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von Harriett Evans    erstellt: 10.08.2006    letztes Update: 20.08.2006    Geschichte, Romanze / P18    (abgebrochen)
@Thea: Danke! Ich hoffe, dir gefällt die Fortsetzung auch.
@Sissi: Jürgens Appetit? Der Mann ist glücklich verheiratet, der macht bestimmt nichts Unüberlegtes. ;-)
@Sternle: Gell, so ein Scheißwetter! Hmpf. Hihi, freut mich, dass du Jonathan magst - ich auch. Und dann wollen wir doch mal sehen, wie es um den Hormonhaushalt unseres designierten Bundestrainers bestellt ist. ;-)
@Kada: Haha, deine Einstellung gefällt mir. Du bist wenigstens ehrlich, das ist mir lieber als die falsche Moral, die manche zur Schau stellen. :-)
@Mette: Ach, das find ich jetzt aber schön, dass Vicky vermisst wird. :-) Wer weiß, vielleicht lasse ich sie eines Tages auferstehen. Und wenn's nur für nen Oneshot ist.
@Vayedra: Ich hab mich bemüht, so schnell wie möglich! Bitte sehr... :-)


2. ARE YOU GOING TO SCARBOROUGH FAIR?

Am nächsten Tag kam alles anders als geplant.
Es fing damit an, dass Laila bei der Verabschiedung von den Eltern am Bootssteg bitterlich zu weinen begann und weder zur Mitfahrt noch zum Dableiben zu bewegen war. Sie klammerte sich mit der einen Hand an die Reling des Kutters und mit der anderen an die Hand ihrer Mutter. In der irrigen Annahme, dieses Problem sei leicht zu lösen, beschloss das Elternpaar, den Ausflug eben mitzumachen. Jürgen sah sich schon zum Hotel zurückhechten und in Windeseile Sonnenschutz, Geldbeutel und Pulli zusammenklauben, doch soweit kam es nicht. Auf dem Ausflugskutter war nur noch ein Platz frei.
Jürgen und seine Frau warfen sich einen langen Blick zu. Die Kinder zeterten. Was nun, die Bedürfnisse der Kinder zurückstellen oder die eigenen?
„Ich bleib hier“, gab Jürgen sich geschlagen. „Fahr du mit.“
Seine zwei Sprösslinge strahlten. Debbie widersprach. Es entstand eine kurze Diskussion darüber, wer die Kinder begleiten würde. Unterbrochen wurde das Ganze vom einheimischen Kapitän, der endlich ablegen wollte.
Jürgen schlenderte den Weg zum Hotel alleine zurück, nachdem er seiner Familie auf dem davon tuckernden Kutter nachgewinkt hatte. Er beschloss, den Solo-Tag geruhsam bei einem Espresso auf der beinahe menschenleeren Terrasse zu beginnen. Auch der Strand war noch recht leer. Das Meer lag ruhig da, nur manchmal plätscherte es leise, wenn sich doch einmal eine kleine Welle auf den weißen Sand verirrte.
Er dachte an nichts. Saß zurückgelehnt, den Blick in die Ferne gerichtet und genoss einfach nur die idyllische Stille. Vorsichtig nahm er einen Schluck des noch heißen Getränks. Vielleicht sollte er jetzt, da es noch nicht so heiß war, joggen gehen. Und danach in aller Ruhe im Internet surfen, ein paar Mails beantworten, das Buch lesen, in dem er bisher nicht über die ersten Seiten hinausgekommen war. Ein leichtes Mittagessen. Ein kurzes Mittagsschläfchen im klimatisierten Zimmer. Und nachmittags zur Abkühlung schwimmen. Eventuell auch schnorcheln. Wozu hatten sie schließlich diesen Kurs gemacht?
Das klang gut.
Mit Vorfreude auf die friedlichen, vor ihm liegenden Stunden führte er die Tasse erneut an die Lippen – trank aber nicht. Stattdessen starrte er wie paralysiert zur hölzernen Treppe, die sie gerade vom Strand hinauf kam. Wassertropfen rannen an ihrem Körper hinab, während sie das Handtuch an die Brust gedrückt hielt, sich den Hals abtrocknete. Ihre langen, schwarzen Haare klebten an ihrem Körper.
Jürgen kreuzte die Beine nervös unter dem Stuhl und wandte den Blick ab, zu den Palmen neben der Terrasse. Nicht hinsehen, sonst…
Er schaute doch wieder hin. Sie schien ihn nicht bemerkt zu haben. Warum auch, wahrscheinlich hatte sie die Begebenheit schon längst vergessen. Während sie sich nun barfuß mit grazilen Schritten der Bartheke näherte, wanderte sein Blick unwillkürlich hinab zu ihrem Oberschenkel, ob sie einen blauen Fleck von Jonathans Fehlpass davon getragen hatte. Doch er konnte die Stelle, da sie gerade den Kellner um etwas bat, nicht sehen. Nur ihren Rücken in den tief ausgeschnittenen Badeanzug, und ihren Po. Das reichte.
Schnell trank er seine Tasse aus und schob den plötzlichen Schweißausbruch auf das heiße Kaffeegetränk.
Er stellte die leere Tasse wieder ab. Eigentlich hätte er ja jetzt gehen können. Wenn er gekonnt hätte… Irgendwas hielt ihn davon ab. Oder irgendwer? Das war doch total bescheuert! Er würde jetzt aufstehen und gehen, basta! Doch er tat es nicht. Er entschuldigte sich selbst damit, dass es ihn ja nur interessierte, was sie zu dem Kellner gesagt hatte. Hatte sie nicht gestern Abend erst mit ihm gesprochen? Anscheinend kannten sie sich gut. Nein, gestern Abend hatte doch ein ganz anderer Dienst gehabt.
Jürgen atmete vorsichtig durch, schalt sich selbst für sein saublödes Benehmen und sah aus den Augenwinkeln, wie sie im Inneren des Hauptgebäudes verschwand.
Vor ihm tauchte der Kellner auf und deckte zwei Tische weiter für eine Person.
„You want another espresso, sir?“, erkundigte er sich über die Distanz hinweg. Wenn sein Chef das gesehen hätte, hätte es sicher Ärger gegeben, aber außer den beiden Männern war niemand auf der Terrasse und Jürgen war der letzte, der auf diese dämlichen Höflichkeitsregeln Wert gelegt hätte.
„Oh, äh, no… thank you!“ Bloß nicht! Er hatte ja so schon Herzklopfen wie Sau!
Eigentlich hätte er ja jetzt aufstehen können. Immerhin war sie weg und er wollte joggen gehen. Aber es interessierte ihn nun doch, ob er für sie deckte oder…
Der Tischdecke, Servietten, Besteck und Zuckerstreuer folgten Aschenbecher und Salz und Pfeffer. Auf seinen Wegen hin und zurück sah der junge Einheimische immer wieder zu ihm herüber. Klar, der wunderte sich, warum er hier vor seiner leeren Tasse saß, ohne Zeitung, ohne nichts. Er hatte noch nicht mal sein Handy dabei, konnte also nicht mal so tun, als telefonierte er. Als der junge Mann ihn das nächste Mal ansah, schnappte er sich flugs die Karte, die in einem Ständer auf dem Tisch steckte und schlug sie interessiert auf. Der Kellner zog skeptisch eine Braue hoch. Jürgen senkte seinen Blick in die Karte und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Die Cocktailkarte. Morgens um halb neun. Ganz toll. Echt.
Der Hotelangestellte fügte den Gegenständen auf dem etwa drei Meter entfernten Tisch ein großes Glas Orangensaft und eine dampfende Tasse hinzu, zog sich hinter die Theke zurück und kam auch nicht wieder.
Dafür kehrte sie zurück. Er hörte ihre Schritte schon von Weitem hinter sich und seine Nackenhaare stellten sich auf. Sie trug jetzt ein langes, schlichtes Sommerkleid in Dunkelblau, unter dessen leichtem Stoff sich ihre geschmeidigen Bewegungen abzeichneten. Als sie sich an den Tisch setzte, mit dem Gesicht zu ihm, lächelte sie freundlich.
Wie automatisch lächelte er zurück und wünschte, ohne es verhindern zu können:
„Buenos días.“
„Hola“, erwiderte sie amüsiert.

Noch eine halbe Stunde später, als er schon längst am Strand entlang joggte, ging ihm die Szene nicht aus dem Kopf. Jetzt konnte er fast schon wieder darüber lachen. Da saß er wie ein Schuljunge festgewachsen auf seinem Stuhl, nur, um sie noch mal zu sehen. Und wenn sie dann kam, wünschte er ihr einen Guten Morgen, bekam rote Ohren, als sie ihn ansah und verkrümelte sich verlegen. Unglaublich!
Sie war aber auch wunderschön. Wenn sie lächelte, bildeten sich Grübchen unter ihren hohen Wangenknochen und ließen sie gar nicht mehr so kühl, sondern fast kindlich und schutzbedürftig wirken.
Schutzbedürftig! Er schnaubte auf. Das hättest du wohl gerne! Am besten noch durch dich, oder was!
Als er aufsah, stolperte er vor Überraschung ein wenig, fing sich aber Gott sei Dank sofort wieder. Da waren sie doch, die Grübchen, die er gerade noch vor seinem inneren Auge hatte Revue passieren lassen.
Die schöne unbekannte Spanierin schlenderte den Strand entlang, das Handy am Ohr. Bestimmt ihr Don Juan, dachte er und runzelte die Stirn. Sie lächelte jedoch ihn an und hob zum Gruß eine Hand, und als er an ihr vorbei joggte, trug die leichte Seebrise einige Wortfetzen an sein Ohr: „…’d be no problem, Mr. Haakon….“ Irgendwie fühlte er sich gleich ein wenig beschwingter. Doch nicht ihr Don Juan. Es war ja eigentlich irrelevant. Er war verheiratet, und er wollte ja auch gar nichts von ihr. Er fand sie lediglich außerordentlich attraktiv. Aber trotzdem war es irgendwie ein gutes Gefühl zu wissen, dass nicht jede schöne Frau schon für die Männerwelt verloren war. Außerdem war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass die größten Flachwichser unter seinen Geschlechtsgenossen meistens genau die waren, die solche Traumfrauen zur Seite hatten. Wusste Gott, wie die das anstellten. Wahrscheinlich auf die Mitleidsmasche.
Im Joggen drehte er sich um, lief rückwärts weiter und sah ihr eine Weile hinterher. Selbst, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, hatte sie einen Hüftschwung, der einen Mann unruhig werden ließ. Vielleicht lag es auch einfach an ihrer schlanken und doch kurvenreichen Figur. Die oberste Lage ihres Wickelkleides wehte im Wind und er bedauerte mit einem leichten Grinsen, dass sie ihm nicht jetzt erst entgegen kam, da jetzt der Blick auf ihre straffen, gebräunten Schenkel frei gelegen hätte.
Das Grinsen gefror. Unvermittelt hatte sie sich umgedreht und ihm direkt ins Gesicht geschaut und er hätte schwören können, dass sie ein wissendes Lächeln auf den Lippen gehabt hatte.

Den ganzen Weg zum Hotel zurück, die Zeit, während er die verschwitzten Sachen auszog, einen knappen Liter Apfelschorle hinunterstürzte, ins Bad ging, sich unter der Dusche eine halbe Ewigkeit mit Wasser berieseln ließ, war er wie weggetreten, weil er sich die ganze Zeit Situationen vorstellen musste, bei denen er mit ihr ins Gespräch kam. Wenn er zum Beispiel gleich zum Mittagessen hinunterging und sie am Buffet neben ihm stehen würde und er mit Blick auf ihren Teller etwas sagen würde wie „Gute Wahl. Die Seezunge hier ist sehr gut.“ Was hieß eigentlich Seezunge auf Spanisch? Oder wie sie plötzlich mit diesem unwiderstehlichen Lächeln an seinem Tisch stehen würde und fragen, ob hier noch frei war. Und er das bejahen würde. Er malte sich unterschiedliche Gesprächseröffnungen aus. Über ihre Herkunft. Ihren Beruf. Das Wetter.
Als er sich nach dem Duschen wieder anzog, schüttelte er den Kopf, verärgert über sich selbst. Was machte er da eigentlich? Er war doch keine sechzehn mehr! Er sollte sich lieber mal Gedanken darüber machen, dachte er sich auf dem Weg nach unten, was seine Familie gerade anstellte, statt ständig über diese Frau nachzudenken. Deshalb klingelte er auch über die Kurzwahltaste Debbie an. Ihr und den Kindern ging es jedoch blendend, sie saßen gerade beim von der Reederei organisierten Piraten-Picknick. Die Kinder wollten jetzt eh nicht telefonieren und Debbie schien so mit der Beaufsichtigung der beiden beschäftigt zu sein, dass sie nur mit halbem Ohr bei der Sache war. Gut, dann eben nicht. Lächelnd beendete er das Gespräch.
Eigentlich hatte er sich zum Mittagessen im klimatisierten, nach drei Seiten offenen Speisesaal die Washington Post  mitgenommen, doch er überflog nur die Titelseite. Immer und immer wieder. Und nahm das, was da stand, auch beim zehnten Lesen nicht auf. Weil er andauernd wieder unauffällige Blicke durch den Raum schweifen ließ, ob er sie irgendwo sah. Je länger er da über seinem Teller saß und sie nirgends entdeckte, desto mehr spürte er Enttäuschung in sich aufkommen. Auch, wenn er das nie zugegeben hätte. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass sich tief in ihm drin ein schlechtes Gewissen rührte. Wieso auch? Er hatte schließlich gar nichts gemacht. Trotzdem konnte es nicht falsch sein, Debbie mal wieder eine Freude zu machen. Einfach so, für die ganzen Entbehrungen in den letzten Monaten.
Auch auf seinem kurzen Weg hinein in den kleinen, beschaulichen, wenngleich auf Touristenbedürfnisse angelegten Ort Scarborough sah er sie nicht. Sie lag wahrscheinlich am Strand, wie die meisten der Hotelbewohner. Ein Lächeln flog über sein Gesicht. Als er sie da gestern nach dem Abendessen an der Bar gesehen hatte… Zufälle gab es. Dass sie ausgerechnet im selben Hotel wie er wohnte.
Das alte Lied von Simon and Garfunkel kam ihm in den Sinn und ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er summte es den ganzen Weg entlang.
Are you going to Scarborough fair? Parsley, sage, rosemary & thyme
remember me to one who lives there... She once was a true love of mine...

Ob das Lied etwas mit der Stadt hier auf Tobago zu tun hatte? Eher nicht. Wahrscheinlicher war, dass Scarborough eine Stadt in Großbritannien war und Eroberer die Siedlung auf der karibischen Insel danach benannt hatten. Er würde das nachher mal im Internet recherchieren. Er hatte ja noch genug Zeit, bevor die Ausflügler um 19 Uhr zurückkehren würden.
Im Zentrum Scarboroughs angekommen, dauerte es nicht lange und er wurde auf ein geeignetes Ladenschild aufmerksam. Ein Juwelier. Ja, das war gut. Genau das, was er brauchte.
Interessiert ging er näher und betrachtete die Auslage.
Ringe. Hm. Sie hatte tausend Ringe. Soviel Finger hatte die ganze Familie nicht, wie sie Ringe hatte. Ketten? Das gleiche Spiel in grün. Außerdem ließ er sie die lieber selbst aussuchen; da hatte er schon zu oft daneben gegriffen. Aber Ohrringe vielleicht? Die letzten drei Paar, die er ihr zu diversen Anlässen geschenkt hatte, hatten ihr eigentlich immer gefallen – wenn sie nicht nur so getan hatte, um ihn nicht zu kränken. Er beugte sich noch etwas vor. Und das eine Paar da, die kleinen goldenen Kreolen, in die diese winzigen hellgrünen Steine eingefasst waren, die konnte er sich zu ihren dunklen Haaren und der olivfarbenen Haut gut vorstellen. Oder vielleicht doch lieber die kleinen Stecker daneben, mit… Er sah überrascht auf, als er eine Spiegelung in der Scheibe wahrnahm und errötete augenblicklich. Sie! Sie kam aus dem Juwelierladen. Das war ja so klar gewesen! Und jetzt dachte sie bestimmt, dass er… Wie viel man doch innerhalb einer Sekunde denken konnte und dabei sein Gegenüber fassungslos anstarren.
„Hola!“, entfuhr es ihm.
„Hola.“ Sie bedachte ihn mit einem kurzen Blick aus ihren umwerfenden blauen Augen und ging mit einem geheimnisvollen Lächeln an ihr vorbei. Ein Hauch von Citrus und dem warmen Duft ihrer Haut umgab sie und ließ sein Herz schneller schlagen. Verdammt, roch sie gut!
Jürgen konnte nicht anders als nur entwaffnend grinsen. Er hätte gerne irgendetwas Geistreiches oder Witziges gesagt, so in der Art von „Nächstes Mal geben Sie aber einen aus“ oder „Die Welt ist klein“, aber so gut war sein Spanisch nicht, schon gar nicht auf Kommando. Und dass sie auch Englisch sprach, das fiel ihm natürlich erst jetzt wieder ein, da sich ihre Schritte längst entfernten. Verstohlen sah er ihrer Spiegelung in der Scheibe nach. Er traute sich nicht, sich umzudrehen, da sie genau das bestimmt auch gleich tun würde. Doch das tat sie nicht.
Tief atmete er durch. Mann! Das war jetzt wirklich ein Zufall gewesen. So viele Menschen auf dieser kleinen Insel. Und sie war ausgerechnet in dem Geschäft, in dem er… Was hatte er hier eigentlich gewollt? Ach so, ja. Debbie. Ohrringe. Er gab sich einen Ruck und betrat das Geschäft.

„Daddy, there was a pirate, and his hair was longer than mum’s!“
“Laila, bitte. Erst den Mund leer machen und dann reden. Also, sein Haar war länger als Mamas?“
Heftig nickte die Kleine.
„And he had a ring in his nose!” Mit großen Augen sah sie ihren Vater an und erwartete gefälligst Entgeisterung von ihm. Einen Ring in der Nase!
Ihr Vater filetierte jedoch erst mal relativ ruhig seine Putenbrust auseinander, bevor er sie dann doch überrascht ansah.
„A ring? Really?“
Die Blicke  der anderen Erwachsenen am Tisch, Mr. und Mrs. Hill sowie Debbie, lagen liebevoll auf der kleinen, aufgeregten Dame, während der Blick ihres Bruders eher abschätzig wirkte.
„Yes! And then, Daddy… Daddy!“ Wieso musste der sich jetzt zum Ober umdrehen und für Mama und sich einen Weißwein bestellen?! „Daddy, then he gave me a treasure chest! And there was a candy in it! And he... he said it is self-filling!” Ihre Kinderaugen leuchteten bei der Vorstellung, was das bedeuten könnte.
Jürgens Lächeln wich einer bewölkten Stirn, als Jonathan sofort abwertend machte:
„Pff… Wer’s glaubt, wird selig.“
„Das ist wahr!“
„Ist es nicht.“
„Ist es doch!“
„Du glaubst ja auch noch an den Weihnachtsmann, du Baby.“
„Ich bin kein Baby!“
„Bist du wohl!“
„Bin ich nicht!“
„Wohl!“
„Stop it!“, sprach Jürgen recht streng ein Machtwort.
Beide Kinder verstummten, wenngleich in Lailas Augen dicke Tränen schwammen und Jonathan seiner Schwester hasserfüllte Seitenblicke zuwarf.
Jürgen seufzte lautlos. Das waren so Abende, die er liebte. Mit überdrehten Kindern und einer gestressten Frau. Denn auch ihr merkte man an, dass der Tag wohl schön, aber nicht gerade erholsam gewesen war. Die beiden konnten einen schon Nerven kosten.
Nicht einmal das große Eis, das jeder der beiden nach dem Essen bekam, konnte sie heute zur Genüge ablenken. Es sorgte nur für mehr Ärger. In einem unbeachteten Moment, seine Eltern debattierten gerade mit den Hills über die Nahostkrise, stibitzte Jonathan das Waffelröllchen seiner Schwester, was diese in Töne ausbrechen ließ, die einer Heulboje nahe kamen. Quasi sämtliche Köpfe drehten sich nach und nach zu ihnen herum, während Jürgen und Debbie mit vereinten Kräften versuchten, ihre Kinder zum Schweigen zu bringen. Manche Blicke waren mitleidig, andere drückten eher aus, dass man sie für unfähig oder Rabeneltern hielt.
Letzten Endes kam es, wie es kommen musste. Jürgen bedeutete dem Ober verlegen, dass er doch bitte mal kommen solle und fragte ihn, ob es wohl möglich wäre, für seine verrotzte Tochter ein zweites Waffelröllchen zu bekommen. Selbstverständlich war es möglich. Aber Laila wollte sie dann nicht mehr.
„And?“, wandte sich Debbie angestrengt ausatmend an ihren Mann. „What was your day like?“
„Äh… what? Oh yes… äh… well, nothing special.“ Er reagierte, als würde er aus Gedanken aufschrecken. Der Grund dafür war, dass er aus Gedanken aufschreckte. Sie hatte gerade die Terrasse betreten. Gemeinsam mit einem Mann.
Als Debbie ihn ansprach, bemühte sich Jürgen, seine Frau nicht merken zu lassen, was ihn gerade abgelenkt hatte. Im gleichen Maße spürte er den bohrenden Stachel der Eifersucht in sich. Wo kam denn dieser Typ jetzt auf einmal her? War das etwa ihr Freund oder Ehemann, der vielleicht erst heute angereist war? Oder hatte sie den hier aufgegabelt? Herzlichen Glückwunsch, wieder ein Schwachmat mehr, der bei einer solchen Wahnsinnsfrau landen konnte.
Doch unter dem schummrigen bunten Licht in der Nähe der Bar ging sie weiter geradeaus, während er sich an einen Tisch setzte und flüchtig eine Frau auf die Wange küsste, während er weiter ihr hinterher starrte. Aus dem Augenwinkel bemerkend, dass Debbie mit seiner Antwort noch nicht so ganz zufrieden war, fügte er geistesabwesend hinzu: „Jogging, swimming, sightseeing… quiet boring“, während seine Mundwinkel ein fast befriedigtes Lächeln umspielte. Gell, Kerl, die Frau war bildschön? Das haben vor dir aber auch schon andere bemerkt.
Jürgen fragte sich zum einen, warum er sich dem Typ jetzt so überlegen fühlte. Weil er sie früher gesehen hatte? Weil sie ihn schon angelächelt hatte? Zum anderen fragte er sich, warum zum Teufel er gerade eifersüchtig geworden war. Weder hatte er ein Anrecht noch ein Interesse an der Frau. Er war verheiratet. Herrgott noch mal!
Sie setzte sich an einen Tisch unweit der Theke – allein. Zudem Überlegenheitsgefühl kam ein Hauch von Erleichterung. Mit der Bedienung, die sofort kam, wechselte sie ein paar freundliche Worte. Dann ließ sie ihren Blick schweifen. Scheinbar gelangweilt, aber doch irgendwie so, als ob sie jemanden suchte. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Sie suchte doch nicht etwa…? Ihre Augen wanderten über den Tisch, an dem sie morgens gesessen hatte, über den Nachbartisch, erreichten Mr. Hill und…
„Jürgen, would you please!“ Debbies vorwurfsvolle Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Im gleichen Maße, wie er sich ertappt fühlte, reagierte er ungehalten.
„Was denn!“ Nun drangen auch wieder die hämische Stimme Jonathans und Lailas Heulen wie durch einen sich lichtenden Schleier zu ihm durch.
Seine Frau verdrehte ungeduldig die Augen.
„It’s quiet obvious that sleeping-time has been coming for some of us.”
Toll. Und warum erzählte sie ihm das?
„Ja, dann bring sie doch ins Bett!“
„Really“, protestierte sie, „I had to bear with them only the whole day! Now it’s your turn! I don’t feel like listening to their clamor for another hour!”
Musste sie damit ausgerechnet jetzt kommen? Er wollte im Moment wirklich nichts weniger als diesen Platz hier verlassen.
„Let me have my coffee and then I will...” Er unterbrach sich, da er ihren konsternierten Blick aus den großen, auffordernden Augen unter den gehobenen Augenbrauen sah. Verärgert stand er auf. „Laila! Jonathan! Abmarsch!“
„Warum ich?“, protestierte der Junge überrascht. „Ich mach doch gar nichts!“
Jürgen ging um den Tisch herum, das Heulen seiner Tochter ignorierend und raunte seinem Sohn warnend zu: „Keine Diskussion mehr jetzt!“
Folgsam rutschte Jonathan von seinem Stuhl und schlich hinter seinem Vater her. Der schien ja heute ganz schön schlecht drauf zu sein.
Lailas Geheul schraubte sich unterdessen in ungeahnte Oktaven, während sie ihren Vater, der sie zwischen den Tischen hindurch zum Haus trug, trat, schlug und an den Haaren zog.
„Muummmmmmmmmmmmmmyyyyyyyyyyyyyyyyyyyy!!!!“, kreischte sie verzweifelt, und ein Außenstehender konnte bei diesen Tönen glatt meinen, Jürgen wolle sie bei lebendigem Leib in ein Feuer werfen oder ihr die Fingernägel ziehen.
Vollkommen entnervt blieb er stehen. Mittlerweile war wohl auch der letzte auf der Terrasse auf ihn und seine reizende Familie aufmerksam geworden. Er kochte. Er kochte so dermaßen! Heftig atmete er ein und aus, während er darauf wartete, dass Debbie endlich kam und ihn von diesem hysterischen Kind befreite. Doch es dauerte noch etwa vier heisere, atemlose „Mummyyyyy!“-Schreie, bis sie ihn endlich erreichte und ihm mit energischem Gesichtsausdruck die gemeinsame Tochter abnahm.
„Das war ja jetzt nötig“, konnte er es sich die wütende Ironie nicht verkneifen. „Soll ich trotzdem mitkommen oder schaffst du es alleine?“
Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Dann trug sie ihre schluchzende Tochter ins Haus.
Jonathan schlich hinterher.
Missmutig und etwas erhitzt kehrte Jürgen zum Tisch zurück, wo das Ehepaar Hill die ganze Szene verfolgt hatte. Mr. Hill ignorierte es und nahm einen Schluck Whisky, während sie bestürzt und mitleidig Debbie mit den Kindern nachsah.
„Poor baby.“
Jürgen nickte nur wütend und versuchte unauffällig zu ihrem Tisch hinüber zu spähen. Doch dummerweise saß Mrs. Hill ihm genau im Blickfeld und begann ihm nun zu erklären:
„You know, they had really a hard day. They are full of new impressions and they are tired. Don’t be too angry.”
Angry? Er? Ach, woher denn! Gerade setzte er an, etwas zu erwidern, da rutschte Mrs. Hill in ihrem Stuhl hin und her. Frontal traf ihn ihr Lächeln, in dem nur zu offensichtlich Amüsement lag, begleitet von einem Hauch Mitleid.
Toll! Sehr witzig, echt! Das hatte er jetzt gerade noch gebraucht. Konnte diese Frau nicht jemand anderem zusehen und aufhören ihn anzustarren! Verdammt. Wie kam es eigentlich, dass er sich ständig vor ihr zum Affen machte?
Genervt wandte er den Kopf in Richtung Meer ab, führte sein Glas an die Lippen und nahm einen tiefen Schluck Wein. Als er das Glas wieder abstellte, sah er dann doch wieder verstohlen zu ihr. Und lächelte spitzbübisch, ebenso wie sie. Die Wut, die er gerade eben noch sogar auf sie verspürt hatte, war verflogen. Und hatte einem atemlosen Gefühl der Aufregung Platz gemacht. Er fühlte sich an erste Flirts erinnert, früher, in den Ferien, mit den Eltern auf dem Campingplatz.
Eine Weile ging das so hin und her. Die Hills waren längst zu Bett gegangen. Jürgen hatte keine Zeitung, nichts, mit dem er sich nach außen hin sinnvoll hätte beschäftigen können. Sein ganzer Zeitvertreib bestand darin, wegzuschauen, einen Moment zu warten und wieder hinzuschauen. Es war wie ein kleiner Wettbewerb zwischen ihnen. Meistens verlor er, denn sie ertappte ihn immer wieder. Dann lächelten sie beide verlegen. Die Art, wie sie die Augen niederschlug, war einfach…! Er sah wieder weg.
Gegen halb zwölf summte sein Handy. Debbie, die ihm per SMS mitteilte, dass sie gleich oben bleiben würde. Selbst aus den kurzen Worten heraus las er ihre Kurzangebundenheit. Okay. Sollte sie oben bleiben. Trotzdem hatte er keine Lust, ebenfalls hochzugehen. Oder vielmehr. Er wollte hier nicht weg. Als er das Handy wieder wegsteckte, berührten seine Finger einen harten Gegenstand in der Gesäßtasche seiner Jeans. Das Kästchen vom Juwelier. Und wenn schon! Die Lust darauf, ihr die Ohrringe zu geben, war ihm jetzt gründlich vergangen.
Blick zu ihr. Sie sah ihn an. Tiefblaue Augen. Ihr Mund kräuselte sich und sie leckte den Martini, an dem sie gerade genippt hatte, von ihren glänzenden Lippen. Sein Herz machte einen Hüpfer. Sie redeten nicht miteinander, sie kannten sich nicht, sie taten nichts. Sie sahen sich nur an. Und genau das war es, was er so genoss. Zu wissen, dass er nicht angestarrt wurde, weil er Jürgen Klinsmann war. Sondern einfach nur, weil er er war. Und sie irgendetwas Magisches miteinander verband. Oh Gott, er wurde rührselig. Das letzte Glas Wein hätte er weglassen sollen.
Er schrak auf, als er eine Bewegung neben dem Tisch wahrnahm. Sie ging vorbei, bedachte ihn mit einem weiteren feurigen Blick und hauchte:
„Buenas noches.“
Wie automatisch erwiderte er es, sein Herz  setzte für einen Moment aus.
Als es wieder zu schlagen begann, starrte er fast paralysiert vor sich auf den Tisch. Sie verschwand hinter ihm, er vermutete, im Haus.
Dann konnte er ja jetzt eigentlich auch hochgehen.
Debbie schlief schon, als er leise ins Schlafzimmer trat, sich seiner Klamotten entledigte und ins Ehebett kroch.
Während er auf dem Bauch lag, das Kissen unter den Kopf zurechtgestopft und die Fäuste hinein gegraben, spürte er die Erregung in sich erwachen und musste sich endlich eingestehen, dass er zum ersten Mal in den langen Jahren seiner Ehe eine andere Frau begehrte.
Sie.
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