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2. Kapitel
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| von pumuckelork erstellt: 18.06.2006 letztes Update: 17.07.2006 Romanze / P12 Slash (fertiggestellt) | 17 Reviews |
2.
Mrs. Francine Lacey war schon auf der Ranch, als Elaine geboren wurde. Sie wurde zusammen mit ihrem Mann eingestellt, der ein geschätzter Arbeiter war und schnell zum Vorarbeiter von Frank Nolan wurde.
Mrs. Lacey war immer glücklich und zufrieden auf der Ranch gewesen, sie hatte nie etwas vermisst. Sie und ihr Mann konnten leider keine Kinder bekommen, doch Mrs. Lacey kümmerte sich um alle anderen auf der Ranch, als wären es ihre leiblichen Kinder. Sie war ein Segen für Amy Nolan und diese wollte sie auch keineswegs mehr missen. Als Mrs. Laceys Mann dann starb, hätte sie die Möglichkeit gehabt fortzugehen, doch Mrs. Lacey hatte kein anderes zu Hause und so blieb sie auf der Lazy Stream Ranch und nahm weiterhin ihren Platz als Haushälterin ein.
Mrs. Lacey sah Elaine immer als einen besonderen Sonnenschein ihrer Eltern an, sie war ein fröhliches und ungezwungenes Mädchen, alles hatte seine Faszination auf sie und sie musste natürlich alles wissen. Und auch wenn Elaine unter der Aufsicht von Mrs. Lacey aufwuchs, immer mit ihr zusammen war und diese eine Art zweite Mutter für sie wurde, blieb immer der Respekt, der ihr gebot Mrs. Lacey nie beim Vornamen anzusprechen. Keiner auf der Ranch tat dies. Für sie gab es immer nur Mrs. Lacey, die gute Seele der Ranch, die sich um ihr Wohlergehen kümmerte und für jeden ein gutes Wort hatte.
Selbst Nora hielt dieses ungeschriebene Gesetzt ein, als sie zur Lazy Stream kam. Am Anfang war es so, weil sie Mrs. Lacey nicht kannte und dann wurde es ebenso zur Gewohnheit. Mrs. Lacey war mit dieser stummen Übereinkunft einverstanden und sie konnte dadurch ihre besondere Stellung auf der Ranch deutlich klar machen.
Bei dem Gedanken musste Nora nun schmunzeln und blickte über den Tisch zu der alten Frau, mit den roten Wangen und dem lauten, ansteckenden Lachen. Sie erzählte gerade eine Geschichte von ihrem Mann und Elaines Daddy, als sie sturzbetrunken nach Hause kamen und von Amy Nolan gezwungen wurden bei den Pferden zu schlafen.
Alle hingen an ihren Lippen und lachten schallend über ihre Geschichten, selbst Randy und Lance schienen sich endlich wohl zu fühlen und ihre versteckten Vorurteile abgelegt zu haben. Sie hatten sich sogar in bequemere Kleidung geworfen und waren nun nicht mehr ganz so auffällig, wie bei ihrer Ankunft.
Nora nahm noch immer lächelnd einen Schluck von ihrem Rotwein und dabei wanderten ihre Augen über das üppige Essen, dass Mrs. Lacey ihnen vorgesetzt hatte. Sie wollte sich nicht davon abbringen, etwas besonderes zu Kochen und so wurde Nora dazu eingespannt, ihr zu Helfen, obwohl sie das letzte Mal selber vor zwei Jahren gekocht hatte und befürchtete, alles vergessen zu haben.
Dann blickte sie zu den neuen Cowboys, die Elaine eingestellt hatte. Zwei von ihnen waren noch sehr jung, doch dies täuschte nicht über ihren Arbeitswillen und Erfahrung hinweg. Die meisten Jungs wuchsen hier als eingefleischte Cowboys auf und konnten schon ehr mit dem Vieh umgehen, als dass sie die Schule besuchten. Briley, der junge Mann der sie begrüßt hatte, war ein großer Kerl, er war ebenso mitteilsam wie Lance und lachte auch ebenso gerne. Neben ihm saß der stillere und auch schüchternere Casey. Sein jungenhaftes Gesicht unterstrich nur noch mehr sein junges Alter. Seine braunen Augen huschten immer etwas unsicher umher und er schien sich nicht wirklich wohl unter so vielen Leuten zu fühlen, doch hatte er ehrliche und freundliche Züge, die wohl ebenso seinen Charakter widerspiegelten.
Links neben Mrs. Lacey, die am Fußende saß, gegenüber von Elaine, der natürlich das Kopfende gebührte, saß ein dunkelhaariger, grimmiger Kerl namens Ray Sanderson. Er war sehr schweigsam, doch diese Art von Schweigsamkeit hatte etwas beinah unangenehmes an sich, nicht wie bei Earl Hunt, den alle nur Hunter nannten. Von ihm war man gewöhnt, dass er nur das nötigste sagte, jedoch war seine Ausstrahlung beiweiten freundlicher als die von Ray Sanderson.
Nora schob jedoch dies beiseite und blickte wieder zu Mrs. Lacey, die gerade Larry Goldberg, der rechts neben ihr saß, für eine ihrer anschaulichen Erzählungen missbrauchte. Doch der gutherzige Larry ließ dies einfach über sich ergehen und lachte dann ebenso schallend wie alle anderen. Wobei sein Mund dabei hinter einen roten Bart versteckt war und nur die vielen Fältchen um seine Augen erahnen ließen, wie viel Spaß er hatte.
Neben Larry saß Randy und dann Lance, Nora war zwischen ihm und Booker eingekeilt und wurde so von zwei überaus schrägen Gelächter malträtiert. Sie hatte ihre Ellbogen auf den Tisch gelehnt und konnte so gut jeden an der Tafel begutachten.
Ihre Augen wanderten plötzlich wie von selbst zu Elaine, die in ihrem Stuhl zurückgelehnt da saß und schweigend ihr Weinglas in den Fingern drehte. Ein abwesendes, aber warmes lächeln lag dabei auf ihren Lippen und Nora konnte nicht anders als bei ihrem Anblick haften zu bleiben. Sie hatte noch immer diese unsagbare Ausstrahlung, die nicht nur von ihrer Attraktivität herrührte, sondern von ihrem inneren. Sie war ein ganz besonderer Mensch und Nora war glücklich, ihr begegnet zu sein.
Elaine schien zu bemerken, dass jemand sie anblickte, denn ihre blauen Augen legten sich plötzlich auf Nora und auch sie war gefangen in ihrem Anblick. Das schwache Licht der Kerzen hatte sich in ihrem Haar verfangen und ließ es dadurch in einem schwachen Rot schimmern.
Augenblicklich musste sie an einen Abend in der Nähe eines Flusses denken. Das plätschern drang ihr wieder an den Ohren, sie spürte den kalten Wind auf ihrem Gesicht und sie konnte beinah den Mond sehen. Sie und Nora waren zu einem Ausritt aufgebrochen, sie wollten die nähere Umgebung erkunden, da sie am nächsten Tag mit dem Vieh an dieser Stelle hinauf wollten um die Sommerwiesen zu erreichen. Die Nächte in Wyoming waren immer kalt, doch Nora interessierte das nicht, sie trug wie so oft keine Jacke und stand nun fröstelnd an diesem Fluss um zu den Sternen aufzublicken. Das Licht hatte sich in ihren Haaren verfangen und ließ es ebenso aufleuchten, wie in diesem Moment. Elaine konnte es wieder vor sich sehen, wie sie langsam auf Nora zuging, sie berührte und... .
Abrupt wandte Elaine den Blick von Nora und starrte erschrocken und konfus auf den Tisch. Sie wollte nie mehr wieder an diesen Abend denken, an jenen Abend, dem viele weitere gefolgt waren und in denen sich Elaine so glücklich und geborgen gefühlt hatte wie nie zuvor in ihrem Leben.
Auch Nora blickte wieder von Elaine weg, nicht erahnend warum dieser Augenkontakt so überstürzt von ihr unterbrochen wurde, doch ihre Aufmerksamkeit legte sich schlagartig auf Mrs. Lacey, als diese begann von Noras ersten Tagen auf der Ranch zu erzählen.
„Sie war ein echtes Greenhorn, hatte von nichts ’ne Ahnung und tat so, als würde ihr all das vollkommen an ihrem kleinen, knochigen Hintern vorbeigehen. Sie war ein ziemlich störrisches Mädchen, vergleichbar mit einem Esel. Als sie dann auch noch erfuhr, dass sie bei der Rancharbeit helfen soll, da war sie bockig und wollte sofort zurück nach Cheyenne, doch ihre Tante hatte mich darauf vorbereitet und mir gesagt, ich solle nicht locker lassen, dass wäre die beste Methode um sie kleinzubekommen. Ihr erster Tag auf einem Pferd, war die reinste Katastrophe! Sie hatte vorher noch nie auf einem Pferd gegessen und war dementsprechend verunsichert und nervös.“
„Aber sie hat sich sehr gut geschlagen. Sie hat nicht aufgegeben und geübt wie ’ne verrückte. Ein paar Tage später konnte sie reiten wie der Teufel – sie hat sehr schnell gelernt“, mischte sich Booker mitein und Nora legte ihm dafür liebevoll eine Hand auf den Arm, auch Mrs. Lacey gab ein zustimmendes Geräusch von sich, bevor sie erneut anfing: „Das ist wahr, sie hat sehr schnell gelernt und um so öfter sie vom Pferd fiel, desto härter wollte sie ihr Ziel erreichen, sie war schon regelrecht verbissen. Keiner konnte sie davon abbringen, zu Reiten, mit dem Lasso umzugehen und vor allen Dingen, Vieh einzufangen. Neben ihrer normalen Arbeit auf der Ranch, übte sie all diese Dinge und nach spätestens zwei Wochen oder waren es drei – ist ja auch unwichtig, sie konnte es jedenfalls in kürzester Zeit mit den Cowboys aufnehmen und durfte ab da an bei dem Vieh helfen. Erinnerst du dich noch daran, Elaine?“
Diese nickte amüsiert und stellte dann ihr Glas auf den Tisch. „Die meiste Zeit lag sie am Boden und versuchte die Kälber und Kühe davon abzuhalten sie zu zertrampeln, aber als sie ihr erstes Kalb eingefangen hat, war sie unsagbar stolz. Dafür das du so was vorher nie gemacht hast, warst du verdammt gut.“
„Tja, so was nennt man Überlebenswillen! Hätte ich’s nicht gelernt, hättest du mich wohl nur noch die Ställe ausmisten lassen und ich wollte nun mal mit euch reiten“, erwiderte Nora grinsend und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. „Hast du etwa auch bei diesem brutalen Brennen geholfen?“, wollte Lance dann mit großen Augen wissen und alle Cowboys verkniffen sich ein Lachen. „Ja, hab ich. Aber das ist nicht brutal, die Kälber sind nur verängstigt und wehren sich deswegen natürlich. Für uns ist’s wohl schmerzvoller als für sie“, antwortete sie ihm und dieser schien davon nur wenig beruhigt zu sein.
„Ich kann es noch immer nicht glauben. Nora Gloster, die erfolgreiche Fotografin aus New York, hat sich mit Kühen im Dreck gewälzt“, sagte Randy plötzlich und wenige Momente herrschte ruhe am Tisch, bevor er fortfuhr: „Das hätte ich gerne gesehen und Fotografiert!“
Nora lächelte nur über seinen Scherz, doch die anderen amüsierten sich köstlich auf ihre Kosten. „Da gäb’s noch viel bessere Motive zum Knipsen. Wie Missy nämlich nach einem Zweitagesritt mit schmerzenden Hintern über die Ranch gewatschelt war oder wie sie einfach eingeschlafen war, egal wo sie saß oder stand. Das waren Bilder für den Herrn“, neckte wieder Booker und stieß sie grinsend an, als Nora so tat als würde sie schmollen. „Das war keine schöne Zeit. Mir hat alles wehgetan, ich konnte nicht liegen, nicht sitzen. Dennoch musste ich jeden neuen verfluchten Tag in den Sattel. Wie sollte es da auch besser werden?“
„Du hast es doch überlebt und deinen ersten Viehtrieb hervorragend hinter dich gebracht. Auch ohne Blessuren sogar“, sagte Hunter in seiner bedächtigen Art und lächelte Nora sogar leicht zu, bevor er schelmisch zwinkerte.
„Das ist wahr. Und Gott sei dank, muss ich wohl sagen! Ich hatte einige Momente, wo ich allen erstes zurück zur Ranch reiten wollte. Mir war alles egal, ich wollte nur ein schönes heißes Bad und ein weiches Bett und vor allem keine Bohnen mehr essen! Doch dann -“, Nora stockte und ihre Augen wanderten wieder zu Elaine, die wusste sofort, von welchem Wandel sie sprach. „Na ja, ich rappelte mich wieder auf, fasste neuen Mut und ich glaub, zu der Zeit war mir Jack ’ne große Hilfe. Er ermutigte mich und half mir, wo er konnte“, sagte Nora aber stattdessen und Elaine wandte sofort die Augen von ihr ab. Jedoch keiner der anwesenden bemerkte dies, sie lachten noch immer, über Noras anfängliche Schwierigkeiten. Und beide waren froh darüber, auch wenn Nora sich wünschte, dass es anders sein würde. Sie hatte gelernt, dass sie sich ihrer Gefühle wegen nicht verstecken musste, doch war Wyoming nicht New York. Hier war man nicht so tolerant.
„Jack hat ’ne kleine Ranch westlich von Merino. Er wird ebenso kommen und uns helfen, so wie einige andere alte Bekannte“, konnte Elaine nach einer Weile so ungezwungen wie möglich von sich geben, doch am liebsten wollte sie allein sein mit ihren alten Gedanken und neuaufkeimenden Gefühlen. „Jack hat endlich seine Ranch? Das ist toll, er hat schon so lange davon geträumt“, erwiderte Nora wirklich begeistert und lehnte sich etwas vor, um Elaine direkt ins Gesicht blicken zu können. „Was ist mit Susanna? Ist sie wirklich nach Kalifornien gegangen, wie sie es vorhatte und ihm immer androhte?“
„Nein, ihr ist was dazwischen gekommen – sie und Jack haben vor anderthalb Jahren geheiratet, sie haben ihr erstes Kind. Eine Tochter, Mira, wunderhübsches Mädchen. Jack hat so lange gespart und für mich gearbeitet, bis er das Geld für die Ranch zusammen hatte. Es war eine harte Zeit für ihn und Susanna, aber sie haben’s geschafft. Ich hatte ihn damals einen Bullen und vier Kühe von meiner Zucht verkauft, die ersten drei Kälber hat er bereits verkaufen können. Sie haben einen guten Preis erlangt.“
„Das ist wunderbar für die beiden. Tja, jetzt braucht Susanna ihm nicht mehr in den Ohren liegen, dass er gefälligst was machen soll, sonst brennt sie mit Roy durch“, lachte Nora, als sie an die damalige Zeit dachte, wo sie sich endlich eingelebt und wagte auf die Menschen in der näheren Umgebung, Freunde von Elaine, zu zugehen. Es waren die nettesten und liebsten Menschen denen sie je begegnet war, offen und herzlich, zwar mit einer Spur Skepsis, aber einfach zum gernhaben, wenn man sie erst einmal kannte.
Danach blickten sich beide Frauen schweigend und mit einem behaglichen lächeln entgegen, doch wurden sie aus dieser Vertrautheit gerissen, als Booker begann eine von seinen wilden Geschichten zu erzählen und um die Aufmerksamkeit aller Anwesenden bat.
***
Im Ranchhaus herrschte noch eine aufgeregte Stimmung, Lachen war zu hören, das klirren der Bierflaschen, wenn zum wiederholten Male angestoßen wurde. Mrs. Lacey gefiel es ungemein, dass Haus endlich wieder voller Menschen zu haben und vor allem fröhliche Stimmen zu hören. Die letzte Zeit war trüb gewesen und das lag in erster Linie an Elaine.
Nora hatte sich geopfert und mit Mrs. Lacey den Abwasch gemacht, die beiden Frauen standen wirklich eine geschlagene Stunde in der Küche und machten alles sauber. Nun, nachdem alles wieder blitzsauber war, setzte sich Mrs. Lacey vor den Kamin und hörte den Erzählungen der anderen zu.
Nora jedoch brauchte etwas ruhe. Sie wusste nicht genau, welche Gefühle in ihr tobten, jedoch konnte sie mit Gewissheit sagen, dass sie aufgewühlt und sogar durcheinander war. Es war ein merkwürdiges, wie wohliges Gefühl wieder auf der Ranch zu sein, mit den alten und gewohnten Eindrücken, den Menschen, die ihr so viel bedeuteten und die ihre zweite Familie geworden waren und doch war da ein Funken Unbehagen. Hätte sie Elaine vorwarnen sollen? Oder ihr Angebot nicht annehmen sollen, hier auf der Ranch zu bleiben? War es gefühllos all diese Empfindungen wieder zu entfachen, nicht nur bei Elaine, sondern auch sich selber? Sie wusste es nicht.
Nora hatte die gemeinsamen, heimlichen Stunden mit Elaine nie vergessen, sie musste immer an sie denken. Doch sie hatte nie sagen können, ob es andersherum auch so war. Elaine war eine stolze und willensstarke Frau, aber sie hatte auch Angst vor dem was die Leute sagen oder gar tun könnten. Im Norden war man nicht so verständig, wie in den östlichen Staaten und Nora hatte schon oft von Angriffen und Überfällen auf Homosexuelle gehört. Es war eine Schande, doch die Menschen hier akzeptierten derartiges nicht, sie lebten in ihrer kleinen, bibelfesten Welt und wollten keine Veränderungen oder wie sie es einmal gehört hatte – Abnormitäten. Nora machte so etwas unendlich wütend, sie verstand solche Engstirnigkeit und Intoleranz nicht.
Aber sie hatte auch die andere Seite kennen gelernt, konnte erfahren, wie Homosexualität akzeptiert und wie sie offen ausgelebt wurde, sie wollte sich nie mehr wieder verstecken. Und doch musste sie Elaines Einstellung dazu akzeptieren. Innerlich hoffte Nora, dass sie aber dennoch wagen könnte zu zeigen was sie wirklich fühlte, dass sie ihre Empfindungen nicht mehr verstecken müssten.
Nora musste all diese Gedanken niederkämpfen und blickte wieder fröhlich lächelnd zu den anderen, die sich um die Sessel und Couch gescharrt hatten und lachten. Booker fesselte Lance und die beiden jungen Briley und Casey in eine wagemutige Geschichte aus seiner eigenen Jugend, während die restlichen Cowboys in einer Diskussion über irgendwelche neumodernen Methoden für die Zähmung der Jährlinge vertieft waren. Nora musste lächeln über ihren Enthusiasmus, der wirklich nur hervortrat, wenn es um ihre Arbeit ging. Echte Cowboys eben.
Ihre Augen wanderten zu Elaine, die gerade damit beschäftigt war, Randy alles über die Ranch und die Rinder zu erzählen. Sie war gerade dabei ihm den Unterschied zu erklären zwischen den Black Angus, die Elaine züchtete, und den restlichen Rinderrassen.
Als Elaines Großvater vor achtzig Jahren die Ranch gründete, züchtete er noch reinrassige Herefords, aber Frank Nolan stellte dann ganz langsam die Zucht auf Black Angus um. Diese Rinder waren besser für das Klima geeignet, da ihre Euter schwarz waren und sie deswegen keinen Sonnenbrand bekommen konnten. Außerdem waren die Anguskühe hervorragende Muttertiere. Sie erklärte ihm auch, warum im Moment nur die Bullen auf der Ranch waren, die das gesamte Jahr über die Wiesen nicht verließen und nur zum Einsatz kamen, wenn sie ihre fortpflanzlichen Vergnügungen nachgehen durften. Die Mutterkühe und ihre Kälber befanden sich im Moment noch auf ihrer Winterwiese, ungefähr dreieinhalb Meilen von der Ranch entfernt. Wenn das Wetter wärmer wurde, dann werden die Kühe mit ihren Kälbern zur Ranch getrieben, damit die Kälber ihr Brandzeichen bekamen und gleichzeitig ihre erste medizinische Untersuchung, ebenso wie die Kühe. Wenn das alles erledigt war und die Kühe und Kälber gesund waren, dann werden sie auf die oberen Sommerwiesen getrieben, wo sie das Frühjahr und anfänglichen Herbst verbringen würden.
Nora erinnerte sich noch gut an diese Viehtriebs. Den ganzen Tag im Sattel, umgeben von den Rindern und der herrlichsten Landschaft, Nächte auf harten und kalten Boden und doch war sie glücklich gewesen. Es hat an vieles gemangelt und es gab meistens nur Bohnen zu Essen und doch war es eine gute Zeit. Sie hatte viel gelacht.
Mit einem noch immer behaglichen schmunzeln, ging Nora auf die Veranda und setzte sich auf eine freihängende Bank. Sie zog die Beine an und starrte zum sichelförmigen Mond hoch. Es war kalt und sie konnte in etwas Entfernung das heulen eines Kojoten hören.
Seufzend steckte sie sich eine Camel Filter an und legte sich danach die Decke über, die auf der Bank gelegen hatte. Es war stockfinster, nicht einmal das Licht vom Haus schaffte es die Veranda zu erhellen, doch Nora war dankbar darüber. Sie genoss die Stille und Dunkelheit um sich herum. Etwas, dass sie schon lange nicht mehr hatte und nun auch nicht missen wollte.
Sie wusste nicht, wie lange sie so dagesessen hatte, doch plötzlich konnte sie hören, wie sich die Cowboys verabschiedeten und auf die Veranda traten, einer nach dem anderen verabschiedete auch sie und verschwanden dann in der Dunkelheit.
Als letzter trat Booker auf sie zu und hauchte ihr einen sachten Kuss auf den Scheitel. Auch wenn Booker ein Teil der Ranch war, er arbeitete schon für Elaines Großvater, wohnte er noch immer im Haus der Arbeiter. Er wollte nie im Haupthaus schlafen, auch wenn Elaine ihm das schon oft angeboten hatte, doch er sagte immer wieder, dass dort nicht sein Platz war und er war gut aufgehoben, wo er ist. Dagegen konnte nicht einmal Elaine etwas entgegen setzten.
„Schlaf gut, Booker“, sagte sie und sah zu, wie der alte Mann von der Veranda trat und dann verschwand. Randy und Lance kamen noch immer diskutierend aus dem Haus und grinsten ihr breit entgegen, ohne aber ihre Unterhaltung zu beenden. Nora sagte nichts, sondern zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. Jedoch gefiel es ihr, dass die beiden Männer mal miteinander sprachen und sich nicht andauernd anmaulten.
Mrs. Lacey steckte ihren Kopf zwischen der Tür hervor und wünschte Nora einen erholsamen Schlaf, als sie gegangen war, herrschte wieder Ruhe um Nora herum. Der Kojote heulte erneut und schien diesmal Antwort zu erhalten.
Nora steckte sich eine weitere Zigarette an und blickte dann nachdenklich auf die Glut, die in der schummrigen Dunkelheit aufglimmte. Sie fragte sich schon eine Weile, ob sie das Gespräch mit Elaine wagen oder ob sie weiterhin so tun sollte, als wäre nichts zwischen ihnen.
Doch wurde sie von diesen Überlegungen abgelenkt, als ein weiterer glimmender Punkt in der Nacht auftauchte und Elaine langsam auf sie zukam. Beide Frauen sahen sich entgegen, nur das trübe Licht einer schwachen Lampe erhellte die hintere Veranda.
Dann setzte sich Elaine zögernd neben sie auf die Bank. Diese schaukelte leicht hin und her und das quietschen der Ketten hallte durch die Stille. Beide rauchten schweigend von ihren Zigaretten und blickte in die Nacht, obwohl es da, außer die Umrisse der Korrals und der Landschaft, nicht viel zu sehen gab.
„Wie war New York?“, wollte Elaine dann wissen und der Rauch quoll dabei dicht aus ihren Mund hervor. Nora starrte wenige Sekunden auf ihre vollen Lippen und wandte sich dann schnell von diesen Anblick ab. „Laut. Eng. Nicht wie hier“, gab Nora lächelnd von sich und blickte Elaine wieder an. „Ich war nie wirklich lange in New York, ich hab’s einfach nicht ausgehalten. Als meine Bilder mir Geld brachten und mein Verleger mehr wollte und ich auch das Geld dafür bekam, bin ich aus der Stadt raus.“
„Und wo bist du dann hin?“, fragte Elaine wieder und schnipste ihre Zigarette gekonnt in die Nacht hinein. „Egal. Hauptsache raus aus New York. Ich bin nach Europa oder Afrika und Asien gefahren. Es war mir nicht wirklich wichtig, wohin ich gehe. Motive für meine Bilder hab ich überall gefunden, die meisten waren ohnehin spontan. Ich bin in ein Land gereist, ohne wirklich zu wissen, ob ich mit einem Ergebnis wieder zurückkommen würde. Das war gerade das spannendste daran.“
„Und wo hat’s dir am besten gefallen?“ „Gefallen hat’s mir nirgends wirklich gut. Ich hab alles immer mit Wyoming verglichen, deswegen hab ich mich auch nie Zuhause gefühlt“, antwortete Nora ehrlich, doch schwang auch etwas Betrübnis in ihrer Stimme mit. Sie entsorgte ebenfalls ihre Zigarette und blickte dann etwas munterer lächelnd in die Dunkelheit. „Aber wo ich meine schönsten Erinnerungen habe und auch die besten Fotos geschossen habe, war Indien und Marokko. Es war unglaublich da. Die Gegensätze sind so greifbar und doch verschwommen. Indien ist ein armes Land, daran besteht kein Zweifel, doch es ist unsagbar schön und die Menschen dort liebenswürdig und freundlich. Sie empfangen dich mit offenen Armen und geben dir das Gefühl, dass du zu ihrer Familie gehörst. Es ist grandios. Da hab ich wohl meine eindrucksvollsten Bilder gemacht. Ich wollte nichts verschleiern, wollte keine weiteren Postkartenmotive. Die Menschen dort sind teilweise so Arm und verhungert, dass sie daran sterben und doch haben sie einen festen Glauben, der ihnen Hoffnung und einen starken Willen verleiht. Ich konnte gar nicht genug von ihren Gesichtern bekommen. Am liebsten hätte ich jedes indische Gesicht Fotografiert.“
Elaine lächelte bei ihrer Begeisterung und zog nun auch ihre Beine an den Körper. Sie kannte die Bilder von Nora, sie hat wohl jedes gesehen, dass sie je veröffentlicht hat. Auch wenn sie ihr nicht mehr nah sein konnte, hatte sie dadurch das Gefühl, immer noch an ihrem Leben teilzuhaben. „Ich hab die Bilder aus Indien gesehen. Wirklich verflucht arme Teufel. Damit hast du wohl einigen ihre verträumte Vorstellung davon genommen.“
„Genau deswegen wollte ich immer Fotografieren, damit die Menschen die Wahrheit sehen. Nicht meine Wahrheit! Um Gottes Willen, ich wäre nie so dreist, jemanden meine Anschauung aufzudrängen. Doch Bilder lügen nicht, ich hab nichts an ihrer Welt verändert, sondern es nur aufgenommen, es festgehalten und das vielleicht sogar für viele Jahre.“
„Was ist mit Marokko? Was hat dich daran so fasziniert?“, wollte Elaine dann wissen und musterte jede Einzelheit in Noras Gesicht. Diese lächelte plötzlich und senkte dann kurz den Blick. „Marokko war ein Zwiespalt für sich. Dort durfte ich nicht mal ohne Begleitung hin! Zu der Zeit wurde mir Randy zur Seite gestellt und so sind wir beide nach Marokko gefahren. Gott, es war so heiß da! Ich hab geglaubt, dass ich diese verfluchte Hitze nie aushalten könnte. Wir sind in ein kleines Städtchen Namens Essauira gefahren, dass an der Küste lag, nicht weit entfernt von Marrakesch. Es war – Gott, eigentlich war es grauenhaft! Doch die Landschaft, die Kultur, die ganze Verhaltensweise der Menschen dort, war ebenso unvergleichlich. Sie haben einen beinah fanatischen Glauben und sind anderseits offen. Ich hatte am Anfang Angst, dass sie mir was antun, als weiße Frau, unverhüllt und noch dazu mit einer Kamera in der Hand, die andauernd klickte. Doch sie waren freundlich, wenn auch distanziert. Es ist ein wunderschönes Land und noch vollkommen rückständig, aber auf eine charmante und schöne Art. Ihnen fehlt nichts und sie wollen auch nichts an ihrem Dasein ändern. Es war wirklich lehrreich.“
„Das klingt so, als hättest du wirklich jede menge erlebt“, sagte Elaine nach einer Weile des Schweigens und ihr Gesicht war dabei von Nora abgewandt. Sie wusste, dass Nora vieles gesehen und erlebt hatte, doch sie fühlte sich in ihrer Nähe plötzlich unwissend und beschränkt. Sie würde niemals die Orte und Menschen sehen, die Nora kennen gelernt hatte, sie war hier an die Ranch gebunden und auch wenn sie es nicht als Bürde ansah, beneidete sie Nora um ihre Unabhängigkeit.
„Im vergleich zu Wyoming ist all das dennoch unbedeutend. Ich wollte immer nur wieder hierher zurück, wollte die frische und kühle Luft einatmen, die brummigen Menschen wiedersehen und ich wollte...“ Nora stockte zum zweiten Mal an diesem Abend und ihre Augen lagen dabei auf Elaine, die wehemend versuchte ihren Blick nicht zu spüren. „Es ist lange her, Nora. Wir haben uns verändert. Du bist berühmt, ich hab noch immer meine Ranch, die mein Zuhause ist. Doch du gehörst hier nicht mehr hin – du bist zu gewieft für uns geworden“, scherzte Elaine mit einem leichten lächeln und sah nun doch zu Nora, die sie aber unbewegt ansah. „Ich bin gegangen, damit ich mir nicht mehr selber weh tue. Ich wollte nicht gehen, doch ich hab dieses Spiel nicht mehr ertragen. Elaine, es ist keine Schande und auch nichts verwerfliches.“
Elaine verkrampfte sich bei diesen Worten sichtlich und drückte sich unbehaglich an den Rand der Bank. Nora, die ihre Reaktion schmerzvoll wahrnahm, sah wieder von ihr weg und schnaubte bitter, bevor sie kurz die Augen schloss und dann wieder gefasst in die Nacht blickte.
„Hattest du... hattest du jemanden in New York“, ertönte dann zaghaft die Stimme von Elaine und diese schien selber über ihre Frage zutiefst erschrocken zu sein, denn sie stand plötzlich auf und lehnte sich an die Balustrade der Veranda und starrte beinah geängstigt auf das Holz unter ihrem verkrampften Griff. Nora lehnte sich auf ihre Oberschenkel und blickte verunsichert in ihren Rücken. „Es gab jemanden. Doch es ist vorbei, es war nichts ernstes“, erwiderte sie schließlich leise und rieb sich selbstverfluchend die Stirn. Nicht nur, weil sie Elaine darüber nichts erzählen wollte, sondern auch, weil sie ungern daran dachte. Sie hatte jemanden wehgetan, der ihr etwas bedeutet hatte, auch wenn es nicht so viel gewesen war, wie derjenige gehofft hatte.
Doch Elaine gab keine Regung von sich, lehnte noch immer an der Balustrade und starrte auf das Holz unter ihren Fingern. Nora wusste nicht, ob sie das nun verletzte oder wütend machte oder einfach gleichgültig war. Sie wusste gar nichts mehr.
„Ein Mann?“, fragte Elaine plötzlich und Nora riss verwundert den Kopf hoch um sie anzusehen. Elaine hatte sich wieder umgewandt, doch es stand Reglosigkeit in ihren sanften Zügen. „Nein, eine Frau. Ich hab sie bei einer Ausstellung kennen gelernt. Doch es hielt nicht lange... Sie war nicht du“, fügte Nora nach einer Pause behutsam hinzu und Elaine starrte sie nun an, als hätte man sie geschlagen.
Ihre Augen wanderten ruckartig und blicklos umher und ihre rechte Hand krallte sich schmerzvoll in das Holz, doch sie fasste sich auch schnell wieder und stieß sich von der Balustrade ab, um zur Tür des Hauses zu gehen.
Sie wollte nicht, diese Worte von Nora hören, sie wollte das sie lügt, dass sie einfach irgendetwas sagte, aber nicht das. Es gab noch immer diese Anziehung zwischen ihnen, die Elaine ebenso quälend spürte und nicht niederkämpfen konnte. Und auch, wenn sie erleichtert über Noras Worte hätte sein müssen, über die Gefühle, die sie noch immer besaß, machte es ihr Angst und verunsicherte sie wie vor vier Jahren. Als sie Nora sogar verletzte um ihre eigene Feigheit nicht mehr spüren zu müssen. Doch sie hatte geglaubt, dass ihre Gefühle endlich erloschen wären, dass sie nicht mehr so empfinden würde, doch dann stand sie da. So schön und lebendig und alle Weigerung war vergessen. Elaine wollte sie berühren, in den Arm nehmen, ihren Duft wieder in sich aufnehmen, doch ihre Zweifel und Furcht hielten sie davon ab. Vielleicht war es auch besser so. Ihr Bauch hatte sich noch nie geirrt.
„Ich geh schlafen. Es war ein harter Tag“, murmelte Elaine undeutlich und öffnete ruckartig die Tür. Sie wollte so schnell wie möglich in ihr Zimmer und dieses Gespräch vergessen. Sie hätte Nora niemals danach fragen und damit alles wieder erwecken dürfen.
Nora blieb seufzend zurück und starrte, nachdem die Fliegengittertür hinter Elaine zugefallen war, wieder in die Nacht. War es falsch, so offen gewesen zu sein und ihr deutlich zu sagen, dass sie noch immer einen wichtigen Platz in ihrem Herzen hatte? Nora hatte es satt sich zu verstecken und zu verleugnen wer sie war. Sie liebte Elaine und sie tat es aufrichtig. Was konnte daran also anstößig sein?
Mit einem aufgebrachten knurren schlug sie die Decke zurück und kehrte selber ins Haus zurück. Vielleicht hätte sie sensibler vorgehen sollen? Vielleicht sollte sie sich aber auch Elaine aus dem Kopf schlagen. Sie war noch nicht so weit, zu ihren Gefühlen zu stehen. Mit einem unzufriedenen Gefühl legte sich Nora schließlich in ihr Bett und noch lange grübelten ihre Gedanken um Elaine, bevor sie endlich der Schlaf übermannte und sie von den weiten Wyomings träumte.
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