Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
 
 
von Xylune    erstellt: 01.10.2006    letztes Update: 01.10.2006    Geschichte, Drama / P12 Slash    (fertiggestellt)
Musik: The Ghost of you; Desert Song – My Chemical Romance; Chasing cars – Snow Patrol
Written: 11.09.2006 – 16.09.2006
Warnungen: death, sad

Der Schmerz verweilt in meinem Kopf, möchte nicht weichen trotz der Tabletten und des Schlafes. Ich bleibe liegen und schließe meine Augen, lege meine rechte Hand auf die Stirn, als könne sie den Schmerz fortstreichen. Doch er bleibt, als sei er gefangen, hätte kein Ventil, um zu entweichen.
Wenn ich die Augen jetzt öffnen würde, sähe ich die weiße Decke, würde ich erkennen, dass es dunkel geworden ist, nur noch die Lichter der Straßenlaterne einen Lichtschein hineinwerfen. Mein Körper fühlt sich schwer an, unbeweglich, als liege er noch in einem tiefen Schlaf. Bewegungslos verharre ich auf diesem Bett, lausche den Geräuschen im Haus, die nur spärlich zu mir hindurchdringen. Irgendjemand singt etwas, kleine Kinder rufen etwas und draußen schreit ein Betrunkener durch die Straße.
Wie immer, denke ich.
Wie gestern, wie vorgestern, genauso wie es auch morgen sein wird.
Würde ich zur Uhr sehen, wüsste ich, dass es bald zehn Uhr ist. Noch zehn Stunden, bis ich mich wieder erheben muss, zehn Stunden, bis ich zum Schrank hinübergehe, mir Kleidung heraussuche, mich anziehe und in der Küche Kaffee koche. Elf Stunden, bis ich das Haus verlassen muss, um auf die Straße zu gehen, wieder feststellen werde, dass noch Leben gibt in dieser Stadt.
Dann gehe ich hinüber zum Stadtrand, durchquere den Park und stehe schließlich vor einer Steinstafel. Geschmückt mit Blumen, Kränzen und Kerzen. Vermutlich sind sie noch nicht welk geworden, schließlich wurden sie erst am gestrigen Tage dort hinterlegt.
Der Stein ist auch noch ganz neu, nicht verwittert, und die Inschrift ist gut lesbar. Obwohl das vielleicht nicht ganz so wichtig ist, schließlich steht dort nur ein Name, Daten, ein kurzer Satz, der alles und nichts ausdrückt.

Wahrscheinlich wärest du nicht begeistert gewesen angesichts des Bibelspruchs, den deine Eltern dort haben einmeißeln lassen, andererseits wirst du es nie mehr erfahren. Dort, irgendwo, haben Bibelsprüche und die Blumen auf dem Grab keine Bedeutung mehr. Solche Fragen hast du dir nie gestellt, was zählte, war das Sein, das Jetzt, nicht das, was mit deinen sterblichen Überresten geschehen würde. Vermutlich warst du mit Ende Zwanzig auch noch zu jung, um dir Gedanken darüber zu machen.
Mit Ende Zwanzig schreibt man kein Testament und legt keine Beerdigungen fest.
Sonst wäre es wohl anders gekommen und sonst hätten wir auch nicht in der kleinen Kapelle gestanden und dieses Kirchenlied gesungen, das mir längst entfallen ist.
Spießig, womöglich hättest du es als solches bezeichnet. Verkalkt, altmodisch, traditionell. Worte, Bedeutungen, die dir nicht zusagten. Dennoch haben sie dich gestern in den Tod begleitet…

Ich denke an das Bild, das jemand auf das Grab gestellt hatte, zur Erinnerung an dein wirkliches Gesicht, wie man mir sagte. Dein lächelndes Gesicht, du, an deinem fünfundzwanzigsten Geburtstag. Ich erinnere mich genau daran, was du getragen hast, erinnere mich an die Freude, die von dir Besitz ergriffen hatte, als du mein Geschenk auspacktest, eine Kette.
„Danke“ hast du gesagt und mich umarmt.
Zuletzt sahst du längst nicht mehr so aus, dein Gesicht war eingefallen, tiefe Augenringe zierten es. Du wirktest blass und mager, um zehn Jahre gealtert.
Hast du es selbst gemerkt?
Als ich dich darauf ansprach, auf deine Veränderungen, das Blut im Taschentuch, wehrtest du nur ab, sprachst davon, dass es nichts bedeuten würde.
Was magst du gedacht haben, als du zusammenbrachst und gehört hast, dass das das Ende ist?
Die Ärzte gaben dir noch ein oder zwei Wochen angesichts des Krebs im Endstadium. Vier Tage sind es geworden, bevor du dein Leben aushauchtest.
Viel davon mitbekommen hast du wohl nicht mehr, bereits nach zwei Tagen bist du eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen, aus der du letztendlich nicht mehr erwacht bist.
Wie mag das sein?
Verschwinden, ohne sich verabschiedet zu haben. Plötzlich, überraschend.

Was ist schöner, frage ich mich, plötzlich zu sterben oder zu wissen, dass der Tod auf einen wartet. Stirbt man plötzlich, kann man keine Angst entwickeln, erlebt man nicht mit, wie das Herz langsam aufhört zu schlagen. Stirbt man langsam, kann man sich verabschieden, sagen, was man noch sagen wollte, noch einmal das tun, was man immer tun wollte. Zumindest, wenn die Erkrankung es zulässt.

„Er hat Lungenkrebs“, sagte mir deine Mutter mit Tränen in den Augen. Lungenkrebs. In dem Alter? Das war mein erster Gedanke. In meinem nächsten verfluchte ich jede einzelne Zigarette, die du in deinem Leben geraucht hattest.
War das die Ursache? Gab es noch andere? Du glaubst gar nicht, wie oft ich die Möglichkeiten durchgegangen bin. Seit letzter Woche, seitdem du fort bist.
Die zweite Überlegung, die ich anstelle, ist die Frage nach dem, was ich dir noch gesagt hätte, wenn ich die Gelegenheit gehabt hätte.
Hätte ich verzweifelt versucht, dich zu trösten? Dir gesagt, dass ich dich geliebt habe?
Nein, falsch, ich liebe dich noch immer.
Liebe. Sie hatte dich auch nicht vorm Tod bewahrt.

Aber vielleicht wäre das auch anmaßend, egoistisch gewesen, dir diese Worte zu sagen. Ich glaube, ich hätte es nicht ertragen, hättest du mich in der letzten Sekunde deines Lebens gehasst. So schwelge ich in Unwissenheit, in dem Wissen, dass du mich nie hassen oder lieben können wirst für meine gedachten Worte.

Die Schläfrigkeit nahm wieder zu und ich drehe mich auf die Seite, hoffe, dass der Schmerz bald dem Schlaf weicht. Im Schlaf gibt es keinen Kopfschmerz, kein Grab und dich gibt es dort auch nicht.
Womöglich hast du es doch gut dort. Fernab von aller Existenz.

Als ich erwache, bleibe ich eine Weile liegen, brauche einige Minuten, um mich zu orientieren und mir alles in Erinnerung zu rufen. Ich konnte morgens noch nie einfach so aufstehen, das machte mein Kreislauf nicht mit und zudem fühlte ich mich dann den ganzen Tag über müde. Es dauerte sicherlich immer eine halbe bis Stunde, bis ich bereit war, mich zu erheben und den Tag als solchen anzunehmen.
Ich glaube du warst immer ein wenig genervt, wenn wir in einem Raum schliefen und der Wecker eine Stunde früher klingelte, als du aufstehen wolltest. Manchmal hast du dir auch einen Spaß daraus gemacht, ihn zu verstellen, so dass ich innerhalb von fünf Minuten fertig werden musste.
In solchen Momenten habe ich dich verwünscht und verflucht.
Jetzt wünsche ich mir, ich müsste immer innerhalb von Sekunden aufstehen, würdest du nur dann neben dem Bett stehen und mich auslachen.

Was erwarte ich mir davon, wenn ich heute vor deinem Grab stehe, wohlwissend, dass du dort in der Tiefe unter mir ruhst, für immer. Du wirst nicht zu mir sprechen, so sehr ich dich auch rufe, du wirst nicht zuhören, wenn ich dort sitze und dir erzähle, was geschehen ist. Dien Körper wird mit der Zeit zu Staub zerfallen, doch du veränderst dich nicht. Bleibst immer neunundzwanzig, wirst niemals erfahren, was in drei Jahren geschehen wäre. Deine Zeit ist stehen geblieben, einfach eingefroren.
Bist zu einem Stein im Wasser der Zeit geworden… und ich, meine Zeit fließt noch immer und nur winzige Tropfchen bleiben an dir, dem Stein, hängen, vertrocknen mit der Zeit im Licht der Sonne.
Werde ich vergessen?

Schwerfällig erhebe ich mich, fühle mich wie erschlagen, als wäre ich soeben aus einem langen Traum erwacht. Doch ein Blick auf die Einladungskarte, die auf dem Tisch liegt, vernichtet diese Hoffnung wieder, erstickt sie im Keim.
„Einladung zur Beerdigung“, lese ich und wende mich ab, um mir etwas überzuziehen.
Ein Blick in den Kalender sagt mir, dass du nächste Woche Geburtstag gehabt hättest. Dein Dreißigster wäre es gewesen, wir hatten bereits alles im Voraus geplant.
Und ich denke daran, dass ich dir sagte, ich wolle dir eine Torte in Form eines Grabsteins backen.
„Mit dreißig ist das Leben vorbei, weißt du“, hatte ich dich geneckt und du hattest nur geschmollt, mich beleidigt angesehen.
Jetzt lache ich nicht mehr darüber. Jetzt brauchst du keine Torte mehr, jetzt hast du deinen eigenen Stein.

Mit gewisser Unlust verspeise ich Minuten später eine Nektarine. Vermutlich ist sie schon etwas älter, denn besonders gut schmeckt sie nicht. Doch mir ist bewusst, dass ich etwas essen muss, man muss Nahrung aufnehmen, um zu leben. Und ich habe vor, genau das zu tun. Oder hättest du es gutgeheißen, wenn ich gleich mit Küchenmesser und Abschiedsbrief an deinem Grab stehen würde?
Ich glaube nicht, dass ich den Mut dazu hätte. Du etwa?
Du, die Erinnerungen scheinen mir in meiner Haut zu stecken, sooft ich auch versuche, sie abzuwaschen, sie verschwinden einfach nicht. Vermutlich ist es noch zu früh. Viel zu früh. Ich denke an die schwarzen Rosen, die wir dir gestern aufs Grab gelegt haben, eine Alternative angesichts dessen, dass sich Kakteen nicht gut auf einem Grab machten. Wahrscheinlich wären sie sehr bald eingegangen.
Schon schwarze Rosen waren Blumen, die deiner Familie nur bedingt zusagten. Genauso, wie sie es gewünscht hatten, dass der Bestatter dir helle Kleidung anzieht, um an Reinheit und die Nähe zu Gott zu appellieren. Irgendwie bizarr. Du musstest auf deiner Beerdigung weiße Kleidung tragen. Ausgerechnet du.
Doch ich, wir, deine Freunde, wir hatten kein Mitspracherecht. Wir konnten weder singen, was dir gefallen hätte, noch alles andere so arrangieren, dass es dir vermutlich zugesagt hätte.
Deine Eltern wollten dich im Tod nicht so sehen, wie du gewesen bist, stattdessen haben sie dieses Bild von dir erschaffen, dass dich zu guter Letzt zu dem Heiligen hat werden lassen, der du nie warst.
Die Rede des Pfarrers war nichts weiter als eine Ansammlung leerer Worte. Das bist nicht du. Jeder hätte es sein können, aber nicht du…

Rasch ziehe ich mir eine Jacke und Schuhe über, setze meine Kappe auf, um anschließend die Wohnung zu verlassen. Zweimal drehe ich den Schlüssel im Schloss herum, bevor ich die Treppen hinabsteige, hinaus auf die Straße gehe.
Als hätte ich es eilig, laufe ich durch die Straßen. Vielleicht hätte ein Außenstehender es als ziellos bezeichnet, doch ich habe mein Ziel vor Augen, den Weg dorthin.
Einige Passanten scheinen mich zu erkennen und drehen sich nach mir um, sicher haben sie von deinem Ableben erfahren. Und wenn ich in den Kiosk schaue, erkenne ich dein Gesicht, das groß auf der Titelseite des „Helsingin Sanomat“ prangt.
Ein altes Bild, auf dem noch keine Spuren der Krankheit in deinem Gesicht zu erkennen sind.
Nun weiß die ganze Stadt, das ganze Land, dass du verstorben bist. Zum Glück erfahren sie nicht, wo dein Grab liegt, ich glaube, es ist besser so.

Gleichzeitig denke ich an das, was nun aus mir werden wird. Mein Beruf hat sich mit dir aufgelöst und eine großartige Ausbildung besitze ich auch nicht. Vielleicht werde ich wie früher bei anderen aushelfen als Schlagzeuger… oder ich suche mir etwas vollkommen Neues. Vielleicht Bankfachangestellter, so etwas würde meinen Eltern auch zusagen.
Sofort schäme ich mich wieder. Dass ich an derart banale Sachen denke.
Mein Atem geht schnell, als ich das Tor zum Friedhof erreiche. Habe ich mich so verausgabt? Langsam öffne ich das leise quietschende Tor und trete anschließend ein, setze meinen Weg über das knirschende Kies fort.
Der Himmel ist wolkenverhangen und der Geruch nach Regen liegt in der Luft. Genau das habe ich immer geliebt, diesen Geruch, als würde es augenblicklich anfangen zu gießen…
       
Ich wünschte du könntest es auch riechen…

Etwa fünf Minuten dauert es, bis ich vor deinem frischen Grab stehe und feststelle, dass alle Blumen, Kränze und Fotos noch vorhanden sind. Ein wenig nass vom nächtlichen Regen, zum Beispiel ist der Abschiedsbrief deiner Cousine inzwischen unleserlich. Ich laufe seitlich entlang, bis ich direkt neben dem Stein stehe. Vorsichtig, beinahe ungläubig fahre ich mit meinen Fingerspitzen die Inschrift nach.
Dein Name.
Lauri Johannes Ylönen
1979 – 2008

Unwirklich, denke ich und hocke mich hin, um die einzelnen Dinge etwas genauer betrachten zu können.
Zwei Fotos, laminiert, damit sie nicht sofort in Fetzen gehen, mehrere Kerzen, Blumen und Briefe. Alle von Verwandten und Freunden. Dazu eine kleine Urne, in der die Asche deiner Gitarre zu finden ist, wir dachten, du würdest sie gern bei dir haben.
Dann meine kurze Notiz, nicht mehr als ein einzelner Satz.
„Ich liebe dich, Aki.“
Liebe. Dadurch, dass er im Präsens verfasst ist, wirkt es, als würdest du noch immer existieren. Aber es ist wahr: Ich liebe dich noch immer.
Nach dieser Erkenntnis verharre ich einige Minuten bewegungslos neben dem Grab, den Gedanken an dich nachhängend.
„Was machst du hier?“, fragt plötzlich jemand und ich schrecke auf, drehe mich um und erstarre.

Eine kleine Gestalt in einem weißen Hemd und einer dunklen Hose steht mir gegenüber, etwa zehn bis fünfzehn Meter entfernt. Ein Paar grüne Augen fixiert mich, durchleuchtet mich geradezu.
„Du…?“, wage ich zu fragen, kann es nicht fassen. Glaube an eine Halluzination, die erste Verbote des Wahnsinns.
Vielleicht ist es so, wenn man nicht über den Tod der geliebten Menschen hinwegkommt. Man sieht sie, obwohl man genau weiß, dass sie tot sind.
„Hei, Aki, wie geht es dir?“, du lächelst mich zaghaft an und jetzt kenne ich kein Halten mehr. Meine Vernunft verliert den Kampf gegen das innere Instinkt und ich springe auf, renne auf dich zu und falle in deine Arme. Natürlich in der Annahme, ich würde mir gleich meine Nase auf dem Kies aufschlagen.
Doch nichts dergleichen geschieht, deine Arme halten mich, ziehen mich an dich.
Unfähig mich zu bewegen, verharre ich eine Weile in dieser Haltung, während Tausende von Gedanken durch meinen Kopf rasen. Einer wirrer als der andere. Du lebst, tönt es immer wieder in meinem Kopf, du lebst wirklich. Aber wie…?
„Du… du bist kalt“, bringe ich schließlich hervor. Meine Nase stößt an deinen Hals, deine Haut ist eiskalt, beinahe, als seihst du soeben einer Gefriertruhe entstiegen. Vielleicht ist es auch so.
„Tote sind wohl kaum warm“, du lachst und ich löse mich ruckartig von dir, trete einige Schritte zurück.

Mir ist, als stände ich einem lebendiggewordenen Alptraum gegenüber. Tote, die wieder leben, so genannte Zombies. Seelenlose, grausame Kreaturen, wenn man den Schauergeschichten Glauben schenkt, die ich als Kind gelesen habe.
„Ich bin kein Zombie, falls du das denkst“, du bleibst stehen, traust dich scheinbar nicht, näher an mich heran zu treten. Als würdest du dich davor fürchten, mich zu verschrecken.
„Was dann?“, presse ich hervor, weiterhin an meinem Geisteszustand zweifelnd.
„Ich weiß nicht so genau. Vielleicht jemand Totes, der noch einmal zurückgekehrt ist“, scheinbar weißt du selbst nicht so genau, was du darauf antworten sollst.
„Ein Geist mit Körper?“, erkundige ich mich und du nickst zaghaft.
„Ich wollte noch etwas erledigen, deshalb bin ich hier“, erwiderst du etwas selbstbewusster.
„Aha…? Und deshalb trotzt du mal eben so den Naturgesetzen und stellst dich neben dein Grab?“, meine Stimme bebt, ich habe mich nur noch schwer unter Kontrolle. Zu unwirklich erscheint mir die ganze Situation.
„So ähnlich.“
„Dass heißt, es gibt da oben tatsächlich ein Männchen mit weißem Bart und so?“, meiner Zeigefinger weist in den inzwischen recht finsteren Himmel, doch du schüttelst nur lachend mit dem Kopf.
„Nein, der Tod ist ewig, es gibt kein zweites Leben.“
„Und trotzdem bist du hier?“
„Ich wollte noch etwas erledigen.“
„Und dann?“, wage ich zu fragen, mich letztendlich doch auf das unwirkliche Spiel einlassend. Wenn das hier ein Scherz sein soll, werde ich dich auf ewig verfluchen. Wenn es wahr ist, werde ich bis an mein Lebensende als Kassierer bei Stockmann mein Dasein fristen. Oder auch lieber nicht.
„Dann…“, für einen Augenblick lang wird dein Blick trübe, „dann bin ich tot. Endgültig.“
„Dann sehen wir uns nicht mehr wieder?“
„Nein“, antwortest du langsam, absolut, keinen Widerspruch duldend.

Daraufhin schweige ich. Es ist unfassbar, dass du hier vor mir stehst, lebendig, wenn man davon sprechen kann. Genauso unglaublich wie die Tatsache, dass du wieder verschwinden wirst. Wenn ein Wiedertreffen damit verbunden ist, ein Fall für die Psychiatrie zu sein, nehme ich das an dieser Stelle gerne an.
„Gibt es wirklich keine Möglichkeiten?“
„Nein“, erwiderst du erneut.
„Woher weißt du das?“
„Ich weiß es eben“, du zuckst mit den Schultern, „so eine Art sechster Sinn, weißt du?“
Nein, ich weiß nicht, aber ich entschließe mich einfach, dir zu glauben. Wenn schon, denn schon.
„Und was machst du jetzt?“, frage ich weiter, komme nicht mit der Stille und Bedrücktheit zurecht, die zwischen uns zu liegen scheint.
„Mir meinen Wunsch erfüllen, aber...“, du brichst ab und ich sehe dich fragend an, doch du wendest deine Augen von meinen ab und blickst zu Boden.
„Aber?“
„Vorher würde ich gern noch einmal zum Hafen, dort ThaiCurry essen und mir die Stände ansehen.“
„Was für ein Wunsch“, ich muss unweigerlich lachen.
„Wenn du keine Zeit mehr hast, darfst du deine Maßstäbe nicht so hochschrauben. Danach können wir zur Bucht hinter dem Nosturi gehen“, fährst du fort und lächelst zum ersten Mal wirklich überzeugend.
„Wir?“
„Sind hier noch mehr Leute?“, du blickst dich suchend um und ich verneine deine Frage.
„Möchtest du niemandem etwas mitteilen, ich meine, du...“, doch du unterbrichst mich kurzerhand.
„...Ich hatte keine Zeit zum Verabschieden? Es wäre egoistisch, sie noch weiter leiden zu lassen, lieber, sie denken, ich sei endgültig verschwunden.“
„Unwissenheit ist grausam“, spreche ich aus eigener Erfahrung, wenn auch unsicher, ob ich diese Begegnung hier wollte.
Wollte ich das? Wird es nicht viel schwerer sein als vorher?
Doch dann fällt mir die einzige Frage ein, die ich dir stellen wollen würde und meine Zweifel zerstreuen sich.

„Trotzdem. Es ist besser so, nachdem sie mich mit so schöner Kleidung“, du blickst an dir herunter, betrachtest die helle Kleidung, „beerdigt haben, muss ich sie nicht auch noch treffen und ihnen die Illusion nehmen, dass es einen Himmel gibt oder so.“
Vielleicht hast du recht. Was würde geschehen, wenn sie erfahren würden, dass du einfach vollkommen verschwunden bist und es keine bessere Welt für dich gibt?! Du hattest nur diese Welt hier, du wirst nie mehr gehabt haben.

„In Ordnung“, sage ich schließlich und wir gehen los, fort von hier, verlassen den Friedhof, um in die Innenstadt und zum Hafen zu gelangen. Kein allzu langer Weg, schließlich sind wir in Helsinki, andererseits aber auch ein Weg, auf dem uns viele Menschen begegnen werden, die dich erkennen könnten...
„Warte mal, Lauri.“
Fragend blickst du dich um und wenig später mich ein wenig skeptisch an. Ich habe dir meine Kappe aufgesetzt. Vielleicht bist du so etwas schwerer zu erkennen, schließlich trägst du eigentlich diese Art von Kopfbedeckung nicht. Zumindest nicht, soweit ich mich entsinnen kann.
„Was soll das?“
„Sie könnten dich erkennen, möchtest du als Gespenst in die Geschichte eingehen?“
Du schüttelst mit dem Kopf und wir laufen nebeneinander die Straßen entlang. Sie erkennen dich nicht, bist so untypisch gekleidet... und wer würde einen Toten auf der Straße erwarten? Wohl kaum jemand.
Vielleicht wird es bald Fanbeerdigungen geben oder sogar Selbstmorde. Obwohl ich das nicht denke, du bist niemand, der diese Menschengruppe anzieht, nicht mehr.
„Woran denkst du?“
„An ein paar Fans, die von der Brücke springen und „oh oh“ schreien“, antworte ich und du lachst erneut.
„Vielleicht sollte ich nicht darüber lachen“, meinst du, als du dich beruhigt hast, „aber es ist schon eine nette Vorstellung. Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht.“
„Deshalb streiten sich deine Schwester und Eero auch gerade um deine Küchengeräte...“, das war womöglich etwas taktlos, denn du senkst den Kopf und schweigst.

„Tut mir leid, ich...“, fange ich an, doch du winkst ab, blickst bei Stockmann ins Schaufenster, während du vorbeigehst.
„Ich werde hier nie wieder stehen und feststellen, dass vieles um fünfzig Prozent reduziert ist“, sagst du und ich schweige. Fühle mich hilflos, nicht in der Lage, etwas darauf zu erwidern. Ich glaube, ich hätte Angst, große Angst, zu sterben. Wenn ich wüsste, dass am Ende des Tages alles vorbei ist... ich glaube, ich würde das nicht verkraften.
Wie mag es für dich sein? Der Tod kam unbewusst, plötzlich... doch jetzt... jetzt wirst du jede einzelne, verdammte Sekunde miterleben, wissen, wann es genau zuende geht.
Das muss sehr schwer sein.
Schließlich löst du dich doch vom Schaufenster und wir gehen weiter, eine der Hauptgeschäftsstraßen entlang bis zum Hafen und dem Kauppatori, wie man ihn nennt. Eine Ansammlung von Ständen am Hafen. Dort gibt es Schmuck, Kleidung, Essen, Souvenirs und einen kleinen Markt mit Obst und Gemüse. Einmal gesehen, immer gesehen, wage ich zu behaupten. Dennoch ist es nett, ab und zu dort entlangzugehen und die Auslagen der Stände anzusehen, festzustellen, dass man kein Suomi-T-Shirt braucht und dass Currywust hier im Prinzip auch zu teuer ist. Für Schmuck gibt es auch schönere Geschäfte, zum Beispiel im Kamppi...

„Ich möchte das hier“, sagst du plötzlich und bleibst abrupt stehen. Sofort bleibe auch ich stehen und schaue mir an, was du denn so gerne hättest.
„Diese Kette?“, ich sehe sie mir an. Es ist ein silberner Anhänger, auch echtes Silber, wenn man dem Zettel trauen kann, der daneben liegt. Er hat die Form einer Rasierklinge und als du dich nach dem Preis erkundigst, bietet der Händler dir an, noch eine schwarze Kette dafür anzufertigen.
„Aki?“, du blickst mich bittend an.
„Lauri?“, gehe ich auf das Spielchen ein und hältst mir eine offene Hand hin, die Aufforderung, dir Geld zum Bezahlen zu geben.
„Haben die Toten kein Geld?“
„Wie du siehst nicht“, meinst du und freust dich, als ich dir einen Zwanzigeuroschein in die Hand drücke, mit dem du Kette und Anhänger bezahlen kannst.
Danach verlassen wir den Stand und du bindest dir kurzerhand deine neuste Errungenschaft um. Passend zu dem Armband mit der Rasierklinge, das man dir auch im Tod nicht abgenommen hat.
Ich glaube mich zu erinnern, dass Pauli deswegen sehr hitzig mit deiner Mutter diskutiert hat, bis sie letztendlich nachgab.
Du solltest doch zumindest in irgendeiner Form als der Mensch sterben, der du warst.

„Und jetzt?“, frage ich, mein Fischbrötchen in der Hand, während du ThaiCurry aus einer Plastikschüssel heraus verspeist und sich dabei Soßenflecken in deinem Gesicht verteilen.
Dann fällt mir wieder ein, dass du zum Nosturi und zu dem Felsenstrand dahinter gehen wolltest. Dort, wo immer die Jugendlichen abends mit ihrer Gitarre sitzen und dieses Feuer auf dem Turm brennt.
Mein Blick fällt auf die Uhr, es ist bereits Nachmittag. Wie lange du wohl bleibst? Bis heut Nacht oder tatsächlich bis zu dem Augenblick, in dem du dir deinen Wunsch erfüllt hast?

Das Nosturi, wenn ich es heute anblicke, finde ich nicht, dass es sich großartig gewandelt hat. Wir spielen ab und zu dort, heute noch. Nun gut, jetzt nicht mehr, jetzt ist es vorbei. Große Lettern weisen auf den Namen hin und der restliche Außenbau ist nicht besonders schön.
Trotzdem gefällt es mir... irgendwie.
Womöglich, weil es Teil unserer Geschichte ist, die heute enden wird. Das wird mir plötzlich bewusst und es macht mich traurig.
Weinen kann ich deshalb jetzt trotzdem nicht, vielleicht später, vielleicht dann, wenn...

„Lass uns weitergehen, zu einem Felsen“, rufst du mir zu und ich laufe dir hinterher, versuche dich wieder einzuholen. Du bist bereits einige Meter vorausgegangen und wartest nun auf der Anhöhe auf mich. Du. Ich versuche, dieses Bild in meinem Gedächtnis zu speichern, für immer in meine Netzhaut einzubrennen. Du, lächelnd, mit der Rasierklinge um den Hals, mit dem weißen Hemd und meiner Kappe.

„Lauri?“, rufe ich, als ich vor dir stehe, ein wenig außer Atem, wenn es auch keine allzu lange Strecke war.
„Hm?“
„Ich werde dich niemals vergessen.“
Wenn ich mich nicht irre, bist du jetzt ein wenig verlegen, denn du stotterst irgendetwas Unverständliches, um dann wieder weiterzugehen.
Ich liebe dich, denke ich. Ich werde es dir erzählen.

Minuten später haben wir unser Ziel erreicht. Es ist nicht allzu weit vom Nosturi entfernt, nicht zu verfehlen, um genau zu sein. Zuerst ein Parkplatz und Schotterweg, dann ein Fußweg, der an der Küste entlang führt, Felsen rechts und links. Ein Ort für romantische Sommerabende. Doch haben wir jetzt keinen Sommer und hier sind kaum Menschen, es ist zu kühl und noch zu früh.
„Wohin?“, frage ich, doch diese Frage erübrigt sich, als du die Felsen hinaufkletterst und dich dort hinsetzt. Von dort hast du einen guten Blick aufs Meer und auf den kleinen, privaten Hafen auf der linken Seite.
Ich bin nie Boot gefahren, obwohl ich mir manchmal wünschte, so eine kleine Jolle zu besitzen, um ein wenig zu segeln. Ein unerfüllter Traum. Aber vielleicht kann ich ihn mir noch erfüllen, irgendwann, doch du...

„Es ist schön hier“, meinst du auf einmal und ich sehe dich an. Sitzt dort, blickst zum Wasser hinüber und als ich aus einem unbekannten Verlangen heraus die Hand nach dir ausstrecke und deine Hand berühre, zuckst du leicht zusammen.
Sie ist kalt, eiskalt, und doch glaube ich, dass sie lebendig ist. Irgendwie, irgendwo.
„Du lebst“, sage ich dann, wenn ich es auch im nächsten Moment bereue. Du lebst natürlich nicht wirklich, das sagt mir der Verstand. Doch alles, was nicht zum Verstand gehört, sagt mir, dass du noch lebst... und wenn du nur eine Erinnerung bist, die ihren toten Körper bewegt. Ein Teil ist lebendig.

Du bleibst stumm, aber ich sehe das Lächeln, das dein Gesicht für sich einnimmt, spüre, dass du in irgendeiner Form glücklich bist.
Vor uns geht die Sonne langsam unter, die Zeit ist schnell vergangen, unsere Zeit.
„Es ist Zeit.“
„Wofür?“, wage ich mich zu erkundigen, doch meine Stimme zittert leicht.
„Mir den Wunsch zu erfüllen“, fährst du fort und drehst dich zu mir um, blickst mich intensiv mit deinen grünen Augen an. Du siehst direkt in mich hinein, denke ich, spreche es jedoch nicht laut aus.
„Und...?“
Mit einem Mal wendest du dich wieder dem Wasser zu.
„Als ich wusste, dass ich sterben würde, wusste ich, dass ich mir diesen Wunsch nicht mehr erfüllen würde. Vielleicht, weil ich Angst hatte, im Tod unglücklich zu sein. Aber weißt du...“, du wirfst mir einen Seitenblick zu, „ich war dann ungewiss, auch keine sehr glückliche Variante, das Leben zu beenden. Und jetzt sitze ich hier und weiß bald, ob ich glücklich oder unglücklich sterben muss. Womöglich ist es purer Egoismus, aber weißt du, Aki... ich glaube, manchmal muss es so sein.“
Manchmal muss man egoistisch sein, denke ich. Wenn es nicht so wäre, würde ich dann noch leben?

„Deshalb...“, wieder einmal brichst du ab, kaust dir auf der Unterlippe herum, bevor du dann doch fortfährst, „möchte ich sagen, dass ich... dich liebe.“
Du verstummst endgültig und eine einzelne Träne löst sich aus deinem rechten Augenwinkel, perlt langsam deine Wange herab, bis sie stoppt, zu schwach geworden ist, ihren Weg noch fortzusetzen. Lebendigkeit, ist es das? Das frage ich mich, rufe mir nebenbei deine Worte von eben wieder in Erinnerung. Du liebst mich.
Warum?
„Warum?“
„Ich weiß nicht“, antwortest du zögerlich, blickst mich an, mir jedoch nicht in die Augen, „manches ist einfach so. Es ist einfach so, dass ich jetzt hier sitze und noch leben, es ist einfach so, dass ich dich liebe. Brauchst du wirklich einen Grund?“
„Nein, ich glaube nicht, nur das Wissen, dass etwas ist.“
Du nickst und lächelst, als ich dir sage, dass es mir auch nicht anders geht.
„Ich liebe dich.“
„Wie lange noch?“
„Das weiß ich nicht, aber vielleicht kann Liebe auch einfach stehen bleiben wie die eingefrorene Zeit, wie deine Zeit.“
Du scheinst zu überlegen, nickst dann aber doch und lehnst dich leicht an mich. Ich erwidere die stumme Aufforderung und lege meinen Arm um dich, zucke dieses eine Mal nicht vor der Kälte zurück, die dein Körper ausstrahlt.
Du bist nicht kalt.

„Dann...“, ich stocke, könnte mich ohrfeigen für das, was ich gerade sagen wollte.
„Ja, es ist Zeit“, sagst du nur, hast meine Gedanken verstanden, sie ausgesprochen.
Dein Gesicht kommt meinem noch näher und wenig später berühren kalte Lippen die meinen.
Es ist ein zaghafter Kuss, dennoch auf eine Weise intensiv und fesselnd. Ich verspreche mir, ihn in Erinnerung zu behalten, deinen Geschmack auf meinen Lippen, das Gefühl, das mich in diesem Augenblick ergriffen hat.
Als du dich von mir löst, weiß ich, dass es vorbei ist.

„Ich weiß kein Wort, um mich von dir zu verabschieden, aber... ich wünschte, ich könnte „auf Wiedersehen“ sagen.“
„Ich vergesse nicht.“
„Wir vergessen nie, wir können uns nur nicht mehr daran erinnern.“
„Ich werde mich erinnern...“
Ich könnte schwören, du hast gelächelt, als dir soeben deine Augen zufielen und du zusammengesunken bist, deinen Kopf auf meinem Schoß gebettet.
Sanft streiche ich mit meiner Hand über dein Gesicht und ich weiß, dass du nicht länger hier bist, nur noch dein toter Körper, den ich gerade berühre.
Es ist vorbei, denke ich.

Als ich wenig später dem Feuer zusehe, bin ich mir sicher, dass es nicht von ungefähr kam, dass du mich mit einer bestimmten Absicht an diesen Ort geführt hast.
Ich glaube, du wolltest mir bewusst machen, dass dein Leben ein Ende hat, hier ein Ende hat, dass du hier bleiben möchtest.
Glück habe ich diesen Abend, diese Nacht, denn niemand kommt vorbei und fragt mich, was ich tue. Und als ich später die Asche zusammentue, bricht bereits der Morgen an.
„Schlaf gut“, sage ich, als ich sie in den Wind streue und meines Weges gehe...
 
 
Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
> Nutzungsbedingungen <   > Datenschutz <   > Impressum <          v3.3-6311