder der dich besuchen kommt? Treibst du’s mit dem auch?”, fragt er und alle, die zugehört haben, beginnen zu lachen.
Lachen über etwas, dass sie nicht verstehen, und nie verstehen werden.
Ignorieren. Ich muss sie ignorieren. Ein Aufstand würde zu nichts führen, außer dass ich hinterher wahrscheinlich Arrest bekomme. Dann würde ich rund um die Uhr in meinem kleinen Zimmer verbringen, hätte keine Möglichkeit mehr, nach draußen zu gehen um wenigstens für kurze Zeit zu vergessen, was mit uns geschehen ist; zu vergessen, wo wir hier sind.
Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass du dein Essen beendet hast. Wieder streifen sich flüchtig, und doch länger als vorher, unsere Blicke, als du den Raum durchquerst. Außer uns bemerkt es niemand, um mich herum sind sie noch immer am Lachen. Schnell wendest du dich ab und verlässt den Saal; verlässt mich.
Dein Blick, war er auch noch so kurz, hat mir deutlich deinen Schmerz, deine Verzweiflung gezeigt. Es ist wie damals und doch ist es anders. Dieses Mal bin ich nicht bei dir, um dich zu trösten. Dieses Mal kann ich dir nicht sagen, dass ich für dich da bin. Dieses Mal musst du allein kämpfen. Dieses Mal bist du allein.
Schon der Gedanke, dass du dich wieder in deine Zelle zurückziehen wirst und mit niemandem reden kannst, schmerzt mich. Auch wenn du es mir immer vorgespielt hast – du bist nicht stark. Du bist hilflos, gerade an einem solchen Ort und niemand ist bei dir.
Ich will dich sehen... ich will mit dir reden... ich will dich schützen... ich will deine Nähe spüren... ich will von dir hören, dass du mich noch immer liebst...
«
 
Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
> Nutzungsbedingungen <   > Datenschutz <   > Impressum <          v3.9-7097