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von Harriett Evans    erstellt: 10.08.2006    letztes Update: 20.08.2006    Geschichte, Romanze / P18    (abgebrochen)
Sommer 2006.
Der Sommer, in dem irgendwie alles möglich war.

Wohlig spannte Jürgen Klinsmann für einen Moment sämtliche Muskeln an und öffnete dann blinzelnd das rechte Auge. Sein gebräunter Oberarm. Er glänzte von Schweiß und Sonnenmilch, und kleine goldene Härchen schimmerten darauf. Auf seinen Schultern und Waden spürte er sengend die brennenden Sonnenstrahlen.
Langsam schloss er das Auge wieder, genoss die langsam vergehende Schläfrigkeit und versuchte sich zu erinnern, was er gerade geträumt hatte. Anscheinend nichts. Zumindest fiel ihm nichts ein.
Um ihn herum die typischen Geräusche eines vollen Ferienstrandes. Kindergeschrei und –lachen. Das metallische Geräusch, das beim Draufhauen auf einen Wasserball entstand. Das Schlurfen von Füßen im Sand. Scharrende Schaufeln. Ein regelmäßiges Zischen. Irgendwo pustete jemand eine Luftmatratze auf. Und das all das mit seiner Sanftheit immer noch übertönende Heranrollen der Wellen auf dem seichten Strand. In der Ferne brummte leise ein Motorenflugzeug.
Ein wenig umständlich wälzte er sich auf seiner Liege auf den Rücken, stützte sich auf die Unterarme und betrachtete das Treiben um sich herum. Neben ihm raschelte es. Seine Frau lag auf einem Liegestuhl, die dunkle Sonnenbrille vor den Augen, und las den aktuellen John Grisham. Beim Umblättern warf sie einen Kontrollblick zu den Kindern, sah dann kurz zu ihm und lächelte flüchtig, bevor sie sich wieder in ihre Lektüre vertiefte. Zufrieden seufzend ließ er sich wieder auf den Rücken sinken und schloss die Augen.
Seit fünf Tagen befanden sie sich nun auf Tobago, der kleineren der beiden karibischen Inseln, die den Staat Trinidad y Tobago bildeten. Es war Debbies Idee gewesen. Nach der WM, seinem Rücktritt und ein paar Brückentagen in Mailand waren sie nach Los Angeles zurückgekehrt und er hatte das getan, was er schon die ganze Zeit vorgehabt hatte. Er hatte sie gefragt: „Where do you want to go?“ Debbie wäre keine Frau gewesen, wenn sie darauf nicht schon längst spekuliert und mit einem spitzbübischen Lächeln geantwortet hätte: „Tobago.“
„Tobago?!“, hatte er im ersten Moment verdutzt reagiert. Darauf wäre er nie im Leben gekommen! Zumal seine Frau sonst gar nicht der karibische Urlaubstyp war. Genau deshalb ja, hatte sie es begründet, sie wollte einfach mal etwas ganz anderes. Schöne Umgebung, Sonne, um nichts kümmern müssen. Einfach ausspannen.
Also gut. Dann Tobago. Da Debbie – wie gesagt, Frau – sich natürlich auch schon bezüglich ihres Reiseziels schlau gemacht hatte, waren die Buchungsformalitäten schnell und zur Zufriedenheit aller Familienmitglieder erledigt gewesen (Jonathan: „Ich will ein eigenes Zimmer!“ – Jürgen: „Du kriegst gleich einen eigenen Gong, ganz für dich alleine! Eigenes Zimmer! Jetzt geht’s aber los hier!“). Und sie waren nach nur einer Woche im heimischen Huntington Beach erneut ins Flugzeug gestiegen.
Jürgen war eigentlich überhaupt kein Strandlieger, dazu war ihm die Zeit zu schade. Er brauchte auch im Urlaub Action, positiven Stress. Aber zum einen hatte er sich heute dann doch dem Willen seiner Familie gefügt, deren Meuterei in den vergangenen Tagen bei Schnorchelkurs, Radtouren, Stadtbesichtigungen und Bootfahren immer lauter geworden war (Jürgen: „Also sorry, aber eins verstehe ich nicht. Zu Hause habt ihr den Strand vor der Nase und er juckt euch nicht – und hier wollt ihr unbedingt an den Strand!“ Jonathan: „Das ist was anderes.“ Jürgen: „Is klar!“) und zum anderen wurde man mit dem Alter zugegebenermaßen ja auch ruhiger.
Und trotzdem wurde ihm allmählich etwas langweilig hier. Sein Blick glitt gemächlich über die Peripherie. Jonathan hatte Bekanntschaft mit einem Jungen aus Florida geschlossen und tauchte mit ihm im seichten Wasser nach Muscheln. Laila lief die ganze Zeit schon stolz wie Oskar mit Taucherbrille und Schnorchel herum, obwohl sie sie gar nicht brauchte, sondern eifrig beim Bau einer Riesensandburg mithalf. Die Luft roch nach Sonnencreme, Frittierfett von der Bambus-Strandbar und Salz. Ein paar kanadische Jugendliche spielten Beachvolleyball.
Was ihm an Tobago bisher am besten gefiel – von der ungestörten Zeit mit der Familie abgesehen – war die Tatsache, dass er bisher erst einmal erkannt worden war. Und das ganz am anderen Ende der Insel, beim Fahrradausflug am zweiten Tag. Ansonsten war die Insel von deutschen Touristen kaum erschlossen. Ein paradiesischer Zustand!
Jonathan und sein neuer Freund waren in Kontakt zu zwei etwa gleichaltrigen Mädchen gekommen, die ebenfalls Muscheln sammelten. Noch recht scheu, fast misstrauisch, versuchten die Kinder, sich einander anzunähern. Jürgen musste unweigerlich grinsen. Jonathan würde demnächst zehn werden; dann würde es allmählich losgehen mit dem Interesse am anderen Geschlecht. Armer Kerl, dachte Jürgen amüsiert, sich erinnernd an diese Horrorzeit zwischen Kind und Mann, den Blick übers Wasser schweifen lassend… und dann sah er sie!
Sein Herzschlag stockte und er hielt unwillkürlich den Atem an.
Sie einfach als Frau zu bezeichnen, wäre Frevel gewesen. Göttin traf es da schon eher. Er schluckte, um das trockene Gefühl im Hals loszuwerden, aber es gelang ihm nicht ganz.
Sie stand im seichten Wasser, etwa zwanzig Meter weiter rechts. Anscheinend war sie allein, um sie herum wuselten ein paar kleine Kinder, doch sie nahmen keine Notiz von ihr. Ihre schlanken, feingliedrigen Hände lagen an ihren Seiten, schienen das türkisblaue Bikinihöschen zurecht zu ziehen, während sie langsam ins Wasser watete. Diese Beine! Jürgen überlegte ernsthaft, ob er in seinem Leben schon einmal so lange Beine gesehen hatte. Sie gingen über in einen kleinen, festen, runden Po, der von dem erwähnten knappen Höschen bedeckt war. Allerdings kein Tanga, nein. Frauen wie sie hatten es nicht nötig, ihre im Überfluss vorhandenen Reize übermäßig zur Schau zu stellen, sie brachten die Nerven eines Mannes so viel mehr zum Flattern, wie Jürgen am eigenen Leib gerade erfahren durfte. Er spürte, dass sein Herz den Betrieb allmählich wieder aufnahm – langsam zwar, aber kraftvoll und regelmäßig.
Sie war groß und hatte eine atemberaubende Figur. Ihre glatten, glänzenden Haare, die beinahe diesen Wahnsinnspo berührten, waren von einem Blauschwarz, das er sonst nur bei Asiaten kannte. Doch sie war keine Asiatin. Sie war eine stolze Schönheit unbekannter Herkunft, mit hohen Wangenknochen, einer zierlichen Nase und etwas aufgeworfenen Lippen, gerade so sehr, dass sie einem Mann den Atem raubten. Ihre vollen, schweren Brüste ruhten im Stoff ihres Triangel-Bikini-Oberteils und er ertappte sich bei dem Verlangen, es ihr abzustreifen, seine Hände um diese Brüste zu legen, ihre Weichheit zu spüren, ihr Gewicht… Hastig griff er nach der Gazzetta dello sport neben seiner Liege und blätterte sie auf. Er fragte sich, ob er rot im Gesicht war, denn ihm war heiß, noch heißer als zuvor, und seine Brust hob und senkte sich synchron mit seiner beschleunigten Atmung. Sonnenstich, oder was?! Neben ihm lag seine Frau und er bekam fast einen Steifen bei der Vorstellung, eine andere zu berühren. Das passierte ihm doch sonst nicht.
Die Zeitung half nur wenig. Die Tatsache, dass Hoeneß bei den Verhandlungen um van Nistelrooy nicht Fuchs genug gewesen war und den Kürzeren gezogen hatte, hatte er erstens vorhin schon gelesen und bewegte ihn zweitens nicht so sehr, dass er darüber diese unglaubliche Schönheit vergessen hätte. Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er über den Rand der Zeitung hinweg zu ihr äugte.
Sie war nahtlos braun. Quatsch, schalt er sich im nächsten Moment für seine dämlichen Gedanken, die sicher alles andere als vom Verstand beeinflusst waren. Wie konnte sie nahtlos braun sein, wenn sie einen Bikini trug? Er stellte sich den dünnen weißen Streifen auf ihrem Rücken vor, den weißen Ansatz ihrer… besser nicht!
Geräuschvoll warf er die zusammengefaltete Zeitung neben die Liege und rappelte sich auf. Debbie sah fragend von ihrem Buch hoch.
„Ich geh ins Wasser“, erklärte er schnell.

Das kalte Salzwasser auf der Haut tat gut.  Mit ein paar kräftigen Schwimmzügen hatte er das Gequirle in Strandnähe hinter sich gelassen. Gedämpft drangen die Vergnügungslaute noch an sein Ohr, doch bald schon hatte er vom Treiben am Strand abgeschaltet – auch von ihr. Unglaublich, wie schön und attraktiv diese Frau war. Ob sie sich ihrer Wirkung auf Männer überhaupt bewusst war?
Er legte sich flach aufs Wasser und schloss die Augen. Während die dumpfen, gurgelnden Unterwassergeräusche sich mit dem Rauschen des Blutes in seinen Ohren vermischten, driftete er mit den Gedanken zurück zur WM. Zu den Jungs, die seine Entscheidung mit Enttäuschung, aber auch Verständnis zur Kenntnis genommen hatten. Er musste zugeben, dass sie ihm fehlen würden. Olli… Jogi…Andy… ein paar der Spieler… Sie fehlten ihm ja jetzt schon teilweise. Und trotzdem war er froh, dass er aus all dem raus war. Keine Bildzeitung, keine unbegründeten Anklagen, kein Blitzlichtgewitter – einfach nur Ruhe.
Als er tropfnass aus dem Wasser watete, bettelte Jonathan schon von weitem:
„Papa, kickst du mit mir?“ Sein neuer Freund war von seinen Eltern zum Mittagessen abkommandiert worden.
„Ah ja, auf, hol den Ball!“
Sie suchten sich ein einigermaßen freies Plätzchen am Strand und spielten sich den Ball zu. Jürgen unterdrückte ein Lächeln, wenn Jonathan von Zeit zu Zeit kleine Tricks vollführte, bevor er zu seinem Vater zurück passte. Ein bisschen Angabe, was man schon alles konnte, ein bisschen „Muskelnspielenlassen“. Es gehörte einfach dazu bei jungen Buben. Und bei älteren manchmal auch noch.
„Hey, Johnny, ein bisschen slow!“, mahnte der Vater, als der Junge schoss, dass Sand spritzte und Jürgen gerade noch zurücktaumeln und den Ball mit der Brust annehmen konnte.
„Mhm“, machte Jonathan und es half für ein oder zwei Minuten, bis der nächste kraftvolle Schuss kam.
„Hallo, Sportsfreund! Wir sind hier nicht auf dem Bolzplatz!“, rief Jürgen nachdrücklich und hob die Augenbrauen.
Jonathan kannte seinen Vater nun neun Jahre – lange genug, um zu wissen, wann Schicht im Schacht war. Er nickte kurz und presste die Lippen zusammen.
Eine Weile kickten sie weiter. Es nahm eine gewisse Monotonie an. Erneut drifteten Jürgens Gedanken ein wenig ab, bis ihn ein vollkommen verunglückter Schuss seines Sohnes, der nicht annähernd in seine Richtung ging, sondern zur Seite ausbrach, aus den Gedanken aufschreckte. Der Ball beschrieb einen hohen Bogen und landete ganz in der Nähe mit Karacho auf dem Bein einer Frau, die die spanische Tageszeitung El país las. Dort hinterließ er einen tiefroten Abdruck, um anschließend müde in den Sand zu plumpsen.
„Uch!“, hatte Jonathan erschrocken die Hand vor den Mund geschlagen und lunzte immer wieder schuldbewusst zu seinem Vater, der sich gen Liege der getroffenen Frau in Bewegung gesetzt hatte. Auch der Junge schlurfte widerwillig in diese Richtung. Das roch nach Ärger.
Die El país senkte sich raschelnd und unvermittelt traf Jürgen ein Blick aus tiefozeanblauen Augen.
„Perdón!“, war alles, was er stammeln konnte, denn ihm blieb der Atem weg. Sie! Ausgerechnet sie!
Sie antwortete nicht, besah ihn nur interessiert von oben bis unten. Jürgen kam sich wie der letzte Depp vor. Er schnappte sich den Ball und stapfte durch den Sand zurück in Richtung der eigenen Liege, wobei er bemüht war, seine Atmung wieder in den Griff zu kriegen.
Jonathan stolperte ihm hinterher.
„Dad, tut mir Leid, war keine Absicht!“
„Ich hab dir vorher zigmal gesagt, du sollst nicht so wild machen“, gab Jürgen sich unbeeindruckt.
„Ich hab nicht wild gemacht“, verteidigte sich der Junge heftig gestikulierend. „Der ist mir über den Spann gerutscht. Echt, Papa, das war…“
„Ja, ist ja gut!“ Er hatte Urlaub und ehrlich gesagt keine Lust, über so was noch groß zu diskutieren. Reichte, wenn er sich gerade zum Affen gemacht hatte. Die Begegnung eben hatte ihn zugegebenermaßen ganz schön aus der Bahn geworfen. Er fuhr sich durch die Haare. Gott, was für Augen! Saphire waren ein Dreck dagegen!
Neben dem Stapfen von Schritten im Sand hinter ihm ertönte unerwartet wieder die Stimme seines Filius.
„Die Frau da eben, die war ganz schön phat, Papa, ne?“
„Fett?“, wiederholte Jürgen vollkommen gedankenverloren und verwirrt.
„Phaaat!“, verbesserte Jonathan mit leicht ungeduldigem Unterton.
„Hm“, machte Jürgen einsilbig, war aber insgeheim etwas erleichtert. Wenn das schon ein neunjähriger Sohn bemerkte, dann war es anscheinend tatsächlich besonders auffällig und er nicht einfach nur notgeil.

Er sah sie den Rest des Tages nicht mehr. Und das war auch gut so.
Am Abend saßen sie auf der lauschigen Terrasse ihres Bungalow-Hotels. Sie hatten einen Tisch direkt am Geländer und konnten durch die Palmen, die sich sachte in der Brise bewegten, das Mondlicht auf dem Meer glitzern sehen.
Jürgen wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Tisch zu und lachte herzlich über einen Kommentar von Mr. Hill. Mit dem Ehepaar Hill als Tischnachbarn hatten sie es wirklich gut getroffen. Er mochte den trockenen Humor der beiden Mittsechziger aus Nova Scotia, und die beiden, die selbst keine Enkelkinder hatten, genossen jede Minute mit Jonathan und Laila, was nicht selbstverständlich war. Auch wenn er seine Kinder abgöttisch liebte und sie gerne um sich hatte, war er sich durchaus darüber im Klaren, dass es nicht jedem mit seinem quirligen Nachwuchs so gehen musste. Reisen oder Einkaufen mit kleinen Kindern – irgendwie war es grundsätzlich mit einem schlechten Gewissen verbunden, dass man seine lauten Rabauken auf die Mitmenschen losließ.
Heute Abend war es allerdings ganz erträglich. Laila saß wie ein kleiner Engel in ihrem Trägerkleidchen frisch gebadet neben Mrs. Hill, und Jonathan, in T-Shirt und Baggys, thronte ungewöhnlich wohlerzogen auf Lailas anderer Seite und teilte sogar seine Pommes mit seiner Schwester. Anscheinend hatte er wegen des Vorfalls am Strand noch ein schlechtes Gewissen.
„I just can’t understand“, tönte Mr. Hill, während er seinen Seeteufel gekonnt sezierte, “how the hell people can prefer Trinidad from Tobago! We’ve been to both, many times. Probably, they are as blind as bats!”
Jürgen und seine Frau lächelten unverbindlich, während Jonathan widersprach:
„But bats aren’t blind! They are able to see black and white. Besides, they...”
Jürgen hob mahnend die Augenbrauen.
„Jonathan. It’s only a phrase!“
Der Junge zog unwillkürlich den Kopf ein, doch Mr. Hill lachte nur und seine Frau griff an Laila vorbei, tätschelte Jonathans Hinterkopf und bekräftigte ihn mit den Worten:
„No, no, it’s allright! You always should tell adults, when they’re talking rubbish. Smart boy, really!”
Jonathan blühte und grinste seinen Vater triumphierend an. Dieser verdrehte nur die Augen, konnte sich ein stolzes Lächeln aber auch nicht verkneifen. Smart boy. Das war er wirklich.
„I’m just wondering“, sprach Mrs. Hill derweil betont unschuldig weiter, “if you two sweet charming children would like to come with us tomorrow.We’re gonna explore Little Tobago.”
Die Insel, von der sie sprach, lag vor Tobago, war, wie der Name schon verriet, recht klein und ihr eilte aufgrund der vielen Hippies, die dort lebten, ein etwas geheimnisvoller Ruf voraus. Mit leuchtenden Augen sahen Laila und Jonathan ihre Eltern abwechselnd an.
„Äh… well, really, Mrs. Hill, that’s too nice of you“, begann Jürgen ein wenig verlegen, „but we can’t accept that.“
“Poppycock!”, wiegelte die ältere Dame das rundheraus ab.
„But it would be an unreasonable demand“, wagte er einen letzten Einwand, indem er einen Tag mit seinen Kindern als Zumutung bezeichnete. Er und Debbie wechselten einen kurzen Blick. Schön wäre es ja schon gewesen.
„You know what?“, wandte sich Mrs. Hill an die beiden Kinder. “You spoilt your parents with too much attention. Gradually they should be able to spent some time without you two. Otherwise you’ll never get rid of these namby-pambies!”
Laila und Jonathan lachten ihr fröhliches Kinderlachen. Der Gedanke, ihre Eltern als Kinder zu sehen, die ohne sie nicht leben konnten, gefiel ihnen.
Mrs. Hill warf dem Ehepaar Klinsmann einen strengen Blick zu.
„Tomorrow you’ll have your first lesson in How to cope with a day without my children!”
“Well... thank you...”, wanden die beiden sich etwas verlegen. Doch je länger sie darüber nachdachten, desto besser gefiel ihnen der Gedanke. Ein ganzer Tag ohne Kinder! Was sich da für ungeahnte Möglichkeiten auftaten…
Nach dem Essen ertönten karibische und lateinamerikanische Klänge aus den vielen Lautsprechern, die zwischen den bunten Lichtern der Terrasse aufgehängt waren. Erst zögerlich, dann immer wagemutiger begannen einige Paare und Kinder auf der freien Fläche zwischen den Tischen zu tanzen.
Die Kinder fanden diese abendliche Erwachsenenunterhaltung ungeheuer aufregend, holten sich noch einen Kindercocktail, ohne Alkohol, dafür mit viel Saft, Früchten und glitzernden Verzierungen. Etwas später schleckten sie einträchtig das Eis, das Mrs. Hill geordert hatte, während Debbie Jürgen auf die Tanzfläche entführt hatte. Dann jedoch wurde Laila immer unleidlicher, Jonathans Augen immer kleiner. Untrügliche Zeichen dafür, dass es Zeit war, schlafen zu gehen. Debbie brachte die beiden ins Bett. Jürgen unterhielt sich derweil angeregt mit dem kanadischen Ehepaar, das ihm von der Existenz giftiger Stachelrochen vor Tobago berichtete. Sie seien nicht tödlich, doch seien schon oft Touristen mit schmerzhaften Wunden unter der Fußsohle ins Krankenhaus gebracht worden. Angeblich.
Bald jedoch zogen sich auch die Hills zurück, mit dem Verweis auf den langen Ausflug, der am nächsten Tag anstand. Nun saß er alleine da. Unwillkürlich fiel sein Blick auf Debbies leeren Stuhl und er sah ratlos umher. Ob sie direkt im Zimmer blieb? Sie hatte zwar gesagt, sie komme noch mal wieder, aber das war nun schon beinahe eine Stunde her. Er beschloss, sich noch einen Espresso zu bestellen. Wenn sie nach diesem nicht zurückgekehrt war, würde er ebenfalls nach oben gehen.
Freundlich dankend nahm er zehn Minuten später den Espresso entgegen, rührte gedankenverloren ein wenig Zucker hinein und ließ den Blick schweifen. Die meisten Tische waren trotz der späten Stunde noch besetzt. Die Altersspanne ging von Mitte Zwanzig bis etwa Achtzig, alles Leute, die auf Besäufnisse á la Ballermann, Technodiscos und nervtötende Animation bis zum Abend verzichten konnten. Das Erfolgsrezept des Coco Reef Ressort schien die gekonnte Mischung aus Unterhaltung und Inruhelassen der Gäste zu sein. Die Musik beispielsweise war laut genug, um dazu zu tanzen, leise genug jedoch, um sich in Ruhe zu unterhalten. Das taten viele. Der Anblick all dieser zufriedenen kleinen Grüppchen an den Rattantischen und an der Bar wirkte fast schon entspannend auf ihn.
Aber nur fast.
Wie festgenagelt blieben seine blaugrauen Augen an der Theke hängen. Sie war da. Stand da genau an eben dieser Theke und unterhielt sich geheimnisvoll lächelnd mit dem Barkeeper.
Das Blut schoss ihm direkt wieder in Regionen, wo es bei einem Familienvater definitiv nicht hingehörte, und das Schlimme war: Er konnte nicht mal etwas dagegen tun! Zu Hips don’t lie von Shakira tanzten gerade mindestens fünf Frauen, doch der Hüftschwung von keiner brachte seine Nerven auch nur annähernd so zum Flattern wie ihr nackter, gebräunter Beckenknochen, den ihr raffiniert geschnittenes blaues Kleid preisgab. Als habe sie seinen Blick gespürt, drehte sie auf einmal den Kopf zu ihm und sah ihn an. Die Hitze stieg in seinen Kopf.
„I’m back.“
Erschrocken sah er neben sich, wo Debbie sich gerade wieder auf ihrem Stuhl niederließ.
„Oh, I see.“ Sein Herz pochte aufgeregt und beruhigte sich nur langsam wieder.
„Should we have a last drink? The children are asleep.”
Jürgen musste sich räuspern, da sein Hals so trocken war. Er hatte ein scheißschlechtes Gewissen und wollte eigentlich nur hier weg. Das hieß, eigentlich wollte er alles andere als weg, und deshalb hatte er das schlechte Gewissen, und deshalb wollte er doch weg. Oder so. Egal.
„Ähm… if you want the truth… I’d rather go to bed.“
Die Augen seiner Frau leuchteten verschmitzt auf.
„And do what?“ Er spürte ihre Fingernägel über seinen Haaransatz im Nacken streichen, was seine Erregung nicht gerade schmälerte. „Training lessons for tomorrow?“
Einen Moment lang hatte er Bedenken. Er konnte doch nicht… nachdem er gerade eine andere Frau… Doch dann erwiderte er den erwartungsvollen Blick seiner Frau lächelnd und zog sie vom Stuhl hoch. Gegen Appetitholen außerhalb konnte schließlich niemand etwas sagen – solange zu Hause gegessen wurde.
 
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