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von Mette
erstellt: 19.08.2006
letztes Update: 31.08.2006
Geschichte, Romanze / P18
(fertiggestellt, keine anonymen Reviews)
London im Vormittagsverkehr war ähnlich ungenießbar wie London im Abendverkehr. Der Taxifahrer bemühte sich zwar, unterwegs nicht einzuschlafen, doch ihr kam es vor wie eine Ewigkeit, bis er sie schließlich darüber informierte, dass sie da seien. Sie drückte ihm Geld in die Hand und verließ dann den Wagen. Ihr Gepäck schleppte sie mühevoll über den Asphalt. Als sie sah, dass es noch eine halbe Stunde Zeit war, bis die Vermieterin einträfe, setzte sie sich kurzerhand auf ihren Koffer und wartete. Es blieb ihr schwerlich etwas anderes übrig, immerhin würde es wahrscheinlich nichts bringen, wenn sie dort anrief und sagte, dass sie schon da war. Die Frau war wahrscheinlich ohnehin schon unterwegs. Das einzige, was sie machte war, daheim anzurufen, dass sie angekommen war.
„Tenzer?„ meldete ihre Mutter sich hektisch. Sie war wie immer in Eile, Julia konnte das an der Art, wie sie sprach, hören.
„Hallo, ich bins.„
„Julia! Wo bist du?„
„In London, wo sonst?„
"Und wo in London?"
"Vor meiner neuen Wohnung. Also, vor dem Haus in dem mein Zimmer liegt."
"Warum gehst du nicht rein?"
"Weil die Vermieterin noch nicht da ist. ich warte noch auf sie."
"Wann wollte sie denn kommen?"
"In einer guten halben Stunde, so lange kann ich warten, das ist kein Problem."
"Ist kein Cafe in der Nähe?"
"Ich hatte nicht vor mein Geld schon am ersten Tag für einen Cafebesuch aus dem Fenster zu werfen.„
„Sonst bist du doch auch nicht so knauserig. Was ist mit dir los?„
Julia seufzte. Sollte sie gleich mit der Tür ins Haus fallen, von der Beule erzählen und ihrer Mutter daraufhin Sorgen machen? Von daheim aus konnte sie sowieso nichts tun. Andererseits wäre sie sicher nicht erfreut im Nachhinein etwas davon zu hören.
„Ich...ich hab Kopfschmerzen.„
„Jetlag?„
„Mama, den kriegt man nicht wenn man nach London fliegt. Nein, ich hatte einen kleinen Unfall mit meinem Sitznachbarn. Wir sind mit den Köpfen aneinandergestoßen und haben uns Beulen eingefangen. Ich hab mir einen Eisbeutel geben lassen, aber es wird nicht besser.„
„Warum bist du nicht ins Krankenhaus?„
„Jetzt fängst du auch noch damit an. Der Typ wollte mich auch dort hin fahren.„
„Hättest du dich doch fahren lassen.„
„Mama, das war ein Wildfremder. Ich lasse mich doch nicht von einem wildfremden Kerl ins Krankenhaus fahren.„
„Wenn er Schuld war und es dir dann anbietet?„
„Er war ja nicht Schuld. Wir hatten beide Schuld. Ist aber auch egal, das ist vorbei, ich wollte dir nur Bescheid sagen. Ich bin angekommen. Nicht so gut zwar wie ich mir das gewünscht hatte, aber im großen und ganzen heile.„
„Was machst du jetzt? Hast du dir wenigstens den Namen geben lassen? Falls du längerwierige Beschwerden haben solltest.„
Den Namen...sie hatte ihn mehrfach beleidigt, aber seinen Namen wusste sie nicht. Auch egal.
„Nein, habe ich nicht. Erstens habe ich daran nicht gedacht und zweitens bin ich froh, wenn ich den nie wieder sehen muss. So, jetzt mach ich aber Schluss, sonst wird's zu teuer. Tschüß, Mama.„
„Julia....„
„Tschüß.„
Sie schaltete das Gespräch weg und warf ihr Handy zurück in die Tasche. Dann sah sie sich ein wenig in ihrem neuen engeren Viertel um, und was sie sah, gefiel ihr ganz gut. Es war eben typisch...was für ein Stadtteil war das? Sie dachte nach. Zuhause hatte sie es noch gewusst...jetzt war es ihr entfallen. Sie würde die Vermieterin fragen müssen.
„Julia Tenzer?„
Julia sah auf, als eine kleine, dünne, junge Frau auf sie zukam, eine Mappe in der Hand, eine Standtasche umhängend. Auf ihren schwarzen Haaren prangte ein Basecap, die Füße steckten in schreiend bunten Sandalen.
„Äh...ja, eigentlich schon.„
„Super, dachte ich es mir doch. Ich bin Susan, deine Gastschwester.„
„Susan...„ Julia stand auf.
„Ja, genau, Susan Salisbury, ich bin zufällig hier und ich dachte mir, du kommst mir bekannt vor. Da hab ich dich angesprochen. Warum wartest du hier draußen? Ist die Vermieterin noch nicht hier?„
„Nein.„
„Das haben wir gleich.„ Susan nahm ein Handy zu Hand, tippte eine Nummer ein und fing an so schnell auf Englisch zu sprechen, dass Julia Mühe hatte, ihr folgen zu können. Nun konnte sie sich einigermaßen vorstellen, welche Schwierigkeiten der Typ aus dem Flugzeug gehabt haben musste, denn dessen Muttersprache war auch kein Deutsch gewesen.
„Sie kommt, ist schon unterwegs. Ich kenne sie, musst du wissen, ihr Bruder ist mein Freund gewesen. Sie ist in einer Viertstunde hier. Lass uns doch so lange einen Kaffee trinken gehen. Dein Gepäck stellen wir in den Hausflur.„
„Aber ich hab doch gar keinen Schlüssel.„
„Kein Problem.„ Susan drückte willkürlich auf eines der Klingelschilder und wartete, dass jemand öffnete. Dann schob sie Julias Gepäck hinein und rief der Frau die geöffnet hatte eine Erklärung nach oben, bevor sie wieder auf die Straße trat.
„Das Cafe dort drüben ist einfach genial, du solltest es dir merken.„ Susan sprach ununterbrochen weiter. Julia begann der Kopf zu schwirren, als sie ihr über die Straße folgte. Sie war froh, als sie sich setzen konnte.
„Was willst du trinken?„
„Egal..Kaffee. Nein, lieber nicht.„ Sie erinnerte sich an die Schauergeschichten über Englischen Kaffee. „Lieber etwas kaltes.„ Da konnte man nicht viel falsch machen. Susan gab die Bestellung auf, dann lehnte sie sich zürück.
„Ich komme gerade vom Schwimmkursus, du musst meinen Aufzug also entschuldigen.„
"Schwimmkursus?"
"Ja, also ich gebe einen, ich nehme keinen. Ich kann schwimmen." Susan angelte sich eine Zigarette aus ihrer Packung, die sie gerade auf den Tisch gelegt hatte. Sie bot Julia auch eine an, doch die schüttelte nur den Kopf.
"Und für wen gibst du einen?"
"Das ist ein Mutter-Kind-Schwimmen. Ich habs also mit Babys zu tun. Und Müttern."
Julia griff nach dem Glas, das die Kellnerin gebracht hatte und trank einen großen Schluck. Das hatte sie jetzt gebraucht.
"Sag mal...hast du da eine Beule?" Suasn beugte sich vor und besah sich Julias Stirn.
"Ja, aber das ist nicht weiter tragisch. Ich hatte einen kleinen Zusammenstoß mit meinem Sitzreihennachbarn im Flugzeug. Wir haben uns gleichzeitig gebückt und sind dann mit den Köpfen zusammengestoßen."
Susan lachte. "Das ist ja wie im Film. Und wie heißt er?"
"Das hab ich nicht gefragt. Wir sind uns ziemlich auf die Nerven gegangen gegenseitig, da hab ich nicht auch noch nach dem Namen gefragt."
"Verständlich in dem Fall...So und jetzt erzähl, was machst du so? Oder willst du mit dem Erzählen lieber warten, bis du bei uns zum Essen bist? Dann brauchst du es nicht dreimal erzählen. Oder zweimal. Mein Bruder ist übrigens schon gespannt. Er hat noch nie eine Deutsche kennengelernt und freut sich richtig."
"So spannend bin ich auch wieder nicht. Wie alt ist er nochmal?"
Julia konnte darauf verzichten einen am Hals hängen zu haben nur weil sie Deutsche war.
"Oh, er ist erst 14, also mach dir keine Gedanken. Er ist kein potentieller Freund. Hast du eigentlich einen?"
"Zur Zeit nicht, nein. Mein letzter und ich haben uns vor einem Monat getrennt, als er nach Australien ist. Dort wird er zwei Jahre bleiben und dann zurückkehren. Dann werden wir sehen, ob wir noch eine Chance haben. Es wäre doch Quatsch gewesen, so lange so zu tun, als wären wir wirklich treu." Julia zuckte mit den Schultern. "Das klappt doch ohnehin nicht."
„Oh, das kann schon klappen, wenn man will. Aber die Frage ist doch wohl eher wie man sich dabei fühlt...da vorne kommt Miranda, wir sollten bezahlen. Betrachte dich im übrigen als von mir eingeladen, als kleiner Trost für die Beule. Das hätte zwar dieser Arsch aus dem Flugzeug machen sollen, aber der ist ja unbekannt und über alle Berge davon.„
„Du musst nicht...„
„Kleiner Willkommenstrunk...Miranda!„
Susans Organ hallte über die Straße und die Passanten drehten sich, teilweise erschrocken, teilweise neugierig, um. Julias Blick glitt auf die andere Straßenseite und sah eine nur minimalst ältere Frau vor dem Haus stehen in dem ihre Wohnung lag und warten.
„Miranda ist wirklich eine nette Person, die Wohnung hat sie bei ihrer Scheidung einkassiert und sie vermietet sie jetzt an Studenten oder dergleichen. Und jetzt halt an dich.„
„Scheidung? In dem Alter schon?„
„Soll vorkommen.„ Susan zuckte mit den Schultern, legte ein paar Geldstücke auf den Tisch und zog Julia mit sich durch den Verkehr.
Nachdem Julia mit Susans Hilfe alle Formalitäten geklärt hatte, die beim Einzug in eine Mietwohnung anstanden, und nachdem sie mit ihr besprochen hatte, dass diese sie am Abend abholen und mit zu ihrer Familie nehmen würde legte sie sich, als erste Amsthandlung in ihrer Wohnung, in ihr neues Bett. Sie hatte die Vorhänge zugezogen und sich zwei Aspirin zu Gemüte geführt. Nun versuchte sie ein wenig zu schlafen und sich dabei auszuruhen. ihr Kopfweh ließ nicht nach,die Beule pochte unablässig. Wenn es nicht besser wurde, war sie sich darüber im klaren, am nächsten Tag einen Arzt aufsuchen zu müssen. Vielleicht wusste Susan einen ordentlichen, denn sie wollte nicht zu irgendeinem gehen.
Sie ärgerte sich immer noch, nicht besser aufgepasst zu haben. Sie sagte sich immer wieder, dass sie es hätte sehen müssen, dass er sich ebenfalls danach bückte, ihr Buch aufzuheben. Doch jetzte war es zu spät.
Das Handy klingelte. Julia überlegte, ob sie drangehen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Es war wahrscheinlich ohnehin nur ihr Vater, der von der Beule gehört hatte. Und den würde sie später anrufen.
Erneut klingelte es und nun musste sie sich wohl aufraffen. Julia seufzte. Hätte sie doch nur daran gedacht, den Ton auszuschalten.
"Tenzer." meldete sie sich verschlafen.
"Julia, was ist los mit dir?"
"Papa. Ich hab nur eine Beule, nichts Tragisches."
„Bei Mama klang das aber anders.„
„Klingt bei Mama nicht immer alles anders? Aber es ist wirklich nichts schlimmes, glaubs mir. Ich habe Kopfschmerzen, ja. Ich schätze jedoch, der andere hat die jetzt auch.„
„Was war das denn für ein Mann?„
„Ich hab keine Ahnung. Ich bin ihm schon kurz nachdem wir beide uns verabschiedet hatten begegnet. Da hab ich ihm meine Tasche vor den Latz geknallt.„
„Du warst also eine Wiederholungstäterin?„ lachte Johann.
„So könnte man es ausdrücken, ja.„ Julia versuchte die Augen zu öffnen. „Hör mal, ich leg mich jetzt wieder hin.„
„Du schläfst?„
„Ich hatte meine Kopfschmerzen doch erwähnt. Ich hab zwei Aspirin genommen und versuche zu schlafen. Ich rufe morgen wieder an.„
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