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Geschichte: Freie Arbeiten
/ Prosa
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/ Himmel über Lazy Stream
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von pumuckelork
erstellt: 18.06.2006
letztes Update: 17.07.2006
Geschichte, Romanze / P12 Slash
(fertiggestellt)
3.
Der Morgen rückte schneller näher, als es Nora lieb war und sie musste sich eingestehen, dass sie es keineswegs mehr gewöhnt war, zu solch frühen Morgenstunden aufzustehen. Sie war zwar nie ein Langschläfer geworden, aber die beklemmende kälte und das unbehagliche Gefühl, dass in ihrer Bauchgegend rumorte, veranlassten sie lieber im Bett bleiben zu wollen.
Doch sie hatte keine Chance gegen Mrs. Laceys Hartnäckigkeit und als sie eine viertel Stunde nach sechs, noch immer kein waches Lebenszeichen von sich gegeben hatte, da zögerte Mrs. Lacey nicht mehr länger und stürmte fröhlich strahlend und plappernd in ihr Zimmer, um die Vorhänge und anschließend das Fenster aufzureißen.
Nora vergrub sich grummelnd und knurrend unter ihre kuschelig warme Decke, doch das hielt die Haushälterin ebenso wenig ab und mit einem kräftigen Ruck lag Nora leicht perplex und keineswegs begeistert, ohne warme Decke im Bett.
Daraufhin warf sie Mrs. Lacey einen bitterbösen Blick zu, den diese heiter und gutgelaunt aufnahm und dann wieder aus Noras, mittlerweile, kaltem Zimmer huschte. Nun blieb ihr nichts anderes mehr übrig, außer aufzustehen und es mit dem eiskalten Wasser aufzunehmen. In dem Moment, wo die ersten Spritzer frischen Wassers ihr Gesicht berührten, sehnte sie sich wenigstens nach dieser Vornehmlichkeit New Yorks. Doch dies war schnell vergessen. Durch die Belebung des Wassers, wurden auch Noras Lebensgeister wieder erweckt und mit einer nun munteren Laune beendete sie ihren morgendlichen Besuch im Bad, um sich anschließend anzuziehen und zum Frühstück zu erscheinen.
Die Cowboys saßen bereits an ihren Plätzen am Tisch und nippten, sich miteinander unterhaltend, von ihren dampfenden Kaffee. Nora erinnerte sich noch gut, dass die Cowboys die ersten auf der Ranch waren, die aufstanden um sich um die Pferde und Bullen zu kümmern. Sie dachte nur ungern daran, dass diese bereits um halb sechs wach waren und ihre Arbeit nachgingen.
Nun, als sie sich auf ihren Stuhl setzte und genüsslich an dem starken Kaffee roch, schielte sie zu Randy und Lance, die verschlafen und mundfaul dasaßen und eine Tasse nach der anderen tranken, um wenigstens einigermaßen wach zu werden.
Booker und Mrs. Lacey kamen beladen mit Eiern und Speck in den Speiseraum und Mrs. Lacey tat jeden der Anwesenden eine reichhaltige Portion auf den Teller. Noras Augen wanderten währenddessen zu Elaines Platz am Kopfende, doch ihr Stuhl war leer. Verwundert suchte sie die Augen von Booker, der gerade einen kräftigen Schluck Kaffee nahm.
„Booker, wo ist Elaine? Sie wird doch wohl nicht so beschäftigt sein, dass sie das Frühstück verpasst.“ „Oh nein, Missy, sie wird sicher gleich kommen. Sie wollte nur vorher noch zu eine der Stuten, die vor wenigen Tagen gefohlt hatte. Es gab bei der Geburt Komplikationen und nun muss auf das Fohlen und Muttertier geachtet werden.“
Nora gab ein verstehendes Geräusch von sich und begann dann, ebenso wie die anderen, schon mit dem frühstücken. Wenige Minuten danach kam Elaine ebenfalls und entschuldigte sich aufrichtig bei Mrs. Lacey, dass es so lange gedauert hatte.
Nora bemerkte während des Essens, dass Elaine es vermied sie anzusehen, sie sprach nicht einmal mit ihr. Wenn sich Nora an sie wandte, um mit ihr zu reden oder sie etwas fragen wollte, dann begann Elaine schnell ein Gespräch mit einen ihrer Cowboys. Nora durchschaute natürlich diese Absicht und nach kurzer Zeit ließ sie Elaine ihren Willen und aß schweigend von ihren Eiern.
Mrs. Lacey bemerkte ebenso die gespannte Stimmung zwischen Elaine und Nora, jedoch hatte sie nicht vor, sich in die Gefühlswelten der beiden einzumischen. Das war eine Sache, die sie selber zu klären hatten und jede weitere, egal ob willkommene oder störende Einmischung, wäre nur hinderlich für ein erleichterndes Gespräch der beiden.
Nachdem das Frühstück beendet war, verschwand ein Cowboy nach dem anderen aus dem Haus. Mrs. Lacey war schon wieder damit beschäftigt, in ihrem Haushalt für Ordnung zu schaffen und Nora und ihre beiden Stadtmänner verharrten noch immer bei ihrem erweckenden Kaffee.
Elaine hatte sich frühzeitig entschuldigt und war sogar noch vor den Cowboys aus dem Haus verschwunden. Nora hatte es aufgeben über ihre Beweggründe nachzudenken. Sie konnte ohnehin erraten, weswegen sie sich so albern benahm.
Lance und Randy verließen ebenso den Frühstückstisch und so blieb Nora alleine mit Booker an dem großen ovalen Tisch sitzen. Stille herrschte im Haus, die aber belastend und unangenehm war und Nora fragte sich wiederholt, ob es falsch gewesen war, zur Lazy Stream zu kommen.
„Sie war lange Zeit sehr schweigsam und unzugänglich. Dich nun wieder hier zu haben, von einem Tag zum anderen, ist wohl etwas merkwürdig für sie. Doch Elaine wird sich auch wieder daran gewöhnen und dann wird’s besser werden“, sagte Booker in diese unbehagliche Stille hinein und Nora sah ihn zweifelnd an. Sie glaubte nicht daran, dass sich Elaine in irgendeiner Weise an ihre Gegenwart gewöhnen wollte, denn sie wollte sie nicht hier haben, weil sie Elaine an all das erinnerte, was sie geteilt und gefühlt haben. Nora glaubte wirklich, dass es egoistisch war, einfach hierher gekommen zu sein.
„Du weißt, dass Elaine das nicht wird. Sie wird es vielleicht hinnehmen und nichts dazu sagen, aber sie wird sich nicht daran gewöhnen. So was hat sie noch nie, sie ist nicht der Typ dafür und ich muss damit zurechtkommen, nicht sie. Ihr ist es gleichgültig, ob ich hier bin oder nicht! Genauso gut hätte ich in New York bleiben können. Sie wird mir aus den Weg gehen, nicht mit mir reden und so tun, als wäre ich gar nicht anwesend und ich werde es sein, die sich schlecht fühlt! So was kann sie gut. Sie tut immer so, als würde es sie nicht betreffen, als würde es sie nichts angehen und überlässt andere ihrem schlechten Gewissen und ihren Selbstzweifeln! Sie will nie zuviel an sich heranlassen.“
Nora sprang aufgebracht auf und schnappte sich ihren Hut, den sie auf die Lehne der Couch gelegt hatte. Booker hatte nicht einmal die Chance ihr zu widersprechen, er war sich auch sicher, dass Nora ihm ohnehin nicht zugehört hätte. Sie konnte ein wirklich dickköpfiges Persönchen sein.
Als Nora aus dem Haus trat, atmete sie ausgiebig die erfrischende Luft ein. Es war noch etwas kühl, doch genau das vertrieb ihre angestaute Wut und sie konnte wieder einen klaren Gedanken fassen. Nachdem sie ihren Frust bekämpft hatte, setzte sie ihren Hut auf und ging Richtung Ställe.
Sie hatte gerade die Koppeln der Pferde erreicht, als Lance, Randy und Larry auf sie zukamen, alle drei hielten ein Lasso in Händen. Lance versuchte ebenso lässig wie Larry sich die festen Lederhandschuhe in die Gesäßtasche seiner Jeans zu stecken, während Randy es vorzog die warmen Handschuhe bereits anzuziehen. Als alle vier auf Augenhöhe waren blieben Lance und Randy stehen, während Larry sagte, dass er bereits zum westlichen Korral ging.
„Was habt ihr vor?“, wollte Nora dann wissen und musterte lächelnd Lance ungeschickten Versuch wie ein echter Cowboy auszusehen, wobei er das Lasso versuchte zwanglos über seine Schulter zu hängen und sich dabei andauernd verhedderte. „Larry will uns zeigen, wie man mit dem Lasso umgeht“, gab Lance dann mit einer Spur von Aufregung von sich. Doch Nora erwiderte sein Ungestüm nicht, sondern seufzte nur leise und schabte dann mit der spitze ihres Stiefels im staubigen Boden.
„Nicht für dich heute“, sagte sie dann achtsam und sah Lance direkt in sein erstauntes Gesicht. „Du wirst dir jetzt deine Kamera schnappen, dir ein Weitwinkel- und 28-77 mm Objektiv einpacken und deine heutige Aufgabe erledigen. Du bist hier, um deine Fotografie und deine Technik zu verbessern, sowie dein künstlerisches Auge und Gespür. Larry kann dir auch noch morgen zeigen, wie du mit dem Lasso umzugehen hast.“
„Ich weiß. Aber was soll ich hier schon Fotografieren können, Nora? Ich hab angenommen, dass ich das erst bei den Rodeos machen soll“, protestierte er schließlich und Nora verlor so langsam ihr ruhiges Gemüt. Etwas das auch Randy bemerkte und mit Erstaunen wahrnahm.
„Nein, die Rodeos sind mein Projekt, du sollst erst einmal beweisen, dass du mehr kannst, als nur große Töne zu spucken! Wenn mir deine Bilder gefallen, können wir noch mal über das Rodeo reden“, fuhr sie Lance schärfer an als sie beabsichtigte und dieser gab nur ein aufgebrachtes schnauben von sich, bevor er Nora erwartend anblickte. Doch keinerlei Bereitwilligkeit konnte sie in seinen Zügen lesen.
„Gut. Ich möchte von dir fünf Landschaftsaufnahmen, vier Licht- und Schattenstudien, drei – nein, sagen wir, zwei Akzente sehen. Überrasch mich dabei einfach, lass dir was gutes Einfallen. Und eine gesamte Alltagsstrecke. Nichts gestelltes, alles soll normal und wie selbstverständlich aussehen.“
„Da bin ich den ganzen Tag mit beschäftigt“, kritisierte Lance wiederholt und nun war Noras Geduld entgültig am Ende, mit einem übellaunigen Blick brachte sie ihn zum schweigen. „Dann solltest du hier nicht weiter mit mir diskutieren, sondern loslegen und das morgendliche Licht ausnutzen“, riet sie ihm mit einem warnenden Unterton in der Stimme, den Lance zwar reizte, er aber von Randy beruhigt wurde, der ihn an der Schulter packte und zum Haus zurückführte.
Nora blieb sich selbstverfluchend stehen und stemmte dann schnaubend die Hände in die Hüften. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Sicher, Lance war hier um zu lernen und sie wollte schließlich Fortschritte von ihm sehen, doch hätte sie ihm all das nicht vernünftiger beibringen können?
„Du bist sehr streng mit ihm. Warum?“ Nora schloss bei Elaines Stimme die Augen und sah sie dann gequält lächelnd an. Dies war so typisch für sie. Erst ignorierte sie jemanden völlig und dann tat sie so, als wäre nie etwas gewesen. Doch hier ging es gerade nicht um sie beide, also versuchte sie beharrlich ihre Verstimmung zu verdrängen.
„Lance ist ein unglaubliches Talent, er kann es wirklich zu was bringen, aber das Problem bei ihm ist, dass er das auch weiß. Er sieht alles als selbstverständlich an und hat keinen Funken von Disziplin in sich. Er muss lernen, dass ihm nicht alles zufällt, dass er auch für seine Projekte und den verbundenen Erfolg arbeiten muss. Ich hab grandiose Bilder von ihm sehen können, die Fingerspitzengefühl und Talent zeigten, aber ich hab auch mindere Schnappschüsse eines Touristen gesehen. Er muss sein Level halten, sonst wird er nie ein guter Fotograf werden können“, erklärte Nora schließlich und Elaine nickte ihr schweigend entgegen. Dann setzte sie ihren Hut richtig auf und wickelte, während sie zu Nora blickte, dass Lasso knirschend um ihre Hand. „Dann solltest du ihm das sagen, was du mir gerade gesagt hast. Ihn mit Strafarbeiten zu versehen, wird wohl nichts bringen. Damit weckst du nur seinen Trotz.“
„Es ist schwer, Lance derartiges klar zumachen. Meistens hört er nur das, was er hören will“, lächelte Nora und steckte ihre Hände in die Jeanstaschen. Elaine erwiderte ihr lächeln und sah dann zu den Ställen. „Ich wollt gerade die Zäune auf den oberen Weiden abreiten, um zu sehen, ob sie repariert werden müssen. Hast du Lust, mich zu begleiten? Dann kannst du auch gleich testen, wie sattelfest du noch bist“, schlug Elaine zögernd vor.
Nora jedoch sah erst mit einem unschlüssigen Blick zu den Ställen und dann wieder zu Elaine. Vielleicht würde es ihnen gut tun, wenn sie mal eine Weile alleine wären. Sie müssten ja nicht miteinander reden, zumindest nicht über das Thema, dass Elaine entschlossen vermeiden wollte, aber sie könnten Zeit teilen. Mit einem leichten Nicken und zustimmenden Blick gab Nora zu verstehen, dass ihr das Gefallen würde.
***
Die Pferde überquerten die Furt des Flusses. Kalte Spritzer des Wassers schnellten empor und benetzten den Bauch der Tiere. Als sie sich der Weide näherten, wich den beiden Reitern das Vieh gemächlich aus. Wenige Wolken zogen über sie hinweg und malten dunkle Schatten auf den grünen Wiesen.
Elaine ritt eine Weile hinter Nora und betrachtete ihr ihm Wind wehendes rotbraunes Haar. Sie war schon lange nicht mehr geritten, dass erkannte sie schnell. Doch Nora fand rasch ihren Rhythmus wieder, verschmolz beinah mit dem Pferd.
Elaine betrachtete sie, als sie den Rücken der schwarzen Angus Kühe vom Pferd aus streichelte. Wie ihre helle, fast blasse Hand, über das dunkle Fell des Viehs strich und wie glücklich und zufrieden sie dabei aussah. Ihre Augen leuchteten beinah übernatürlich, wenn sie eines der Kälber erblickte und dieses dann neugierig und vorwitzig zu ihr kam. Doch sie stieg nie aus dem Sattel, betrachtete und streichelte die mutigen Kälber und Muttertiere vom Rücken des Pferdes aus. Als die Herde immer weiter von ihnen entfernt war, ritt Elaine längsseits neben Nora und so ritten sie zusammen und sprachen kein Wort.
Sie ritten auf einen langen, mit Kiefern bewachsenen Hügel zu, jedoch war der Weg durch einen anderthalb Meter hohen Stacheldrahtzaun abgesperrt. Man konnte von hier aus schon den Felsvorsprung erahnen, der einen Blick auf den Fluss und das Tal ermöglichte, in der Lazy Stream friedlich lag.
Elaine stieg von ihrem Pferd ab und zog sich die festen Handschuhe an, während Nora noch immer im Sattel verharrte und ihre Augen über das Land streiften. „Es ist wunderschön hier“, sagte sie schließlich und lehnte sich seufzend auf das Horn am Sattel. Elaine warf ihr einen schweigenden, aber zustimmenden Blick zu und ging dann zu dem Zaun hinüber.
Nora tat es ihr nach und stellte sich dann neben sie, während auch sie die Handschuhe überstreifte und kritisch den Stacheldraht begutachtete.
„Du hast nichts verlernt“, sagte Elaine plötzlich und knappste das Ende eines durchgerissenen Stacheldrahtes mit der Zange ab. Nora half ihr mit einem lächeln die nun lose Abzäunung straff zu ziehen. „Tja, es ist wie Fahrrad fahren, dass verlernt man auch nicht. Außerdem, bei einem Pferd wie Bronco kann man nur gut aufgehoben sein.“
Elaine sah sie schweigend und betrachtend an, bevor auch sie lächelte und den Stacheldraht mit aller Gewalt wieder an den Zwischenpfosten anbrachte. Nora richtete sich wieder auf und nahm kurzzeitig den Hut vom Kopf, um ihre Haare aus dem Nacken zu wischen. Elaine prüfte inzwischen noch einmal die Straffheit des Zaunes und blickte sich dann um. Sie entdeckte noch mehr stellen der Abzäunung, die erneuert werden müssten, aber dafür bräuchten sie komplett neuen Stacheldraht.
Auch Nora erkannte dies und setzte mit einem abwägenden Blick ihren Hut wieder auf. „Vielleicht sollte eine von uns runter Reiten und dann mit Draht und einen der Arbeiter wiederkommen. Sonst bringt das hier nicht wirklich was.“
„Nein, schon gut. Hunter reitet heute Nachmittag ohnehin noch mal hier rauf, dann sag ich ihm einfach, dass er die Zäune erneuern muss. Dann kann er auch Casey und Briley mitnehmen.“
Nora nickte nur schweigend und setzte sich dann im Schatten nieder. Während ihre Augen auf der Herde ruhten, zupfte sie immer wieder kleine saftige Grashalme aus der Erde und warf sie achtlos neben sich. Elaine sah sie schweigend aus den Augenwinkeln an und verstaute dann ihr Werkzeug wieder in der Satteltasche ihres Pferdes. Ihre falbenfarbene Stute gab ein prustendes Geräusch von sich und Elaine gab ihr lächelnd einen Klaps, so dass sie sich zum dunkelbraunen Hengst von Nora gesellte.
Dann setzte auch sie sich in den Schatten, achtete jedoch darauf, sich nicht zu nah neben Nora zu setzen. Beide Frauen schwiegen noch immer und selbst als Elaine sich eine Zigarette ansteckte und Nora ebenso eine reichte, bestand ihre Unterhaltung aus Blicken und Gesten.
Nora blies seufzend den Rauch aus ihrer Nase und sah dann auf ihre Hände nieder, die winzige roten Striemen vom Stacheldraht aufwiesen. Mit einem lächeln strich sie darüber. Sie hatte nicht einmal bemerkt, wie der Druck des Drahtes durch die Lederhandschuhe gedrungen war.
„Hast du dich verletzt?“, wollte Elaine dann plötzlich wissen und Nora zuckte beinah zusammen. Sie wandte ihr Gesicht zu Elaine und hielt dann ihre Handflächen nach oben, so dass Elaine die Striemen erkennen konnte. „Ich bin wohl doch keine harte Arbeit mehr gewöhnt.“
Elaine lächelte nur über ihre Worte und zeigte Nora dann ihre linke Hand, auf der die selben roten Abdrücke zu erkennen waren. „Das hat damit nichts zu tun. Dieses Zeug ist einfach zu unnachgiebig.“
„Dann tausch es doch einfach aus. Die Weiden hier müssen nur vor wilden Tieren und den Rindern selber geschützt werden. Vielleicht wär da ja ein Elektronischer Zaun ehr angebracht. Dann müsst ihr euch auch keine Gedanken mehr darum machen, dass die Rinder die Zäune durchbrechen und dann im Wald umherspazieren.“
„Ich hab darüber auch schon nachgedacht, aber immer wieder kam was dazwischen. Vielleicht wäre es wirklich Zeit dafür.“
Elaine lächelte kurz zu Nora und wandte dann wieder ihr Gesicht ab, um einen kräftigen Zug von ihrer Zigarette zu nehmen. Danach schwiegen beide Frauen wieder beharrlich. Doch Nora musste sich eingestehen, dass es keine unangenehme und bedrückende Stille war, sondern es fühlte sich gut an. Sie hatte auch nicht das Bedürfnis danach, großartig etwas sagen zu wollen oder zu müssen. Sie sprachen, wenn es etwas zu sagen gab und ansonsten, saßen sie schweigsam beisammen, rauchten und betrachteten die Mutterkühe mit ihren Kälbern.
Als die Sonne immer höher schien, entschieden die beiden zurück zur Ranch zu Reiten. Auch wenn der Frühling noch nicht ganz angebrochen war, konnte es in den höheren Landstrichen schon sehr heiß werden. Und so machten sie sich ebenso schweigend wieder auf den Weg ins Tal.
Als sie wieder die Ranch erreichten, befand sich Hunter gerade mit einem der Jungpferde im vordersten Korral, der etwa dreißig Schritt im Durchmesser groß war. Gerade richtig um mit den Jungpferden am Anfang arbeiten zu können. Er scheuchte das schwarz-braun gefleckte Tier beharrlich seine Runden, wechselten abrupt in einem langsamen Trapp oder verlangte von ihm einen schnellen Galopp. Die beiden Frauen banden ihre Pferd an einen Zaunstück der Koppel bei den Ställen fest und gingen dann zu ihm hinüber.
Casey war auf die Eisenstangen des Korrals geklettert und begutachtete mit fachkundigem Blick, die Beinarbeit und Schnelligkeit des Pferdes. Auch Elaine und Nora betrachteten eine Weile schweigend die Arbeit von Hunter.
„Wie macht er sich?“, wollte Nora dann wissen und ging auf Casey zu, ohne aber den Blick von dem Pferd zu nehmen. Dieser sah erst erschrocken zu ihr hinunter, bevor er von dem Korral kletterte und dann seine Arme auf die Eisenstangen lehnte. „Na ja, er hat noch so seine Probleme beim Schrittwechsel. Aber er macht sich gut. Die Übergänge werden weicher, sehen sie? Bald wird er alle Schrittwechsel selbst am lockeren Zügel erahnen können“, erwiderte Casey dann und blickte dabei noch immer musternd zu dem gescheckten Junghengst, dessen starke Brust im Sonnenlicht schweißgebadet glänzte. Nora erkannte an seiner kompetenten Antwort, aber vor allem an seinem Blick, dass er genau wusste wovon er da sprach und das es für ihn mehr war, als nur seine Arbeit.
Als Elaine Hunter zu sich rief, wirkte der Hengst beinah enttäuscht und trottete mit wippendem Kopf und laut prustend im Korral auf und ab. Casey und Nora betrachtenden schweigend den kraftvollen Hengst und auch er schien die beiden anzublicken. Doch wurde Noras Aufmerksamkeit von Hunter abgelenkt, der gerade Elaine erzählte, dass Briley gar nicht auf der Ranch war, sondern mit Lance weggefahren sei. Elaine schien darüber wenig begeistert zu sein, doch sprang sofort Nora ein und erklärte, dass er sicherlich Lance bei seiner Aufgabe helfe, da er sich hier nicht auskante und Nora wollte keineswegs das Risiko eingehen, dass er von einer Klippe stürzt oder von einem Grizzly angegriffen wird.
Elaine gab sich damit zufrieden, bestimmte aber, dass anstatt Casey dann Ray bei den Zäunen mithelfen solle. Anschließend führte Hunter den Junghengst aus dem Korral. Casey begleitete ihn, um das Tier mit Wasser abzuspritzen und seine Hufen nachzusehen, während der Vorarbeiter nach Ray suchen wollte.
Nora und Elaine kümmerten sich derweilen um ihre eigenen erschöpften Pferde, wischten sie trocken ab, säuberten ihre Hufen und Fell und führten sie anschließend auf die Koppel.
Auch wenn Nora wollte, dass sie danach wenigstens noch etwas erfrischendes Trinken gehen, lehnte Elaine ab und sagte, dass sie bis zum Nachmittag bei den Jungpferden helfen müsste und außerdem, müsste sie noch etwas für den Viehtrieb in wenigen Tagen vorbereiten.
Nora nahm dies hin und gesellte sich dann zu Booker, der auf seine Pfeife kauend auf der Veranda saß und ein kühles Glas Limonade trank. Sie steckte sich eine Zigarette an und blickte schweigend und mit nachdenklicher Miene Elaine nach, die in den Stall gegangen war.
Beide schwiegen noch immer, als Mrs. Lacey plötzlich auftauchte und Nora eine dampfende Tasse Kaffee reichte. Kommentarlos, aber mit einem liebevollen lächeln zog sie sich wieder ins Haus zurück.
„Ihr seit auf der Winterweide gewesen. Wie sehen die Kälber aus?“, wollte Booker dann endlich wissen und lehnte sich bequem auf die Bank zurück. Nora tat es ihm gleich und kreuzte dabei ihre ausgestreckten Beine übereinander. Die Zigarette ruhte zwischen ihren Fingern.
„Sehen gut aus. Kräftig und lebhaft. Mit einer Handvoll guter Bullen“, sagte Nora schlicht und zog kräftig von ihrer Camel Filter. Booker betrachtete sie dabei ausgiebig und lächelte dann plötzlich amüsiert. Nora bemerkte sein grinsen aus den Augenwinkeln und blickte ihn strafend an.
„Oh, Kind. Du wetterst über sie, sie wettert über dich und dann seit ihr doch wieder ein Herz und eine Seele. Ihr seit merkwürdig, aber das muss ich dir wohl kaum sagen“, brachte er dann schmunzelnd und mit neckender Stimme über die Lippen und Noras Herz begann sofort schneller zu schlagen.
Könnte sie sich Booker anvertrauen? Könnte sie wenigstens ihm sagen, was in ihr vorgeht und was sie fühlte oder würde sie damit einen großen Fehler begehen und Elaine vollständig verlieren? Sie wollte sich endlich jemanden anvertrauen, diesen Schmerz nicht mehr alleine bewältigen, doch wusste sie nicht, wem sie trauen konnte. Booker war ihr Freund, aber er zählte zu den alten Eisen, er wuchs bibelfest auf, auch wenn er keiner von diesen eifrigen Kirchengängern war.
Doch sie verwarf diese Gedanken sehr schnell wieder, rauchte schweigend ihre Zigarette zuende und blickte Booker nicht an. „Wir sind nun mal wie Hund und Katz. Können nicht miteinander, aber auch nicht ohne.“
Booker zog die Brauen hoch, schweigend und mit einem Ausdruck von Verwunderung auf seinen braunen, faltigen Gesicht. Er glaubte erst, er hätte sich verhört, doch er war sich sicher einen Funken von Trübsal in der Stimme seiner jungen Freundin gehört zu haben. Er hatte schnell bemerkt, dass sich Nora verändert hatte. Sie lachte nicht mehr so häufig wie früher und auch ihr Blick wirkte manchmal verträumt und abwesend. Entweder belasteten sie Dinge von der Ranch oder sie brachte ihre Probleme aus New York mit hierher.
„Was bedrückt dich, Missy, und tu gefälligst nicht wieder so, als wär’s nicht so. Ich bin vielleicht ein alter Mann, aber ich bin nicht blind und schwachsinnig auch nicht. Also, raus damit! Was ist los? Ist was in New York passiert?“, verlangte er dann energisch zu wissen und Nora musste hart schlucken, bevor sie fahrig lächelnd einen schluck von dem heißen Kaffee nahm und dabei sich leicht ihre Zunge verbrannte. Fluchend stellte sie die Tasse auf den Boden und zog stattdessen von ihrer Zigarette, bevor sie diese achtlos von der Veranda schnipste.
„Was soll schon los sein? Nichts ist passiert! New York war New York“, herrschte sie ihn an und stemmte dann ihren Kopf in die Hände. Ihre Finger strichen dabei leicht zittrig über ihre Stirn. Etwas das Booker keineswegs entging, auch nicht ihre verkrampfte und abrupt abwehrende Haltung. „Verdammt, Booker, sieh mich nicht so an!“
„Okay, Missy, ich kann verstehen, dass du willensstark und dickköpfig bist, aber dein Verhalten ist kindisch! Niemand hier will dir was tun, wir sind deine Freunde, doch du behandelst uns als wär’s das Gegenteil. Denkst du etwa, ich merke nicht, dass du uns was vorspielst? Du bist nicht ganz so glücklich darüber hier zu sein, wie du es mir oder den anderen, vormachen willst. Was also ist los?“
Nora blickte den alten Mann mit den ausdrucksstarken Augen daraufhin schweigend an, bevor sie aufstand und sich an die Balustrade lehnte. Mit einem schwachen lächeln musste sie daran denken, dass Booker sie gerade ebenso in die Enge drängte, wie sie es gestern Nacht bei Elaine getan hatte. Nur mit dem Unterschied, dass Elaine der Grund ihrer Zwiespältigen Gefühle war und das sie dies nicht Booker anvertrauen konnte.
Sie wandte sich ihm wieder zu und setzte sich dabei halb auf das Holzgeländer. Ihre Augen waren beinah ausdruckslos, als sie das Gesicht des alten Cowboys musterte. „Es war ein Fehler gewesen hierher zurückzukommen. Ich habe geglaubt, dass ich... das ich mir etwas klar machen könnte, doch es ist nicht so. Ich fühl mich verlorener als zuvor und ich weiß nicht, wie ich das ändern kann.“
„Was hat das mit New York zu tun und das du nun hier bist?“ „New York war meine Festung, mein Rückzugspunkt. Doch dieser hat risse bekommen und hat seine Schutzfunktion völlig verloren... Ich bin verliebt, Booker, und ich hab davon nichts weiter als Erinnerungen.“
Nora wurde sich erst bewusst, was sie sagte, als diese Worte bereits ausgesprochen waren, doch es war ihr auch egal. Sie wollte nicht länger schweigen, wollte nicht mehr länger dieses nagende Gefühl in sich haben. Sie musste endlich aussprechen, was sie bewegte.
Booker lauschte ihren Worten schweigend und lehnte sich, nachdem sie mit gesenktem Kopf schwieg, auf seine Oberschenkel, um sie genauer zu betrachten. „Ihr jungen Frauen seit wirklich verliebt in das Unglück“, war sein erster Kommentar und Nora blickte ihn daraufhin verwundert an. Sie konnte nur wenig mit dieser Aussage anfangen.
„Missy, du bist ein junges, hübsches Ding, dass sich sicherlich keine trostlosen Gedanken um einen dummen Kerl machen muss, der sie abweist. Wenn er dich nicht will, dann vergess ihn und such dir einen neuen!“
„So einfach ist das nicht, Booker“, widersprach sie aber und blickte wieder mit einem trostlosen lächeln auf ihre Finger. Booker schnalzte nur mit der Zunge und lehnte sich wieder zurück. „Was ist daran also schwer?“, wollte er dann sorglos wissen und steckte wieder seine Pfeife in den Mund. „Er ist eine Frau“, erwiderte Nora schlicht und mied es wehemend aufzublicken. Erst als Booker sein leises Husten nur noch schwer unterdrücken konnte, sah sie auf und blickte in ein Paar überraschte blassblaue Augen.
„Du willst mir damit sagen, dass du in eine Frau verliebt bist?“, fragte er dann sichtlich fassungslos nach und legte abrupt seine Pfeife beiseite. Nora senkte wieder den Blick und nickte nur mit einem enttäuschten seufzen. Booker hatte zwar leise gesprochen, doch seine Worte wurden dadurch nicht weniger schneidend.
Danach herrschte schweigen zwischen den beiden und Nora spürte, wie Tränen in ihr aufstiegen. Sie hatte mit vielem gerechnet, aber nicht, dass ausgerechnet Booker so entsetzt und in ihren Augen sogar, angeekelt regierte.
Sie schluckte ihre Enttäuschung herunter, stieß sich von der Balustrade ab und sah Booker dann wieder gefasst entgegen. „Schon gut, du brauchst nicht so tun, als würdest du’s verstehen oder tolerieren können, aber tu mir ’nen gefallen und erzähl’s niemanden. Es braucht nicht jeder zu wissen.“
Gerade als sie verschwinden wollte, packte Booker sie jedoch am Handgelenk und zog sie zu sich. Nun stand keine Überrumpelung mehr in seinen Zügen, sondern liebevolle Behutsamkeit. „Hör auf so ’nen Scheiß zu erzählen, Missy! Ich verurteile dich deiner Gefühle wegen nicht. Ich weiß, dass es einige tun würden, ganz besonders in dieser Gegend, und es würde auch zu meinem Alter passen, doch tu ich’s nicht. Hörst du?“, dabei legte er behutsam seine Hände auf ihre Wangen und zwang sie sanft ihn anzusehen. Tränen standen in ihren Augen. „Ach, Kleines, alles wird gut“, sagte er dann beruhigend und drückte sie tröstend an sich. Nora klammerte sich an ihn, als würde sie ertrinken. Sie hatte schon lange nicht mehr geweint, doch hier, in der tröstlichen Umarmung von Booker, mit dem Wissen, dass er über ihre Gefühle Bescheid wusste, ließ einfach ihre selbsterschaffene Mauer zerbersten. Es war ein beängstigendes, wie erleichterndes Gefühl Booker davon zu erzählen, auch wenn sie wusste, dass es noch mehr gab, dass sie hätte erzählen sollen. Doch das war etwas, dass nicht sie tun sollte, sondern Elaine.
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