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von SaKa    erstellt: 03.09.2006    letztes Update: 09.08.2008    Geschichte, Romanze / P18 Slash    (fertiggestellt)
*~*Geflohen - Bis ans Ende der Welt gerannt...*~*




Eine Geschichte, die emotionaler kaum sein könnte, die mehr, als nur ein Jahr meines Lebens ist, nein sie ist mein Leben! Ich kann und will nicht viel vorwegnehmen, ich kann nur sagen, dass man vielleicht erst durch den Zusammenbruch eines gewohnten Lebens, lernt was es heißt zu leben. „Geflohen...“ habe ich meine Geschichte genannt, ob es eine Flucht war weiß ich nicht... noch nicht. Doch eines habe ich gelernt: Lieben kann man erst, wenn man erkennt, dass wahre Liebe die Fähigkeit ist, geliebt zu werden.

Ein kleines Vorwort, jedoch will ich mir noch erlauben, um die Situation zu klären:

Die Geschichte begann, als ich, Bill Kaulitz, sechzehn Jahre alt war. Ich besuchte die zehnte Klasse eines Gymnasiums und machte Musik, leider hatte ich keine wirkliche Band. Ab und zu jedoch spielte ich mit meinem besten Freund Gustav zusammen.

Meine Leben war normal. Na ja, mein Auftreten und mein Äußeres waren nicht wirklich normal, aber das hatte mich ja auch noch nie gestört, ich wollte eben nie gänzlich in der Öde der Normalität ertrinken. Doch diese Normalität, die ich damals manchmal als störend empfand, sollte ein schnelles Ende finden...

~~

Ich stand im Bad, ein gewöhnlicher Abend, ich bestrich meine Zahnbürste mit Zahnpasta und begann meine Zähne zu putzen. Mein Blick fiel in den Spiegel, ich war wirklich glücklich, hatte das unbeschwerte Leben eines Sechzehnjährigen: Freunde, machte Musik, gute Note, hatte eine nette Familie. Ja, mein Leben war mehr als nur in Ordnung. Bis…

Ich stellte die Zahnbürste zurück auf ihren Platz neben dem Waschbecken. Auf dem Weg in mein Zimmer, hörte ich meine Eltern unten diskutieren. „Michelle will das Baby wirklich abtreiben.“, hörte ich die Stimmen meines Vaters, Michelle war meine Cousine, die mit 17 ungewollt schwanger geworden war. „Ich finde das unmöglich, wie kann sie einfach so ein hilfloses Kind töten.“, meine Mum hatte Recht, Abtreibung war, meiner Meinung nach, das Letzte.

„Simone, du wolltest Bill damals auch abtreiben…!“, der Satz traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hatte das Gefühl K.O. gegangen zu sein, erschlagen von den Worten meines Vaters. Sie wollten mich töten, haben mich nicht geliebt, wollten mich nicht. „SIMONE, DU WOLLTEST BILL DAMALS AUCH ABTREIBEN…!“, hämmerte es in meinem Kopf. Sieben Worte, die mein Leben verändern sollten…

Ich stand, wie gelähmt, auf der Treppe, völlig bewegungsunfähig. Ich war sechzehn Jahre auf dieser Welt, sechzehn Jahre, in denen ich mir sicher war geliebt zu werden, sechzehn Jahre in denen ich mich dieser Illusion hingegeben hatte. Immer und immer wieder war es da dieses Wort...Abtreibung...

Worte für dieses Gefühl, das in diesem Moment meinen Körper übermannte, zu finden, war schwer, nein nahe zu unmöglich. Vielleicht lag es irgendwo zwischen Wut, Hass, Angst und Trauer. Nein, auch das traf es nicht, es war anders, anders als ich mich je gefühlt hatte. Irgendwie schien in mir etwas zu zerbrechen. Langsam, nicht wie ein Glasscheibe, die plötzlich zersprang, nein vielleicht eher wie ein Vulkan, dessen Ausbruch langsam, ganz langsam begann.

Ich begann zu zittern, so fürchterlich zu zittern, dass meine Hand nach dem Treppengeländer griff, um mich festzuhalten. Ich zitterte vor Kälte, aber auch vor Hitze, ja eine wahnsinnige Wärmewelle breitete sich in meinem Inneren aus. Wut, die blanke Wut... Aber bevor diese die völlige Kontrolle übernahm, war da noch etwas anders, Kälte.

Kälte, als hätte man all die Wärme und Liebe, die meine Eltern (sollte ich sie noch so nennen?!) mir je geschenkt hatten, plötzlich zu starrer Kälte geworden, zu Eis. Plötzlich hatte ich das Gefühl innerlich zerrissen zu werden. Die Kälte und die Hitze...ein Kampf, den niemand zu gewinnen schien. Irgendwie mit letzter Kraft schaffte ich es in mein Zimmer.

Als ich die Tür hinter mir schloss, sank ich kraftlos zu Boden. Meine Hände vergruben sich irgendwo in meinen langen schwarzen Haaren, bohrten sich förmlich in meine Kopfhaut, aber diesen Schmerz spürte ich nicht mehr, denn zu groß waren die Schmerzen, die dieser innerliche Kampf auslöste. Das Zittern ließ nicht nach, nein es wurde schlimmer.

Warum? Immer und immer wieder, warum hatten sie mich nicht geliebt? War ich es nicht wert geliebt zu werden? Hatten sie mich je geliebt? War ich nur ein Produkt unglücklicher Umstände? Ein Unfall? Warum hatten sie mich nicht einfach getötet? Dann hätte ich nicht mal die Chance gehabt zu beweisen, dass ich es wert war geliebt zu werden.

Musste ein Kind beweisen, dass man es lieben konnte? Gab es da so etwas, wie eine Beweispflicht? Hatte nicht jedes Kind die Liebe seiner Eltern verdient? Sechzehn Jahre voller Liebe, die so plötzlich in einer unendlich großen Enttäuschung endeten. Meine Hände umklammerten nun meine Oberarme, die immer noch zitterten und versuchten sie ruhig zu halten.

Doch es misslang. Meine Gedanken schienen sich nicht zu beruhigen, überschlugen sich. Hass, löste Trauer ab und Wut die Enttäuschung. Warum?... Das blieb, weshalb wollten sie mich nicht, meine Mum war jung, aber sie war keine siebzehn mehr gewesen, als ich zur Welt kam, sondern neunzehn.

Sie hatten mich nicht geliebt...nie...meine Eltern. Hass... ich schlug auf den Fußboden, weinte, schluchzte. Wälzte mich auf dem Boden, fühlte mich gefangen, in meinen Gedanken, im eigenen Körper. Wollte raus, aus meinem Körper, aus meinem Zimmer, im Haus meiner Eltern. Ich hatte mein Leben ganz langsam aufgebaut, ein Dominostein nach dem andern und jetzt, jetzt war alles zerstört.

Man hatte alle meine Dominosteine zum Fallen gebracht. Nein, es hatte ein Erdbeben gegeben und alles was mal war, schien plötzlich unwichtig, banal, alles auf einer Lüge aufgebaut. „Lebenslüge“, ja für mich hatte dieses Wort wohl eine komplett neue Bedeutung, denn mein gesamtes Leben war auf der Lüge der Liebe meiner Eltern aufgebaut.

Meine Hand schlug immer wieder auf den kalten Fußboden, doch der Schmerz blieb aus. Ich erinnerte mich an eine Situation, vor zehn Jahren, damals war meine Oma gestorben, meine über alles geliebte Oma. Ich konnte es nicht verstehen, habe  geweint und meinen Mum gefragt, wie das sein könne, dass Omi jetzt nicht mehr da sei. Noch heute hallten ihre Worte in meinen Ohren:

***

„Ach Bill! Weißt du das Leben ist wie ein Kreis und immer wenn ein neuer Lebensabschnitt anfängt, dann schließt sich ein Kreis und ein neuer größerer legte sich um ihn. Weißt du bei Oma hat sich ein Kreis geschlossen und es ist kein neuer entstanden. Irgendwann hat man genug Kreise, dann ist das Kreisbild abgeschlossen und man schläft ein, wenn sich der letzte Kreis schließt.“

Eine schöne Erklärung, die Mut machte, Kreise hatten etwas unendliches und dann war sie mit mir zu unserem Gartenteich gegangen, hatte sich, mit mir auf dem Schoß, auf die kleine Bank am Ufer gesetzt, einen Kieselstein genommen und ihn ins Wasser geworfen. „Siehst du Bill, die Kreise, die du jetzt im Wasser siehst, so kannst du dir das vorstellen.“

Ich lächelte meine Mutter an und sie strich mir meinen Tränchen weg. „Und Mami, wann sind meinen Kreise fertig?“, sie lächelte und strich mir meine, damals noch dunkelblonden, Haare aus der Stirn. „Bill, deine Kreise sind noch ganz, ganz lange nicht zu Ende.“, sie drückte mir einen Kuss auf die Stirn und strich über meinen schlanken Unterarm. „Mami, ich habe aber Angst, dass meine Kreise bald voll sind!“

„Ach Engelchen, die sind noch lange nicht voll.“, sie drückte mich fest an sich und flüsterte mir dann ins Ohr: „Papi und ich haben dich ganz doll lieb und da kann dir nichts passieren, Schatz!“, ich war erleichtert und legte meinen Kopf gegen die Schulter meinen Mutter und ließ mir von ihr den Rücken streicheln. Doch plötzlich schoss mir eine Frage in den Kopf.

„Ist die Omi jetzt nicht traurig, dass sie mich nicht mehr sieht?“, ich hob meinen Kopf und sah in die braunen Augen meiner jungen Mutter. „Doch, natürlich ist deine Omi traurig, aber sie ist jetzt im Himmel und von dort passt sie auf dich auf. Aber wenn sie ganz doll traurig ist, dann weint sie, so wie du jetzt, Schatz. Und weißt du was, Engelchen?“, wieder einmal fuhr sie mit ihrer weichen Hand über meinen Wange.

„Du kannst sehen, dass sie weint!“, sie flüsterte. „Toll! Kommt Omi wieder zurück, wenn sie weint, dann will ich, dass sie ganz viel weint!“, ein müdes Lächeln umspielte die Lippen meiner Mutter. „Nein, aber wenn es regnet, dann weint Omi, weil sie dich nicht sehen kann.“, in diesem Moment schien diese Vorstellung so tröstlich, so waren wenigstens ihre Tränen noch bei uns.

***

Doch an diesem Tag schien das alles nur Hohn. Ja, die Kreise, die das Leben symbolisierten, dort wo Tags zuvor noch die ersten Kreise meines, noch jungen, Lebens waren, war seit diesem Tag ein großes schwarzes Loch. Nichts. Die Säule, auf der ich mein Leben aufgebaut hatte, war eingerissen worden. Eingestürzt zu Boden gefallen, unwiederbringlich in tausende Teile zersprungen.

Als könne man die Scherben sehen und sich an ihnen schneiden, stand ich mit letzter Kraft vom Boden auf und ging auf Zehnspitzen, um nicht auf die „Scherben“ meines Lebens zutreten, Richtung Fenster, mein Lieblingsplatz. Ich setzte mich auf die Fensterbank, lehnte meinen Rücken an den Fensterahmen und sah raus...in die Nacht.

Schwarz...genau wie mein Leben. Es gab kein Vor und kein Zurück. Die kalte Novemberluft hatte die Fensterscheibe, gegen die ich meinen Kopf gelehnt hatte, gekühlt. Die Straße vor unserem Haus in Loitsche war leergefegt, keine Menschenseele, immer noch rannten stummen Tränen meine blassen Wagen hinab.

Und zum ersten Mal seit langem wünschte ich mir sie zurück, meine Omi. Meine über alles geliebte Omi. Bei der ich immer Waffeln gegessen hatte, mit der ich auf dem Spielplatz war, die mir ein Pflaster aufs Knie geklebt hatte, wenn ich übermütig die Straße überquert hatte, gestolpert war und mir mein Knie aufgeschlagen hatte. Die mir ein Eis kaufte, als meinen Kindergärtnerin mich gelobt hatte.

Ich sehnte mich nach einer Mutter, die mich liebte und deren Liebe ich mir sicher war. Wer diese Situation noch nicht erlebt hat, kann es wohl kaum nach fühlen, aber für mich war es wie ein Schlag ins Gesicht, ein harter Schlag, der mich zu Boden stürzen ließ, mich hart aufschlagen ließ. Ohnmächtig lag ich am Boden, getroffen vom harten Schlag der Lüge.

Meine Tränen liefen die Fensterscheibe hinab und bahnten sich ihren Weg nach unten. Einen Weg, den ich erst noch gehen sollte, den dies war der Anfang, der Auslöser. Ein kleiner Stein der ins Rollen kam und eine Lawine, von nie geahntem Ausmaß, ins Rollen brachte. Ein erster Schlag, dem noch so viele folgen sollten. Vielleicht war ich zu Boden gegangen, aber noch konnte ich wieder aufstehen, hatte vielleicht einige innere Verletzungen erlitten, war aber äußerlich unversehrt.

Ich hörte die Stimmen meiner Eltern, die sich unten stritten. Aber ich nahm sie nicht wahr, ich war noch damit beschäftigt meine ersten Wunden zu versorgen. Das war auch nötig, denn was ich nicht wusste war, dass schon am nächsten Tag ein zweiter Faustschlag meine zarten Wangen erschüttern sollte.

Mein Blick schweifte zu einer Straßenlaterne und plötzlich begann es zu regnen, zunächst schwach und dann immer stärker...meine Omi weinte!

~~
 
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