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von SaKa    erstellt: 03.09.2006    letztes Update: 09.08.2008    Geschichte, Romanze / P18 Slash    (fertiggestellt)
Der Regen fiel unaufhörlich gen Boden. Auf dem Steinboden unter meinem Fenster entstanden Pfützen, die Regentopfen prasselten gegen meine Fensterscheibe. Mein Blick fiel auf die Pfützen immer mehr Tropfen fielen hinein und zogen ihre Kreise. Lebenskreise... Meine Hände umklammerten meine Knie, immer noch rannten Tränen aus meinen Augen.

Ich kam mir vor wie ein Uhrzeiger, der plötzlich und unerwartet gegen den Uhrzeigersinn gedreht wurde und alles hatte sich verändert. Der einzige Unterschied bestand darin, dass man meine Uhr nicht einfach zurückdrehen konnte, denn mein Takt war dauerhaft gestört. Wie sollte ich das jemals wieder vergessen? Konnte man so etwas vergessen?

Irgendwann hörte es auf zu regnen und irgendwie fand ich in dieser Nacht wohl noch ins Bett, wie und wann weiß ich nicht mehr genau, zu schwach war ich. Vielleicht verlor ich irgendwann die Kraft zu weinen.

...

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, lag ich auf meiner Bettdecke, hatte mich nicht mal zugedeckt. Den Rollladen hatte ich auch nicht geschlossen, so schien die Wintersonne in mein Zimmer. Für ein paar Sekunden huschte ein Lächeln über meine Lippen, ein wunderschöner Samstagmorgen. Doch schneller, als sich das Gefühl der Freude ausbreiten konnte, kehrten die Erinnerungen zurück.

Eine unvorstellbar große Kraftlosigkeit ergriff Besitz von mir, mir war kalt. Immer wenn ich Angst hatte und ich hatte in diesem Moment wahnsinnige Angst, war mir kalt. Wie sollte ich mich meinen Eltern gegenüber verhalten? Ich zog die Decke unter mir hervor und vergrub mich in ihr. Wollte endlich, dass mich jemand festhielt, mich in den Arm nahm und sagte, dass er mich lieb hat.

Eine kindische Vorstellung, aber es gab nichts, was ich mir in diesem Moment mehr wünschte, als dieses Gefühl von Geborgenheit. Denn all die Geborgenheit, die ich sechzehn Jahre lang mein Eigen nannte, war weg... War mir genommen worden, gestohlen, geraubt...

Mein Gesicht hatte ich irgendwo im Kissen vergraben, ich wünschte mir einfach nur, dass das alles endet, dass ich aufwache und meinem Mum mich wieder lieb hat, dass meine kleine heile Welt wieder intakt war, dass alles wieder so war, wie es gestern noch gewesen ist. Alles war aus dem Gleichgewicht gekommen, ins Schwanken geraten.

Plötzlich wuchs in mir der Wunsch, einfach nichts zu fühlen, es sollte aufhören, dieses Gefühl ungeliebt zu sein, das ich zum ersten Mal in meinem Leben fühlte, aber es war schlimmer, als alles was ich zuvor empfand. Doch das quälende war die Ohnmacht, ich konnte nichts tun, niemanden dazu zwingen mich zu lieben. Liebe war ein Geschenk, dass man nicht einfordern konnte, das einem zuteil wurde..., oder nicht.

Ich sehnte mich danach so sehr, dass es wehtat. Eltern, das waren für mich immer, die beiden Menschen, deren Liebe ich mir sicher war, auf die ich baute. Mein Leben, ein Haus, dem das Fundament entrissen wurde. Aber ich hatte nicht den Mut Georg oder Gustav anzurufen, denn vielleicht gab es noch etwas, das schlimmer war, als ungeliebt zu sein, vor anderen zuzugeben es zu sein.

Plötzlich wurde meine Tür aufgerissen und meine Mutter stand im Raum. „Guten Morgen, Bill!“, die gute Laune, die sie ausstrahlte tat weh, verdammt weh. „Na, gut geschlafen?“, es war unerträglich. „Ja.“, mehr unterbewusst antwortete ich, Routine. „Na ja, ist ja auch schon 13 Uhr. Bill, wir essen in einer halben Stunde und dein Vater und ich möchten noch etwas Wichtiges mit dir besprechen, also kannst du langsam mal aufstehen.“

Schon hatte sie die Tür wieder hinter sich geschlossen. Etwas Wichtiges? Vielleicht, dass sie mich umbringen wollten, dass sie mich abschieben wollen, weil sie sich jetzt doch überlegt haben, dass sie mich nicht haben wollen und mich ins Heim bringen? Dass sie mich nicht lieben und es auch noch nie getan haben? Bei diesen Gedanken stieg eine unbändige Wut in mir auf, die gleich wieder durch die Verzweiflung „besänftigt“ wurde.

Immer noch völlig ratlos, wie ich mich gegenüber meiner Eltern verhalten sollte, ging ich ins Bad und versuchte mit einer kalten Dusche all meine Gedanken und Ängste wegzuspülen, es misslang. Ich stieg aus der Duschkabine und stellte mich, nur mit einem Handtuch um die Hüften, vor den Spiegel. Was sah ich?

Einen Jungen, sechzehn Jahre, schwarze Haare, müde braune Augen, ein Mund, dessen Lächeln erloschen war, Rippen, die man wohl ohne Problem hätte zählen können, lange schlanke Beine. War das, was ich sah, so schlimm, dass man mich nicht lieben konnte? Warum war ich es nicht auch wert geliebt zu werden? War ich zu dünn? Vielleicht weil meine Augen so traurig waren? Aber waren sie das nicht erst geworden?

Um nicht geliebt zu werden, musste man sich wohl nicht schminken, dieses schreckliche Gefühl bekam man wohl auch so „geschenkt“. Ich putze schnell meine Zähne und verließ dann das Bad, hatte keine Lust keine Motivation irgendetwas an meinem Aussehen zu ändern? Ich sah müde, traurig, abgekämpft aus, na und? Das war ich auch! Das fühlte ich auch!

Ich zog eine schwarze Jogginghose und ein schwarzes T-Shirt an und ging dann die Treppe hinunter. Ich hörte meinen Eltern unten lachen. Ja, sollten sie nur lachen. Aber nein, meine Schwäche würde ich ihnen nicht zeigen, denn dann würde es noch weher tun ungeliebt zu sein, noch mehr verletzten. Ich würde endgültig zu Boden gehen.

Doch noch wusste ich nicht, was meine Eltern mir mitteilen wollten. Ich ging die wenigen Schritte in die Küche und setzte mich an den Esstisch, wo meine Eltern bereits saßen und mit dem Essen auf mich warteten. Meine Mum legte mir ein Schnitzel auf den Teller und hielt mir Schüssel mit den Pommes hin. Ohne ein Wort zu sagen, nahm ich ein paar. Mein Blick war stur auf meinen Teller gerichtet, sie sollten nicht sehen, wie sehr sie mich verletzten, sie wussten ja nicht, dass ich es mitbekommen hatte: den geplanten Mord an mir!

„Bill, ich weiß gar nicht wie ich anfangen soll. Wir haben es uns ja schon lange gewünscht. Deine Mum und ich, also wir...ach es ist zu schön um wahr zu sein... man kann es gar nicht in Worte fassen.“, ich war darauf konzentriert die Freude meiner Eltern zu ignorieren und begann damit mein Essen in mich hinein zu stopfen. „Bill, du sollst das Schnitzel essen und nicht verschlingen.“, würdigte meine Mutter keines Blickes.

„Was dein Vater sagen will ist, dass wir...also besser gesagt: ich... schwanger bin.“, 100 Punkte, voll auf die Zwölf, Knockout. NEIN!!! Jede Faser meines Körpers schrie danach zu weinen, zu schreien, zu treten, zu schlagen, aber was tat ich? Ich hob meinen Kopf sah meine Eltern völlig geschockt an und zeigte mein Schwäche!

„Das ist doch toll, Bill! Dann bekommst du noch ein Geschwisterchen und wir sind eine richtig glückliche Familie, jetzt schau doch nicht so!“, die Worte meines Vaters verhallten irgendwo im Leeren. Jetzt, also freuten sie sich, ein Wunschkind! Und ich war unerwünscht, sie wollten Ersatz, vielleicht war es ihnen vor sechzehn Jahren nicht gelungen ein liebenswertes Kind zu zeugen und dann wollten sie es noch mal versuchen.

Meine Beine trugen mich, wie ferngesteuert, die Treppe hoch in mein Zimmer. Ich ließ mich auf mein Bett fallen und weinte. Wie so war ich nicht gut genug? Wieso? Warum konnten sie nicht mich lieben? Warum brauchten sie ein neues Baby, das sie lieben konnten? Wut, Trauer, Hass, Angst, Verzweiflung... alles das brach über mich ein, wie ein Flutwelle!

Ich schlug in mein Kissen. Ich hasste das ungeborene Baby, es würde mir alles wegnehmen, die Liebe meiner Eltern, die ich mir vielleicht noch hätte erkämpfen können, nein jetzt hatten sie es, ein Baby, das sie liebten und das sie nicht umbringen wollten. Ich hasste mich selbst dafür, ein ungeborenes, unschuldiges Kind zu hassen, aber ich konnte nicht anders... Das Gefühl war da und es tat weh!

Ich hörte wie die Tür meines Zimmers ging. Meine Mutter kam rein. Ich spürte, wie sie sich aufs Bett setze und mir über den Rücken strich. Ich entzog mich der Zärtlichkeit, die für mich die pure Heuchelei war. „Engelchen, warum weinst du denn?“, fragte sie leise.

„Wag’ es nie wieder mich „Engelchen“ zu nennen, nie wieder!“, brach es aus mir heraus. „Bill, auch wenn ich schwanger bin, ein Kind bekomme, dann ändert das doch zwischen uns nichts, du bist doch das Wichtigste in meinem Leben und wenn das Baby da ist, es sind ja noch fünf Monate, dann ändert sich doch nichts daran, natürlich liebe ich es auch, aber das hat doch nichts mit dir zutun!“

„Lüg nur weiter, nur zu. Ich kann damit leben, du belügst mich mein ganzes Leben. Ich bin euch doch nicht gut genug.“, schrie ich sie an. „Was redest du für einen Unsinn? Ich liebe dich seit dem Tag, an dem ich weiß, dass es dich gibt! Und daran wird sich auch nichts ändern.“, Lüge! Sie wollte mich töten, loswerden, Mord!

„Du lügst!“, ich wusste nicht, ob sie es gehört hatte, weil mein Schluchzen es fast übertönt hatte. „Nein Bill, ich lüge nicht und daran wird kein Kind dieser Welt etwas ändern.“, wie konnte sie mich nur so anlügen? Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, wurde ich in eine Umarmung gezogen und spürte ihre Nähe, die mich fast erdrückte. Sie hielt mich fest und ich konnte es spüren, dort wo sonst ihr flacher Bauch war, wölbte sich etwas.

Ich sah nach unten, da war es, der Grund weshalb meine Eltern mich nie lieben würden. Sechzehn Jahre lang, hatte ich mit der Lüge leben müssen, dass sie mich liebten und jetzt, jetzt wurde all diese Liebe diesem Etwas zuteil. Meine Mum bemerkt meinen Blick und nahm meine Hand, ich war gelähmt vor Schreck.

Sie zog mit ihrer anderen Hand ihr Shirt hoch und legte meine Hand auf ihren Bauch. Ihre Lippen, die meinen doch so ähnlich waren, verformten sich zu einem Lächeln. Ich konnte es nicht ertragen, meine Hand dort, wo es war, der Mensch, der mir all das nahm, was ich sechzehn Jahre fälschlicherweise für mein Eigen hielt.

Ich zog meine Hand weg, denn mit jeder Sekunde, die meine Hand dort verharrte, wurde es stärker, das Gefühl des Hasses. Ich fühlte mich wahnsinnig schlecht, wie konnte ich nur ein Kind hassen, dass vollkommen unschuldig war? Was wollte ich, dass meine Eltern es töteten, so wie sie mich töten wollten? Wollte ich das?

Ich wusste es nicht, aber bevor ich mich bei dem Gedanken ertappen konnte, dass ich es nicht weiter schlimm gefunden hätte, zog ich meine Hand weg. Leider lockerte meinen Mum ihre Umarmung nicht und flüsterte mir die schrecklichsten Worte meines Lebens ins Ohr, die für mich der pure Verrat waren und mir so unglaublich wehtaten, dass ich meine Mutter einfach unsanft wegstieß. „Jetzt werden wir zu viert eine glückliche Familie.“

Nein, das würden wir nicht werden, vielleicht würden meine Mutter, mein Vater und ihr Wunschkind eine glückliche Familie werden, aber ich, nein ich gehörte nicht dazu, fühlte mich ausgeschlossen, schutzlos, nutzlos, verloren... Allein.

Meine Mutter konnte sich gerade noch auf der Bettkante abstützen, sonst wäre sie wohl auf den Boden gefallen. „Bill, sei doch vorsichtiger! Willst du, dass dem Baby was passiert?“, ihre Augen waren voller Sorge, aber nicht um mich, nein, um ihr Wunschkind. Und ja ich wünschte mir, dass es nicht existierte. Vielleicht hätte ich ja noch eine Chance gehabt zu beweisen, dass man mich auch lieben konnte.

Aber diese Liebe, all das was ich mir so sehr wünscht, das bekam ES...nicht ich. Und es musste nicht dafür kämpfen, genauso wenig wie Gustav, Georg oder irgendjemand dafür kämpfen mussten, nur ich, ich musste diesen aussichtlosen Kampf bestreiten. Und ich hatte schon verloren, war zu Boden gegangen und der strahlende Sieger schlummerte im Bauch meiner Mutter!

Ich konnte es sehen, wie sie alle da stehen würden, um das kleine Kind und ich, ich würde daneben stehen, sie würden mich vergessen... alle würden ES mögen, nur ich nicht, ich würde es hassen. Ich hasse es hier zu sein, ich hasse es eifersüchtig auf ein ungeborenes Kind zu sein, ich hasse es ungeliebt zu sein, ich hasse es wütend und traurig zu gleich zu sein, ich hasse es ohnmächtig zu sein, von den eigenen Gefühlen und Ängsten niedergeschlagen!

Meine Mutter stand auf, legte ihre Hand auf ihren Bauch und verließ mein Zimmer! Sie hielt es fest, das Baby. Warum hielt mich niemand fest? Sie hatte mich umarmt, aber nur um für das Baby zu kämpfen. Warum bekam ich nicht ein Bruchteil der Liebe, die es kam, die es doch gar nicht verdient hatte?! Warum? Ich sank kraftlos aufs Bett.

Ich war so allein, doch auch wenn ich mich mitten in einer Menschenmenge befunden hätte, hätte ich mich allein gefühlt. Ich war so verlassen, „allein“ beschrieb mein Gefühl nicht, vielleicht kann man es so beschreiben: Ich hatte das Gefühl, der einzige Mensch auf der Welt zu sein, der ungeliebt war und das Schlimmste war die Ohnmacht! Alle Menschen lachten, ja sie sahen mich an und zeigten mit Fingern auf mich: „Du Bill, bist ungeliebt!“, schrieen sie. Ich presste meinen Hände auf meine Ohren, wollte es nicht hören, wusste es selbst.

Was konnte ich tun? Ich würde es nicht verkraften es mit ansehen, wie ES alles das bekam, was ich haben wollte, ich wollte es nicht sehen. Diese brauen Kulleraugen, die es wahrscheinlich hatte, wie Mum und ich, ja aber seine, die waren geliebt, meinen waren nicht erwünscht, sollten getötet werden. Meine Mutter war im vierten Monat schwanger, abtreiben konnte man nur bis zum Ende der zwölften Woche, ich sollte, als ich so alt war wie das Baby damals, schon tot sein!

Was hatte es, was ich nicht hatte? Was hatte ich falsch gemacht? Ich hätte es vorher nie für möglich gehalten, dass man körperlichen Schmerzen empfinden konnte, wenn man Angst hatte, aber jetzt tat ich es, es tat weh und ich wollte nur noch, dass es aufhört, dass ich aufwachte und meine Mum wieder den kleinen Jungen im Arm hat und ihn „Engelchen“ nannte.

Aber ich sollte nicht aufwachen. Noch sollte viel tiefer in den Wirren meines Albtraums gefangen genommen werden, noch viel, unendlich viele Wendungen sollte mein Leben nehmen und die nächste stand kurz bevor, denn noch an diesem Abend traf ich eine Entscheidung, die folgenschwerer kaum hätte sein können...
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