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von Schwanenkoenigin    erstellt: 20.04.2007    letztes Update: 01.03.2008    Geschichte, Drama / P16    (abgebrochen, keine anonymen Reviews)
Plötzlich fuhr sie aus ihren schönen Erinnerungen auf und die Wirklichkeit hatte sie wieder. Irgendetwas hatte sich verändert. Die Lichtverhältnisse waren noch immer so schlecht wie sie es vor ihrem geistigen Abdriften gewesen waren. Was war es also? Da…schon wieder! Ihr schien, als hätte sie in der Ferne das Wiehern eines Pferdes vernommen. Angestrengt lauschte sie und da war es wieder. Ein Reiter schien langsam aber sicher näher zu kommen.

Ob er es wohl war? War er gekommen, um ihr die letzte Ehre zu erweisen? War er auf der Suche nach ihren sterblichen Überresten? Im Stillen hoffte sie, dass er es war, der näher kam. Aber was würde er tun, wenn er sie entdeckte und sie lebendig vorfand? Schließlich dachte er, er wäre sie nun endlich und für immer losgeworden. Würde er versuchen ihr misslungenes Werk zu beenden, oder würde er sie einfach der Wildnis überlassen und umkehren?

Bei dem Gedanke an seine mögliche Reaktion begann es sie zu frösteln. Aber ihr war klar, dass sie nicht hier draußen bleiben konnte. Entweder er gewährte ihr Hilfe oder sie war dem Tod ausgeliefert. Viele Möglichkeiten blieben ihr nicht. Entweder die wilden Tiere und die Kälte oder eben doch die Vernichtung durch die Hand ihrer einzigen Liebe. Tief in ihrem Innern glaubte sie jedoch auch jetzt noch, dass die Möglichkeit bestand, dass er ihr vielleicht doch das Leben retten würde. Daher machte sie sich mit leisen, heiseren Rufen bemerkbar. Es viel ihr unheimlich schwer selbst diese leisen Laute von sich zugeben. Ihr Hals war wie zugeschnürt und fühlte sich an, als wäre dort nur noch blutiges Fleisch vorhanden. Doch trotz der Schmerzen machte sie weiter.

Lauschte er einem Ruf in der zunehmenden Dunkelheit? Oder hielt er aus ihr nicht bekannten Gründen gerade in diesem Moment an? Nach einer kleinen Ewigkeit setzte sich der Reiter wieder in Bewegung und kam in ihre Richtung. Hatte er sie gehört? War es Zufall? Da sie nicht sicher sein konnte, rief sie noch einmal. Und nun war sie sich sicher, dass man sie gehört haben musste, denn der Reiter kam schneller in ihre Richtung…

Als er nur noch wenige Meter von ihr entfernt sein musste, hörte sie eine samtene Stimme, die sie überall wieder erkannt hätte…

„Anne, wo bist du denn? Ich suche dich schon im ganzen Haus. Sag doch etwas, wenn du mich hören kannst!“ Diesen Ruf hörte sie, als sie gerade am Weiher stand und in den nächtlichen Sternenhimmel starrte. Sie liebte die Sterne, das hatte sie schon als Kind getan. Doch mit den Jahren hatte sich ihr Verhältnis zu den Sternen geändert. Früher war es einfach nur Faszination gewesen, doch inzwischen klammerte sie sich an den glauben, dass die Sterne tatsächlich etwas zu bedeuten hatten. Für sie hingen dort am Himmel ungeträumte, aber auch längst zerbrochene Träume. Träume aller Art…unschuldige, lüsterne, kindliche oder auch unerfüllbare. Und mindestens einer dieser zerbrochenen Träume hatte einst ihr gehört.
Aber daran wollte sie jetzt nicht denken, schließlich war dies hier ihr großer Tag – ihr Hochzeitstag. Wobei…Tag konnte man schon nicht mehr sagen. Inzwischen war der Tag schon fast vorbei und die Nacht hatte sie eingeholt. Sie fürchtete sich vor dem, was jetzt kommen mochte. Doch sie war zu stolz, um sich das ansehen zu lassen. Mit einem schnellen Schütteln ihres dunklen Kopfes vertrieb sie die sich anbahnenden düstren Gedanken und versuchte sich wieder auf die Schönheit der Nacht zu konzentrieren.

Als sie weiter so in den Himmel starrte, musste sie an ihre Mutter denken. Ob sie von dort oben wohl den heutigen Tag begleitet hatte und nun stolz auf ihre Tochter war? Die junge Frau war sich sehr sicher, dass ihre Mutter heute bei ihr war. Und sie war stolz! Bei diesem Gedanken stahl sich ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht. Ja, ihre Mutter hatte sie geliebt und war stets stolz auf sie gewesen. Sie hatte immer versucht, ihrer Tochter soviel Liebe zukommen zu lassen, wie sie nur aufbringen konnte. Und das war nicht immer leicht gewesen. Doch ihre Mutter hatte es geschafft. Sie hatte den Balanceakt zwischen zwei Kindern und ihrem Mann ausgezeichnet überstanden. Anne hatte nie den Eindruck gehabt, dass ihre Mutter jemanden vernachlässigt hatte.

Es hatte Anne fast das Herz gebrochen, dass sie ihre eigne Hochzeit ohne ihre Mutter begehen musste. Aber das hatte sie sich leider nicht aussuchen können. Es gab Dinge im Leben, die geschahen einfach. Ob man es wollte oder nicht. Aber irgendwie war ihre Mutter bei ihr, sie spürte es.

Plötzlich hörte sie hinter sich ein Rascheln und kurz darauf auch schon seine Schritte. Er hatte sie also doch noch gefunden. Das war kein Wunder. Schließlich war sie nicht hierher gekommen, um sich zu verstecken, sondern um ein wenig ihren Gedanken nachzuhängen. Und das war ihr auch geglückt. Nun freute sie sich erst einmal ihren Gatten wieder bei sich zu haben. Er schien über ihr Verschwinden auch nicht erbost, sondern eher belustigt zu sein. So als ob er geahnt hätte, dass sie sich so verhalten würde.

„Hier bist du also. Wenn du hier nicht gewesen wärst, dann hätte ich auch nicht weiter-gewusst.“, meinte er ruhig.
„Du würdest mich immer und überall finden.“, antwortete sie ihm, als er sie von hinten umfasste und sein Kinn auf ihren Kopf stützte. „Es ist schön, dass du nun hier bist…bei mir. Langsam wurde es mir hier fast schon zu einsam und meine Gedanken waren auch nicht mehr allzu fröhlich. Ich musste an Mutter denken.“
„Sie war heute bei uns, ganz sicher Chéri. Nie hätte sie ihre älteste Tochter allein vor den Altar treten lassen.“, meinte er und atmetet ihren Duft ein.
„Ich weiß, aber ich vermisse sie trotz allem.“, meinte Anne mit einem traurigen Unterton in der Stimme. Er hatte recht mit dem was er sagte. Jedes Wort war nur eine Bestätigung dessen, was sie längst tief in ihrem Inneren wusste.
„Lass uns wieder ins Haus gehen. Es ist spät und wir sind beide müde. Schließlich war das ein langer und überaus aufregender Tag.“, meinte er leise, nahm ihre Hand und führte sie hinter sich her.

Schweigend gingen sie zusammen den Weg zum Haus zurück. Jeder war in seine eignen Gedanken versunken. Er dachte über ihr manchmal so kindliches Naturell nach, während sie sich mit den kommenden Ereignissen dieser Nacht auseinandersetzte. Sie wusste, was von ihr erwartet wurde. Ihre Mutter hatte sie schließlich über die Pflichten einer Ehefrau gründlich in Kenntnis gesetzt. Doch sie hatte trotz allem unheimliche Angst. Er wusste manches nicht und dies sollte nicht der Zeitpunkt werden, in dem er über alles informiert werden musste.
Bald waren sie im Haus angekommen und schnell nahm er sie auf den Arm und trug sie die breite Treppe hinauf. Vor der Türe ihres gemeinsamen Schlafzimmer hielt der einen Augenblick inne und meinte leis’: „Nun beginnt unser gemeinsames Leben, Chéri!“
Dann hatten sie auch schon das Zimmer betreten und die Türe fiel hinter ihnen mit einem dumpfen Laut ins Schloss…
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