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von liadan    erstellt: 19.11.2006    letztes Update: 12.11.2009    Geschichte, Drama / P18    (fertiggestellt)
@pooky: Ach Maus… meine allerliebste, treueste Knuddelmaus!!! Welche Freude, daß du mein erstes Review geschrieben hast!!!
Und ja, „Raven“ ist ein Miststück erster Güte… gut, daß du das magst, denn es wird auch so bleiben *g*
Sie ist so to say, mein „Kontraprodukt“… wenn mir Lo zu perfekt wird, laß ich das an „Raven“ aus…
Hier also – extra für dich – das „Mitten in der Nacht“-Update. Ich hatte dir ja versprochen, daß es hier schneller geht als bei LH, weil es ja keinerlei Grund gibt einen Zeitplan einzuhalten!


By the way @all die das hier vielleicht lesen… auch wenn die Jater unter euch mich vermutlich steinigen werden, es gibt wenn man einen OC einbaut eben hin und wieder Szenen, die man anders machen MUß als in der Serie… und auch wenn manche das für einen DER Jate-Momente ever halten, so dient er meinen Zwecken doch einfach ZU gut um ihn nicht umzuschreiben…

Ohnehin wird es Dutzende solcher „umgeschriebenen Szenen“ geben und ich werd nicht immer explizit darauf hin weisen, daß und warum ich es tue…

Also, here we go, Kapitel Numero Uno (Und wesentlich länger als der Prolog)


****


Irgendwann hatte es tatsächlich aufgehört zu regnen und ich verabschiedete mich mit einen Lächeln, daß freundlicher war, als ich es normalerweise zu Stande brachte, von Claire.
Langsam schälte ich mich unter der regennassen Plane hervor und fluchte laut vor mich hin, als mir ein Schwall kaltes Wasser dabei ins Genick klatschte.
Ein amüsiertes Lachen ließ mich peinlich berührt innehalten, nachdem ich mich geschüttelt hatte, wie ein nasser Hund. Überrascht sah ich auf und meine Augen trafen auf ein Paar von stahlblauen, die mich spöttisch anblitzen.
„Arschloch.“ knurrte ich als ich erkannte, daß das Augenpaar zu einem blonden Mann gehörte.
„Angenehm.“ gab der Kerl gelassen zurück. „Sawyer.“
Mit einem „Dämlicher Wichser!“ wand ich ihm brüsk den Rücken zu und stiefelte entschlossen einige Meter den Strand hinunter, wo einiger meiner „Leidensgenossen“ um ein Feuer herum saßen.
Wie sie es allerdings geschafft hatten mit nassem Holz ein Feuer in Gang zu kriegen, blieb mir ein Rätsel, dem ich nicht auf den Grund ging.
Etwas unschlüssig blieb ich am Rand der Gruppe stehen und beäugte die Menschen, die dort saßen mißtrauisch.
„Raven!“ riß mich Boones Stimme freundlich aus meinen Gedanken. „Setz dich her! Wir haben was zu essen.“
Schulterzuckend ging ich zu Boone hinüber und verzog geringschätzig die Lippen, als ich erkannte, daß neben ihm die Blondine mit dem lauten Organ saß.
Na wenn ihre Stimme immer so klingt, dann gute Nacht! dachte ich, während ich mich mit einem freundlichen Lächeln neben die beiden setzte.
„Raven.“ Boone machte eine kleine Handbewegung in meine Richtung und deutete dann auf die Blondine. „Das ist meine Schwester Shannon.“
„Jemals „Die Asche meiner Mutter“ gelesen, Shannon?“ sagte ich das erste, was mir in den Sinn kam und machte gedanklich auf meiner Liste der „Vorurteile, die sich bewahrheiten“ ein Häkchen neben „Blond gleich blöd“, als Shannon verwirrt die Augen aufriß und mich vollkommen entgeistert ansah.
„Ein Buch.“ versuchte ich langsam zu erklären, um sie nicht vollkommen zu überfordern. „Vielleicht hast du schon mal eines gesehen? Sind aus Papier…“
Boones herzliches Lachen trug ihm ein anerkennendes Nicken von mir und ein gezischtes „Idiot!“ von seiner Schwester ein. Shannon, die sich wohl gar nicht gerne auf die Schippe nehmen ließ, stand ziemlich wütend auf, murmelte „Verarschen kann ich mich allein!“ und stapfte einige Meter zu einer anderen Gruppen von Leuten, die im Sand saßen.
„Huh!“ spottete ich leise. „Ich hoff, ich hab deine Schwester jetzt nicht beleidigt.“
Boone zog eine seiner Augenbrauen, die wie ich in Gedanken anfügte dringend eine Begegnung mit einer Pinzette vertragen konnten, nach oben und grinste breit, da er anhand meines Tonfalls glasklar erkannte, daß es mir absolut gleichgültig war, ob Prinzessin Shannon, wie ich sie bereits jetzt nannte, beleidigt war oder nicht.
„Der schadet ein kleiner Dämpfer nicht.“ meinte er nur lapidar und drückte mir, während er das sagte, eine Art Plastikschüssel in die Hand. Die typische Verpackung von typischem Flugzeugfraß eben.
Seufzend zog ich die Aluminiumfolie ab und warf einen fragenden Blick auf das, was wohl heute mein Abendessen sein würde.
Boone grinste mich beinahe entschuldigend an. „Besser als nichts!“
Und obwohl er damit definitiv recht hatte, lief mir dennoch ein kurzer Schauer über den Rücken als ich den ersten Bissen des kalten Flugzeugessens kaute und hinunterschluckte. Sekundenlang kämpfte ich hart mit meinem Magen, der so eine unfreundliche Behandlung wie kaltes Schweinefleisch nun wirklich nicht gewohnt war und sich strikt weigerte es als Nahrung an zu erkennen.
„Wäh…“ murmelte ich angewidert als ich dann doch als Siegerin aus diesem ungleichen Kampf hervorgegangen war und wollte das Styroporbehältnis weit von mit schieben, als ein plötzliches Geräusch sowohl Boone als auch mich erschrocken auffahren ließ.
Ein metallisches Dröhnen erfüllte die Luft und ebenso wie alle anderen, sprangen Boone und ich beinahe panisch auf und gingen einige Schritte auf das Geräusch zu.
Shannon schien vollkommen vergessen zu haben, daß sie eigentlich böse auf ihren Bruder war, denn keine drei Sekunden später stand sie neben ihm und krallte sich ängstlich an seinen Arm.
„Was war das?“ flüsterte sie mit zitternder Stimme und ich sah im Schein der verschiedenen Lagerfeuer, daß eine Träne in ihren sorgfältig colorierten Wimpern hing.
Beinahe hätte mich diese perfekte Zurschaustellung eines Weibchenschemas so amüsiert, daß ich  laut auf gelacht hätte. In Anbetracht der Tatsache, daß dies wohl kaum die richtige Situation gewesen wäre zu lachen, und mich danach wohl sämtliche der Anwesenden für geisteskrank erklärt hätten, war ich angemessen dankbar, daß ein erneutes Grollen meine Aufmerksamkeit wieder in Richtung des dichten Urwalds zog.
Was ich dort allerdings sah versetzte meiner Dankbarkeit einen gehörigen Dämpfer. Das Geräusch an sich verhieß ja schon nichts gutes, aber der Anblick der dicken Baumstämme, die mit einer derartigen Gewalt zur Seite gedrängt wurden, daß sie abknickten wie Streichhölzer, jagte eine solche Panikwelle durch meinen Körper, daß ich erst bemerkte, daß ich meine Finger auch fest in Boones Arm gekrallt hatte, als das Geräusch ebenso plötzlich wie es gekommen war verstummte und Boone meine Hand sanft abschüttelte.
Augenblicklich schoß die Hitze in meine Wangen, da es normalerweise nicht zu meinen Gewohnheiten zählte mich wie ein Burgfräulein in Not an einen Ritter in weißer Rüstung zu klammern und ich hoffte nur, daß Boone diese weitere Zurschaustellung meiner nicht abzustreitenden Weiblichkeit im Dunkeln nicht sehen konnte.
Ich schüttelte langsam den Kopf und strich mir dann mit einer Hand die Haare aus der Stirn.
„Was, verdammte Scheiße nochmal, war das denn bitte?“ preßte ich leise hervor und ging unwillkürlich einige Schritt rückwärst, um mich vom Urwald wegzubewegen und prallte dabei unbeabsichtigt an eine breite Brust.
Ein Lachen, das ich schon einmal gehört hatte, war die Reaktion und ich fuhr schnell herum, nur um ein weiteres Mal an diesem Abend in diese spöttisch blitzenden Augen zu sehen.
„Nicht so stürmisch, Missy.“ lachte der Blonde, der sich mir als Sawyer vorgestellt hatte und ich funkelte ihn wütend an.
Mein patentierter „Halt die Fresse du Arschloch, sonst setzt’s was“ – Blick versagte allerdings zum ersten Mal in meinem Leben kläglich, was ich anhand der Tatsache erkannte, daß Sawyers Grinsen nur noch ein Stück breiter wurde. Hart schüttelte er meine Hand, die vollkommen unbeabsichtigt auf seinem Arm lag, ab und warf mir einen warnenden Blick zu, bevor er sich mit einem spöttischen Nicken von mit entfernte.

****


Es war nicht weiter verwunderlich, daß ich nicht die einzige war, die in dieser Nacht kein Auge zu tat.
In einer großen Gruppe saßen wir um ein Feuer herum und lauschten zwischen halbherzigen Gesprächen immer wieder nervös in Richtung Urwald.
Sawyer hatte es anscheinend vorgezogen sich nicht zu uns zu gesellen und ich war darüber nicht wirklich böse.
„Hey? Träumst du?“ Boones lächelnde Stimme riß mich aus meinem Überlegungen, was genau es war, was mich an diesem Sawyer so sehr störte und ich sah mit einem überraschten Laut auf. „Ich hab dich grade gefragt, was du beruflich machst.“
Ich stöhnte in Gedanken auf. Der unvermeidliche „Was ist dein Job?“ – Smalltalk also. Jetzt hieß es wieder einmal mit einer glaubwürdigen Geschichte aufzuwarten, was mir anhand meines reichhaltigen Fundus an eben diesen nicht sonderlich schwer fiel.
„Krankenschwester.“ murmelte ich beiläufig. „Ich bin Krankenschwester.“
An Boones Gesichtsausdruck erkannte ich augenblicklich, daß das die falscheste Antwort gewesen war, die ich hatte geben können.
„Jack!“ rief er beinahe freudig und ein Mann, der einige Meter von uns entfernt saß, sah in unsere Richtung. „Jack. Raven hier ist Krankenschwester.“
Oh verdammt, das war in Anbetracht der Situation, daß ich hier umgeben war von teilweise schwerst verletzten Absturzopfern wohl wirklich die dümmste Antwort aller Zeiten gewesen und ich war kurz davor einfach panisch auf zu springen und vor den Folgen, die meine Lüge zwangsläufig haben würde, davon zu rennen.
„Ähh… Kinderkrankenschwester.“ versuchte ich statt dessen zu retten, was noch zu retten war und lächelte diesen Jack etwas debil an.
„Tut nichts zur Sache.“ meinte dieser, setzte sich neben mir in den Sand und streckte mir begrüßend seine Hand entgegen. „Jack. Ich bin Arzt.“
Als ich das Wort Arzt hörte, sprang ein ewig einstudierter Automatismus in meinem Gehirn mit einem lauten Klicken an und ich strahlte Jack mit meinem verführerischsten Lächeln an.
„Ich bin Raven.“ flirtete ich ihn mit ungeniert gurrender Stimme an und versuchte den Hebel schnellst möglich wieder zurück zu legen, als ich den verwirrten Ausdruck in seinen Augen sah.
Falscher Zeitpunkt, Dummkopf! schimpfte ich mich gedanklich selbst und verpaßte mir eine mentale Ohrfeige. Jetzt hielt mich dieser Jack vermutlich nicht nur für total bescheuert sondern auch für nymphoman veranlagt.
Immer noch etwas aus dem Konzept gebracht nickte Jack. „Gut jemanden vom Fach hier zu haben.“ sagte er ernst und ich unterbrach ihn mit einer wegwerfenden Handbewegung.
„Wie gesagt, ich bin Kinderkrankenschwester.“ warf ich erneut ein, was Jack nicht davon abhielt, weiterhin erleichtert zu lächeln.
„Schwester ist Schwester.“ beharrte er. „Die Anatomie von Kindern unterscheidet sich nicht wesentlich von der von Erwachsenen.“
Fluchtweg? dachte ich panisch. Verdammt! Ein Fluchtweg!!!
„Ich hab die letzten Jahre privat gearbeitet.“ begann ich leicht zögernd. „Bei einem Kind mit Krebs. Ich weiß nicht mehr viel aus meiner Ausbildung.“
Beinahe hätte ich mir gedankenlos den imaginären Schweiß von der Stirn gewischt, so erleichtert war ich, daß mir diese Ausrede so schnell eingefallen war, doch die Antwort des Arztes ließ mein Herz einen angstvollen Sprung machen.
„Ganz gleich.“ sagte er freundlich. „Das hast du schnell wieder. Ist wie Fahrrad fahren…“
Er stand auf und sah mich auffordernd an. „Komm mit. Deine Hilfe kommt grade Recht.“
Widerwillig erhob ich mich langsam und folgte Jack mit langsamen Schritten. Mein leise gemurmeltes „Ich kann nicht Fahrrad fahren…“ hörte er nicht.

****


Angestrengt versuchte ich den Brechreiz zu unterdrücken, als Jack und ich schließlich neben einem der Verletzten knieten.
Ohne daß ich etwas dagegen hätte tun können, hob sich langsam meine Hand und streckte sie zögerlich nach dem großen Metallsplitter aus, der aus dem Bauch des Mannes ragte, ohne ihn jedoch zu berühren.
Jack, der im Schein der vereinzelten Feuer ringsum anscheinend bemerkte, wie blaß ich geworden war, nickte langsam.
„Ja.“ bestätigte er. „Das ist wirklich übel.“
„Wird…“ Ich räusperte mich kurz, als ich merkte wie schwach meine Stimme selbst in meinen eigenen Ohren klang. „Wird er…?
Sehr professionell. dachte ich ironisch. Was interessiert’s dich?
Und tatsächlich, was interessierte es mich, ob ein wildfremder Mann, der nebenbei bemerkt nicht einmal sonderlich attraktiv war, hier elendig verreckte?
Doch eigenartigerweise, und das war sogar für mich selbst eine neue Seite an mir, kümmerte es mich. Ich hatte vielleicht schon viele schlimme Dinge getan und noch schlimmere gesehen in meinem Leben, aber daß ein vermutlich vollkommen unschuldiger Mensch auf diese Art und Weise sterben sollte, war mir keineswegs so gleichgültig, wie ich erwartet hätte.
Ich sah fragend zu Jack hoch und sah Ratlosigkeit in seinen Augen schimmern. Auch dem Arzt war das alles andere als gleichgültig, wie ich an seinem resignierten Schulterzucken erkannte.
„Er schafft’s vielleicht, wenn die Rettungsmannschaften bald da sind.“ murmelte er und ich nickte langsam
Die Rettungsmannschaften. Ich ließ diesen Gedanken, der ein kleines, wärmendes Feuer in mir anzündete, kurz zu und hob dann skeptisch, realistisch, wie es eben meine Art war, eine Augenbraue.
„Hätten die nicht schon lange hier sein müssen?“ fragte ich mit beißendem Spott in der Stimme, was Jack mit einem leisen Seufzen quittierte.
„Ja.“ murmelte er leise. „Das hätten sie. Aber…“
„Aber was?“ gab ich sarkastisch zurück. „Sie haben die falsche Ausfahrt erwischt und kommen morgen?“
Jack lachte leise, allerdings war sehr klar zu hören, daß er es rein gar nicht komisch fand.
„Du bist zu pessimistisch.“ rügte er mich in einem Tonfall, der augenblicklich meinen Verteidigungsmodus aktivierte.
„Falsche Diagnose, Doktor.“ knurrte ich. „Wenn überhaupt, dann bin ich zu realistisch.“

****


Etwa eine Stunde war ich alleine neben dem ohnmächtigen Mann, der in meinen Augen schon so gut wie tot war, gesessen und hatte, wie es mir der Onkel Doktor befohlen hatte, aufgepaßt, ob er nicht irgendwann aus seiner Bewußtlosigkeit erwachen würde.
Eine ziemlich langweilige Aufgabe, obwohl ich im Stillen darum betete, daß mir der actionreichere Part des Aufwachens erspart bleiben würde.
Mit einer müden Bewegung hob ich den Kopf, als Jack langsam wieder zu mir zurück kam.
„Morituri te salutant.“ murmelte ich als er näher kam, doch er ignorierte meinen beißenden Spott gänzlich.
„Alles in Ordnung mit den anderen.“ meinte er, während er sich mit einem leisen Ächzen neben mir in den Sand setzte. „Kratzer, Platzwunden und Prellungen. Nichts weltbewegendes.“ Er deutete kurz auf unser Sorgenkind mit dem Spliter im Bauch. „Ihn hat’s definitiv am schlimmsten erwischt.“
„Du meinst außer denen, die schon tot sind.“ ätzte ich leise. Die vergangene Stunde hatte nicht unbedingt dazu beigetragen, meine ohnehin schon düstere Laune zu verbessern.
Jack schüttelte langsam mit dem Kopf und sah mich dann scharf an.
„Hör auf hier die Xanthippe zu spielen.“ meinte er fest und begann dann langsam sein Hemd aufzuknöpfen. „Hilf mir lieber.“
Augenblicklich kniff ich meine Augen zu engen Schlitzen zusammen.
„Ich weiß nicht, mit was für Krankenschwestern sie es sonst zu tun haben, Doktor.“ sagte ich scharf. „Aber ich kann ihnen versichern, daß ich nicht zu dieser Sorte Schwestern gehöre.“
Zu meiner Überraschung lachte Jack leise, holte ein kleines Fläschchen Alkohol und ein Nähheftchen aus der Brusttasche seines Hemds und drückte mir beides ohne große Umstände in die Hand.
„Dummes Ding.“ lachte er. „Nicht so helfen, sondern hierbei.“
Mit diesem Worten streifte er sein Hemd ab und präsentierte mir außer einigen wirklich eindrucksvollen Tätowierungen auch eine böse aussehende Schnittwunde, die seine Seite zierte.
Augenblicklich wich alle Farbe aus meinem Gesicht und ich schluckte gegen erneut aufkeimende Übelkeit an.
„Du meinst…“ begann ich stotternd. „Ich…“
„Du sollst das nähen.“ bestätigte er meine schlimmsten Vermutungen und ich schüttelte panisch den Kopf.
„Nein.“ widersprach ich hastig. „Ich kann das nicht!“
Jack warf mir einen überraschten Blick zu und ich versuchte schnell in meine Rolle als Krankenschwester zurück zufinden.
„Ich mein…ähm… Ich mein…“ druckste ich herum. „Ich hab das seit bestimmt zehn Jahren nicht mehr gemacht. Ich würde bestimmt…“
„Immerhin hast du’s überhaupt schon einmal gemacht.“ sagte Jack fest und streckte langsam eine Hand nach mir aus um sie tröstend auf meinen zittrigen Unterarm zu legen. „Zähl langsam bin fünf und dann hör auf zu denken.“ beruhigte er mich mit sanfter Stimme. „Nichts was du falsch machen könntest und es muß auch keine schöne Naht werden.“
Schöne Naht? Beinahe hätte ich lauthals aufgelacht. Wann hatte ich schon jemals etwas genäht, außer kurzen Heftstichen um einen Rock oder eine Hose notdürftig zu kürzen?
Doch natürlich sah ich schnell ein, daß ich gar keine andere Wahl hatte, deshalb atmete ich einige Male tief ein, stellte das kleine Alkoholfläschen zur Seite und nahm eine Nadel und einen Faden, um ihn im schwachen Feuerschein durch das Nadelöhr zu fädeln.
„Okay.“ murmelte ich und drehte die Öffnung der Flasche auf. „Das wird jetzt weh tun.“
Ohne weitere Vorwarnung goß ich etwa die Hälfte des Alkohols über die Wunde und biß mir fest auf die Unterlippe, als Jack zischend aufstöhnte. Ich war schon kurz davor tröstend meine Hand auszustrecken und ihm über die Haare zu streicheln, als sein scharfer Blick mich davon abhielt.
„Ist okay.“ knurrte er leise. „Mach einfach weiter.“
Und so machte ich eben weiter.

Langsam, Stich für Stich hatte ich die Wunde zusammengenäht und dabei, so gut ich eben konnte versucht Jacks unterdrückte Schmerzlaute aus meiner Wahrnehmung auszublenden.
Am Anfang war ich überrascht, fast schockiert darüber, wie leicht sich die Haut durchstechen ließ, doch mit jedem Griff zitterte meine Hand stärker und ich dachte schon, daß ich endgültig nicht mehr würde weiter machen können, als ich beinahe überrascht feststellte, daß ich fertig war.
So behutsam es ging verknotete ich den Faden, schnitt ihn mit der winzigen Schere, die in dem Nähset steckte, ab und klopfte Jack, dessen Unterkiefer zitterte, so fest hatte er die Zähne zusammen gebissen, aufmunternd auf die Schulter.
„Tapferer Junge.“ scherzte ich, um ihn ein wenig anzulenken. „Darfst dir bei der Schwester nen Lolli abholen.“
Jack grinste pflichtschuldig, allerdings etwas gequält und warf dann einen prüfenden Blick auf seine Seite. „Du hast das wirklich schon verdammt lange nicht mehr gemacht…“ stellte er verwundert fest und ich hob empört die Augenbrauen. Wußte dieser Idiot denn überhaupt nicht zu schätzen, daß ich gerade etwas nahezu unmögliches vollbracht hatte?
Innerlich schüttelte ich den Kopf. Natürlich wußte er das nicht. Schließlich gab es ja kaum etwas Alltäglicheres als eine Krankenschwester, die eine Wunde nähte.
„Entschuldigung.“ stammelte ich leise und rang etwas verlegen um Worte. Jack schüttelte jedoch stumm den Kopf und griff nach seinem Hemd, um es sich mit einem unterdrückten Stöhnen wieder anzuziehen.
„Schon okay.“ wiegelte er ab. „Du hast dein Bestes getan. Geh zurück ans Feuer und sieh zu, daß du heut Nacht noch ein wenig Schlaf kriegst.“
Ich lächelte Jack freundlich an und wand mich mit einem leisen Gute-Nacht-Gruß ab.
Mit beinahe beschwingten Schritten ging ich zurück zu den anderen. Ein kleines Endorphin-Hoch breitete sich in mir aus, verursacht durch die Tatsache, daß ich es tatsächlich geschafft hatte, meinen inneren Schweinehund zu überwinden.
Ich war über meinen eigenen Schatten gesprungen, nur um jemand anderem zu helfen. Das war ein gutes Gefühl und eine vollkommen neue Erfahrung für mich.
Obwohl ich mir ziemlich sicher war, daß ich gerade diese spezielle Erfahrung so schnell nicht noch einmal machen wollte.



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