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Geschichte: Fanfiktion
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von phazonshark
erstellt: 25.02.2007
letztes Update: 13.04.2009
Geschichte, Mystery, Drama / P16
(fertiggestellt)
~ 002 ~
GUTE NACHT, KÖNIG VON ROHAN
GUTE NACHT, KÖNIG VON ROHAN
Nahe des Dorfes Hēahflōd, Ost-Emnet, Rohan
22. September, Jahr 33 des V.Z.
Zwei schemenhafte Reiter jagten über die weite und trockene Graslandschaft hinweg. In der Dunkelheit der bewölkten Nacht waren nicht nur sie selbst, sondern auch die wenigen Pflanzen meist nur als schwarze Silhouetten zu erkennen, da der Mond längst hinter einer riesigen Wolkenbank verschwunden war. Wilder und wilder wurde der Galopp der Pferde, denn die Reiter trieben sie mit zusammengekniffenen Augen und verbissenen Gesichtern bis an den Rand ihrer Kräfte.
Das führende der zwei Pferde war ein weißer Hengst, knapp hinter ihm folgte ein zweiter, dessen hellbraune Fellfarbe ihn als Falbe charakterisierte. Beide stammten aus dem noblen Geschlecht der Mearas, jener Pferderasse, die den Rohirrim seit Jahrhunderten diente. Die Mearas waren mehr als nur die schnellsten Rösser Mittelerdes, sie waren langlebig und zudem sehr intelligent. Die stürmische Jagd gegen die Zeit, hinweg über Rohans Ebenen, brachte sie an die Grenzen ihrer Geschwindigkeit, jedoch nicht ihrer Kraft.
Und trotz dieser beeindruckenden Leistung der zwei Pferde würde ein jeder Beobachter diese ohne zu zögern ignorieren. Er würde an dem Rohirrim-Kundschafter vorbeisehen, der auf dem ersten der Mearas ritt, ...
... und zum Hochkönig der Menschen aufblicken.
Auf dem Falben, in einem eilig angelegten, gewöhnlichen Sattel, saß Elessar, Herrscher über das Wiedervereinigte Königreich und ein Anführer, dessen Größe, Weisheit, Mut und Güte dem legendären Ruf der Linie Isildurs mehr als gerecht wurden.
Und aus diesem Grund, weil er der Mann war, der er war, folgte er nun gemeinsam mit einem ortskundigen Rohirrim einem verzweifelten Hilferuf.
Sei Tagen bereiste Elessar die östlichen Ländereien Rohans. An diesem Abend hatte er in einem Dorf halt gemacht und dort zusammen mit den Bauern und Hirten den Ringtag gefeiert. Vor wenigen Stunden dann war der Kundschafter mit der Nachricht eingetroffen, dass in dem kleinen Dorf Hēahflōd ein junges Mädchen an einer düsteren Krankheit erkrankt sei. Er beschrieb die Symptome als stärker werdende Erschöpfung, eine Verlangsamung des Herzschlages, blasse Gesichtsfarbe und vor allem anderen eine schreckliche Kälte.
Und je näher die zwei Reiter dem Dorf Hēahflōd kamen, desto aufmerksamer und entschlossener hielt König Elessar nach einer Schwärze Ausschau, die sich mit ihrer Tiefe selbst von der Dunkelheit einer sternenlosen Nacht abhob.
Nach den Nazgûl.
Jenen schwarzgewandten Geisterkriegern, die vor über dreißig Jahren Frodo Beutlin mit einer Morgul-Klinge verwundet und ihn in eine ganz ähnliche Krankheit gestürzt hatten, wie sie Elessar nun berichtet worden war. Damals war es Arwen, ihrem Vater Elrond und ihm gelungen, die Kälte zurückzudrängen, unter Einsatz von Athelas, Königskraut, und all den Kräften der Elben.
„Aber Sauron wurde vernichtet!“, brüllte der Rohirrim gegen den starken Wind an, die Augen vor Aufregung und Sorge geweitet. „Und die Nazgûl mit ihm!“
Elessar beugte sich weiter nach vorne, die Zügel fest in den kalt gewordenen Händen. „Ihre Stachel stecken noch immer im Leib dieser Welt, wie es scheint“, gab er zurück. „Das Böse ist zu tief in Mittelerde verwurzelt, als dass wir je mehr als nur seine Manifestationen töten könnten.“
Beide Pferde setzten kurz nacheinander zum Sprung an, als sie einen kleinen Bach passierten, der sich durch das hohe Weidengras schlängelte und dessen Oberfläche die dunklen Wolken spiegelte. Am Rande des Sichtfeldes der zwei Reiter tauchten nun die Umrisse zahlreicher Häuser auf, gebaut auf eine kleine Erhebung.
„Die Nazgûl sind nach der Zerstörung des Ringes in den Abgrund gestürzt“, sagte Elessar. „Aber wir hätten ahnen müssen, dass ihre Künste und ihr dunkles Erbe nicht völlig vom Antlitz der Welt gewichen sind.“
„Was bedeutet das?“
„Das werden wir gleich herausfinden, denke ich.“
~~~
Edoras, die Hauptstadt Rohans
22. September, Jahr 33 des V.Z.
Die letzte Stunde jenes Feiertages, den die Menschen als 'Ringtag' kannten, brach in diesem Augenblick an. Jegliches Restlicht der Sonne war längst verschwunden und nun zog der Mond als einsamer Wächter hinter den immer dichter und zahlreicher werdenden Wolkenbahnen seine Kreise. Unten auf der Erde, auf den Straßen, die sich zwischen den Holzhäusern der Stadt entlang schlängelten, war es kalt geworden. Denn obgleich die Familien Rohans in ihren Heimen seit Stunden ein friedliches Beisammensein feierten, drang weder viel Licht noch viel Wärme hinaus in die kalte Realität der Straßen.
Drei Gestalten wanderten den von zahlreichen Pferdekarren und Menschen ausgetretenen Pfad herauf, sich von der inneren Stadtmauer kommend langsam dem Gebiet um die Goldene Halle nähernd, dem prächtigen Gebäude, das sich am höchsten Punkt des kleinen Berges befand, auf welchem die Stadt errichtet worden war.
An der Spitze der Drei ging ein alter Mann mit langem weißen Bart und einem zerknickten, grauen Hut, der ihm durch seine ungünstige Position fast den Blick versperrte. Zahlreiche, leicht gewellte Haare kamen unter ihm hervor und umschlossen den kompletten Kopf des Mannes, nur Bruchteile des Gesichtes freigebend. Schräg versetzt folgten zwei junge Männer, gekleidet in die einfache, in ländlichen Farben gehaltene Bauerntracht Rohans. Ungewöhnlich war neben dem Alten in ihrer Begleitung lediglich die Tatsache, dass jeder der beiden einen großen Rucksack trug, der fast aus allen Nähten zu platzen schien.
Nach einigen Minuten hatte die kleine Gruppe die letzten Häuser erreicht, die am Fuße jener Erhöhung standen, auf der die Große Halle stand. Der alte Mann blickte empor zu dem prunkvoll verzierten Tor, durch das in diesem Augenblick der König Rohans im hell erleuchteten, warmen Innern verschwand. Der Mann ließ seinen Blick noch einen Moment auf dem Tor verweilen, bis er schließlich die beiden anderen anwies, ihren Weg fortzusetzen. Mit zwei kräftigen Handbewegungen pochte der Alte an der hölzernen Eingangstür eines der Holzhäuser. Dieses hier schien direkt in den Berg hineingebaut zu sein, so dass ein Teil seiner Räume sich vermutlich innerhalb der Erhebung der Goldenen Halle befand, zehn Meter unter dem Fundament des königlichen Heims.
„Ja ...?“, raunte der alte Bewohner der Berghütte, nachdem er unter sichtlicher Anstrengung die schwere Holztür aufgestemmt hatte. „Oh“, entfuhr es ihm dann. „Ihr seid es! Ihr seid es tatsächlich!“
Der alte Mann ließ durch seinen Bart hindurch ein Lächeln sehen und klopfte dem Bewohner sachte auf die Schulter. „Ich bin es“, sagte er mit heiserer Stimme. „Und ich bin dankbar für die Gastfreundschaft, die Ihr einem alten, kranken Mann bietet.“
Das faltige Gesicht des Bewohners spannte sich bei einem fast zahnlosen Strahlen, als er die drei Besucher an ihm vorbei in die Berghütte ließ. „Es ist mir eine Ehre ... Gandalf.“
Die hölzerne Tür fiel wieder zu.
~~~
Mit einem zufriedenen, breiten Lächeln saß Elfwine neben seinem Vater auf einer der Bänke, die man am frühen Nachmittag um den Kamin im Haupttraum der Goldenen Halle gestellt hatte. Bis vor einer halben Stunde war der Raum von angetrunkenen Soldaten und Bürgern erfüllt gewesen, doch Éomer hatte sie hinab in die Stadt oder in ihre Betten geschickt. Nicht, dass er ihnen den Spaß nicht gegönnt hätte, doch ihm missfiel der Gedanke, das Frodo Beutlin plötzlich aus den fernen Landen hinter dem Meer zurückkehrte, durch die Tore der Goldenen Halle trat und sah, wie die Rohirrim an seinem Ehrentag Trinkspiele feierten.
Merry hätte sich daran weniger gestört.
Éomer wandte den Blick kurz von seinem Sohn ab, der in den Händen ein geschnitztes Holzpferd hin und her drehte, und sah zu den Tischen hinüber, auf dem die Hobbits damals getanzt hatten, inmitten der Hochstimmung über den Sieg bei Helms Klamm und die Überflutung des verdorbenen Isengarts. Merry war heute ein hoher Beamter in Buckland, dazu das Oberhaupt einer großen Familie. Pippin war seit zwanzig Jahren der Thain des Auenlandes.
Die Zeiten ändern sich, dachte Éomer mit gemischten Gefühlen, die jedoch in Richtung großer Zufriedenheit umschlugen, als sein Blick schließlich wieder auf seinem jungen Sohn ruhte.
„Ist Gondor böse?“
Plötzlich stand sie im Raum und verharrte dort inmitten der Stille; die ruhige, unschuldige Frage eines Kindes. Elfwine sah seinen Vater mit ebenso interessierten wie wachen Augen an.
„Wie kommst du darauf?“, erwiderte Éomer, plötzlich spürend, dass ihm etwas Unsichtbares die Luft abschnürte.
„Der Süden von Emnet“, sagte der Junge knapp, sichtlich unsicher. „Ich habe die Männer heute davon sprechen hören. Sie haben über Gondor geflucht.“
Éomer schüttelte den Kopf und legte seinem Sohn die Hand auf die Schulter, eine verzweifelte, fast unbewusste Geste, um den Jungen festzuhalten und fortzuziehen, weit weg von den Missverständnissen dieser Welt. „Sie sprachen von Ost-Emnet“, sagte er. „Einige Gebiete im Süden dieses Landes, östlich von Edoras, nahe dem Fluss Anduin und dem Hochsitz des Sehens, Amon-Hen, werden von Rohans Bauern bewohnt, sind jedoch Gondor tributpflichtig.“
„Sie geben ihre Ernten an Gondor?“
„Zum Beispiel, ja.“ Éomer nickte. „Das tun sie, weil Gondor – oder das Wiedervereinigte Königreich um genau zu sein – nach dem Ringkrieg vor vielen Jahren damit begonnen hat, diese Gebiete aufzubauen. Rohan war durch den Krieg mit Saruman verwüstet, deshalb nahm ich die Hilfe der Menschen aus Gondor an, um mich auf den Wiederaufbau der Westfold konzentrieren zu können.“ Er war sich nicht sicher, ob sein Sohn wirklich alt genug war, um all das zu verstehen.
„Du hast sie abgegeben, weil du ihnen nicht helfen konntest?“
Er verstand es.
Éomer biss sich auf die Lippen und eine kalte Hand griff einen Moment lang nach seinem Herz, bis es ihm gelang, sie niederzudrängen. „Nein ...“, sagte er zögernd. „Nun ja, diese Ländereien sind nur vorübergehend an Gondor gegangen. Etwas anderes war nie vorgesehen. Aber ich fühle mich nie wohl bei dem Gedanken, den König Gondors darauf anzusprechen. Er hat mir damals einen großen Gefallen getan und die Länder mit aller Kraft wieder aufgebaut. Und nun will ich sie zurück, das ... kommt mir unhöflich vor.“
„Aber warum wollen die Bauern unbedingt ihre Ernte an Rohan abgeben und zu Rohan gehören? Wenn Gondor seit jeher unser Freund und Verbündeter ist?“
Die Worte des Jungen ließen ihn fast schmunzeln. Elfwine war gut darin, die Sprache und Redensart der Erwachsenen aufzuschnappen und zu übernehmen. Doch die Freude über die Begabung seines Sohnes mischte sich mit der traurigen Erkenntnis, dass Éomer Elfwine vielleicht den Schwertkampf und das Reiten beibringen konnte, ...
... diese neue Welt jedoch nicht direkt Krieger verlangte, sondern vor allem vernünftige, gebildete und aufgeschlossene Menschen. Die Zeiten ändern sich, hallte es erneut in seinem Kopf.
Wie erklärte man einem Kind die Kompliziertheit von menschlichen Freundschaften und von Politik? Wie erklärte man ihm das Gefühl, das die Bauern im Norden von Ost-Emnet mit Rohan verband und eine Herrschaft durch Gondor ablehnen ließ?
„Sie fühlen sich als ein Teil dieses Volkes, als Teil der Rohirrim“, versuchte er es mit ruhigen, bedachten Worten. „Und genau das sind sie auch: Sie sind ein Teil unserer Familie, ebenso wie du und wie ich, ebenso wie du ein Teil meiner Familie bist.“
Der Junge nickte zögernd.
„Ich ...“, sagte Éomer dann. „Ich werde König Elessar darauf ansprechen, wenn er auf seiner Reise in Edoras halt macht.“ Er strich seinem Sohn über das Haar und zerzauste die blonden Strähnen. „Und jetzt geh zu deiner Mutter,“, ermunterte er ihn, „und lass dich von ihr ins Bett schicken. Ich bring’s nicht übers Herz.“
Elfwine lachte und verschwand in einer der Türen, sich auf der Schwelle noch ein letztes Mal lachend zu seinem Vater umdrehend. „Gute Nacht, König von Rohan!“, rief er laut aus.
Éomer grinste. „Gute Nacht, Prinz von Rohan, König von morgen“, antwortete er, und deutete mit einer beiläufigen Bewegung auf die Krone, die als genau der wertlose Gegenstand auf einem der Tische lag, der sie nun einmal war, wenn niemand sie trug.
Doch als Elfwine gegangen war, vergrub Éomer das Gesicht in den rauen Händen und versank in der Tiefe seiner Gedanken. Die mit kindlicher Stimme ausgesprochenen Worte hallten in seinem Kopf wieder.
Ist Gondor böse?
Ein bleiches, fahles Gesicht mit schmutzigen, schwarzen Haaren tauchte aus dem Meer der Erinnerungen auf und stieß gleich einer zischenden Schlange dunkle Lügen aus.
Saruman der Weiße ist seit jeher unser Freund und Verbündeter!
... Gondor seit jeher unser Freund und Verbündeter ist?
Er schüttelte müde den Kopf, den Gedanken an diese absurde Parallele fortscheuchend. Éomer hasste es, wenn dunkle Worte aus der Vergangenheit ihn einholten. Er fluchte fast, wenn die Einsamkeit mancher Nächte ihn dazu zwang, wieder an seine Verbannung aus Rohan zu denken. Er hatte nichts falsch gemacht, die Verbannung war unrecht gewesen, und dennoch spukte sie ihm noch immer im Kopf herum. Zu ihr gesellten sich nun die Dinge, die Elfwine gesagt und gefragt hatte. Die er selbst soeben geantwortet und gedacht hatte.
Ist Gondor böse?
Die Zeiten ändern sich.
Gute Nacht, König von Rohan.
Gute Nacht.
~~~
Fortsetzung folgt ...
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