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von DiamondOfOcean    erstellt: 14.11.2006    letztes Update: 31.07.2008    Geschichte, Drama / P18 Slash    (fertiggestellt)
Left my heart


- Kapitel 1, Teil 2 -



Es war wirklich Malfoy, auch wenn er älter aussah als der Malfoy, den er noch in Erinnerung hatte. Sein platinblondes Haar hatte ein paar rotbraune Strähnen und er war ganz in schwarz gekleidet - bis auf einen silbernen Ohrring im linken Läppchen. Selbst die Schürze, auf der das Logo des Cafés zu sehen war, war schwarz. Doch sein Gesicht war noch genauso blass wie damals und der wütende Ausdruck kam ihm nur allzu bekannt vor.

Harry biss die Kiefer aufeinander. Er hatte Malfoy immer gehasst. Warum hätte sich irgendwas zwischen ihnen verändern sollen?

Sie starrten sich lange an. Malfoys Augen verengten sich und er richtete sich auf. Harry beschloss, als Erster zu sprechen. „Hallo, Malfoy“, sagte er.

Malfoys Augen verengten sich noch mehr und er blickte um sich, bevor er sich wieder an Harry wandte. „Was willst du?“, flüsterte er.

„Mit dir sprechen.“ Harry verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein.

Malfoy trat einen Schritt zurück. „Für den Fall, dass du es nicht bemerkt haben solltest: Ich arbeite.“

Harry versuchte, seine Überraschung nicht zu zeigen. „Wann hast du Pause?“

„Für gewöhnlich nehme ich keine Pause“, antwortete Malfoy durch zusammengepresste Zähne.

„Was, brauchst du das Geld?“, spottete Harry, was nicht gerade zu einem zivilisierten Gespräch beitrug. Malfoy funkelte ihn nur an. „Wann bist du hier fertig?“

“Spät”, entgegnete Malfoy und ging fort. Harry beobachtete ihn, als er ein Feingebäck an einen Tisch in der Ecke brachte. Seine Hände zitterten und er sah nicht zu Harry, als er zur Theke zurückging.

Harry seufzte und ging seine möglichen Optionen durch. Er hatte seine Chance vertan und vielleicht auch seinen Auftrag. Es war, als ob Malfoy schon einen Verdacht hatte, warum Harry hier war: um herauszufinden, warum der Auror seine Stelle in New York aufgegeben hatte und um ihn, wenn möglich, zum Zurückkommen zu bewegen. Harrys einzige Hoffnung war nun, das alles unauffällig zu machen - Malfoy Vertrauen zu gewinnen; egal, wie lange es dauern würde. Natürlich war das genau die Sorte von Missionen, die er schon immer gehasst hatte. Er war nicht gut darin, jemanden zu täuschen.

Aber in diesem Zusammenhang hatte er keine andere Wahl. Er bestellte einen Latte Macchiato und ein Croissant an der Theke, dann setzte er sich in eine der hinteren Ecke des Raumes. Eine andere Bedienung brachte seine Bestellung - anscheinend auf Malfoys Bitte hin. Harry überhörte es, dass Malfoy etwas über einen Stalker sagte und dabei in seine Richtung blitzte. Die Frau beäugte Harry argwöhnisch, als sie ihm sein Frühstück brachte.

Harry starrte verdutzt auf das, was ihm als Latte Macchiato vorgesetzt wurde; serviert in einem Bierglas, das in eine Papphülle der Lufthansa gewickelt war. Er nahm einen vorsichtigen kleinen Schluck und war positiv überrascht - trotz der unüblichen Aufmachung. Er nahm sich eine herumliegende Lokalzeitung vom Nebentisch und gab vor, sie zu lesen, während er aß; zwischendurch sah er auf, um zu sehen, was Malfoy gerade tat.

Malfoy ignorierte ihn fast die ganze Zeit. Er arbeitete hinter der Theke und bereitete Kaffeegetränke zu. Er brachte Bestellungen an diverse Tische. Er flirtete mit Leuten, die demzufolge wohl Stammgäste waren. Er blickte wütend zu Harry, wann immer sich diese Möglichkeit bot.

Es war Jahre her, dass Harry Malfoy gesehen hatte und es war nicht so, als hätte er ihn jemals beobachtet. Malfoy stolzierte mit einer Anmut umher, die auf eine privilegierte Erziehung schließen ließ und er sprach freundlich, sogar herzlich mit Kunden und Mitarbeitern. Er war dünn - zu dünn; die schwarze Kleidung ließ ihn nur noch größer wirken und betonte seine geschmeidige Statur. Sein Haar war auf die moderne unordentliche Art gestylt, einige Strähnen standen in verschiedene Richtungen ab.

Harry beobachtete ihn dabei, wie er seinen Charme bei einem gut aussehenden Mann im Anzug anwandte, der sein Lächeln erwiderte und nach seinem „Üblichen“ fragte. Harry überrollte eine Welle der Wut. Malfoy war immer fähig dazu gewesen, seinen Charme bei den richtigen Leuten anzuwenden. Bei mächtigen Leuchten, von Umbridge zu Fudge zu–

Malfoy zwinkerte seinem Kunden zu und Harry spürte, wie er errötete. Er zwang seine Aufmerksamkeit zurück auf die Muggelzeitung, fragte sich plötzlich, ob Malfoy schwul war. Es hatte für ihn nie einen Grund gegeben, nach der sexuellen Orientierung seines alten Schulfeindes zu fragen. Malfoy hatte sich dem Klischee der Gegend angepasst. Aber jetzt war sich Harry relativ sicher, dass er sich so nicht nur während seiner Arbeitszeiten gab. Malfoy versteckte sich und er war hier, weil es ihm gefiel. Wo sonst könnte sich ein schwuler Zauberer verstecken, wenn nicht in einer Muggelgegend einer großen unbekannten Stadt?

Wenn Harry so darüber nachdachte, machte es Sinn. Malfoy hatte in der Schule nie wirklich jemanden getroffen. Er war immer sehr modebewusst gewesen und achtete mehr auf sein äußeres Erscheinungsbild als irgendein anderer Junge, den Harry kannte. Und dann war da noch Malfoys regelrechte Besessenheit von Harry. Harry schluckte peinlich berührt.

Ein Glas Wasser wurde heftig auf seinen Tisch gestellt und er sah auf.

„Ich schätze, du wirst hier den ganzen Tag herumsitzen?“, bemerkte Malfoy finster dreinblickend.

„Wenn es sein muss“, erwiderte Harry und versuchte, seine Gesichtszüge teilnahmslos wirken zu lassen. Es war schwer, nicht in die alte Manier, ihn anzukeifen, zurückzuverfallen. „Ich will nur mit dir sprechen.“

„Ich habe dir nichts zu sagen“, schnappte Malfoy.

Harry war sich bewusst, dass sie Aufmerksamkeit erregten. Sogar das Mitarbeiterteam hinter der Bar schien ihre Konversation zu beobachten.

Er beschloss, so gut wie möglich zu schauspielern und zwang sich zu einem Lächeln. „Du kannst mir doch sicher einen Moment deines anstrengenden Tages opfern?“ Er fuhr mit einer Fingerspitze über den Rand des Wasserglases und musterte Malfoys Gesicht.

„Warum bist du hier?“, verlangte Malfoy zu wissen und ignorierte Harrys ungeschickten Flirtversuch.

„Um mit dir zu sprechen“, entgegnete Harry. „Das ist alles.“

„Stimmt“, sagte Malfoy und drehte sich weg. Harry seufzte und sank in seinen Stuhl. Es würde schwerer werden als er gedacht hatte. Selbst wenn er es schaffen würde, für mehr als ein paar Minuten in Malfoys Gegenwart zu sein, wie in Merlins Namen konnte er Malfoy dazu bringen, zu kooperieren?

Zwei Stunden später hatte Harry drei Tassen Kaffe getrunken, einen Blaubeermuffin und einen dänischen Käse gegessen und jedes einzelne gedruckte Wort der Zeitung gelesen, inklusive der unglaublich langweiligen Beschreibungen der amerikanischen Sportnachrichten.

Er hatte Malfoy gemustert, als er mit Mitarbeitern sprach, mit Männern bei der Theke plauderte und Bestellungen zu den Tischen brachte. Malfoy vermied es, Harry zu bedienen, fand immer wieder eine Ausrede, um wegzugehen, wann immer sich Harry der Theke näherte. Harry versuchte sogar, Malfoy anzulächeln, wenn er hersah, aber er bekam nur böse Blicke zur Antwort.

Er konnte keinen Tropfen Kaffee mehr trinken oder seine Blase würde platzen. Er wollte nie wieder einen Muffin essen und langsam wurde er müde. Zu Hause wäre er schon lange über seiner Zubettgehzeit. Er war schon nahe dran, am Nachmittag aufzugeben, da legte Malfoy einen Zettel auf seinen Tisch. Es war eine Visitenkarte des Cafés, aber auf der Rückseite stand: „Ich gebe dir fünf Minuten.“

Harry sah, dass Malfoy seine Schürze mit seinem Mantel austauschte und aus der Türe hinausging. Er wartete noch kurz, bevor er seine Jacke holte und folgte ihm. Draußen entdeckte er Malfoy gegen einen Baum lehnend und an einer Zigarette ziehend. Malfoy bedachte ihn mit einem schnellen Blick, dann ging er die Straße entlang und verschwand um die Ecke eines Gebäudes.

Als auch Harry um die Ecke ging, sah er Malfoy auf einer Stufe sitzen und den Zigarettenstummel auf dem kalten Zement ausdrücken. Harry ließ sich neben ihm nieder und wartete ab. Stille breitete sich zwischen ihnen aus, als Malfoy sich eine weitere Zigarette aus der Tasche zog und sie anzündete; er nahm einen tiefen Zug.

„Ich nehme an, dass du mir nicht verraten wirst, wie du mich gefunden hast?“, fragte Malfoy bitter und blies den Rauch aus seinem Mund.

„Registrierungszauber“, murmelte Harry und starrte auf dem Boden vor sich. „Unser Sicherheitsservice scheint den amerikanischen Geheimdienst beordert zu haben, fremde Zauberer mit dem Registrierungszauber ausfindig zu machen. Die britische Regierung hat kürzlich berichtet, dass du vermisst wirst und die CIA hat dich gefunden.“ Er gestikulierte dabei wild mit den Händen, als ob das alles erklären würde. „Hier.“

Malfoy war einen Moment lang still, nur der Zigarettenrauch qualmte in der Luft. „Scheiße“, sagte er schließlich.

„Da stimme ich dir zu“, brummte Harry. „Das ist scheiß beängstigend.“

„Aber wie hast du herausgefunden, wo ich arbeite?“

„Ich bin dir heute Morgen von deinem Zuhause gefolgt.“

Wieder Stille, begleitet von starkem Rauchen. „Was willst du, Potter?“

Harry atmete aus. Er war niemals gut darin gewesen und das war genau der Grund, warum er es nie wieder tun würde. „Meine Aufgabe war es, dich zu lokalisieren und nachzusehen, ob du... sicher bist“, erklärte er. „Du wirst seit einiger Zeit vermisst und das Ministerium war um deine Sicherheit besorgt.“

„Von wegen“, schnarrte Malfoy und nahm einen neuen langen Zug von seiner Zigarette. „Sie wollen nur, dass du sichergehst, dass ich nicht verschwunden und den Todessern beigetreten bin.“

Harry wusste nicht, was er antworten sollte. Wenn Malfoy jemals verdeckt gearbeitet hatte, würde er Harrys schwache Versuche, sein Vertrauen zu gewinnen, sofort durchschauen.

Malfoy rollte seinen Ärmel hoch und streckte ihm seinen blassen Unterarm entgegen. „Siehst du?“, sagte er und biss auf seine Zigarette. „Mir geht’s gut. Du kann wieder gehen.” Er nahm einen weiteren Zug von seiner Zigarette, bevor er sie ausdrückte und aufstand.

„In Ordnung, fein“, antwortete Harry, sein Hirn arbeitete fieberhaft. „Aber ich bin den ganzen Weg hierher gekommen. Können wir nicht-“ Er griff nach Malfoys Arm, als der Mann im Begriff war, zu gehen und Malfoy drehte sich um. Harry versuchte, zu lächeln und hoffte, dass es freundlich aussah. „Wir haben uns seit Jahren nicht mehr gesehen. Lass mich dich zum Essen einladen.“

Malfoys Augen verengten sich und Harry schluckte.

„Essen?“, wiederholte Malfoy misstrauisch. „Warum?“

“Warum nicht?”, fragte Harry Achsel zuckend. Malfoy musterte ihn und Harry seufzte. „Sieh mal, ich weiß, dass wir nie wirklich gut miteinander auskamen, aber... wir waren Kinder, Malfoy. Es ist lange her. Können wir nicht essen gehen, uns unterhalten und die Gesellschaft des anderen genießen, bevor ich wieder heimgehe?“

Malfoy starrte Harry mehrere Sekunden mit einer Intensität an, dass Harry ein klein wenig zusammenschrumpfte. Hasste Malfoy ihn nach all den Jahren noch immer?

„Wo?“, fragte Malfoy.

Harry zuckte mit den Schultern und gab sein Bestes, entspannt zu wirken. „Wo du willst. Ich kann mit einem Taxi vor deiner Wohnung warten. Nenn mir nur eine Zeit.“

Malfoy schaute nachdenklich weg. Harry sah keinen Grund, warum Malfoy zustimmen sollte. Er war sich nicht sicher, was er dann tun sollte. Malfoy wandte seinen Blick wieder auf Harry, studierte sein Gesicht. Harry war bemüht darum, dieses so ausdruckslos wie möglich zu halten.

Letztendlich erschien ein vertrautes Grinsen auf Malfoys Lippen. „Acht Uhr“, bestimmte er, bevor er wegging. Harry atmete erleichtert auf. „Aber das wird dich ganz schön was kosten“, fügte er hinzu, seine Stimme hallte in der Gasse nach.

x-x-x-x-x


Malfoy hatte nicht über die Kosten des Essens gelogen, dachte Harry, als er auf den fast leeren Teller Sushi vor sich starrte. Er hoffte, dass das Ministerium es ihm verzeihen würde, wenn sie die Abrechnung seiner Kreditkarte sahen. Natürlich würde es sich bedeutend mildern, wenn er Malfoy dazu brachte, wieder mit nach London zu kommen.

Der Sushi-Küchenchef stellte eine Platte vor sie und Malfoy grinste angesichts der Besorgnis in Harrys Gesicht. „Komm schon, Potter. Es ist so ähnlich wie Foie-gras (1).“

“Ich hasse Foie-gras”, murrte Harry, vertraute Malfoy noch immer nicht.

Malfoy schnappte sich mit seinen Essstäbchen ein grünes Bündel mit breitem orangem Kugelfisch. „Hast du schon mal richtige probiert oder hast du nur dieses nachgemachte Zeug aus dem Supermarkt gegessen?“

„Wo ist der Unterschied?“

Malfoy schnaubte. „Iss das Uni, Potter. Du zahlst immerhin dafür.”

“Ich will mehr Toro”, meinte Harry und klopfte mit einem Essstäbchen gegen den orangen Kugelfisch. „Ich mag Toro.“

„Jammer nicht“, erwiderte Malfoy mit amerikanischem Akzent, bevor er einen vorsichtigen Biss nahm. Sein Lächeln wurde übertrieben, als er kaute. Harry verengte seine Augen, war noch immer nicht davon überzeugt, dass das nicht nur ein Trick war, ihn dazu zu bewegen, etwas Ekelhaftes zu essen. „Du bist dran“, sagte Malfoy.

Harry biss die Zähne zusammen und sah auf den Teller. Es war doch nur ein kleines bisschen von dem Kugelfisch. Wie schlimm konnte es schon werden? Wenn Malfoy es essen konnte, konnte er das auch. Malfoy hatte bestimmt schon seltsamere Dinge in seinem Mund gehabt als Seelebewesen, aber vielleicht war das ein schlechter Vergleich. Schlechte Metapher, dachte Harry, als er mit den Fingern etwas von dem Seezeug nahm und hineinbiss.

Sein erster Eindruck war kalter salziger Schleim, der sich auf seiner Zunge ausbreitete. Sein zweiter Eindruck war genauso schlimm. Er kaute, aber das brachte den Kugelfisch nur dazu, sich in seinem Mund und dann überall auszubreiten. Er schnitt Grimassen und zwang es hinunter.

Als er seine Augen öffnete, lachte Malfoy. „Guckst du immer so drein, wenn du etwas schluckst?“

„Nur, wenn ich etwas Abscheuliches schlucke“, entgegnete Harry und griff nach seinem Bier. Malfoy kicherte und aß den Rest seines Unis. Harry schauderte, aber Malfoy verzog das Gesicht nicht. „Schmeckt dir das wirklich?“

Malfoy zuckte mit den Achseln und nahm einen großen Schluck von seinem Sake. „Eigentlich nicht“, sagte er nach einer kurzen Pause. „Aber dein Gesichtsausdruck war es allemal wert.“

Harry versuchte, ihn anzufunkeln, aber das endete nur darin, dass er mit den Augen rollte. Der ganze Abend verlief so. Malfoy war erst um zehn nach acht aus seiner Wohnung gekommen und hatte sich nicht einmal dafür entschuldigt, sich verspätet zu haben, obwohl der Zähler im Taxi weiterlief. Malfoy war modisch genug angezogen, dass Harry sich wünschte, sich nach seinem kurzen Schläfchen am Nachmittag umgezogen zu haben. Malfoy rümpfte wegen Harrys Jeans die Nase, sagte aber nichts. Er hatte nur gelächelt und war neben Harry auf den Rücksitz gerutscht, einen Arm hatte er um einen von Harry geschlungen und den Fahrer in die Embracadero-Gegend geleitet. Harry war über den plötzlichen Wandel von Malfoys Benehmen derart geschockt gewesen, dass er nicht wusste, was er sagen sollte. Er ließ Malfoy einfach gegen sich lehnen und versuchte, nicht herumzuzappeln. Wenn Malfoy ihn durcheinander bringen wollte, dann würde er ihm zumindest nicht zeigen, dass er es schaffte.

Das Restaurant - ein schicker japanischer Laden namens Ozumo - strahlte vor lauter Glamour. An den Tischen und an der Bar saßen schöne moderne Leute, die schönes modernes Essen zu sich nahmen und Sake aus winzigen Tassen tranken. Harry war mehr als froh darüber, dass er nicht sein eigenes Geld ausgab. Die Rechnung der heutigen Nacht würde an die 200 Dollar Grenze stoßen, wenn es nach Malfoy ging. Harry wusste nicht, wo das ganze Essen an dem dünnen Körper ansetzte.

Malfoy nahm ein Stück von dem Makrelen-Nigiri zwischen seine Essstäbchen und betrachtete es einen Moment lang verträumt. „Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du hier bist“, sagte Harry und sah zu, wie das Nigiri zwischen Malfoys Lippen verschwand. Der Ausdruck auf seinem Gesicht wechselte zu einem mit vollständiger Zufriedenheit und er sank in seinem Barhocker zusammen, ignorierte Harrys Frage. Harry nippte an seinem Bier, bis Malfoy sich wieder in eine sitzende Position aufrichtete. „Gut?“ Malfoy nickte und schloss zur Verdeutlichung seine Augen.

„Mehr Sake?“, fragte der Kellner und beugte sich zwischen die beiden, um die leeren Teller einzusammeln.

„Bitte“, entgegnete Harry und der Kellner lächelte. Er erinnerte Harry ein bisschen an den Mann, der mit Malfoy in dem Café geflirtet hatte und so sah er ihm hinterher. Das erstaunte ihn selbst, denn normalerweise hatte er ein furchtbares fotographisches Gedächtnis.

„Also ehrlich, Potter, frag ihn doch einfach nach seiner Nummer. Tu es lieber jetzt, sonst ist er weg.“

Harrys Blick wanderte wieder zu Malfoy zurück. „Wovon sprichst du?“

Malfoy rollte mit den Augen. „Oh bitte. Du checkst den Kellner schon den ganzen Abend lang ab.“

“Das ist nicht wahr!” Harry zwang sich, nicht zu erröten, da das nur die falschen Signale senden würde.

“Du bist in San Francisco, Potter. Kein Grund, schüchtern zu sein.”

„Ich bin nicht-“ Der Kellner kam mit einer neuen Flasche kühler Sake zurück und schenkte etwas davon in ihre Gläser. Harry musterte seine eigenen Hände intensiv, bis der Mann weg war. „Ich hasse es, dich enttäuschen zu müssen, Malfoy, aber ich bin nicht schwul.“ Malfoy zog seine Augenbrauen hoch, seine Saketasse verdeckte nicht ganz das selbstgefällige Grinsen, das sich in seinem Gesicht formte. Er sagte es nicht, aber Harry konnte sein „Oh, wirklich?“ regelrecht hören. „Ich bin verheiratet, um das einmal klarzustellen.“

Ein Ausdruck der Überraschung bildete sich für einen Sekundenbruchteil auf Malfoys Gesicht, bevor es wieder mit einer selbstgefälligen Maske ersetzt wurde. „Verheiratet?“

„Na ja... im Moment getrennt“, gab Harry zu, obwohl er sich freute, Malfoy etwas aus der Fassung gebracht zu haben. „Wir lassen uns scheiden.“ Er hob seine Saketasse an und trank den Inhalt in einem Zug.

Malfoy füllte es wieder auf, bevor Harry die Gelegenheit hatte, es wegzuziehen. „War es schlimm?“

Harry zuckte mit den Schultern. „Manchmal war es schrecklich, aber manchmal auch ganz toll.“

„Weasley?“

„Nein“, antwortete Harry und bemerkte, dass sich Malfoy tatsächlich von der britischen Zauberergesellschaft abgewandt hatte. Harrys Sturmhochzeit hatte in den Zeitungen großes Aufsehen erregt und die Scheidung tat jetzt dasselbe. Harry war überrascht, dass Malfoy nichts davon wusste, aber er schien aufrichtig interessiert.

Die beiden hatten schon einiges an Alkohol intus und Harry wusste, dass er es am nächsten Morgen vielleicht bereuen würde, so offen zu reden. Doch zu Hause hatte er niemanden, mit dem er darüber sprechen konnte. Hermione war seine einzige echte Freundin, aber die hatte mit ihrer Arbeit und ihren Kindern genug zu tun. Außerdem... wenn er sich etwas öffnete, würde Malfoy vielleicht dasselbe tun.

Harry stellte seine Saketasse auf der Bar ab. „Ich habe Cho geheiratet.“

„Cho Chang? Du verarschst mich.“

“Zu gut für mich, ich weiß.” Harry hob seine Hand, um die folgende sarkastische Bemerkung abzuwehren. „Sie und ich wurden einander nach der Aurorenausbildung zugewiesen. Wir gingen ab und zu miteinander aus und hatte ein paar... intensive Erfahrungen; etwa um die Zeit, als Voldemort...“ Harry hielt inne, ihm fiel siedendheiß ein, dass er etwas genannt hatte, worüber Malfoy wahrscheinlich nicht gewillt war, zu sprechen. Zumindest jetzt nicht.

„Ja, ja, Voldemort, mein Vater und die unschöne Art, wie es endete.“ Malfoy sah kein bisschen unangenehm berührt aus. „Na ja, ich denke, endete ist das falsche Wort.“

In der Tat, dachte Harry. Voldemort war nach diesem schrecklichen Tag von vor drei Jahren einfach verschwunden. Die Hälfte von Harrys Freunden war innerhalb einer einzigen Woche gestorben. Harry hatte nicht einmal die Rolle gespielt, die ihm jeder zugewiesen hatte - Dumbledore hatte das getan und teuer dafür bezahlt. Und niemand wusste, ob es wirklich vorbei war oder ob Voldemort noch immer irgendwo da draußen war und wartete.

Er hielt inne, bemerkte, dass er nicht über den Krieg, Voldemort oder seine verlorenen Freunde nachgedacht hatte - nicht lange. Er blinzelte und sah, dass Malfoy ihn neugierig beäugte.

„Na ja, wie dem auch sei“, setzte Harry unbeirrt fort, „Cho und ich waren dann ein paar Monate zusammen. Wir trennten uns und einen Monat später tauchte sie schwanger vor meiner Türe auf.“ Harry machte eine Pause und nippte an dem Sake. „Es war ein dummer Grund, um zu heiraten. Ich glaube, wir beide wollten nach all der Zerstörung etwas Neues schaffen.“

„Also hast du ein Kind?“, fragte Malfoy. Er war blass geworden, was in Anbetracht seines natürlichen Teints bemerkenswert war.

„Nein.“ Harry seufzte und wünschte sich, er hätte das nicht angesprochen. „Sie hatte eine Fehlgeburt. Wir waren erst seit einem Monat verheiratet, also war es ziemlich traumatisierend. Nachher beschlossen wir, dass wir es auch so schaffen würden und ein neues Baby zeugen wollten, aber...“ Er zuckte mit den Achseln und die Welt um ihn herum begann sich in einem Sakeschleier zu drehen. Sein Kopf fühlte sich seltsam klar an, obwohl er so viel getrunken hatte.

Malfoy sagte nichts, saß nur da und hörte zu. Wartete für den Fall, dass Harry noch mehr zu sagen hatte. Harry hatte nie erwartet, dass Malfoy ein so guter Zuhörer sein konnte. Um ehrlich zu ein hatte er nie wirklich etwas von Malfoy erwartet.

„Wir haben uns vor sechs Monaten getrennt“, fügte Harry hinzu. „Sie zog recht schnell aus und ich habe mich in meiner Arbeit vergraben. Mehr ist da nicht, wirklich.“ Malfoy fixierte ihn. „Was?“

Malfoy lächelte und zuckte mit den Schultern. „Also leidest du unter einem gebrochenen Herzen?“

Harry zuckte zusammen. „Na ja, eher nicht. Das ist ja das Problem. Ich habe sie nie wirklich geliebt, zumindest nicht so, wie ich meine Frau lieben sollte. Irgendwie vermisse ich sie, aber es war nie eine besonders tolle Beziehung gewesen, wenn du verstehst.“ Er hielt inne und stellte fest, dass er Malfoy mehr als beabsichtigt erzählt hatte. Er errötete.

Malfoy schnarrte. „Du bist nicht wirklich ein Vorbild für die Zaubererwelt, Potter, oder? Verheiratet, geschieden und verbittert - und das alles im Alter von 24 Jahren?“

„Oh, fick dich“, stöhnte Harry, obwohl seine Stimme keine Gehässigkeit mit sich trug. „Was hast du in den letzten fünf Jahren gemacht? War der großartige Draco Malfoy - einziger Erbe des Malfoyvermögens und so - tüchtig?“

Malfoy biss bei dem Köder nicht an. Er lächelte Harry nur an und hob seine Tasse an seine Lippen. „Willst du es nicht herausfinden?“, fragte er und nahm einen großen Schluck Sake.

Harry starrte ihn einen Moment lang an, versuchte herauszufinden, ob es sich um eine rhetorische Frage handelte.

„Also fliegst du morgen zurück?“, fragte Malfoy.

„Ähm...“, begann Harry und leerte sein Bierglas. „Ich muss nicht innerhalb einer Woche zurück sein. Ich habe ein wenig Urlaub genommen, weißt du.“ Er zuckte mit den Achseln und hoffte, lässig auszusehen. „Vielleicht bleibe ich noch ein paar Tage und schaue mir die Sehenswürdigkeiten an.“

Malfoy lächelte in seine Saketasse. „Alles klar.“

Ende Kapitel 1, Teil 2


(1) Foie-gras ist eine französische Gänseleberpastete.

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