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Geschichte: Freie Arbeiten
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/ Himmel über Lazy Stream
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von pumuckelork
erstellt: 18.06.2006
letztes Update: 17.07.2006
Geschichte, Romanze / P12 Slash
(fertiggestellt)
Vielen dank für die reviews...
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4.
Der Mond stand hoch über Lazy Stream, nur wenige Sterne standen heute Nacht am Himmel, es war kalt und dennoch wanderte Nora, nachdem das Abendessen beendet war, ruhelos durch die dunkle Natur. Sie hatte nichts weiter bei sich, außer ihre Zigaretten und düsteren Gedanken.
Nachdem sie Booker von ihren Gefühlen zu einer Frau erzählt hat und stellenweise von dem Grund, der seinen Teil dazu beitrug, dass sie aus New York abgereist war, sprachen die beiden noch lange miteinander. Booker fragte nie, wer sie war oder woher Nora sie kannte, er wollte nur über sie reden, über ihre Gefühle, Ängste und Zweifel. Nora tat es gut, alles von sich zu geben, zu erzählen, was sie bewegte und doch fühlte sie danach noch immer diese quälende Leere in sich, dieses unerträgliche Gefühl von Einsamkeit.
Sie konnte die Ranch vor sich sehen, die wie ein rettendes Licht in der unnatürlichen Schwärze aufleuchtete. Ein leichtes lächeln stahl sich auf ihre Lippen und nachdem sie tief durchatmetet, stieg sie den schmalen Pfad zur Ranch wieder hinunter.
Als sie in die nähe des Hauses kam und die plappernden Stimmen hörte, da blickte sie plötzlich auf ihre Armbanduhr. Es war schon nach neun und noch keine Spur von Briley und Lance. Sie hatte sich am Anfang keine großen Sorgen um die beiden gemacht, doch nun, bei dieser Dunkelheit, schlich sich Unruhe ein.
Ihre Augen wanderten in der Nacht umher und sie blieben bei den Ställen hängen. Eine kleine Lampe erhellte das geöffnete Stalltor und daneben, auf einer einfachen Holzbank, saß Ray Sanderson und arbeitete an irgendetwas. Er hatte sich heute abend direkt nach dem Essen verabschiedet, um nach der Stute und ihrem Fohlen zu sehen.
Nora ging nun mit zögernden Schritten auf ihn zu. „Hey, Ray“, sagte sie lächelnd, als sie vor ihm zum stehen kam. Der Cowboy blickte unter der Krempe seines Hutes hervor und erwiderte gemächlich ihr lächeln. Nora wollte sich danach neben ihn setzten, doch spürte sie etwas kantiges unter sich. Als sie danach griff, hielt sie eine alte Bibel in den Händen. Seufzend betrachtete sie das schwarze Leder, die goldenen Buchstaben waren beinah verblasst, doch man konnte noch gut die Schrift erkennen. Schnell legte sie die Bibel zwischen sich und Ray und zündete sich eine Zigarette an, sie bot ihm ebenfalls eine an, doch er lehnte dankend ab.
„Was tun sie da?“, wollte Nora dann lächelnd wissen und blickte auf die Lederschnur und die kleinen bunten Steine die Ray darauf aufzog. „Das soll ’ne Kette für meine Enkelin werden. Sie hat bald Geburtstag“, erwiderte er voller Stolz und Nora lehnte sich verstehend zurück. „Ich wusste nicht, dass sie schon Großvater sind. Lebt ihre Familie in der Nähe?“, fragte sie dann und zog erneut tief von ihrer Zigarette. „Meine Frau und mein Sohn leben in Blue Hill, ich fahr immer im Winter zu ihnen.“
„Blue Hill? Ist ja zum Glück nicht so weit weg. Haben sie noch mehr Kinder?“ „Nein. Nur einen Sohn, John. Er hat in Blue Hill ein kleines Geschäft, einen Krämerladen, wie es früher hieß.“
„Das ist toll, freut mich für ihren Sohn. Und ihre Enkelin, wie heißt sie?“ „Lauren. Sie ist schon in der zweiten Klasse. Ein sehr neugieriges Ding.“
Nora betrachtete den grimmig aussehenden Cowboy neben sich mit einem ehrlichen lächeln. Seit sie hier war, hatte sie noch nie so viel und lange mit Ray gesprochen. Ihre anfängliche Unbehaglichkeit in seiner Nähe war rasch verschwunden und er stellte sich als ebenso nett heraus wie Hunter, auch wenn Ray Sanderson wirklich sehr viel weniger sprach, als der Vorarbeiter der Lazy Stream.
„Wie lange sind sie eigentlich schon auf der Lazy Stream Ranch, Ray?“, fragte Nora dann. Ray ruhte kurz darin die Steine aufzuziehen und blickte nachdenklich in die Dunkelheit, dann gab er ein zischendes Geräusch von sich. „In drei Tagen werden es zwei Jahre sein. Ich kam zum damaligen Frühjahrsviehtrieb hierher und bin dann bis zum Herbst geblieben. Tja, und das mach ich nun schon zwei Jahre.“
„Sie hätten es schlimmer treffen können, oder?“, scherzte Nora und Ray grinste ihr zum ersten Mal übermütig entgegen und nickte dann, bevor er wieder die Steine auf das Lederband fädelte. Nora drückte daraufhin ihre Zigarette an der Bank aus und ließ sie fallen. Ihre Augen wanderten wieder zu der Bibel und sie begann vorsichtig darin zu Blätter. Die Seiten waren ausgegilbt und teilweise eingerissen. Das Papier fühlte sich so an, als wurde es schon oft berührt und umgeblättert.
„Sind sie auch gottesfürchtig, Miss?“, wollte Ray dann wissen und Nora blickte erst schweigend auf ein ausgebleichtes Bild, dass die Kreuzigung Jesus´ zeigte. Mit einem verdrießlichen lächeln schloss sie die Bibel und legte sie wieder weg. „Seit meinem zehnten Lebensjahr war ich nicht mehr in einem Gottesdienst, es sei denn, man zählt Beerdigungen mit.“
„Also, haben sie ihr Vertrauen in Gott verloren?“ „So kann man das wohl ausdrücken, wenn Gott es für richtig hält, einem die ganze Familie zu nehmen. Na ja, vielleicht war ich aber auch nie so Gläubig, dass ich meinen Trost in seinen Worten gefunden hätte. Verzeihen sie, Ray, aber... ich kann nicht mehr an ihn glauben.“
Ray betrachtete sie eine Weile schweigend, bevor er nickte und dann wieder auf das Lederband blickte. Nora musterte ihn kurz und lehnte dann seufzend ihren Kopf an die Stallwand hinter sich. Ein Stern glimmte für einen Moment heller als die anderen auf und Nora musste lächeln. Sie wusste nicht einmal warum, aber sie fühlte sich plötzlich getröstet.
Dann ertönte das Geräusch eines Autos. Nora und Ray blickten sofort zu der dunklen Auffahrt. Helle Scheinwerfer glimmten in der Nacht auf und kurze Zeit danach fuhr der dunkelblaue Chevy vor das Ranchhaus.
Nora wünschte Ray eine gute Nacht und ging dann auf das Auto zu. Lachend stiegen Lance und Briley aus dem alten Chevy und schienen gar nicht zu bemerken, wie Nora sie durchdringend anblickte. Erst als sie ein leisen hüsteln von sich gab, drehten sich beide erschrocken zu ihr um.
„’Nabend Gentleman, schön euch noch vor dem nächsten Morgen wieder zu sehen“, sagte sie mit ernster Stimme und ging noch näher auf Lance und Briley zu. In dem Moment wurde die Fliegengittertür aufgerissen und Elaine stürmte mit sichtlich wütender Miene aus dem Haus. „Was, verdammt, geht eigentlich in deinem dummen Schädel vor, Briley! Während du dir ’nen schönen Tag gemacht hast, mussten die anderen deine Arbeit übernehmen! Ich hoffe für dich, mein Freund, dass du eine gute Begründung hast, sonst kannst du nämlich gleich deine verfluchten Klamotten packen und meine Ranch verlassen!“
Briley zuckte augenblicklich zusammen und starrte hilfesuchend von Elaine zu Nora, deren Augen regungslos auf Elaine lagen. Doch als Lance für seinen neuen Kumpel einspringen wollte, fasste sie ihm am Arm und zog ihn hinter sich. „Ich hab dir gesagt, dass Briley Lance begleitet hat, weil er sich hier nicht auskennt. Oder wolltest du allen ernstes riskieren, dass ich meinen Praktikanten durch einen dummen Unfall verliere? Ich jedenfalls nicht und ich finde es sehr nett von Briley, dass er sich hat überreden lassen, Lance zu begleiten. Er wusste, dass du so reagieren würdest und wollte erst nicht, doch Lance gab einfach keine ruhe. Er kann eine echte Nervensäge sein! Ich bin mir sicher, dass Briley die Arbeit von heute nachholen wird und dafür morgen um so härter mit anpackt.“
Nora warf Briley einen hintergründigen Blick zu, den dieser sofort verstand und er kräftig in die Richtung von Elaine nickte, ehe er sich für sein fehlen heute entschuldigte und versicherte, dass dies nie wieder vorkommen würde.
Elaine mustert Briley aber noch immer skeptisch, doch auch wenn sie Zweifel hatte, schickte sie Briley ins Haus, damit er sein verspätetes Abendessen zu sich nehmen konnte. Anschließend ging auch sie wieder zurück und Nora und Lance blieben alleine am Chevy zurück.
„Wo wart ihr nur die ganze Zeit?“, wollte Nora dann mit einem schmunzeln wissen und Lance erwiderte dies mit einem breiten grinsen. „Ich hab meine Aufgabe erledigt. Briley und ich sind zu den Bighorns gefahren, er meinte, dass man da die schönste Aussicht hat.“
„Na dann, zeig mir mal deine Bilder. Ich hoffe ehrlich, dass sich der Ärger dafür gelohnt hat“, sagte Nora belustigt.
***
Noras Zimmer war spärlich, aber bequem eingerichtet. Gegenüber der Tür war ein breites Fenster, dass nach vorne heraus ging und einen wundervollen Blick über den Fluss gewährte. Links befand sich ein dunkler, alter Kieferntisch, auf den Nora ihre komplette Kameraausrüstung aufgestellt hatte, davor stand ein einfacher Stuhl. Ihr Notebook, mit dem sie die Bilder der Speicherkarten von den Kameras abrufen konnte, stand mit geöffnetem Monitor bereit. Da sie nicht die Möglichkeit hatte eine Dunkelkammer einzurichten, war sie auf digitale Spiegelreflexkameras umgesprungen. Nora arbeitete zwar lieber mit Fotofilmen, aber sie hatte hier nicht die Möglichkeit die Bilder zu entwickeln, außerdem wäre es auch zu umständlich geworden sich eine Dunkelkammer einzurichten.
Ein ungemachtes, schmales Bett stand in der anderen Ecke, neben dem Fenster, das Kopfteil war aus Ahorn und mit Schnitzereien verziert. Am Fußende lag eine zusammengeknüllte Patchworkdecke, die bunte Vierecke besaß. Ein alter Sessel, dessen Stoff schon verblasst war und das dunkle Blau deswegen fast Grau aussah, stand unter einer Lampe, neben dem schwarzen Holzofen. Aussortierte Kleidung lag achtlos auf dem Boden, vor einer weiteren Tür, die wohl zur Schrankkammer gehörte und in der Noras Kleidung sich befand. Auf den Holzdielen lagen bunte Teppiche, die nicht wirklich in das einfache Zimmer zu passen schienen.
Lance empfand Noras Zimmer, trotz ihrer chaotischen Unordnung, im Gegenzug zu der kleinen Kammer, mit dem Doppelstockbett, dass sich er und Randy teilen mussten, als unglaublich luxuriös und geräumig.
Es war schon nach zehn, als Nora und Lance noch immer am Notebook saßen und die Bilder von seiner Kamera begutachteten. Nora prüfte jedes einzelne schweigend und mit Argusaugen, während Lance zappelig neben ihr saß und ihr bei jedem neuen Bild aufmerksam ins Gesicht blickte. Doch Nora gab keine Regung von sich, betrachtete alles mit ausgeglichener Miene, auch wenn ihr gefiel was sie sah. Lance hat bewiesen, dass er ein gutes Auge hatte und dies auch einsetzen konnte, wenn er es wirklich wollte. Sie war sich auch sicher, dass das die besten Fotos war, die sie je von ihm gesehen hatte.
Nora hatte zuerst seine Landschaftsaufnahmen, Licht- und Schattenstudien und die Akzente aufgerufen. Bilder die sie als harmonisch und ausgereift empfand. Sie zeigten nichts mehr von Lance Chaos und Unprofessionalität. Am meisten war sie von seinen Landschaftsaufnahmen angetan. Er erfasste Stimmungen und Kontraste, die dem Motiv eine Schönheit und Besonderheit verliehen. Selbst bei der Wahl seiner Formate lag er immer richtig und seine Bilder gewannen an Aussagekraft und doch überraschten einige Aufnahmen, da sie nicht in seine vorherige Bildaussage passten. Doch gerade das war es, was Nora als beachtenswert und individuell ansah. Sie war positiv überrascht, wie sie sich eingestehen musste.
Als letztes rief sie die Serie der Alltagsfotografien auf und diese empfand sie als noch gelungener als die vorherigen. Sie zeigten die Cowboys in ihrer natürlichen Umgebung, bei ihrer Arbeit oder während sie einfach nur in der Sonne saßen. Es waren auch Bilder von Booker darunter, der wie gewohnt auf der Veranda saß und seine Pfeife im Mund hatte, oder von Mrs. Lacey, die in ihrer Küche stand. Nora musste darüber schmunzeln, denn sie wusste, wie ungern Mrs. Lacey Fotografiert wird.
Es waren wunderschöne Bilder und Nora glaubte, dass Lance damit sein wirkliches Talent hervorgelockt hatte. Er hatte damit gezeigt, was er wirklich konnte und sie hoffte, dass er sein Level auch halten würde, denn mit diesem Gespür würde er sich einen Namen machen können.
Das letzte Bild, dass Nora aufrief, war ein Foto von Elaines Profil. Ihren schwarzen Hut hatte sie tief in den Nacken geschoben, eine braune Strähne war ihr aus dem Zopf gerutscht und hatte sich um ihren Hals gelegt. Elaines helle Augen lagen strahlend und mit einem amüsierten Funkeln auf etwas und um ihre Lippen lag ein kleines schmunzeln. Nora konnte selbst durch das Bild ihre unglaubliche Ausstrahlung spüren und sie ertappte sich, wie sie leicht lächelte.
Mit einem leisen räuspern riss sie sich von dem Anblick los und lehnte sich schließlich mit regloser Miene in den einfachen Holzstuhl zurück. Lance Augen lagen dabei hoffend und konzentriert auf ihr. „Lance, was soll ich sagen“, begann Nora gedehnt und ihr Praktikant ließ augenblicklich den Kopf hängen. „Ich glaube, dass du dich mit diesen Bildern selbst übertroffen hast. Schon lange hab ich nicht mehr so was gutes – ach, was sag ich, hervorragendes von dir gesehen!“ „Das heißt also, dass sie dir gefallen?“, wollte Lance mit großen bangenden Augen wissen und Nora nickte nur mild.
Daraufhin lachte Lance ehrlich und begann aufgedreht im Zimmer umherzutanzen, doch Nora brachte ihn mahnend wieder zur Vernunft. „Schon gut, krieg dich wieder ein! Das macht dich noch lange nicht zu ’nem Künstler, doch bist du auf dem besten Weg dahin. Nur musst du deine Begabung halten. Wenn du jetzt wieder nachlässt, dann wirst du nie Professionell werden können. Dann bist du einfach nur ein begabter Lichtbildner und das willst weder du, noch ich. Du hast Talent, doch du musst dich zusammenreißen! Versprich es mir, Lance, oder ich jag dich bei der nächsten Nachlässigkeit zum Teufel und dann wirst du nie dein Talent voll ausschöpfen können. Und ich verliere einen begabten Praktikanten.“
Nora grinste Lance breit an und dieser viel ihr überschwänglich in die Arme, bevor er ihr Bekräftigte und beteuerte, nie wieder gedankenlos und unkonzentriert zu sein.
Sie sprachen danach noch eine Weile über Lances Bilder und seine Motivation dazu, doch Nora schickte ihn auch bald in sein Bett. Sie konnte sehen, dass er erschöpft war.
Nachdem sie dann wieder die Ruhe und Einsamkeit ihres Zimmers hatte, konnte sie sich nicht länger zurückhalten und öffnete wiederholt das Bild von Elaine. Sie war von dem Porträt nicht fasziniert wegen Lances Talent, sondern wegen seiner Motivwahl. Elaines Stimmung, ihr leichtes Lachen und das strahlen ihres Gesichtes schienen das gesamte Bild zu beherrschen und erst seine Schönheit auszumachen.
Mit einem freudlosen lächeln zeichnete sie sacht die gerade Nase und die Lippen nach. Sie erinnerte sich noch gut an die Weichheit und Zärtlichkeit dieser Lippen, ebenso an ihre Leidenschaft. Es waren Jahre her, doch Nora hatte keinen Augenblick vergessen, konnte sich noch immer an jene empfindlichen stellen von Elaines Körper erinnern. Sie konnte sogar fast jeden Leberfleck benennen. Doch im Moment hatte sie nichts weiter als diese Erinnerungen und so würde es wohl auch bleiben.
Ein leises Klopfen riss sie aus ihrer Haltung und abrupt blickte sie zur Tür, die nun vorsichtig geöffnet wurde und Elaine ihren braunen Schopf hineinsteckte. Ein entschuldigendes grinsen umspielte dabei ihre Lippen und Nora erwiderte es grundlos.
„Ich hab Lance grad unten getroffen und dachte mir, dass du nun vielleicht Lust auf ein Bier hättest“, mit diesen Worten hielt sie zwei Bierflaschen hoch und kam langsam auf Nora zu, die ihr nur dankbar und begeistert entgegennickte. Elaine reichte ihr lächelnd eine Flasche und warf dabei einen Blick auf den noch immer geöffneten Monitor des Notebooks. Ihr Bild füllte den gesamten Bildschirm aus, doch Elaine lächelte nur.
„Und? Sind seine Bilder wenigstens zu was zu gebrauchen?“, wollte sie dann wissen und nahm einen kräftigen Schluck von ihrem eigenen Bier. Nora löste gerade die Flasche von ihren Lippen und nickte ihr dabei energisch entgegen. „Es sind die besten Fotografien die er je abgeliefert hat. Wenn er weiter so macht, dann läuft er mir den Rang ab.“
Elaine lachte leicht über diese Worte und blickte dann über Noras eigene Kameras, die den meisten Platz auf dem Tisch einnahmen. Für sie war all das nur technischer Schnickschnack, sie verstand nicht einmal die Hälfte von Belichtung, Kontrasten, Aufnahmeformaten, Schärfentiefe oder stürzenden Linien. Doch war sie fasziniert davon, wie man aus den einfachsten Motiven kleine Kunstwerke erschaffen konnte und sie wusste, dass Nora darin eine wahre Koryphäe war. Sie hatte Bilder von ihr gesehen, die ihr Gänsehaut bereiteten oder die ihr die Tränen in die Augen jagten, aber auch die sie schmunzeln ließen.
„Willst du sie dir ansehen?“, fragte Nora dann nach und stand sofort vom Stuhl auf, um Elaine diesen anzubieten. Diese setzte sich mit einem neugierigen lächeln und stellte dann ihr Bier neben das Notebook ab.
Nora setzte sich auf die Kante des Tisches und zeigte Elaine jedes einzelne Bild, dass Lance aufgenommen hatte. Manchmal sprachen sie über das Foto oder Elaine stellte eine Frage zur Aufnahme, die ihr Nora nur zu gerne beantwortete, doch ansonsten schwiegen sie und betrachteten die Fotografien.
„Und was ist nun der Unterschied zwischen den Kameras, die du hier zu liegen hast?“, wollte Elaine wissen, nachdem sie die Bilder zuende angesehen hatten und lehnte sich in dem Stuhl zurück. Nora lächelte erst und warf dann einen huschenden Blick auf ihre drei Kameras. „Den Unterschied zu erklären, würde wohl bis morgen Früh dauern. Doch im eigentlichen Sinne unterscheiden sie sich nur in ihrer Funktion. Diese benutze ich für bewegte Motive, also alles was dynamisch ist – so wie die Rodeos. Diese für Innenaufnahmen und die für draußen. Ich könnte auch für alles eine Kamera nehmen, müsste dann aber immer wieder die Funktionen umstellen und so hab ich’s in der Kamera gespeichert, muss mir nur noch ein passendes Motiv suchen und abdrücken.“
„Da bleib ich doch lieber bei meinen Rindern“, schnaubte Elaine neckend und trank von ihrem Bier. Nora lachte leicht und tat es ihr nach. Dann wanderten Elaines Augen wieder zum Monitor auf dem erneut ihr Profilbild zu sehen war. „Ich hab nicht einmal mitbekommen, wie er mich geknipst hat“, sagte sie dann nachdenklich und schüttelte den Kopf, bevor sie die Flasche wiederholt an ihre Lippen führte.
„Tja, dass macht auch einen guten Fotografen aus, dass seine Motive nicht in ihrem Tun gestört werden und er so eine unaffektierte und natürliche Atmosphäre einfangen kann“, erklärte Nora mit gespielt übertriebenem Fachwissen und worauf Elaine sie nur schweigend und mit einem spöttischen Funkeln aus den Augenwinkeln ansah. „Aber lass mal, du bist nicht die einzige, die er erwischt hat.“
Daraufhin beugte sich Nora über das Notebook, um an die Maus heranzukommen. Während sie nach einem bestimmten Bild von Mrs. Lacey suchte, betrachtete Elaine ihre Gestallt mit einem leichten lächeln. Nora musste sich halb über Elaine beugen um an die Maus heranzukommen und die nutze dies aus, um ihre Augen über Noras schmalen Rücken und festen Hintern wandern zu lassen.
Es war wie damals, als dies eine Art Spiel war. Wo Berührungen erhofft wurden, aber sie nicht wussten, wann sie geschehen würden und wo bei jeder unbedachten Berührung ein Kribbeln durch ihre Körper jagte. Doch nun, und dies wusste Elaine genau, war Noras Nähe nicht aus absichtlichen Gründen, sie verschwendete wohl nicht einmal einen Gedanken daran, dass sie Elaine so nah war, wie schon lange nicht mehr.
Jedoch Elaine konnte dies nicht mehr verdrängen, sie hatte sich gegen ihre Empfindungen gewehrt, wollte nicht zulassen, dass dieses Verlangen erneut in ihr entflammt wird und nun, durch eine unbedachte Geste brandete all das wieder in ihr auf. Und sie konnte sich nicht zurückhalten, wollte es auch nicht.
Ohne darüber nachzudenken, stellte sie das Bier ab und ihre Finger suchten sich einen Weg über Noras Oberschenkel zu ihrem Gesäß, um dort leichte Bahnen zu ziehen und dann ihre Erkundung über ihren Rücken zu machen. Nora war erstarrt in ihren Bewegungen blickte mit einem Ausdruck von Unglauben und Aufruhr auf ihr Notebook, bevor sie sich endlich losreißen konnte und abrupt in Elaines Augen blickte.
Elaines Finger wanderten nun über Noras Arm hinunter zum Ellbogen und umkreisten dort die zarte Haut. Nora zögerte nun nicht mehr länger und setzte sich rittlings auf Elaines Schoß, die senkte für ein paar Sekunden verunsichert den Blick, doch dann lächelte sie schweigend zu Nora auf.
Die Hand von Nora legte sich behutsam auf Elaines Wange und hätte Nora nicht sofort die Wärme von ihrer Haut unter ihren Fingern gefühlt, hätte sie wohl ihre Hand wieder zurückgezogen. Doch so spürte sie ihre Wärme und Zartheit und die Welt schien still zu stehen.
Elaine betrachtete ihre hellen grauen Augen, die sie erstaunt und mit gleichermaßen grenzenloser Tiefe ansahen. Sie erbebte unter dieser sachten Berührung und forschte augenblicklich in ihrem inneren nach einem Gefühl des Bedenkens, doch nichts dergleichen spürte sie. Sie fühlte sich nur ausgefüllt und geborgen. Elaine hob ihre Hand und bedeckte damit Noras Finger. Sanft nahm sie ihre Hand und führte sie zu ihren Lippen, als gestatte sie ihr damit ihre Berührungen zu zulassen.
Nora betrachtete sie, ein Schauer der Glückseligkeit überlief sie, als sie tief Luft holte. Sie streckte ihre andere Hand aus und strich Elaine über das Gesicht, behutsam und zärtlich streichelten ihre Finger von der Stirn zu ihrem weichen Haar. Sie fühlte wie Elaines Finger die Unterseite ihres Armes berührten.
Elaine schloss die Augen und ließ zu, dass Noras Finger behutsam eine Spur von ihrer Stirn bis hinunter zu ihren Mundwinkel zogen. Als Noras Finger ihre Lippen erreichten, öffnete Elaine diese und ließ sie zärtlich ihre Ränder erforschen.
Nora fürchtete sich, wenn Elaine die Augen öffnete, Zweifel oder Zurückhaltung in ihren blauen Augen zu erkennen, doch als ihre Lider dann aufschnappten, fand sie nur Neugierde und Verlangen in ihnen. Ein Verlangen, dass ebenso leicht zu entziffern war, wie das ihre. Ihre Hände umfassten ihren schmalen Hals und glitten über Elaines Schlüsselbein hinunter zu ihren Oberarmen. Über Elaines Haut ging ein Beben, dass sie alles andere vergessen ließ. Sie fuhr mit beiden Händen in Noras Haar, zog ihren Kopf sanft zu sich herunter.
Kurz bevor sich ihre Münder trafen, überfiel Elaine ein plötzliches Bedürfnis sich bei Nora zu entschuldigen, dass was sich anbahnte abzubrechen, denn dies war nicht das, was sie gewollt hatte. Nora schien diesen Funken zu bemerken, doch eine winzige Bewegung ihrer Lippen gebot ihr zu schweigen.
Als sie sich küssten, hatte Elaine endlich wieder den Eindruck vollständig zu sein. Noras bekannter Geschmack und das Gefühl ihrer weichen Lippen, war ihr so vertraut wie kein anderes.
Während ihres Kusses, nach dem Nora sich in ihren Träumen gesehnt hatte und nie für möglich hielt, dass dies auch wieder in der Wirklichkeit geschehen könnte, fragte sie sich plötzlich, ob Elaine dies auch für richtig hielt? Sie empfand es nicht als falsch oder richtig, diese beiden Wörter existierten im Moment nicht für sie, doch sie sorgte sich, dass Elaine genau diese Bedeutungen ergründete und nicht auf das Gefühl achtete, dass ihr Kuss hervorlockte.
Elaine wandte in dem Moment den Kopf und ließ schwer atmend von ihr ab, als erschreckte es sie, ihrem eigenen Verlangen und Wünschen nachgegeben zu haben und dies zu zulassen, wohin es führen würde. Sie hatte den Kopf gesenkt, damit Nora nicht ihr Gesicht sah.
Diese hauchte ihr einen Kuss auf das Haupt und löste sich dann ganz von ihr. Mit erhitzter Miene lehnte sie sich an den Tisch und blickte noch immer schweigend auf Elaine nieder, die es nicht wagte sie anzusehen.
„Ich geh lieber in mein Zimmer“, flüsterte Elaine dann mit belegter Stimme und versuchte ihr Haar zu ordnen. Nora nickte nur schweigend und blickte dann auf ihre Finger nieder. Elaine stand auf und ging an ihr vorbei zur Tür. „Wir sind nur zwei Menschen, Elaine“, sagte Nora in die bedrückende Stille ihres Zimmers hinein und Elaine verharrte, mit der Hand am Knauf der Tür. „Zwei, für die es zu spät ist“, erwiderte sie leise und öffnete die Tür.
Nora verharrte noch immer am Tisch, als die sachten Schritte von Elaines Stiefel über den Flur halten und dann verstummten. Mit einem tiefen seufzen vergrub sie ihre Finger tief in ihren Haaren und ging dann zu dem Fenster hinüber.
Sie verstand Elaines letzte Worte nicht und wenn es wirklich stimmte, dann würde sie einen Dreck tun und sie auch noch bestätigen. Nora konnte einfach nicht akzeptieren, dass es so war. Sie hatte Elaine so lange entbehren müssen, konnte so lange nur von Erinnerungen leben und nun spürte sie wieder ihre Lippen auf ihre, sie würde nun ganz sicher nicht einfach so vergessen. Nun nicht mehr.
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