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von Tegan
erstellt: 05.07.2006
letztes Update: 18.01.2010
Geschichte, Allgemein / P18
(fertiggestellt)
Streitereien
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Der Abend brach heran. Alleine saß Laurie am Strand, ließ ihre Füße sanft von dem kristallklaren Wasser umspülen. Schwach lag ihr Kopf auf ihren Knien, da sie ihre Beine angezogen hatte. Sie hatte es wieder nicht gefunden. Vielleicht hatte Sayid Recht. Vielleicht hoffte sie umsonst. Herr Gott, sie waren mit einem Flugzeug abgestürzt. Wie konnte sie da auch ernsthaft glauben, ihr Amulett wiederzufinden? „Darf ich dir Gesellschaft leisten oder willst du alleine sein?“ sprach eine ihr schon so bekannte und freundliche Stimme. Laurie brauchte nicht einmal den Kopf heben, um zu wissen, das es Sayid war. Leicht nickte sie, um ihm zu signalisieren, dass er bleiben durfte. Er setzte sich neben sie. Besorgt streiften seine Augen sie. Ja, er machte sich Sorgen um Laurie. Sie wirkte aufgrund des Verlustes ihres Schmuckstückes so verzweifelt.
„Vielleicht sollte ich aufgeben“, sprach Laurie in die Stille hinein. „Du bist noch am Leben. Sollte das nicht wichtiger sein als ein Schmuckstück?“ „Du hast ja Recht, Sayid, aber ... es bedeutet mir nun einmal viel.“ „Warum? Welche Geschichte verbindest du damit?“ Laurie wandte den Kopf und blickte in sein Gesicht. Neugierig, aber auch voller Verständnis beobachtete er sie. „Es war ein Geschenk.“ „Und der Mensch, der es dir schenkte, war sehr wertvoll für dich?“ „Ja. Es ist die einzige Erinnerung, die ich an ihn habe. Wenn ich das Amulett verloren habe, habe ich auch ihn endgültig verloren.“ „Das tut mir leid“, sprach er mitfühlend. Leicht legte Sayid ihr eine Hand auf den Arm, um ihr Trost zu spenden.
„Danke, Sayid“, sprach Laurie auf einmal. „Wofür?“ „Das du da bist. Es ist lange her, das jemand für mich da war, wenn es mir schlecht ging.“ „Wir sind eine Gemeinschaft. Und die funktioniert nur, wenn wir zusammen halten. Wer weiß, wie lange wir hier auf dieser Insel festsitzen“, seufzte er kopfschüttelnd. „Es wird keine Rettung kommen, oder?“ „Gib die Hoffnung nicht auf. Irgendwann kommt jemand.“ „Aber es könnte auch sein, dass wir für den Rest unseres Lebens auf dieser Insel bleiben müssen.“ „Dann sorgen wir eben dafür, dass wir hier gut zurecht kommen.“ „Verlierst du deinen Optimismus eigentlich nie?“ „Ich gebe mir Mühe, ihn zu behalten. Hattest du heute Ärger mit Sawyer?“ wechselte Sayid geschickt das Thema.
„Woher weißt du das?“ „Kate erzählte, sie hätte beobachtet, wie du in eine Diskussion mit ihm verwickelt warst. Ist er dir zu nahe getreten?“ „Das kommt darauf an, was du darunter verstehst. Er hat mein Manuskript gestohlen.“ „Dein Manuskript? Du bist Schriftstellerin?“ „Nein, Sayid, bin ich nicht. Ich habe versucht eine zu sein, bin aber gescheitert. Ich will nicht darüber sprechen, okay?“ Bittend sah sie ihn an. Die Enttäuschung über den Traum, der zu einem Alptraum für sie wurde, saß noch verdammt tief. Mit einem Nicken willigte Sayid auf ihren Wunsch ein. „Ich werde mit ihm reden. Wenn du nicht willst, das er es liest, muss er das akzeptieren. Ich hole dein Buch zurück“, versprach Sayid in der nächsten Sekunde und erhob sich, um Sawyer die Leviten zu lesen.
„Nein, Sayid“, wehrte Laurie ab und war ebenfalls ruckartig auf den Beinen. „Ich will nicht, dass du dich da einmischt. Ich kann das alleine regeln.“ „Er hat dich bestohlen. Selbst in unserer Situation ist das unangebracht.“ „Sayid“, sprach Laurie gedehnt. „Ich kann mit Sawyer umgehen, glaube mir. Ich bekomme mein Buch schon wieder. Doch das muss ich alleine klären. Wenn du mir jetzt hilfst, bin ich ein leichtes Opfer für einen Kerl wie ihn. Solche Männer fliegen ja darauf, auf jemanden loszugehen, bei dem sie glauben, sie hätten leichtes Spiel. Ich komme schon klar.“ „Bist du dir sicher?“ „Ja. Sawyer ist nicht der erste Mann dieses Schlages, mit dem ich es zu tun bekomme“, versicherte Laurie knapp.
Ernst lagen seine Augen auf Laurie. Sie wirkte fest entschlossen, sich von Sawyer nicht fertig machen zu lassen. „Ich tue es zwar ungern, aber ich lasse es dich alleine regeln. Sollte er jedoch irgend etwas tun, das dir schadet, mische ich mich dennoch ein.“ „In Ordnung. Aber lass es mich zuerst alleine versuchen.“ Laurie schenkte Sayid ein leichtes Lächeln. Sie mochte ihn und sie war froh, das er mit ihr auf dieser Insel gelandet war. Er bewies sich bereits nach der kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft als loyaler Freund. Ohne ihn, ohne seine aufmunternden Worte, würde alles für sie viel düsterer aussehen. Seine Hand streifte hauchzart ihren Arm, als er sich abwandte, und davon ging.
Lauries Blick glitt zu Sawyer hinüber, der in seinem Liegestuhl lag, und ihr Buch las. Entschlossenheit zeichnete ihr Gesicht. Es wurde Zeit, das jemand diesen äußerst unsympathischen und arroganten Kerl in seinen Hintern trat, damit er lernte, das er sich nicht alles erlauben konnte. Er hatte ihren Roman regelrecht gestohlen. Wenn er ihn schon lesen wollte, hätte er höflich fragen können. Sie hätte zwar trotzdem nein gesagt, aber man nahm sich nicht einfach Sachen, die einem nicht gehörten. Er hatte es dringend nötig, dass ihn jemand endlich einmal die Meinung sagte. Und sie war jetzt genau in der richtigen Stimmung dafür. Jetzt konnte er etwas erleben.
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Sawyer blickte unbeeindruckt von seinem Lesestoff auf, als er hörte, wie jemand neben seinem Liegestuhl stehen blieb. Abschätzend musterte er Laurie. Sie sah wütend aus. Und anscheinend war er das Ziel ihres Zornes. „Hast du deine sinnlose Suche endlich aufgegeben? Das wäre dann der wohl cleverste Einfall, den du seit dem Absturz dein eigen nennen kannst“, grinste er breit. „Gib mir mein Manuskript“, forderte sie bloß, ohne auf seinen spöttischen Kommentar einzugehen. „Ich lese es gerade. So schnell bin ich dann auch wieder nicht. Gib mir noch ein paar Tage. Dann kannst du es wiederhaben“, blockte er ab und drehte sich auf die andere Seite.
So leicht ließ sich Laurie aber nicht von ihm abschütteln. Sie ging um den Liegestuhl herum und schnappte sich Sawyers Rucksack. Sofort war er auf den Beinen und baute sich bedrohlich vor ihr auf. Mit funkelnden Augen starrte er sie an. „Was soll das?“ „Ganz einfach. Wenn du mich bestiehlst, dann nehme ich mir auch etwas, was dir gehört. Natürlich kannst du das vermeiden, indem du mir augenblicklich mein Buch aushändigst.“ „Du bist ein Feigling“, sprach Sawyer ernst. In der ersten Minute war Laurie völlig verblüfft. Was sollte das denn jetzt? Sie wollte seinen Rucksack an sich nehmen und er fing an, sie zu beleidigen?
„Ich bin feige?“ „Allerdings.“ „Gut, Sawyer, dann erkläre mir doch bitte, warum ich feige bin.“ „Du hast wahnsinnige Angst davor, das jemand dein Buch liest. Nachdem du wie eine Rakete hoch gegangen bist, als du es in meiner Hand sahst, hast du diese Meinung doch genau bestätigt. Ich werde es zuende lesen. Vielleicht verstehe ich dann, warum du Angst davor hast.“ „Und wieso interessiert dich das?“ „Es interessiert mich nicht“, gab Sawyer mit einem lockeren Schulterzucken zurück. „Es würde mir nur Vergnügen bereiten, dich damit aufzuziehen.“ „Nervensäge“, kommentierte Laurie. „Jetzt wirst du niveaulos“, merkte er an und ließ sich wieder auf seinen Liegestuhl fallen.
„Habe ich gerade richtig gehört? Ich bin niveaulos? Hast du einmal dein eigenes Verhalten unter die Lupe genommen? Du bist der arroganteste, unhöflichste und hinterhältigste Mann, der mir je begegnet ist. Kein Wunder, dass dich keiner leiden kann.“ „Tut mir ja leid, dass ich in den Augen von Sayids Schätzchen mit meinem Ach so ungehobelten Verhalten durchfalle“, spottete er mit einem breiten Grinsen. Verdutzt starrte Laurie ihn an. „Sayids Schätzchen?“ wiederholte sie skeptisch. Sawyer neigte leicht den Kopf, um ihr ins Gesicht schauen zu können, und nickte bestätigend. „Seit dem Absturz schwirrt er um dich herum, fragt dich, ob es dir gut geht, ob er dir helfen kann oder ob er sonst was für dich erledigen kann. Es überrascht mich sehr, das du nicht deinen Beschützer zu mir geschickt hast, um dein Buch zurück zu fordern. Anscheinend hast du doch so etwas wie Mut in den Knochen.“
„Mache dich nur weiter über mich lustig, Sawyer. Aber es gibt hier Menschen, die haben verdammt viel in ihrem Leben verloren. Und Sayid ist nur ein Freund.“ „Ach ja? Ihr seit wirklich ein schönes Paar. Sucht euch doch ein ungestörtes Plätzchen für euer Geflirte.“ Jetzt verschlug es Laurie wirklich die Sprache. Sayid und sie? Geflirte? „Du hast wohl einen Sonnenstich! Sag mal, spinnst du?“ „Wow, der Suchhund zeigt seine Krallen. Willst du mich kratzen?“ lachte er vergnügt. „Ich wäre für den Rücken. Dort zeichnen sich solche Kratzer besonders gut ab.“ „Wenn, dann kratze ich dir die Augen aus. Du bist unverschämt und ein gefühlloser Bastard. Weißt du was? Ersticke an dem verdammten Manuskript! Du kannst es behalten. Ich brauche es sowieso nicht mehr“, zischte Laurie sauer und stampfte davon. Hinter sich hörte sie Sawyer schallend lachen. Er empfand ihren Auftritt wohl als äußerst amüsant.
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Irritiert verfolgte Jack den Streit. Anders konnte er es nicht nennen, das Laurie Sawyer regelrecht anschrie. Was war denn jetzt los? Ein schwerer Seufzer entrang sich seiner Kehle. Gab es eigentlich keinen Tag, an dem Sawyer sich einmal, nur ein einziges Mal, zurück halten konnte? Musste er denn ständig Unruhe stiften? Jacks Blick wanderte hin und her. Er überlegte einen kurzen Moment. Er konnte zu Sawyer gehen und ihn zurechtweisen, was wenig Wirkung zeigen würde, oder er lief Laurie nach und versuchte, sie zu besänftigen. Jack entschied sich für die zweite Option und folgte der jungen Frau, die innerlich vor Wut brannte.
Laurie war in den Dschungel gelaufen. Im anfänglichen Waldstück blieb sie stehen und warf kleine Steine, die sie vom Boden aufsammelte, gegen einen Baum. Jack musste sich ducken, um von einem der Geschosse nicht getroffen zu werden. „Hey, ich bin es nur“, rief er mit erhobenen Händen. Schwach ließ Laurie ihren Arm sinken. „Entschuldige, Jack! Habe ich dich getroffen?“ „Nein, keine Sorge, ich bin nicht verletzt. Was war soeben los? Sawyer hat dich ziemlich auf die Palme gebracht. Du bist die Erste, die ihn direkt angebrüllt hat. Alle anderen schlucken ihren Ärger hinunter und gehen ihm aus dem Weg. Was hat er angestellt?“
„Er ist ein Idiot, gefühlskalt, hat kein Herz, ist arrogant und selbstverliebt. Mein Gott, wie kann ein einzelner Mensch nur so nervtötend und boshaft sein?“ „Das erklärt noch immer nicht, was er dir getan hat. Hat er dich verletzt?“ „Das ist nicht so wichtig“, wich Laurie aus. „Laurie, man hat dich über den ganzen Strand hinweg gehört. Der Baum kann nichts dafür, dass du wütend auf Sawyer bist“, merkte Jack an. „Ich bin Schriftstellerin. Er hat mein Buch und besteht darauf, es unbedingt lesen zu wollen.“ „Und das missfällt dir?“ „Ja! Es ist nicht besonders gut geworden. Sawyer wird es genauso zerreißen und sich darüber lustig machen wie der Verlag, dem ich es vorlegte. Das verkrafte ich nicht.“
„Dann solltest du auf seine Meinung keinen Wert legen. Es ist doch egal, was er darüber denkt. Und wenn du mit ihm nicht auskommst, solltest du ihm in der Zukunft aus dem Weg gehen.“ „Wenn das so einfach wäre“, seufzte Laurie kopfschüttelnd. „Versuche es einfach. Vielleicht solltest du in die Höhlen ziehen, so bekommst du ihn seltener zu Gesicht, und er kann dich nicht nerven. Sawyer wird bald ein neues Opfer gefunden haben. Je mehr Kontra du ihm gibst, desto mehr Stoff bekommt er für seine Sticheleien. Ignoriere ihn einfach. Dann wird ihm schon sehr bald langweilig werden. Wenn du auf seine Kommentare aber einsteigst, gibst du ihm nur weiterhin eine Angriffsfläche.“ „Ich weiß. Momentan bin ich wohl leicht reizbar“, gestand Laurie ein.
„Das ist der Schock. Der Absturz war ziemlich heftig und wir sitzen hier fest“, bemerkte Jack. Schwach lächelte sie. „Ja, das wird es wohl sein.“ „Kommst du mit zurück?“ „Nein. Ich will ein wenig alleine sein.“ „Sei vorsichtig“, sprach Jack mit wissendem Blick und ging langsam zum Lager zurück. Laurie setzte sich auf einen umgefallenen Baumstamm und hing ihren Gedanken nach. Wieso nahm Sawyer an, da wäre etwas zwischen Sayid und ihr? Er war nur ein guter Freund. Es war doch idiotisch, ernsthaft zu glauben, da würde sich eine ernsthafte Geschichte entwickeln. Energisch schüttelte sie den Kopf. Nein, Sawyer irrte sich einfach. Er besaß anscheinend eine sehr schlechte Menschenkenntnis.
Laurie ließ ihren Blick an den Bäumen hoch wandern. Sie war alleine. Jetzt war sie wirklich alleine. Jedoch hatte sie noch etwas zu erledigen. Sollte Sawyer doch mit ihrem Manuskript glücklich werden, sie musste sich um etwas anderes kümmern, etwas, das absolute Priorität hatte. Instinktiv glitt Lauries Hand zu ihrem Hals, doch da hing kein Amulett mehr, die Erinnerung an ihn, die Erinnerung an eine Zeit, an die einzige Zeit, in der sie wirklich glücklich gewesen war, war nun verloren. Sie würde ihren geheimen Plan zuende bringen, würde ihn mit all seinen Konsequenzen durchführen, damit sie endlich ihren Frieden fand. Jetzt musste sie nur noch ihn finden. Ja, sie wusste, er hatte den Absturz, genau wie sie, überlebt. Und er befand sich irgendwo auf dieser Insel. Laurie würde nicht eher ruhen, bevor sie ihn zur Rechenschaft gezogen hatte.
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