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1. Kapitel
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Times|Arial|Helvetica
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| von pumuckelork erstellt: 18.06.2006 letztes Update: 17.07.2006 Romanze / P12 Slash (fertiggestellt) | 17 Reviews |
A/N: Die Geschichte wurde von vielen Dingen inspiriert, die mich bewegt, aber auch wütend gemacht haben. Da wäre zum Beispiel die Intoleranz, die sich Homosexuelle Menschen selbst in unserer aufgeklärten und abgebrühten Zeit erwehren müssen, ganz abgesehen von den Vorurteilen und sogar Ekel. Die Story liegt mir sehr am Herzen und deswegen habe ich seit langer zeit mit mir gehadert, ob ich sie wirklich Posten sollte.
Wie schon erwähnt, geht es um die Liebe zwischen Frauen, aber auch um feste Freundschaft, Heimweh und das Gefühl von Alleinsein.
Disclaimer: Die Charaktere, sowie die Idee zur Story gehören ganz allein mir!
1.
Das Blinken an der vordersten Bordwand versicherte den Passagieren, dass sie ihre Sicherheitsgurte ablegen und sich entspannen konnten. Es war hektisch in dem kleinen und viel zu engen Flugzeug, ein Kind, dass schon den gesamten Flug über gequengelt und die Stewardessen geärgert hatte, rannte augenblicklich brüllend durch die schmalen Gänge und tat seiner Freude lauthals kund. Ein dicker, verschwitzter Mann mittleren Jahres forderte die Stewardessen auf, doch endlich dem Kind Einhalt zu gebieten und es zu seiner Mutter oder sonst wen zurückzubringen.
Passagiere stemmten ihr Handgebäck aus den oberen Stauräumen und drückten sich dabei gereizt an die Sitzreihen, um andere durchzulassen. Es war stickig in der Maschine und jeder von ihnen wollte nur zu gerne das Flugzeug verlassen und die erfrischende und vor allem kühlere Luft genießen. Die freundlichen Stimmen der adrett gekleideten Stewardessen erklungen und sie verabschiedeten mit einem liebenswürdigen lächeln die Passagiere, die begonnen hatten zum Ausgang zu schleichen.
Die geschulten Augen von Nora Gloster blieben bei jedem der Gesichter für einen Augenblick hängen, sie studierte ihre Züge und erkannte in jedem etwas besonderes und einzigartiges. Dann schob sich das Gesicht ihres Assistenten in ihr Blickfeld, der sie fragend und auffordernd zu gleich ansah. Randy Sullivan war ein pflichtbewusster Mensch, dessen Augen Intelligenz ausstrahlten, er war für Nora und ihre Arbeit als Fotografin eine wichtige Person geworden, schon alleine deswegen, weil er sich um ihre Termine und Aufträge kümmerte und sie das Talent hatte, alles zu vergessen.
Randy klemmte sich ihre Tasche unter den Arm und scheuchte dabei Lance Gibson, Noras derzeitigen Praktikanten der Kunsthochschule aus New York, vor sich her. Ein amüsiertes schmunzeln stahl sich auf ihre geschwungenen Lippen, während sie sich aus der Sitzreihe pellte und ihre Jeansjacke überzog. Die beiden waren wie Hund und Katze und ließen keine Gelegenheit aus um sich zu piesacken.
Lance war das komplette Gegenteil von Randy, der ausgeglichen und ruhig war, Attribute die er sich auch mir Nora teilte, doch Lance war quirlig und aufgedreht, hielt wohl nur seinen Mund wenn er schlief und liebte das New Yorker Nachtleben über alles.
Nun stiegen er und Randy skeptisch die Stufen hinunter und sahen sich immer wieder in alle Himmelsrichtungen um. Nora hatte keine Ahnung was genau sie suchten, aber sie war sich sicher, dass sie derartiges nicht erwartet haben.
Schließlich waren beide mitten auf dem Rollfeld stehen geblieben und drehten sich um sich selbst. Lance hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sein Gesichtsausdruck zeugte sichtlich von Unglauben, Randy wiederum schützte seine Augen mit der Hand vor der blassen, aber wärmenden Sonne und betrachtete ausgiebig ihre Umgebung.
Als Nora sich zu ihnen stellte sahen beide Männer sie mit skeptischen Mienen an, doch die junge Frau machte sich wenig daraus, griff nach ihrer Tasche und schlenderte fröhlich lächelnd zum Flughafengebäude, dass für Lance und Randys Geschmack, eine derartige Beschreibung beiweiten nicht verdient hatte.
Es dauerte nicht lange und sie hatten ihre Koffer und Ausrüstung, die mit Sorgfalt und Vorsicht behandelt werden musste, wieder bei sich. Danach machte Nora ihren beiden Begleitern klar, dass sie nun eine etwas längere Autofahrt von etwas über dreißig Meilen vor sich hatten, was beide mit noch mehr genervten Mienen quittierten.
Sie mieteten sich einen Wagen in einer winzigen Autovermietung im Flughafen und hatten die Wahl zwischen einen klapprigen Dodge Pick Up und einen dunkelblauen Chevy Truck, der seine besten Tage auch schon lange hinter sich hatte. Nora übernahm die Entscheidung und wollte den Chevy. Randy und Lance blieben nichts anderes übrig als diesen Entschluss zu akzeptieren und ihre Koffer zu verstauen.
Während sie über die staubigen Straßen fuhren, vorbei an kargen Ebenen und beeindruckenden Bergen, verlassen aussehenden Städtchen und grimmigen Cowboys, Kuhherden, die mitten auf der Straße ihre Rast machen mussten, fragte sich Nora, was sie sich dabei dachte, wieder zurückzukommen.
Sie hätte ein wundervolles Fotoshooting in Neuseeland oder Hawaii haben können, hätte traumhafte Strände, ein luxuriöses Hotelzimmer bekommen können, doch nein, sie musste hierher kommen. Zurück ins Nichts, wo es nur Sand, Berge und Engstirnigkeit gibt, ganz abgesehen von der Langeweile. Jedoch hielt sie sich immer wieder vor Augen, dass sie wegen ihrer Arbeit hier war, wegen etwas das ihr am Herzen lag und sie würde durchziehen, was sie sich vorgenommen hatte.
Den Menschen in Noras Umgebung war schon frühzeitig klar, dass sie kein Mädchen wie alle anderen war. Ihre ungewöhnlichen hellen grauen Augen blickten aufgeweckt und offenherzig in die Welt, etwas das man bei vielen anderen Kindern ihres Alters auch gefunden hatte, aber ihre Faszination und Aufmerksamkeit lag bei den kleinen Dingen, bei Feinheiten und Einzigartigkeiten. Sie konnte Stunden damit verbringen, einen Schmetterling zuzusehen oder einer Blume mit wundervollen Blüten und Farben.
Ihre damalige Zurückhaltung tat man als Schüchternheit ab und hoffte, dass diese Gefühle in späteren Jahren vergehen würden, doch Nora blieb ein ruhiges, jedoch geistreiches und intelligentes Mädchen. Sie hatte schon frühzeitig bemerkt, dass ihre Vorlieben nicht die von anderen gleichaltrigen Mädchen entsprachen, sie war gerne für sich alleine und sah den Wolken zu, wie sie langsam und bauschig über sie hinwegschwebten.
Ihre Tante, bei der sie seit ihrem neunten Lebensjahr lebte, war eine gutmütige, aber strenge Frau, die selber keine Kinder hatte und auch nicht verheiratet war. Als Noras Eltern bei einem schweren Autounfall beide ums Leben kamen, nahm sie das Mädchen zu sich und kümmerte sich um sie als wäre es ihre eigene Tochter.
Nora konnte sich nicht mehr wirklich an ihre Eltern erinnern, sie hatte zwar einen Haufen Fotos von ihnen und ihre Tante war es nie müde geworden ihr von ihrer Mutter und wenig von ihrem Vater zu erzählen, jedoch regte das nicht Noras Erinnerungen an. Sie konnte sich auch nicht an ihr frühres Leben erinnern. Manchmal träumte sie von ihren Eltern, von einem weißgetünchten Haus, mit einer breiten Veranda davor, doch sie konnte nie etwas genaues benennen.
Nora wollte sich auch nicht wirklich an all diese Dinge erinnern, denn es hieße, dass sie Schmerz und Trauer zulassen würde und das konnte sie selbst mit ihren nun Siebenundzwanzig Jahren noch nicht.
In der Highschool entdeckte Nora dann schließlich ihre Begeisterung und Talent zur Fotografie. Ihre Tante schenkte ihr zu ihrem vierzehnten Geburtstag eine alte, aber noch intakte Kamera und ab da an fing Nora ihre eigene Besonderheit in Bildern ein. Schon früh erlangten ihre Fotografien aufsehen und einige ihrer Bilder wurden gar in der hiesigen Schülerzeitung veröffentlicht.
Doch nachdem sie ihren Abschluss geschafft hatte und ihre Tante mit ihren Plänen konfrontierte nach New York zugehen um dort Kunst zu studieren, zerbrach die gute Beziehung zu ihrer Ziehmutter. Ihre Tante stammte aus einfachen Verhältnissen und für sie war Noras Wunsch nach New York zugehen einfach nur absurd. Sie bestand darauf, dass sie sich einen Job suchte und arbeitete, so wie jeder andere vernünftige Mensch. Sie erkannte zwar Noras Sensibilität und bewunderte ihre Gabe für die Fotografie, jedoch glaubte sie, dass sich Nora nur ihren Träumereien hingab. Sie wollte sie vor einer Enttäuschung bewahren und enttäuschte sie dadurch am meisten.
Nora stimmte ihrer Tante zuliebe zu, zu einer Freundin zu gehen, die als Haushälterin auf einer Ranch arbeitete und dort, wenigstens für den Sommer, als Aushilfe zu arbeiten. Nora ging auf die Lazy Stream Ranch und bleib ein ganzes Jahr dort, sie genoss jeden Augenblick, auch wenn ihr Alltag von harter Arbeit geprägt war. Selbst dort, in einer unsagbar schönen Landschaft, die sie immer wieder reizte zu Fotografieren und Dinge einzufangen, hatte sie ein Auge für Besonderheiten und so tat sie, ohne es selbst zu wissen, den ersten Schritt für ihren Durchbruch.
Jedoch waren es andere Dinge die Nora auf der Ranch hielten. Gefühle und Empfindungen die ihr Fremd und gleichermaßen Willkommen waren und so plötzlich wie ihr Gefühlsleben durcheinander geraten war, so abrupt hatte sie auch Lazy Stream verlassen und ging Hals über Kopf nach New York.
Nora hatte nie mit jemanden über die Gründe ihres Verschwindens geredet, sie hatte immer nur erklärt, dass sie sich bereit fühlte und das eintönige Leben und die Enge von Wyoming nicht mehr ertrug. Die meisten glaubten ihr dies, konnten es sogar nachvollziehen, im besonderen jene, die in der Stadt lebten und sich nichts anderes vorstellen konnten. In gewisser Weise stimmten diese Gründe auch. Nora wusste, dass sie niemals eine Chance hätte ihre Bilder veröffentlichen zu können, wenn sie weiter auf der Lazy Stream Ranch oder in dem kleinen Vorort von Cheyenne, der Heimatstadt ihrer Tante, bleiben würde. So sehr sie auch ihre Umgebung und die Natur liebte, sie hatte immer das Gefühl etwas anderes, vielleicht sogar wichtigeres, zu verpassen. Sie wollte Metropolen sehen, andere Menschen kennen lernen und Dinge erleben, die ihr der Heimatort niemals bieten konnte.
Nora ließ Menschen zurück die ihr wichtig waren und die ihr sehr viel bedeuteten und doch war der Wille nach Eigenständigkeit größer als ihr Pflichtbewusstsein. Und so geschah es auch, dass Nora nicht da war, als ihre Tante starb.
Sie kehrte nach über einem Jahr zurück nach Wyoming zu einem Ereignis, dass sie unglaublich traurig machte und sie konnte für ihre Tante nichts weiter tun, als ihr ein würdiges Begräbnis herzurichten. Sie hätte in dieser Zeit die Gelegenheit nutzen sollen und das tun und aussprechen sollen, was ihr auf dem Herzen lag, doch sie konnte es nicht und ging zurück nach New York, veröffentlichte einen hochgelobten Fotoband und füllte sogar eine Galerie mit ihren Bildern. Doch all das machte sie nicht so glücklich und zufrieden wie sie gehofft hatte.
Und nun, drei Jahre nachdem sie Wyoming verlassen und versucht hat zu verdrängen was auf der Lazy Stream Ranch geschehen und was ihre Gefühle entflammt hatte, war sie wieder hier und fuhr an den Ort, an dem sie zum letzten mal wirklich Glücklich war.
Noras Augen wanderten zu ihren Stiefeln hinunter, die von diesem Ort so deutlich und anschaulich sprachen. Sie hatte Tage und gar Wochen in den dunklen, abgetragenen Stiefeln verbracht, in denen sie sogar einige Male geschlafen und den ganzen Tag darin gelaufen und geritten war. Doch heute hatte sie das Gefühl, dass ihr die Stiefel zu klein geworden waren, sie drückten und schienen nicht mehr wie früher an ihren Fuß zu passen. Hatte sie sich wirklich so verändert, dass sie einfach nicht mehr hierher gehörte und das sie es nur nicht erkennen wollte? Vielleicht sollte sie wirklich zurück nach New York fliegen, vergessen was gewesen war und was sie an diesen Ort festhielt. Doch sie konnte nicht, sie war hier und sie würde erst gehen, wenn es keine andere Möglichkeit mehr geben würde. Sie hatte schon zu viel Zeit durch ihre eigene Angst und Selbstzweifel vergeudet. Es war richtig und auch gut, dass sie wieder zu Hause war.
Lance ließ vom Sendersuchknopf des alten Radios ab, lehnte sich mit einem genervten brummen zurück und starrte dann verdrießlich durch die verdreckte Autoscheibe. Nora lächelte nur stumm über seine Unzufriedenheit und blickte dann zu Randy, der ruhig den Wagen lenkte und ihren knappen Anweisungen folgte.
„Es gibt hier nichts, Nora. Warum wolltest du ausgerechnet hier deine nächste Fotostrecke machen? Wir hätten doch wenigstens dafür nach Texas fahren können“, wollte Lance schließlich mit einem unwilligen seufzen wissen und fummelte dabei an seinen neuen und teuren Cowboystiefeln umher, die ein grässliches Muster trugen und wo sicherlich bei der ersten Gelegenheit der Hacken abbrechen oder das Leder reißen würde.
„Sieh dich um, du Genie, dann wirst du es hoffentlich alleine sehen, wenn nicht, dann solltest du darüber nachdenken, dass Fach zu wechseln“, kam Randy aber Nora zuvor und sie konnte in seiner Miene die selbe Begeisterung erkennen, die auch sie verspürte, als sie zum ersten Mal in diese Gegend kam. Lance gab daraufhin nur ein mürrisches Gemurmel von sich und blickte wieder stumm nach vorne.
„Wo genau liegt eigentlich diese Lazy Stream Ranch?“, wollte Randy dann wissen und lenkte den Chevy auf einen staubtrockenen Pfad, da die Straße an dieser Stelle plötzlich aufgehört hatte. Nora lächelte über sein leicht verdutztes Gesicht und blickte dann verträumt aus dem schmutzigen Fenster. „Lazy Stream liegt eigentlich im nirgendwo. Es gibt kleinere Orte um sie herum, aber sie ist noch völlig unberührt und eigenständig von unseren Lebensstil.“
„Wie meinst du das?“, wollte Lance wissen und blickte ihr ahnungslos entgegen. Für ihn klangen die Worte von Nora, wie der reinste Alptraum. Kleinere Orte waren für ihn gleichbedeutend mit Kaff, also Nichts.
„Ich meine damit eigentlich nur, dass sich Lazy Stream noch alleine halten kann. Das sie von den Einnahmen selbstständig wirtschaftet, ohne auf eine Bank oder Tourismus angewiesen sein zu müssen. Die Gegend dort ist noch völlig unberührt und keine nervigen Städter versuchen mit den Kälbern oder Jährlingen zu spielen. Die Ranch hält sich von alleine und darauf kann ein Rancher in der heutigen Zeit wohl stolz sein. Außerdem würde es einfach nicht passen, dass Touristen dort umherlaufen und den Betrieb aufhalten, ich denke, einige der Cowboys würden da ihre berühmte Gelassenheit wohl völlig verlieren.“
Randy konnte die Freude und Begeisterung deutlich aus ihren Worten heraushören, ebenso wie ihre Liebe zu dieser Ranch. Sie hatte anscheinend ein Wissen über den dortigen Alltag, den sie ihm und jeden anderen verborgen hatte. Doch er lächelte ihr einfach nur nachempfindend zu und versicherte ihr, dass es bestimmt wundervoll dort war.
„Was sind Jährlinge?“, murmelte dann plötzlich Lance und blickte Nora vollkommen verwundert an, die musste über seine liebenswerte Unwissenheit schallend lachen, was dieser als Beleidigung auffaste und begann zu schmollen.
Doch Nora konnte es sich auch nicht nehmen ihren jungen Praktikanten deswegen aufzuziehen. Sie wusste, dass er keinerlei Ahnung von einem derartigen Leben hatte, er wuchs in New York auf und die einzige Kuh die er je nahe war, war das gebratene Fleisch auf seinem Teller. Er war einer dieser typischen Großstädter, mit einer romantischen Vorstellung eines Cowboy Lebens, doch wenn man sie damit konfrontierte, waren sie erschrocken und eingeschüchtert von der Einfachheit und auch Langeweile dieses Lebens.
Vor ihnen zog sich die einfache Straße ins Tal hinab und Nora blickte mit leuchtenden Augen auf das große Holzschild, mit der Aufschrift ‚Lazy Stream’, dass über die Straße verlief. Bald würden sie da sein und dann würde sich herausstellen, wie willkommen sie dort noch sein würde.
Ein Fluss durchschnitt das Land der Lazy Stream Ranch und gab ihr auch den Namen. Er floss zu aller erst aus den nahen Berghängen herab und war an dieser Stelle stark und schnell, doch dann wurde der Verlauf durch Hindernisse und Bäume verlangsamt und zu einem breiteren Verlauf gezwungen. Er wand sich durch wirre Korbweidengestrüppe und schlängelte sich über flache Wiesen.
Nora konnte sich selbst in dieser Entfernung sein rauschen und plätschern vorstellen, spürte wieder die frische und kälte des kristallklaren Wassers auf ihrer Haut. Als sie wieder nach vorne blickte, konnte sie bereits die weite Arena vor den Pferdeställen erkennen und eine unbekannte Nervosität und gar Angst befiel sie. Am liebsten wollte sie Randy bitten, dass er anhielt und sie zu Fuß zur Ranch gehen könnte, doch sie widerstand diesem Drang und blickte einfach nur geradeaus, nahm jede Einzelheit des Bildes vor sich auf.
Hinter dem Ranchhaus, dass noch immer goldbraun in der blassen Sonne leuchtete, erhob sich ein felsiger Vorsprung. Nora wusste, dass man von der Anhöhe aus den Fluss sehen und erkennen konnte, dass er sich wie ein Burggraben um die Ranch mit seinen Häusern und Gebäuden wand.
Ungefähr fünfzig Meter vom Haupthaus entfernt war das Haus für die Cowboys und Hilfsarbeiter, die dort wohnten, wenn es Zeit war, die Rinder auf die Sommerweiden zu treiben. Vor den Häusern waren die Korrals und sie bildeten den Mittelpunkt der Ranch.
Der Chevy fuhr mit einer dunklen Staubwolke auf das Ranchhaus zu und Nora war innerlich keineswegs über diese ungewollte Präsenz begeistert. Man konnte so gut wie keine Menschenseele erkennen, nur ein paar Pferde die auf ihrer Koppel standen und neugierig zu ihnen herüberblickten. In der nähe eines westlichen Korrals, der weit entfernt von den Ställen war und nur für die Kälber benutzt wurde, wenn sie ihr Brandzeichen bekamen, waren zwei Männer, die bei ihrem Auftauchen aufblickten. Einer von ihnen verschwand und Nora war sich sicher, dass er zu Elaine gehen würde.
Randy stoppte den Wagen zwischen dem Haupthaus und dem ersten Korral. Nora stieg mit einem begeisterten lächeln, aber auch unsicherem Gefühl aus, während Randy und Lance ehr zögernd den Wagen verließen und nicht recht wussten, was sie nun genau hier machen sollten.
„Kann ich was für sie tun?“, wollte der großgewachsene, aschblonde Mann wissen. Seine Augen waren halb unter der Krempe seines Hutes versteckt und doch erkannte man ein paar sanfte blaue Augen, die viel zu klein schienen für sein langes Gesicht. Nora wandte sich sofort zu ihm um, doch konnte sie mit seinem Gesicht nur wenig anfangen. Er musste neu auf der Ranch sein.
„Entweder hat mich nun völlig der Altersschwachsinn befallen, oder vor mir steht die kleine Missy“, ertönte eine weitere, viel kratzigere und tiefe Stimme, dessen markanter Akzent beinah seine Worte zu verschlucken schien. Alle Augen lagen auf dem alten Mann, doch sein heiteres lächeln galt nur Nora.
Die lachte begeistert auf und ging sofort auf den Cowboy zu, dessen Gesicht von charakterstarken Falten gezeichnet war, jedoch seine Augen, die die Farbe eines klaren Felsbaches hatten, blickten lebhaft und munter unter seinen Hut hervor.
Das ungleiche Gespann fiel sich sofort in die Arme und hielten sich eine ganze Weile in dieser freundschaftlichen Geste gefangen. Nachdem sie sich endlich wieder voneinander gelöst hatten, blickte Nora mit einem strahlenden grinsen zu ihren Begleitern.
„Kümmere dich um deine Arbeit, Briley“, sagte der Mann dann und nickte dem jüngeren Cowboy nur knapp zu, dieser berührte seinen Hutrand und verschwand dann Richtung Ställe. Nora schien nur wenig an seinen recht barschen Tonfall zu finden und auch der junge Briley ging ohne das Anzeichen von Widerspruch.
„Ich muss euch unbedingt Booker vorstellen! Er ist der älteste noch echte Cowboy in ganz Wyoming“, platzte es ungewohnt übermütig aus Nora heraus und grinste dabei frech zu dem Mann neben ihr, der nun mit ernster Miene Randy und Lance musterte. „Echte Großstadtpflanzen“, knurrte Booker, nachdem er die beiden Fremden ausgiebig gemustert hatte und beide wussten, dass diese Einschätzung keineswegs freundlich gemeint war.
Was Booker sah gefiel ihm nicht. Die beiden waren in seinen Augen zu geleckt, zu sauber und schmuck. Der eine war eine groteske Cowboy Karikatur mit lächerlichen blau-schwarzen Stiefeln, zu übertriebener lässiger Kleidung, wobei sein Bolotie die dilettantische Form eines Adlers trug und absolut nicht zu seiner neumodischen Frisur passte. Jedoch war sein Gürtel angenehmer anzusehen, als das Buckle von dem anderen Kerl. Booker rätselte wirklich ob das ein Bison oder ein Schwein sein sollte. Er hatte eine merkwürdige Mischung aus zwangloser Alltagskleidung und Designermode an. Seine Jeans war wohl das unauffälligste an ihm, obwohl sie wohl mehr kostete als Booker je in seinem Leben für ein Kleidungsstück ausgegeben hat, aber dafür sahen seine Stiefel wenigstens tragbar und zweckmäßig aus.
„Tja, nicht jeder hat das Talent zum Rodeo, Booker“, schloss Lance auf seine einfache und abgetragene Kleidung, die aus einer ausgewaschenen Jeans und einen schlichten Hemd bestand, doch die Miene von dem erfahrenen Cowboy blieb reglos, nur Nora verkniff sich angestrengt ein auflachen. „Für dich, Jungchen, Mr. Booker“, erwiderte dieser dann schließlich ausdruckslos und seine Miene verfinsterte sich noch etwas mehr. Lance lächelte Booker verlegen entgegen und ging dann kleinlaut zurück zum Chevy.
Danach wandte sich Booker wieder an Nora, die ihn noch immer so herzlich und begeistert anstrahlte. „Hat sie dich schon gesehen?“, wollte der alte Mann dann aber wissen und augenblicklich verschwand Noras ungezwungene Art und machte Nervosität und Beklemmung platz. Sie hoffte inständig, dass Elaine sie nicht davon jagen würde.
Booker bemerkte natürlich ihre plötzliche Veränderung und legte beruhigend einen Arm um ihre schmale Schulter. „Mach dir keine sorgen, Missy, sie wird dich schon nicht Teeren und Federn.“
Nora erwiderte seine Überzeugung ehr skeptisch und betrachtete dann verstohlen den alten Mann vor sich, der ihr ein Freund war, seit sie die Lazy Stream Ranch betreten hatte. Booker sah älter und abgezehrter aus, als sie ihn in Erinnerung hatte. Seine Augen waren zwar noch immer wach und lebensfroh, doch sie standen tief in den Höhlen und auch seine Haltung war gebeugter und sein Gang schwerfälliger als früher. Sie begriff, ohne ihn fragen zu müssen, dass seine Knochen und Lungen ihm Probleme machten.
„Wo willst du und deine beiden Großstadtcowboys eigentlich übernachten?“, wollte Booker dann mit einem amüsierten Blick auf Randy und Lance wissen, die sich zum Chevy zurückgezogen hatten und die Gegend begutachteten. „Ich dachte, dass wir uns in einem Motel in Salt Creek einmieten, nichts besonderes. Nur für ein paar Tage oder etwas länger. Ich muss sehen wie’s läuft.“
Booker sah sie daraufhin mahnend an und zog seine buschigen Augenbrauen demonstrativ zusammen. Etwas das er immer tat, wenn er unzufrieden oder gegenteiliger Meinung war. „Kommt ja wohl nicht in Frage, Missy! Du und die zwei da, ihr werdet hier bleiben. Im Haus ist genügend Platz und außerdem können wir bald jede Hand gebrauchen, du wirst ja wohl noch nicht alles vergessen haben oder?“
„Nein, Booker, natürlich nicht. Aber ich will mich nicht aufdrängen, ich komm hier ohne Anmeldung an. Elaine wird von deiner Idee im übrigen absolut nicht begeistert sein, egal ob ihr noch Leute brauchen solltet oder nicht.“
„Ach“, wiegelte er unbeeindruckt ab, „Elaine wird einem alten Mann keinen Wunsch abschlagen und außerdem, wenn Mrs. Lacey erfährt, dass du hier bist, dann wird sie dich ohnehin sofort hier behalten, egal was Elaine davon hält!“
„Ich weiß nicht, Booker. Wir sind nicht als Freunde auseinandergegangen“, gab Nora noch immer unwohl von sich und blickte ihren Freund bedenkend entgegen, doch dieser schnaubte nur geringschätzig und drehte sich bereits zum Ranchhaus um, als er Elaine auf sie zukommen sah.
Elaine Amy Nolan war eine schlanke Frau von hohem Wachstum, ihre braunen schulterlangen Haare hatte sie wie immer offen, die blauen Augen hatten etwas unberührbares und ernstes an sich, doch wurde dieser Eindruck verdrängt, wenn sie ihr unbeschwertes lachen erklingen ließ, dass einige Freunde scherzend mit dem wiehern ihrer Pferde verglichen. Wenn sie in Gedanken war, hatten ihre sonst entspannten Gesichtszüge jedoch etwas grimmiges und strenges, dass man auf den ersten Blick als Verbitterung bezeichnen und auf die frühe Verantwortung für die Ranch zurückführen konnte. Jedoch war Elaine alles andere als Verbittert oder Überfordert, sie war eine frohe und ausgelassene Frau, die jedoch diese Züge hinter Ehrgeiz und starkem Willen versteckte. Seit ihrer frühen Kindheit hatte sie auf der Ranch gearbeitet, sie konnte ehr reiten, als sie lesen konnte. Ihr Körper hatte sich an die harte Arbeit gewöhnt und auch wenn sie dadurch gekräftigt war, hatte sie noch immer einen weiblichen Körper und war eine schöne Frau.
Doch nun war von dieser eigentlichen Freundlichkeit ihres Charakters nichts zu sehen. Ihre schritte waren energisch und ihre Züge sprachen weder von Freude noch Begeisterung. Nora versuchte sich ihre Anspannung nicht anmerken zu lassen, doch sie spürte, dass es ihr vollkommen misslang. Elaine war eine wachsame Frau und sie hatte eine unglaublich gute Menschenkenntnis, die ihr jede negativen Gefühle enthüllen konnte.
„Was tust du hier?“, spuckte Elaine schließlich und ihre Stimme war alles andere als erfreulich. Nora hatte Elaine während ihrer Zeit auf Lazy Stream nicht oft so erlebt, es gab nur wenige Dinge die sie aus der Haut haben fahren lassen, doch im Moment war wohl sie selber der Grund für ihre Verärgerung. „Ich... nun ja, ich bin wegen den Rodeos hier. Ich wollte meine nächste Fotostrecke darüber machen. Das wahre Leben im ‚Cowboy-State’“, versuchte Nora zu scherzen und vor allem ihr eigenes Unbehagen zu bekämpfen, doch sie erkannte schnell an Elaines Miene, dass das auf wenig Gegenliebe stieß. „Soll das witzig sein? Was willst du hier, Nora, ich hab angenommen, dass du uns Provinzler nie mehr wiedersehen willst, nachdem du solchen Erfolg in New York hast.“
„Elaine, bitte. Du weißt, dass ich so was weder gesagt habe, noch jemals denken würde. Ich... ich hatte einfach Heimweh und da ich ein neues Projekt beginnen wollte, dass an meine frühere Arbeit erinnert, hab ich gedacht, dass dies hier der beste Ort dafür ist.“
„Ausgerechnet hier? Konntest du nicht nach Texas gehen, dort gibt’s auch Rodeos“, sagte Elaine daraufhin giftig und Nora senkte getroffen den Blick. Sie wollte sich gerade verabschieden und so schnell es ging von hier verschwinden, als sich Booker einmischte: „Hör auf umherzuzetern, als wärst du ein altes Weib! Nora konnte gehen, wann und wohin sie wollte. Sie hat keinen Grund dir Rechenschaft abzulegen, was für uns andere vielleicht zutrifft, aber nicht für sie.“
Elaines Züge blieben nach diesen Worten ungerührt, doch plötzlich stahl sich ein amüsiertes grinsen auf ihre Lippen und sie schnalzte leise mit der Zunge, doch als sie zu Nora blickte war dieses lächeln abrupt wieder verschwunden. „Willkommen Zuhause“, gab sie höhnisch von sich und drehte sich unvermittelt wieder von der Gruppe weg. Während sie sich entfernte warf sie noch Randy und Lance einen abschätzenden Blick zu, der von keinerlei Sympathie sprach.
Jedoch flammte Noras Kämpfernatur wieder auf und augenblicklich folgte sie Elaine und ließ sich auch nicht von ihrem aufgebrachten Blick abschütteln. „Ich kann ja verstehen, dass du wütend auf mich bist, aber hör auf, mich wie eine Fremde zu behandeln. Bitte, Elaine, es tut mir leid, wie das gelaufen ist, aber was sollte ich tun?“
„Oh ja, was solltest du tun! Hast du auch mal an mich gedacht oder war dir das Scheißegal? Du bist einfach abgehauen, ohne ein Wort oder eine Erklärung, nur ein abgedroschener Anruf aus New York, der nicht einmal annähernd erklärte, warum du dich so benommen hast!“
„Du weißt warum ich gegangen bin. Und ich weiß, dass es dir sogar recht war, du wolltest doch eigentlich gar nicht, dass ich noch länger hier bleibe und du damit riskierst, dass alles ans Licht kommt.“
Daraufhin blickte sich Elaine beinah gehetzt um und starrte Nora dann gereizt entgegen. „Ich wollte nie, dass du einfach so verschwindest. Ich hätte ein recht darauf gehabt, zu erfahren was los ist! Gerade ich und gerade nachdem was gewesen war. Doch du hast das für unnötig gehalten und einfach deine Sachen gepackt, um in New York berühmt zu werden und deinen verfluchten Traum zu verwirklichen. Hast du auch nur einmal an mich gedacht? Hab ich keine Erklärung verdient gehabt?“
„Denkst du etwa, dass es für mich nicht auch schwer war? Ich wollte weder dir, noch jemand anderen weh tun, doch wenn ich geblieben wäre dann – du weißt was passiert wäre“, gab Nora mit beinah brüchiger Stimme von sich und blickte Elaine bittend entgegen, die verlor bei diesem Blick, der ihr schon immer Ruhe und Besänftigung einhauchen konnte, sofort von ihrer Gereiztheit. „Ich hab geglaubt, dass ich dich nie wiedersehen würde“, erwiderte sie milder und brachte sogar ein schwaches lächeln zustande, dass Nora ebenso schwach, aber ehrlich erwiderte. „Und ich hab gehofft, dass wir uns wiedersehen würden.“
„Das ist der unterschied zwischen uns, ich bin pragmatisch, du warst schon immer verträumt“, sagte Elaine mit einem vergnügten schmunzeln. „Unser Wiedersehen hat nichts mit Träumereien zu tun“, schmetterte Nora jedoch mit bitterer Ernsthaftigkeit ab und Elaine zog ihre feingeschwungenen Augenbrauen verwundert zusammen. „So und womit hat’s dann zu tun?“
„Mit Hoffen und festem Willen“, antwortete sie und blickte Elaine nun lächelnd, beinah neckend entgegen und diese verstand sofort diese Geste. „Willst du damit also sagen, dass ich keinen Willen habe? Ich hab mehr gearbeitet als du in deinem ganzen Leben. Ich erinnere dich gern an deine Zeit bei uns. Anstatt bei der ärztlichen Untersuchung der Kälber zu helfen, hast du geknipst und einen blöden Film nach dem anderen verbraucht.“
„Hey, in erster Linie war ich hier um mich Selbst zu finden, du hast das natürlich als Hilfsarbeit ausgelegt! Du wusstest, dass ich davon nichts verstand und hast mich dennoch ins kalte Wasser geworfen! Dir hat das doch sogar gefallen, mich andauernd am Boden zu sehen, mit blauen Flecken und schmerzenden Hintern.“
Plötzlich stahl sich ein vergnügtes grinsen auf Elaines Gesicht, dass ihr Gefallen für diese Erinnerung und wohl auch dieses Gespräch ausdrückte. „Das stimmt eigentlich. Es war komisch, dich im Staub gedrückt zu sehen, mit über den Kopf verschränkten Armen, aus Angst eines der Kälber könnte dich zertrampeln“, sagte sie schließlich mit deutlich belustigter Stimme und Nora war für einen Moment über diese Antwort erstaunt, doch dann grinste auch sie und so standen sich beide Frauen für wenige Sekunden gegenüber und dachten an ihre damalige erste Zeit, in der Nora noch ein blutiger und verunsicherter Anfänger war und Elaine die überstrenge Rancherin.
„Willst du in dein altes Zimmer? Mrs. Lacey würde es mir nie verzeihen, wenn ich dich zu den Männern stecken würde“, sagte Elaine dann schlicht und Nora konnte nichts anderes, als ihr begeistert entgegen zu nicken. „Ist das auch wirklich okay, du musst das nicht tun, wir können uns genauso gut in ein Motel in Salt Creek einmieten. Das wär kein Problem“, wollte Nora aber sicher gehen, doch Elaine grinste einfach nur stumm und ging dann zurück zum Haupthaus.
Lance und Randy standen noch immer verharrend am Chevy und Booker hatte sich auf eine Bank auf der Veranda zurückgezogen, wo er genüsslich auf seiner Pfeife kaute. Elaine blickte nun genauer die beiden Fremden Männer an und zog dann skeptisch die Brauen hoch. Sie hatte schon lange niemanden mehr in einen solch rausgeputzten Aufzug gesehen, nicht einmal Nora kam damals so unpassend gekleidet bei ihnen an.
„Ich bin Elaine und mir gehört die Ranch, mit allem was ihr hier seht und noch darüber hinaus. Alle die auf der Ranch arbeiten, einschließlich den Hilfsarbeitern und unserem alteingesessenen Cowboy da drüben, arbeiten für mich und unterstehen nur mir. Sie tun was ich sage, wann ich’s sage.“ Nora, die sich auf eine der Stufen zur Veranda hingesetzt hatte, warf Booker einen amüsierten Blick zu, den dieser ebenso erwiderte. „Nora hat mir erzählt, dass ihr euch, wenn ihr nichts anderes findet, in einem Motel in der näheren Stadt einmieten wollt. Da kann ich nur zu sagen, wenn ihr unbedingt Kakerlaken und Schaben in euren Sachen haben wollt, tut euch keinen Zwang an, wenn nicht, dann bleibt hier. Aber wenn ihr bleibt, dann sollte euch klar sein, dass ich erwarte, dass ihr mit anpackt. Sozusagen dürft ihr umsonst auf meiner Ranch Essen und Schlafen und müsst nichts weiter dafür tun, außer zu arbeiten.“
Elaine wartete nicht einmal eine Antwort, von den perplexen und wenig begeisterten Stadtmännern ab und drehte sich sofort zu dem etwas entfernteren Haus um. „Ihr könnt eure Sachen dort hinbringen. Keine Ahnung welches, aber eins der Zimmer muss noch frei sein. Ich werd Hunter, meinen Vorarbeiter, anweisen, euch ein Zimmer zu geben. Gegessen wird zusammen im Ranchhaus, um sechs wird aufgestanden und dann wird euch eure Arbeit zugewiesen, es sei denn Nora braucht euch für ihre Fotografien.“
Randy und Lance blickten augenblicklich zu Nora hinüber, die zuckte nur gespielt hilflos mit den Schultern. Die Gesichter ihrer Begleiter machten ihr deutlich klar, dass sie nur wenig von dem hielten, was Elaine ihnen erzählte. Sie hatten keine Ahnung von einem Ranchleben, geschweige denn, dass sie jemals vor zehn aus den Betten waren und nun sollten sie jeden Morgen um sechs aufstehen, sich mit eiskaltem Wasser waschen, diese Tatsache war ihnen aber noch verborgen und die würden sie wohl erst am nächsten Morgen herausfinden, und mit einem Tag voll harter Arbeit vor sich. Eigentlich konnten sie einem Leid tun, doch Nora überwand dieses Gefühl sehr schnell und pure Schadenfreude machte dem Mitleid platz. Es würde den beiden, im besonderen Lance, gut tun mit ehrlicher Arbeit konfrontiert zu werden. Außerdem würden sie es überleben, wenn selbst Nora nicht daran zerbrochen ist.
Doch Lance fand schnell seine Unbefangenheit zurück und, anstatt in stummes grollen, wie Randy, zu verfallen, musterte er unverhohlen Elaine und was er sah gefiel ihm ungemein. Die enge helle Jeans betonte ihre schlanken Beine und auch wenn ihr Oberkörper durch ein weites Hemd versteckt war, dessen Saumenden in ihre Jeans gestopft waren, konnte Lance die Rundungen voller Brüste erkennen. Sie war vielleicht eine Landpomeranzen, aber sie war eine gutaussehende.
„Ein echtes Cowgirl“, murmelte er dann leise und musterte Elaine noch immer, als diese sich abrupt zu ihm umdrehte und langsam auf ihn zuging. Lance erstarrte, als er ihre plötzlich Aufmerksamkeit bemerkte, doch anstatt verlegen ihren Blick zu meiden, blickte er ihr herausfordernd entgegen und setzte sein charmantestes lächeln auf. „Was war das? Cowgirls, Jungspund, gibt’s nur in Texas. Du solltest vorsichtiger mit deiner Wortwahl sein, sonst bitte ich Mrs. Lacey dir deinen Mund mit Seife auszuwaschen“, raunte sie ihm dann entgegen und versteckte ihre schneidenden Worte hinter einem liebreizenden lächeln.
Danach wandte sie sich zum Haus und sagte zu Nora im vorbeigehen, dass sie ihre Koffer holen solle. Nora ging anschließend mit einem schmunzeln auf ihren Assistenten und Praktikanten zu.
„Was ist bitte an Cowgirl so falsch?“, wollte er dann zischend wissen und hievte dabei seinen Koffer von der Laderampe des Chevys. „Vieles, Lance. Du solltest besser keine Frau mehr als Cowgirl bezeichnen, sonst kann’s passieren, dass sie dich Teeren und Federn und dann aus der Stadt jagen. Die meisten Arbeiten hier ebenso wie ihre Männer auf den Ranchen, doch die Bezeichnung Cowgirl stammt aus Texas und benennt jene Frauen, die sich zügellos auf den Rodeos benehmen und nicht nur versuchen die Bullen zu reiten – wenn du verstehst.“
„Willst du damit sagen, dass ich sie grad als Hure bezeichnet habe?“, wollte Lance dann erschrocken und mit gedämpfter Stimme wissen. Nora nahm Randy ihre Tasche ab und warf ihrem Praktikanten dabei einen bejahenden Blick zu, den dieser beinah zusammenzucken ließ.
Nachdem Nora ihre Tasche mit der Fotoausrüstung geschultert hat und ihren Koffer hinter sich her zur Veranda zog, drehte sie sich ein letzten mal zu den beiden Männern um, die sich gerade auf den Weg zu dem anderen Haus machen wollten. „Danke, dass ihr das auf euch nehmen werdet. Ich weiß, dass ihr keine Lust auf Wyoming hattet und auf die Fotostrecke, im besonderen du Randy. Doch glaubt mir, es lohnt sich, nirgendwo kann man schönere Motive finden als hier. Ihr werdet es nicht bereuen und die Galleristen werden begeistert von den Aufnahmen sein.“
„Warum glaubst du dann, uns irgendwas erklären zu müssen?“, stellte Randy mit ernster Miene eine Gegenfrage, doch Nora hörte seine Vergnügung heraus und lächelte deswegen beide leicht an. „Eurer Hotelführer kommt gerade“, sagte sie dann neckend und hob grüßend die Hand zu dem Mann mit dem tief sitzenden dunklen Cowboyhut, bevor sie ihre Sachen nahm und in das Haus eintrat.
Randy und Lance wandten sich daraufhin um und sahen sich einem drahtigen dunkelhaarigen Mann gegenüber, mit ergrauten Schläfen und einem dichten Vollbart. Er trug feste Lederhandschuhe und in einer Hand hielt er ein Lasso fest, seine dunkle Jeans und Karohemd war mit Staub und Dreck übersät, doch sein Gesicht, dass braun und recht jugendlich war, zeugte von Sauberkeit. Als er vor Randy und Lance zum stehen kam, schob er seinen Hut leicht zurück und musterte die beiden Männer vor sich mit einem leichten grinsen auf seinen fast versteckten Lippen. Dann wanderten seine braunen heiteren Augen zu ihren Gesichtern und er ließ das gleiche schnalzen los, wie Elaine zuvor.
„Yeah. Folgt mir“, gab er nur schlicht von sich und ging, noch bevor einer der beiden reagieren konnte, an ihnen vorbei zu dem dunkleren und kleineren Haus, in der Nähe des Felsvorsprungs. Randy und Lance warfen sich einen seufzenden Blick zu und versuchten dann dem energischen Gang des Cowboys gleichzuziehen.
Nora wiederum würde einen wärmeren Empfang erhalten, als die beiden New Yorker Männer den gesamten Tag über erfahren hatten. Sie ließ ihren Koffer und Tasche an der Tür stehen und blickte sich erst einmal in dem großen Ranchhaus um. Nichts schien sich verändert zu haben. Das Haus war noch immer gemütlich, aber zweckmäßig eingerichtet, selbst die Fotos an den Wänden hatten ihren Platz nicht getauscht.
Nora warf einen Blick nach links, zum Speiseraum, der auch gleichzeitig als Aufenthaltsraum für die Rancharbeiter diente, doch im Moment war niemand drin, alle gingen ihrer arbeit nach.
Der große ovale Tisch stand noch immer an seinen Standort an der Fensterseite des Hauses. Elaines Mutter hatte ihn dort platziert, weil man von da aus den besten Blick auf den Felsvorsprung und teile der freistehenden Koppeln hatte. Auf der gegenüberliegenden Seite war der Kamin und eine Gruppe von bequemen Sesseln und einer alten ausgesessenen Couch. Nora musste lächeln bei dem Gedanken daran, wie oft sie darauf erschöpft eingeschlafen und am nächsten Tag mit schmerzenden Rücken aufgewacht war.
Mit einem gedankenschweren schmunzeln ging sie schließlich auf den Kamin zu, in dem schon ein prasselndes Feuer brannte und alle Geräusche in ein beruhigendes Knistern und Knacken einhüllte. Auf dem Sims des Kamins und darüber an der Stein- und Holzwand waren alter Bilder von Familienmitgliedern oder bedeutenden Ereignissen der Familie Nolan angebracht.
Nora kannte sie beinah auswendig. Da war das Foto von Elaine, die stolz und mit einem breiten grinsen auf ihrem rotbraunen Pferd saß und ihr erstes Kalb eingefangen hatte. Sie war damals gerade mal fünf. Elaine bei der Abschlussrede ihrer Highschool oder als sie ihr Studium in Agrarwissenschaften mit Auszeichnung bestanden hatte. Das Bild von ihrem Großvater und Großmutter war ebenso noch immer an seinen Platz, sowie das von Elaines Daddy zwischen seinen Cowboys.
Mr. Frank Nolan war ein stattlicher und starker Mann, er arbeitete hart für die Ranch, aber vergaß darüber hinaus niemals seine Familie. Jedoch war die anstrengende Arbeit zuviel für seinen Körper und er erlitt bereits im Alter von fünfundvierzig Jahren einen Herzinfarkt. Damals riet man ihm kürzer zu treten, nicht mehr die ganze Arbeit allein machen zu wollen und eine Zeit lang schien es so, als würde er sich erholen. Doch der zweite Herzinfarkt war zuviel für seinen angeschlagenen Körper. Mr. Frank Nolan starb im Alter von zweiundfünfzig Jahren. Er war ein guter Mensch und seinen Tod hatte Elaine nie wirklich verwinden können.
Noras Augen wanderten zu Mrs. Amy Nolan. Ein altes schwarzweiß Foto zeigte eine wunderhübsche strahlende junge Frau. Das Bild wurde aufgenommen als sie Elaines Daddy kennen gelernt hatte, damals war sie um einiges jünger als Elaine heute, doch sie war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Die selben sanften Züge, die hohe Stirn und vor allem, die gleichen Augen, mit dieser Lebenslust und Fröhlichkeit darin.
Doch Mrs. Nolan war nun eine alte Frau, die nicht mehr auf der Ranch leben konnte, seit ihr Mann verstorben war. Sie lebte nun in Casper in einem hervorragenden Institut, wo man sich ausgiebig um sie kümmern konnte, was Elaine durch die Führung der Ranch einfach nicht schaffte und dennoch hatte sie immer Schuldgefühle, ihre Mutter dorthin gebracht zu haben, auch wenn Mrs. Nolan ihrer Tochter keine derartigen Gedanken einredete.
Nora hatte sogar immer das Gefühl, dass sie erleichtert war von der Ranch wegzukommen und nicht mehr mit ihren Erinnerungen so deutlich konfrontiert zu werden. Sie war eine stille und ernste Frau geworden, nachdem ihr Mann gestorben war und Elaine sagte manchmal, dass etwas von ihrer Momma mit ihrem Daddy gestorben sei.
Nora musste sich bei diesen Gedanken von dem Bild abwenden, selbst sie konnte den Schmerz von Mrs. Nolan nachempfinden, sie hatte auch jemanden verloren, der vorher ihre ganze Welt war, doch sie hatte nur wenige Menschen mit denen sie ihren Schmerz teilen konnte. Eigentlich hatte sie niemanden mehr, ihre gesamte leibliche Familie war gestorben.
Ihr Blick fiel auf eine vertraute Figur, auf einer Kommode an der Wand und sofort schritt sie darauf zu. Sie hatte dieses grässliche Ding Elaine geschenkt, als Dankeschön und Anerkennung. Sie hatte gehofft, dass sie dieses hässliche Etwas, dass einen Cowboy, der ein Lasso über seinem Kopf schwang, auf einem aufsteigenden Pferd, in Bronze darstellte, schon längst entsorgt hätte. Zumindest hätte diese Scheußlichkeit nichts anderes verdient.
Der Duft von gebratenem Fleisch und frisch gebackenen Apfelkuchen drang ihr entgegen und sofort umspielte ein wohliges lächeln ihre Lippen. Ja, sie war wirklich Zuhause. Seit langer Zeit hatte sie sich nicht mehr auf anhieb so wohl gefühlt, wie in diesem Moment wo sie den gewohnten Duft und die bekannte Umgebung um sich hatte.
Mit leisen Schritten ging sie dem Geruch entgegen, der sie direkt zur Küche führte, die an dem Speisezimmer anschloss und an der Rückseite des Hauses lag. Von der Küche konnte man in jeden Teil des Hauses gelangen, man kam durch eine Tür in den Wohnbereich sowie zurück in den vorderen Teil, aber man konnte auch über eine schmale dunkle Treppe in das obere Stockwerk gelangen und natürlich gab es eine weitere Tür nach draußen, die zu einem duftenden kleinen Kräutergarten führte, den einst Mrs. Lacey und Mrs. Nolan zusammen angelegt hatten. Ein weißer Gartenzaun zäumte diesen Bereich ein und an einer Wand am Haus gab es eine uralte Pumpe, die aber nur noch zum bewässern benutzt wurde. Nora erinnerte sich, dass Mrs. Lacey immer fuchsteufelwild wurde, wenn sie oder einer der anderen Rancharbeiter durch diesen Eingang in ihre Küche kamen, denn sie glaubte immer, dass man etwas von ihren frischgebackenen Keksen und Kuchen naschen könnte. Was ja auch meistens der Fall war. Aber am meisten wollte Mrs. Lacey nicht, dass ein ungewaschener, nach Kuh, Pferd und Mist stinkender Cowboy durch ihre Küche trampelte, weil er alles schmutzig machte, egal ob der Weg kürzer war oder nicht.
Nun konnte sie gepolter von Töpfen und Pfannen hören und wie Elaine versuchte der Haushälterin von Lazy Stream zu erklären, dass sie für drei weitere Mäuler kochen musste: „... aus New York um genauer zu sein und nicht alle sind uns fremd.“
Daraufhin herrschte ruhe in der Küche und Nora nutzte dies um die braune Flügeltür zu öffnen und leise einzutreten. Mrs. Lacey hatte ihr glücklicherweise den Rücken zugekehrt und so blickte sie in das grinsende Gesicht von Elaine.
„Hi, Mrs. Lacey“, sagte sie versucht unschuldig und augenblicklich drehte sich die kleine, pummelige Haushälterin um und starrte Nora mit aufgerissenen Augen entgegen. Ihr dunkelblondes Haar war noch immer in dem selben Kurzhaarschnitt frisiert, der ihren Kopf viel zu rund und ihren Hals viel zu kurz erscheinen ließ. Ihr fülliger Körper war in einer buntgeblümten Schürze eingewickelt und sie trug die selben verschlissenen Schlappen wie vor vier Jahren.
„Jesus Christus, Nora“, stieß Mrs. Lacey dann hervor und augenblicklich fand sich die junge Frau in einer festen Umarmung wieder, die sie nur zu gerne erwiderte. Erst jetzt schien ihr klar zu werden, wie sehr sie doch die Freundin ihrer Tante, die auch ihre eigene Freundin geworden war, vermisst hatte. Sie und Mrs. Lacey hatten ihre anfänglichen Probleme gehabt, doch konnten sie diese durch intensive nächtliche Gespräche und viel selbstgebackene Kekse überwinden. Mrs. Lacey war verständig und geduldig und sie hatte eine angenehme mütterliche Art an sich, die jeder sofort zu schätzen wusste und in der man sich einfach wohlfühlen musste.
„Kind, warum hast du nicht angerufen oder wenigstens geschrieben das du kommst. Herrgott, ich hätte dein Zimmer schon herrichten können – Du meine Güte, es wird eiskalt da oben sein! Warte, ich lüfte nur schnell und beziehe dein Bett und dann werden wir reden“, schwatzte Mrs. Lacey wild drauf los und wollte schon zur Treppe wehen, als Nora sie mit einem heiteren auflachen festhielt. „Das brauchst du nicht. Ich kann das später auch machen. Viel lieber will ich wissen, wie’s dir geht.“
Mrs. Lacey blickte sie mit einem liebevollen lächeln an und strich dann mit beiden warmen, nach frischen Äpfeln duftenden Händen über ihre Wangen. „Oh, mein Kind, ich bin so froh dich wiederzusehen, du hast mir gefehlt. Aber du hättest auch ruhig einmal anrufen können, wir sind hier nicht so rückständig, wie alle Städter immer glauben“, gab sie schließlich ihre fürsorglichen Vorwürfe von sich und Nora setzte sich gespielt genervt auf einen Hocker an einen Tisch, den Mrs. Lacey immer für die Küchenarbeit nutzte.
„Ich werd euch beide besser alleine lassen, ihr habt eine Menge zu bereden und ich muss noch was tun“, verabschiedete sich Elaine jedoch schnell und warf während sie aus der Küche huschte, Nora einen lächelnden Blick zu. Nora blickte ihr noch nach, als die Flügeltür hinter ihr schon längst zugeschwungen war und konnte deswegen nur mit einem Ohr, den Erzählungen von Mrs. Lacey lauschen.
Es gab vieles, dass es zwischen sie und Elaine zu klären gab, Dinge die ausgesprochen werden mussten, die sich aber keiner von beiden wagte in Worte zu fassen. Es gab noch immer eine tiefgründige und feste Verbindung zwischen den beiden, eine die alle anderen als Freundschaft abtaten.
Doch es war der Sommer auf den einsamen Wiesen, alleine mit den Kühen und ihren Kälbern der sie verband, die stillen Nächte voller Kälte unter den dunklen von Sternen erhellten Himmel. Doch darüber haben sie nie geredet, haben die Geschehnisse für sich behalten und ahnten nicht im geringsten, dass ihre engsten Freunde von ihren anderen Gefühlen wussten.
„Sie war sehr traurig, als du einfach gegangen bist“, holte Mrs. Lacey ihre junge Schutzbefohlene aber aus ihren Gedanken und diese starrte ihr beinah erschrocken entgegen, bevor sie ein fahriges Lachen von sich gab und ihr rotbraunes Haar zu einem losen Zopf drehte, etwas das sie immer tat, wenn sie Zeit schinden wollte, wie Mrs. Lacey sehr genau wusste.
„Ich hab einfach Abstand von allem gebraucht. Ich wollt raus aus Wyoming und endlich das tun, was mein Herzblut war. Ich hab diese Eintönigkeit nicht mehr ertragen“, erwiderte Nora dann ehrlich und blickte die Freundin ihrer verstorbenen Tante freudlos entgegen. Die stellte ihr eine große Tasse dampfenden Kaffees vor die Nase und blickte sie nachdenklich an, während sie von ihrem eigenen Becher trank. „Und hast du gefunden, wonach du gesucht hast? Du bist berühmt, selbst hier haben wir von deinem Erfolg in New York gehört. War es nicht immer das, was du wolltest?“
„Berühmt sein wollte ich nie, dass ist eine Qual! Ich wollte nur Fotografieren, die Menschen mit meinen Bildern bewegen und zum Nachdenken bringen. Mein Verleger und die Galleristen sagen, dass ich’s geschafft habe, dass ich eine der wenigen Künstlerinnen bin, die so früh Erfolg haben, doch sie verstehen nicht, dass es mir darum nie gegangen ist.“
„Worum ging’s dir dann? Du hast alles hinter dich gelassen, um genau das zu erreichen und nun sitzt du hier in meiner dreckigen, nach Fleisch und Kochdünsten stinkenden Küche und sagst mir, dass du das nicht wolltest? `Tschuldige Kleines, aber das glaube ich dir nicht.“
Nora lächelt leicht bei den Worten von ihr und blickte dann in den dunklen Kaffee, der ebenso düster erschien wie ihre Gedanken. „Du weißt, dass ich immer von Metropolen gesprochen habe, ich wollte nach Europa, die orientalischen Länder sehen, großartige Dinge erleben und noch einzigartigere Fotos schießen, doch jedes Mal, wenn ich diese Orte erreicht habe, dass gesehen habe, was ich sehen wollte, dann waren sie mir plötzlich nicht mehr so wichtig. Alles habe ich mit Wyoming verglichen, mit den atemberaubenden Sonnenaufgängen über den Bighorns. Nirgends habe ich mich wohl gefühlt und alles was ich sah, wirkte auf mich zwar beeindruckend, doch ließ dieses Gefühl sehr schnell wieder nach. Ich liebe das was ich tue, Mrs. Lacey, und ich bin dankbar für die Chance die man mir gegeben hat, aber ich war nie zu Hause.“
Mrs. Lacey griff über den Tisch nach Noras Hand und drückte diese besänftigend, sie wusste, dass sie damit Lazy Stream meinte und im besonderen wohl ihre Tante. Doch über sie hatten sie seit der Beerdigung, wo Mrs. Lacey extra nach Cheyenne gefahren war, nicht mehr gesprochen. Nora war der Typ Mensch, der nicht über seinen Schmerz sprechen wollte, sie war stark und wollte deswegen ihre Trauer alleine bewältigen. Mrs. Lacey kannte Nora sicherlich noch nicht lange, aber sie kannte sie gut. Sie war ein verträumtes und ehrgeiziges Mädchen, doch in ihrem inneren sehnte sie sich nur nach einem richtigen zu Hause, sie wollte Heimkommen und ein ruhiges Leben führen.
„So geht es jedem, der seine Heimat verlässt. Erst ist er aufgeregt und voller Tatendrang, doch dann schleicht sich das Heimweh ein. Du bist jetzt Zuhause, Nora, genieße es einfach“, schlug Mrs. Lacey schließlich sanft vor und Nora lächelte ihr herzlich und erleichtert entgegen.
„Nun gut, dann erzähl mir jetzt mal von deinen beiden Freunden, die du uns mitgebracht hast. Sie sollen recht merkwürdige Typen sein“, wollte Mrs. Lacey dann heiter wissen und trank mit einem schmunzeln von ihrem Kaffee, Nora lachte erfreut auf und trank dann ebenso einen Schluck, bevor sie ihr von Randy und Lance und ihren Macken erzählte.
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TBC?
Wie schon erwähnt, geht es um die Liebe zwischen Frauen, aber auch um feste Freundschaft, Heimweh und das Gefühl von Alleinsein.
Disclaimer: Die Charaktere, sowie die Idee zur Story gehören ganz allein mir!
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1.
Das Blinken an der vordersten Bordwand versicherte den Passagieren, dass sie ihre Sicherheitsgurte ablegen und sich entspannen konnten. Es war hektisch in dem kleinen und viel zu engen Flugzeug, ein Kind, dass schon den gesamten Flug über gequengelt und die Stewardessen geärgert hatte, rannte augenblicklich brüllend durch die schmalen Gänge und tat seiner Freude lauthals kund. Ein dicker, verschwitzter Mann mittleren Jahres forderte die Stewardessen auf, doch endlich dem Kind Einhalt zu gebieten und es zu seiner Mutter oder sonst wen zurückzubringen.
Passagiere stemmten ihr Handgebäck aus den oberen Stauräumen und drückten sich dabei gereizt an die Sitzreihen, um andere durchzulassen. Es war stickig in der Maschine und jeder von ihnen wollte nur zu gerne das Flugzeug verlassen und die erfrischende und vor allem kühlere Luft genießen. Die freundlichen Stimmen der adrett gekleideten Stewardessen erklungen und sie verabschiedeten mit einem liebenswürdigen lächeln die Passagiere, die begonnen hatten zum Ausgang zu schleichen.
Die geschulten Augen von Nora Gloster blieben bei jedem der Gesichter für einen Augenblick hängen, sie studierte ihre Züge und erkannte in jedem etwas besonderes und einzigartiges. Dann schob sich das Gesicht ihres Assistenten in ihr Blickfeld, der sie fragend und auffordernd zu gleich ansah. Randy Sullivan war ein pflichtbewusster Mensch, dessen Augen Intelligenz ausstrahlten, er war für Nora und ihre Arbeit als Fotografin eine wichtige Person geworden, schon alleine deswegen, weil er sich um ihre Termine und Aufträge kümmerte und sie das Talent hatte, alles zu vergessen.
Randy klemmte sich ihre Tasche unter den Arm und scheuchte dabei Lance Gibson, Noras derzeitigen Praktikanten der Kunsthochschule aus New York, vor sich her. Ein amüsiertes schmunzeln stahl sich auf ihre geschwungenen Lippen, während sie sich aus der Sitzreihe pellte und ihre Jeansjacke überzog. Die beiden waren wie Hund und Katze und ließen keine Gelegenheit aus um sich zu piesacken.
Lance war das komplette Gegenteil von Randy, der ausgeglichen und ruhig war, Attribute die er sich auch mir Nora teilte, doch Lance war quirlig und aufgedreht, hielt wohl nur seinen Mund wenn er schlief und liebte das New Yorker Nachtleben über alles.
Nun stiegen er und Randy skeptisch die Stufen hinunter und sahen sich immer wieder in alle Himmelsrichtungen um. Nora hatte keine Ahnung was genau sie suchten, aber sie war sich sicher, dass sie derartiges nicht erwartet haben.
Schließlich waren beide mitten auf dem Rollfeld stehen geblieben und drehten sich um sich selbst. Lance hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sein Gesichtsausdruck zeugte sichtlich von Unglauben, Randy wiederum schützte seine Augen mit der Hand vor der blassen, aber wärmenden Sonne und betrachtete ausgiebig ihre Umgebung.
Als Nora sich zu ihnen stellte sahen beide Männer sie mit skeptischen Mienen an, doch die junge Frau machte sich wenig daraus, griff nach ihrer Tasche und schlenderte fröhlich lächelnd zum Flughafengebäude, dass für Lance und Randys Geschmack, eine derartige Beschreibung beiweiten nicht verdient hatte.
Es dauerte nicht lange und sie hatten ihre Koffer und Ausrüstung, die mit Sorgfalt und Vorsicht behandelt werden musste, wieder bei sich. Danach machte Nora ihren beiden Begleitern klar, dass sie nun eine etwas längere Autofahrt von etwas über dreißig Meilen vor sich hatten, was beide mit noch mehr genervten Mienen quittierten.
Sie mieteten sich einen Wagen in einer winzigen Autovermietung im Flughafen und hatten die Wahl zwischen einen klapprigen Dodge Pick Up und einen dunkelblauen Chevy Truck, der seine besten Tage auch schon lange hinter sich hatte. Nora übernahm die Entscheidung und wollte den Chevy. Randy und Lance blieben nichts anderes übrig als diesen Entschluss zu akzeptieren und ihre Koffer zu verstauen.
Während sie über die staubigen Straßen fuhren, vorbei an kargen Ebenen und beeindruckenden Bergen, verlassen aussehenden Städtchen und grimmigen Cowboys, Kuhherden, die mitten auf der Straße ihre Rast machen mussten, fragte sich Nora, was sie sich dabei dachte, wieder zurückzukommen.
Sie hätte ein wundervolles Fotoshooting in Neuseeland oder Hawaii haben können, hätte traumhafte Strände, ein luxuriöses Hotelzimmer bekommen können, doch nein, sie musste hierher kommen. Zurück ins Nichts, wo es nur Sand, Berge und Engstirnigkeit gibt, ganz abgesehen von der Langeweile. Jedoch hielt sie sich immer wieder vor Augen, dass sie wegen ihrer Arbeit hier war, wegen etwas das ihr am Herzen lag und sie würde durchziehen, was sie sich vorgenommen hatte.
Den Menschen in Noras Umgebung war schon frühzeitig klar, dass sie kein Mädchen wie alle anderen war. Ihre ungewöhnlichen hellen grauen Augen blickten aufgeweckt und offenherzig in die Welt, etwas das man bei vielen anderen Kindern ihres Alters auch gefunden hatte, aber ihre Faszination und Aufmerksamkeit lag bei den kleinen Dingen, bei Feinheiten und Einzigartigkeiten. Sie konnte Stunden damit verbringen, einen Schmetterling zuzusehen oder einer Blume mit wundervollen Blüten und Farben.
Ihre damalige Zurückhaltung tat man als Schüchternheit ab und hoffte, dass diese Gefühle in späteren Jahren vergehen würden, doch Nora blieb ein ruhiges, jedoch geistreiches und intelligentes Mädchen. Sie hatte schon frühzeitig bemerkt, dass ihre Vorlieben nicht die von anderen gleichaltrigen Mädchen entsprachen, sie war gerne für sich alleine und sah den Wolken zu, wie sie langsam und bauschig über sie hinwegschwebten.
Ihre Tante, bei der sie seit ihrem neunten Lebensjahr lebte, war eine gutmütige, aber strenge Frau, die selber keine Kinder hatte und auch nicht verheiratet war. Als Noras Eltern bei einem schweren Autounfall beide ums Leben kamen, nahm sie das Mädchen zu sich und kümmerte sich um sie als wäre es ihre eigene Tochter.
Nora konnte sich nicht mehr wirklich an ihre Eltern erinnern, sie hatte zwar einen Haufen Fotos von ihnen und ihre Tante war es nie müde geworden ihr von ihrer Mutter und wenig von ihrem Vater zu erzählen, jedoch regte das nicht Noras Erinnerungen an. Sie konnte sich auch nicht an ihr frühres Leben erinnern. Manchmal träumte sie von ihren Eltern, von einem weißgetünchten Haus, mit einer breiten Veranda davor, doch sie konnte nie etwas genaues benennen.
Nora wollte sich auch nicht wirklich an all diese Dinge erinnern, denn es hieße, dass sie Schmerz und Trauer zulassen würde und das konnte sie selbst mit ihren nun Siebenundzwanzig Jahren noch nicht.
In der Highschool entdeckte Nora dann schließlich ihre Begeisterung und Talent zur Fotografie. Ihre Tante schenkte ihr zu ihrem vierzehnten Geburtstag eine alte, aber noch intakte Kamera und ab da an fing Nora ihre eigene Besonderheit in Bildern ein. Schon früh erlangten ihre Fotografien aufsehen und einige ihrer Bilder wurden gar in der hiesigen Schülerzeitung veröffentlicht.
Doch nachdem sie ihren Abschluss geschafft hatte und ihre Tante mit ihren Plänen konfrontierte nach New York zugehen um dort Kunst zu studieren, zerbrach die gute Beziehung zu ihrer Ziehmutter. Ihre Tante stammte aus einfachen Verhältnissen und für sie war Noras Wunsch nach New York zugehen einfach nur absurd. Sie bestand darauf, dass sie sich einen Job suchte und arbeitete, so wie jeder andere vernünftige Mensch. Sie erkannte zwar Noras Sensibilität und bewunderte ihre Gabe für die Fotografie, jedoch glaubte sie, dass sich Nora nur ihren Träumereien hingab. Sie wollte sie vor einer Enttäuschung bewahren und enttäuschte sie dadurch am meisten.
Nora stimmte ihrer Tante zuliebe zu, zu einer Freundin zu gehen, die als Haushälterin auf einer Ranch arbeitete und dort, wenigstens für den Sommer, als Aushilfe zu arbeiten. Nora ging auf die Lazy Stream Ranch und bleib ein ganzes Jahr dort, sie genoss jeden Augenblick, auch wenn ihr Alltag von harter Arbeit geprägt war. Selbst dort, in einer unsagbar schönen Landschaft, die sie immer wieder reizte zu Fotografieren und Dinge einzufangen, hatte sie ein Auge für Besonderheiten und so tat sie, ohne es selbst zu wissen, den ersten Schritt für ihren Durchbruch.
Jedoch waren es andere Dinge die Nora auf der Ranch hielten. Gefühle und Empfindungen die ihr Fremd und gleichermaßen Willkommen waren und so plötzlich wie ihr Gefühlsleben durcheinander geraten war, so abrupt hatte sie auch Lazy Stream verlassen und ging Hals über Kopf nach New York.
Nora hatte nie mit jemanden über die Gründe ihres Verschwindens geredet, sie hatte immer nur erklärt, dass sie sich bereit fühlte und das eintönige Leben und die Enge von Wyoming nicht mehr ertrug. Die meisten glaubten ihr dies, konnten es sogar nachvollziehen, im besonderen jene, die in der Stadt lebten und sich nichts anderes vorstellen konnten. In gewisser Weise stimmten diese Gründe auch. Nora wusste, dass sie niemals eine Chance hätte ihre Bilder veröffentlichen zu können, wenn sie weiter auf der Lazy Stream Ranch oder in dem kleinen Vorort von Cheyenne, der Heimatstadt ihrer Tante, bleiben würde. So sehr sie auch ihre Umgebung und die Natur liebte, sie hatte immer das Gefühl etwas anderes, vielleicht sogar wichtigeres, zu verpassen. Sie wollte Metropolen sehen, andere Menschen kennen lernen und Dinge erleben, die ihr der Heimatort niemals bieten konnte.
Nora ließ Menschen zurück die ihr wichtig waren und die ihr sehr viel bedeuteten und doch war der Wille nach Eigenständigkeit größer als ihr Pflichtbewusstsein. Und so geschah es auch, dass Nora nicht da war, als ihre Tante starb.
Sie kehrte nach über einem Jahr zurück nach Wyoming zu einem Ereignis, dass sie unglaublich traurig machte und sie konnte für ihre Tante nichts weiter tun, als ihr ein würdiges Begräbnis herzurichten. Sie hätte in dieser Zeit die Gelegenheit nutzen sollen und das tun und aussprechen sollen, was ihr auf dem Herzen lag, doch sie konnte es nicht und ging zurück nach New York, veröffentlichte einen hochgelobten Fotoband und füllte sogar eine Galerie mit ihren Bildern. Doch all das machte sie nicht so glücklich und zufrieden wie sie gehofft hatte.
Und nun, drei Jahre nachdem sie Wyoming verlassen und versucht hat zu verdrängen was auf der Lazy Stream Ranch geschehen und was ihre Gefühle entflammt hatte, war sie wieder hier und fuhr an den Ort, an dem sie zum letzten mal wirklich Glücklich war.
Noras Augen wanderten zu ihren Stiefeln hinunter, die von diesem Ort so deutlich und anschaulich sprachen. Sie hatte Tage und gar Wochen in den dunklen, abgetragenen Stiefeln verbracht, in denen sie sogar einige Male geschlafen und den ganzen Tag darin gelaufen und geritten war. Doch heute hatte sie das Gefühl, dass ihr die Stiefel zu klein geworden waren, sie drückten und schienen nicht mehr wie früher an ihren Fuß zu passen. Hatte sie sich wirklich so verändert, dass sie einfach nicht mehr hierher gehörte und das sie es nur nicht erkennen wollte? Vielleicht sollte sie wirklich zurück nach New York fliegen, vergessen was gewesen war und was sie an diesen Ort festhielt. Doch sie konnte nicht, sie war hier und sie würde erst gehen, wenn es keine andere Möglichkeit mehr geben würde. Sie hatte schon zu viel Zeit durch ihre eigene Angst und Selbstzweifel vergeudet. Es war richtig und auch gut, dass sie wieder zu Hause war.
Lance ließ vom Sendersuchknopf des alten Radios ab, lehnte sich mit einem genervten brummen zurück und starrte dann verdrießlich durch die verdreckte Autoscheibe. Nora lächelte nur stumm über seine Unzufriedenheit und blickte dann zu Randy, der ruhig den Wagen lenkte und ihren knappen Anweisungen folgte.
„Es gibt hier nichts, Nora. Warum wolltest du ausgerechnet hier deine nächste Fotostrecke machen? Wir hätten doch wenigstens dafür nach Texas fahren können“, wollte Lance schließlich mit einem unwilligen seufzen wissen und fummelte dabei an seinen neuen und teuren Cowboystiefeln umher, die ein grässliches Muster trugen und wo sicherlich bei der ersten Gelegenheit der Hacken abbrechen oder das Leder reißen würde.
„Sieh dich um, du Genie, dann wirst du es hoffentlich alleine sehen, wenn nicht, dann solltest du darüber nachdenken, dass Fach zu wechseln“, kam Randy aber Nora zuvor und sie konnte in seiner Miene die selbe Begeisterung erkennen, die auch sie verspürte, als sie zum ersten Mal in diese Gegend kam. Lance gab daraufhin nur ein mürrisches Gemurmel von sich und blickte wieder stumm nach vorne.
„Wo genau liegt eigentlich diese Lazy Stream Ranch?“, wollte Randy dann wissen und lenkte den Chevy auf einen staubtrockenen Pfad, da die Straße an dieser Stelle plötzlich aufgehört hatte. Nora lächelte über sein leicht verdutztes Gesicht und blickte dann verträumt aus dem schmutzigen Fenster. „Lazy Stream liegt eigentlich im nirgendwo. Es gibt kleinere Orte um sie herum, aber sie ist noch völlig unberührt und eigenständig von unseren Lebensstil.“
„Wie meinst du das?“, wollte Lance wissen und blickte ihr ahnungslos entgegen. Für ihn klangen die Worte von Nora, wie der reinste Alptraum. Kleinere Orte waren für ihn gleichbedeutend mit Kaff, also Nichts.
„Ich meine damit eigentlich nur, dass sich Lazy Stream noch alleine halten kann. Das sie von den Einnahmen selbstständig wirtschaftet, ohne auf eine Bank oder Tourismus angewiesen sein zu müssen. Die Gegend dort ist noch völlig unberührt und keine nervigen Städter versuchen mit den Kälbern oder Jährlingen zu spielen. Die Ranch hält sich von alleine und darauf kann ein Rancher in der heutigen Zeit wohl stolz sein. Außerdem würde es einfach nicht passen, dass Touristen dort umherlaufen und den Betrieb aufhalten, ich denke, einige der Cowboys würden da ihre berühmte Gelassenheit wohl völlig verlieren.“
Randy konnte die Freude und Begeisterung deutlich aus ihren Worten heraushören, ebenso wie ihre Liebe zu dieser Ranch. Sie hatte anscheinend ein Wissen über den dortigen Alltag, den sie ihm und jeden anderen verborgen hatte. Doch er lächelte ihr einfach nur nachempfindend zu und versicherte ihr, dass es bestimmt wundervoll dort war.
„Was sind Jährlinge?“, murmelte dann plötzlich Lance und blickte Nora vollkommen verwundert an, die musste über seine liebenswerte Unwissenheit schallend lachen, was dieser als Beleidigung auffaste und begann zu schmollen.
Doch Nora konnte es sich auch nicht nehmen ihren jungen Praktikanten deswegen aufzuziehen. Sie wusste, dass er keinerlei Ahnung von einem derartigen Leben hatte, er wuchs in New York auf und die einzige Kuh die er je nahe war, war das gebratene Fleisch auf seinem Teller. Er war einer dieser typischen Großstädter, mit einer romantischen Vorstellung eines Cowboy Lebens, doch wenn man sie damit konfrontierte, waren sie erschrocken und eingeschüchtert von der Einfachheit und auch Langeweile dieses Lebens.
Vor ihnen zog sich die einfache Straße ins Tal hinab und Nora blickte mit leuchtenden Augen auf das große Holzschild, mit der Aufschrift ‚Lazy Stream’, dass über die Straße verlief. Bald würden sie da sein und dann würde sich herausstellen, wie willkommen sie dort noch sein würde.
Ein Fluss durchschnitt das Land der Lazy Stream Ranch und gab ihr auch den Namen. Er floss zu aller erst aus den nahen Berghängen herab und war an dieser Stelle stark und schnell, doch dann wurde der Verlauf durch Hindernisse und Bäume verlangsamt und zu einem breiteren Verlauf gezwungen. Er wand sich durch wirre Korbweidengestrüppe und schlängelte sich über flache Wiesen.
Nora konnte sich selbst in dieser Entfernung sein rauschen und plätschern vorstellen, spürte wieder die frische und kälte des kristallklaren Wassers auf ihrer Haut. Als sie wieder nach vorne blickte, konnte sie bereits die weite Arena vor den Pferdeställen erkennen und eine unbekannte Nervosität und gar Angst befiel sie. Am liebsten wollte sie Randy bitten, dass er anhielt und sie zu Fuß zur Ranch gehen könnte, doch sie widerstand diesem Drang und blickte einfach nur geradeaus, nahm jede Einzelheit des Bildes vor sich auf.
Hinter dem Ranchhaus, dass noch immer goldbraun in der blassen Sonne leuchtete, erhob sich ein felsiger Vorsprung. Nora wusste, dass man von der Anhöhe aus den Fluss sehen und erkennen konnte, dass er sich wie ein Burggraben um die Ranch mit seinen Häusern und Gebäuden wand.
Ungefähr fünfzig Meter vom Haupthaus entfernt war das Haus für die Cowboys und Hilfsarbeiter, die dort wohnten, wenn es Zeit war, die Rinder auf die Sommerweiden zu treiben. Vor den Häusern waren die Korrals und sie bildeten den Mittelpunkt der Ranch.
Der Chevy fuhr mit einer dunklen Staubwolke auf das Ranchhaus zu und Nora war innerlich keineswegs über diese ungewollte Präsenz begeistert. Man konnte so gut wie keine Menschenseele erkennen, nur ein paar Pferde die auf ihrer Koppel standen und neugierig zu ihnen herüberblickten. In der nähe eines westlichen Korrals, der weit entfernt von den Ställen war und nur für die Kälber benutzt wurde, wenn sie ihr Brandzeichen bekamen, waren zwei Männer, die bei ihrem Auftauchen aufblickten. Einer von ihnen verschwand und Nora war sich sicher, dass er zu Elaine gehen würde.
Randy stoppte den Wagen zwischen dem Haupthaus und dem ersten Korral. Nora stieg mit einem begeisterten lächeln, aber auch unsicherem Gefühl aus, während Randy und Lance ehr zögernd den Wagen verließen und nicht recht wussten, was sie nun genau hier machen sollten.
„Kann ich was für sie tun?“, wollte der großgewachsene, aschblonde Mann wissen. Seine Augen waren halb unter der Krempe seines Hutes versteckt und doch erkannte man ein paar sanfte blaue Augen, die viel zu klein schienen für sein langes Gesicht. Nora wandte sich sofort zu ihm um, doch konnte sie mit seinem Gesicht nur wenig anfangen. Er musste neu auf der Ranch sein.
„Entweder hat mich nun völlig der Altersschwachsinn befallen, oder vor mir steht die kleine Missy“, ertönte eine weitere, viel kratzigere und tiefe Stimme, dessen markanter Akzent beinah seine Worte zu verschlucken schien. Alle Augen lagen auf dem alten Mann, doch sein heiteres lächeln galt nur Nora.
Die lachte begeistert auf und ging sofort auf den Cowboy zu, dessen Gesicht von charakterstarken Falten gezeichnet war, jedoch seine Augen, die die Farbe eines klaren Felsbaches hatten, blickten lebhaft und munter unter seinen Hut hervor.
Das ungleiche Gespann fiel sich sofort in die Arme und hielten sich eine ganze Weile in dieser freundschaftlichen Geste gefangen. Nachdem sie sich endlich wieder voneinander gelöst hatten, blickte Nora mit einem strahlenden grinsen zu ihren Begleitern.
„Kümmere dich um deine Arbeit, Briley“, sagte der Mann dann und nickte dem jüngeren Cowboy nur knapp zu, dieser berührte seinen Hutrand und verschwand dann Richtung Ställe. Nora schien nur wenig an seinen recht barschen Tonfall zu finden und auch der junge Briley ging ohne das Anzeichen von Widerspruch.
„Ich muss euch unbedingt Booker vorstellen! Er ist der älteste noch echte Cowboy in ganz Wyoming“, platzte es ungewohnt übermütig aus Nora heraus und grinste dabei frech zu dem Mann neben ihr, der nun mit ernster Miene Randy und Lance musterte. „Echte Großstadtpflanzen“, knurrte Booker, nachdem er die beiden Fremden ausgiebig gemustert hatte und beide wussten, dass diese Einschätzung keineswegs freundlich gemeint war.
Was Booker sah gefiel ihm nicht. Die beiden waren in seinen Augen zu geleckt, zu sauber und schmuck. Der eine war eine groteske Cowboy Karikatur mit lächerlichen blau-schwarzen Stiefeln, zu übertriebener lässiger Kleidung, wobei sein Bolotie die dilettantische Form eines Adlers trug und absolut nicht zu seiner neumodischen Frisur passte. Jedoch war sein Gürtel angenehmer anzusehen, als das Buckle von dem anderen Kerl. Booker rätselte wirklich ob das ein Bison oder ein Schwein sein sollte. Er hatte eine merkwürdige Mischung aus zwangloser Alltagskleidung und Designermode an. Seine Jeans war wohl das unauffälligste an ihm, obwohl sie wohl mehr kostete als Booker je in seinem Leben für ein Kleidungsstück ausgegeben hat, aber dafür sahen seine Stiefel wenigstens tragbar und zweckmäßig aus.
„Tja, nicht jeder hat das Talent zum Rodeo, Booker“, schloss Lance auf seine einfache und abgetragene Kleidung, die aus einer ausgewaschenen Jeans und einen schlichten Hemd bestand, doch die Miene von dem erfahrenen Cowboy blieb reglos, nur Nora verkniff sich angestrengt ein auflachen. „Für dich, Jungchen, Mr. Booker“, erwiderte dieser dann schließlich ausdruckslos und seine Miene verfinsterte sich noch etwas mehr. Lance lächelte Booker verlegen entgegen und ging dann kleinlaut zurück zum Chevy.
Danach wandte sich Booker wieder an Nora, die ihn noch immer so herzlich und begeistert anstrahlte. „Hat sie dich schon gesehen?“, wollte der alte Mann dann aber wissen und augenblicklich verschwand Noras ungezwungene Art und machte Nervosität und Beklemmung platz. Sie hoffte inständig, dass Elaine sie nicht davon jagen würde.
Booker bemerkte natürlich ihre plötzliche Veränderung und legte beruhigend einen Arm um ihre schmale Schulter. „Mach dir keine sorgen, Missy, sie wird dich schon nicht Teeren und Federn.“
Nora erwiderte seine Überzeugung ehr skeptisch und betrachtete dann verstohlen den alten Mann vor sich, der ihr ein Freund war, seit sie die Lazy Stream Ranch betreten hatte. Booker sah älter und abgezehrter aus, als sie ihn in Erinnerung hatte. Seine Augen waren zwar noch immer wach und lebensfroh, doch sie standen tief in den Höhlen und auch seine Haltung war gebeugter und sein Gang schwerfälliger als früher. Sie begriff, ohne ihn fragen zu müssen, dass seine Knochen und Lungen ihm Probleme machten.
„Wo willst du und deine beiden Großstadtcowboys eigentlich übernachten?“, wollte Booker dann mit einem amüsierten Blick auf Randy und Lance wissen, die sich zum Chevy zurückgezogen hatten und die Gegend begutachteten. „Ich dachte, dass wir uns in einem Motel in Salt Creek einmieten, nichts besonderes. Nur für ein paar Tage oder etwas länger. Ich muss sehen wie’s läuft.“
Booker sah sie daraufhin mahnend an und zog seine buschigen Augenbrauen demonstrativ zusammen. Etwas das er immer tat, wenn er unzufrieden oder gegenteiliger Meinung war. „Kommt ja wohl nicht in Frage, Missy! Du und die zwei da, ihr werdet hier bleiben. Im Haus ist genügend Platz und außerdem können wir bald jede Hand gebrauchen, du wirst ja wohl noch nicht alles vergessen haben oder?“
„Nein, Booker, natürlich nicht. Aber ich will mich nicht aufdrängen, ich komm hier ohne Anmeldung an. Elaine wird von deiner Idee im übrigen absolut nicht begeistert sein, egal ob ihr noch Leute brauchen solltet oder nicht.“
„Ach“, wiegelte er unbeeindruckt ab, „Elaine wird einem alten Mann keinen Wunsch abschlagen und außerdem, wenn Mrs. Lacey erfährt, dass du hier bist, dann wird sie dich ohnehin sofort hier behalten, egal was Elaine davon hält!“
„Ich weiß nicht, Booker. Wir sind nicht als Freunde auseinandergegangen“, gab Nora noch immer unwohl von sich und blickte ihren Freund bedenkend entgegen, doch dieser schnaubte nur geringschätzig und drehte sich bereits zum Ranchhaus um, als er Elaine auf sie zukommen sah.
Elaine Amy Nolan war eine schlanke Frau von hohem Wachstum, ihre braunen schulterlangen Haare hatte sie wie immer offen, die blauen Augen hatten etwas unberührbares und ernstes an sich, doch wurde dieser Eindruck verdrängt, wenn sie ihr unbeschwertes lachen erklingen ließ, dass einige Freunde scherzend mit dem wiehern ihrer Pferde verglichen. Wenn sie in Gedanken war, hatten ihre sonst entspannten Gesichtszüge jedoch etwas grimmiges und strenges, dass man auf den ersten Blick als Verbitterung bezeichnen und auf die frühe Verantwortung für die Ranch zurückführen konnte. Jedoch war Elaine alles andere als Verbittert oder Überfordert, sie war eine frohe und ausgelassene Frau, die jedoch diese Züge hinter Ehrgeiz und starkem Willen versteckte. Seit ihrer frühen Kindheit hatte sie auf der Ranch gearbeitet, sie konnte ehr reiten, als sie lesen konnte. Ihr Körper hatte sich an die harte Arbeit gewöhnt und auch wenn sie dadurch gekräftigt war, hatte sie noch immer einen weiblichen Körper und war eine schöne Frau.
Doch nun war von dieser eigentlichen Freundlichkeit ihres Charakters nichts zu sehen. Ihre schritte waren energisch und ihre Züge sprachen weder von Freude noch Begeisterung. Nora versuchte sich ihre Anspannung nicht anmerken zu lassen, doch sie spürte, dass es ihr vollkommen misslang. Elaine war eine wachsame Frau und sie hatte eine unglaublich gute Menschenkenntnis, die ihr jede negativen Gefühle enthüllen konnte.
„Was tust du hier?“, spuckte Elaine schließlich und ihre Stimme war alles andere als erfreulich. Nora hatte Elaine während ihrer Zeit auf Lazy Stream nicht oft so erlebt, es gab nur wenige Dinge die sie aus der Haut haben fahren lassen, doch im Moment war wohl sie selber der Grund für ihre Verärgerung. „Ich... nun ja, ich bin wegen den Rodeos hier. Ich wollte meine nächste Fotostrecke darüber machen. Das wahre Leben im ‚Cowboy-State’“, versuchte Nora zu scherzen und vor allem ihr eigenes Unbehagen zu bekämpfen, doch sie erkannte schnell an Elaines Miene, dass das auf wenig Gegenliebe stieß. „Soll das witzig sein? Was willst du hier, Nora, ich hab angenommen, dass du uns Provinzler nie mehr wiedersehen willst, nachdem du solchen Erfolg in New York hast.“
„Elaine, bitte. Du weißt, dass ich so was weder gesagt habe, noch jemals denken würde. Ich... ich hatte einfach Heimweh und da ich ein neues Projekt beginnen wollte, dass an meine frühere Arbeit erinnert, hab ich gedacht, dass dies hier der beste Ort dafür ist.“
„Ausgerechnet hier? Konntest du nicht nach Texas gehen, dort gibt’s auch Rodeos“, sagte Elaine daraufhin giftig und Nora senkte getroffen den Blick. Sie wollte sich gerade verabschieden und so schnell es ging von hier verschwinden, als sich Booker einmischte: „Hör auf umherzuzetern, als wärst du ein altes Weib! Nora konnte gehen, wann und wohin sie wollte. Sie hat keinen Grund dir Rechenschaft abzulegen, was für uns andere vielleicht zutrifft, aber nicht für sie.“
Elaines Züge blieben nach diesen Worten ungerührt, doch plötzlich stahl sich ein amüsiertes grinsen auf ihre Lippen und sie schnalzte leise mit der Zunge, doch als sie zu Nora blickte war dieses lächeln abrupt wieder verschwunden. „Willkommen Zuhause“, gab sie höhnisch von sich und drehte sich unvermittelt wieder von der Gruppe weg. Während sie sich entfernte warf sie noch Randy und Lance einen abschätzenden Blick zu, der von keinerlei Sympathie sprach.
Jedoch flammte Noras Kämpfernatur wieder auf und augenblicklich folgte sie Elaine und ließ sich auch nicht von ihrem aufgebrachten Blick abschütteln. „Ich kann ja verstehen, dass du wütend auf mich bist, aber hör auf, mich wie eine Fremde zu behandeln. Bitte, Elaine, es tut mir leid, wie das gelaufen ist, aber was sollte ich tun?“
„Oh ja, was solltest du tun! Hast du auch mal an mich gedacht oder war dir das Scheißegal? Du bist einfach abgehauen, ohne ein Wort oder eine Erklärung, nur ein abgedroschener Anruf aus New York, der nicht einmal annähernd erklärte, warum du dich so benommen hast!“
„Du weißt warum ich gegangen bin. Und ich weiß, dass es dir sogar recht war, du wolltest doch eigentlich gar nicht, dass ich noch länger hier bleibe und du damit riskierst, dass alles ans Licht kommt.“
Daraufhin blickte sich Elaine beinah gehetzt um und starrte Nora dann gereizt entgegen. „Ich wollte nie, dass du einfach so verschwindest. Ich hätte ein recht darauf gehabt, zu erfahren was los ist! Gerade ich und gerade nachdem was gewesen war. Doch du hast das für unnötig gehalten und einfach deine Sachen gepackt, um in New York berühmt zu werden und deinen verfluchten Traum zu verwirklichen. Hast du auch nur einmal an mich gedacht? Hab ich keine Erklärung verdient gehabt?“
„Denkst du etwa, dass es für mich nicht auch schwer war? Ich wollte weder dir, noch jemand anderen weh tun, doch wenn ich geblieben wäre dann – du weißt was passiert wäre“, gab Nora mit beinah brüchiger Stimme von sich und blickte Elaine bittend entgegen, die verlor bei diesem Blick, der ihr schon immer Ruhe und Besänftigung einhauchen konnte, sofort von ihrer Gereiztheit. „Ich hab geglaubt, dass ich dich nie wiedersehen würde“, erwiderte sie milder und brachte sogar ein schwaches lächeln zustande, dass Nora ebenso schwach, aber ehrlich erwiderte. „Und ich hab gehofft, dass wir uns wiedersehen würden.“
„Das ist der unterschied zwischen uns, ich bin pragmatisch, du warst schon immer verträumt“, sagte Elaine mit einem vergnügten schmunzeln. „Unser Wiedersehen hat nichts mit Träumereien zu tun“, schmetterte Nora jedoch mit bitterer Ernsthaftigkeit ab und Elaine zog ihre feingeschwungenen Augenbrauen verwundert zusammen. „So und womit hat’s dann zu tun?“
„Mit Hoffen und festem Willen“, antwortete sie und blickte Elaine nun lächelnd, beinah neckend entgegen und diese verstand sofort diese Geste. „Willst du damit also sagen, dass ich keinen Willen habe? Ich hab mehr gearbeitet als du in deinem ganzen Leben. Ich erinnere dich gern an deine Zeit bei uns. Anstatt bei der ärztlichen Untersuchung der Kälber zu helfen, hast du geknipst und einen blöden Film nach dem anderen verbraucht.“
„Hey, in erster Linie war ich hier um mich Selbst zu finden, du hast das natürlich als Hilfsarbeit ausgelegt! Du wusstest, dass ich davon nichts verstand und hast mich dennoch ins kalte Wasser geworfen! Dir hat das doch sogar gefallen, mich andauernd am Boden zu sehen, mit blauen Flecken und schmerzenden Hintern.“
Plötzlich stahl sich ein vergnügtes grinsen auf Elaines Gesicht, dass ihr Gefallen für diese Erinnerung und wohl auch dieses Gespräch ausdrückte. „Das stimmt eigentlich. Es war komisch, dich im Staub gedrückt zu sehen, mit über den Kopf verschränkten Armen, aus Angst eines der Kälber könnte dich zertrampeln“, sagte sie schließlich mit deutlich belustigter Stimme und Nora war für einen Moment über diese Antwort erstaunt, doch dann grinste auch sie und so standen sich beide Frauen für wenige Sekunden gegenüber und dachten an ihre damalige erste Zeit, in der Nora noch ein blutiger und verunsicherter Anfänger war und Elaine die überstrenge Rancherin.
„Willst du in dein altes Zimmer? Mrs. Lacey würde es mir nie verzeihen, wenn ich dich zu den Männern stecken würde“, sagte Elaine dann schlicht und Nora konnte nichts anderes, als ihr begeistert entgegen zu nicken. „Ist das auch wirklich okay, du musst das nicht tun, wir können uns genauso gut in ein Motel in Salt Creek einmieten. Das wär kein Problem“, wollte Nora aber sicher gehen, doch Elaine grinste einfach nur stumm und ging dann zurück zum Haupthaus.
Lance und Randy standen noch immer verharrend am Chevy und Booker hatte sich auf eine Bank auf der Veranda zurückgezogen, wo er genüsslich auf seiner Pfeife kaute. Elaine blickte nun genauer die beiden Fremden Männer an und zog dann skeptisch die Brauen hoch. Sie hatte schon lange niemanden mehr in einen solch rausgeputzten Aufzug gesehen, nicht einmal Nora kam damals so unpassend gekleidet bei ihnen an.
„Ich bin Elaine und mir gehört die Ranch, mit allem was ihr hier seht und noch darüber hinaus. Alle die auf der Ranch arbeiten, einschließlich den Hilfsarbeitern und unserem alteingesessenen Cowboy da drüben, arbeiten für mich und unterstehen nur mir. Sie tun was ich sage, wann ich’s sage.“ Nora, die sich auf eine der Stufen zur Veranda hingesetzt hatte, warf Booker einen amüsierten Blick zu, den dieser ebenso erwiderte. „Nora hat mir erzählt, dass ihr euch, wenn ihr nichts anderes findet, in einem Motel in der näheren Stadt einmieten wollt. Da kann ich nur zu sagen, wenn ihr unbedingt Kakerlaken und Schaben in euren Sachen haben wollt, tut euch keinen Zwang an, wenn nicht, dann bleibt hier. Aber wenn ihr bleibt, dann sollte euch klar sein, dass ich erwarte, dass ihr mit anpackt. Sozusagen dürft ihr umsonst auf meiner Ranch Essen und Schlafen und müsst nichts weiter dafür tun, außer zu arbeiten.“
Elaine wartete nicht einmal eine Antwort, von den perplexen und wenig begeisterten Stadtmännern ab und drehte sich sofort zu dem etwas entfernteren Haus um. „Ihr könnt eure Sachen dort hinbringen. Keine Ahnung welches, aber eins der Zimmer muss noch frei sein. Ich werd Hunter, meinen Vorarbeiter, anweisen, euch ein Zimmer zu geben. Gegessen wird zusammen im Ranchhaus, um sechs wird aufgestanden und dann wird euch eure Arbeit zugewiesen, es sei denn Nora braucht euch für ihre Fotografien.“
Randy und Lance blickten augenblicklich zu Nora hinüber, die zuckte nur gespielt hilflos mit den Schultern. Die Gesichter ihrer Begleiter machten ihr deutlich klar, dass sie nur wenig von dem hielten, was Elaine ihnen erzählte. Sie hatten keine Ahnung von einem Ranchleben, geschweige denn, dass sie jemals vor zehn aus den Betten waren und nun sollten sie jeden Morgen um sechs aufstehen, sich mit eiskaltem Wasser waschen, diese Tatsache war ihnen aber noch verborgen und die würden sie wohl erst am nächsten Morgen herausfinden, und mit einem Tag voll harter Arbeit vor sich. Eigentlich konnten sie einem Leid tun, doch Nora überwand dieses Gefühl sehr schnell und pure Schadenfreude machte dem Mitleid platz. Es würde den beiden, im besonderen Lance, gut tun mit ehrlicher Arbeit konfrontiert zu werden. Außerdem würden sie es überleben, wenn selbst Nora nicht daran zerbrochen ist.
Doch Lance fand schnell seine Unbefangenheit zurück und, anstatt in stummes grollen, wie Randy, zu verfallen, musterte er unverhohlen Elaine und was er sah gefiel ihm ungemein. Die enge helle Jeans betonte ihre schlanken Beine und auch wenn ihr Oberkörper durch ein weites Hemd versteckt war, dessen Saumenden in ihre Jeans gestopft waren, konnte Lance die Rundungen voller Brüste erkennen. Sie war vielleicht eine Landpomeranzen, aber sie war eine gutaussehende.
„Ein echtes Cowgirl“, murmelte er dann leise und musterte Elaine noch immer, als diese sich abrupt zu ihm umdrehte und langsam auf ihn zuging. Lance erstarrte, als er ihre plötzlich Aufmerksamkeit bemerkte, doch anstatt verlegen ihren Blick zu meiden, blickte er ihr herausfordernd entgegen und setzte sein charmantestes lächeln auf. „Was war das? Cowgirls, Jungspund, gibt’s nur in Texas. Du solltest vorsichtiger mit deiner Wortwahl sein, sonst bitte ich Mrs. Lacey dir deinen Mund mit Seife auszuwaschen“, raunte sie ihm dann entgegen und versteckte ihre schneidenden Worte hinter einem liebreizenden lächeln.
Danach wandte sie sich zum Haus und sagte zu Nora im vorbeigehen, dass sie ihre Koffer holen solle. Nora ging anschließend mit einem schmunzeln auf ihren Assistenten und Praktikanten zu.
„Was ist bitte an Cowgirl so falsch?“, wollte er dann zischend wissen und hievte dabei seinen Koffer von der Laderampe des Chevys. „Vieles, Lance. Du solltest besser keine Frau mehr als Cowgirl bezeichnen, sonst kann’s passieren, dass sie dich Teeren und Federn und dann aus der Stadt jagen. Die meisten Arbeiten hier ebenso wie ihre Männer auf den Ranchen, doch die Bezeichnung Cowgirl stammt aus Texas und benennt jene Frauen, die sich zügellos auf den Rodeos benehmen und nicht nur versuchen die Bullen zu reiten – wenn du verstehst.“
„Willst du damit sagen, dass ich sie grad als Hure bezeichnet habe?“, wollte Lance dann erschrocken und mit gedämpfter Stimme wissen. Nora nahm Randy ihre Tasche ab und warf ihrem Praktikanten dabei einen bejahenden Blick zu, den dieser beinah zusammenzucken ließ.
Nachdem Nora ihre Tasche mit der Fotoausrüstung geschultert hat und ihren Koffer hinter sich her zur Veranda zog, drehte sie sich ein letzten mal zu den beiden Männern um, die sich gerade auf den Weg zu dem anderen Haus machen wollten. „Danke, dass ihr das auf euch nehmen werdet. Ich weiß, dass ihr keine Lust auf Wyoming hattet und auf die Fotostrecke, im besonderen du Randy. Doch glaubt mir, es lohnt sich, nirgendwo kann man schönere Motive finden als hier. Ihr werdet es nicht bereuen und die Galleristen werden begeistert von den Aufnahmen sein.“
„Warum glaubst du dann, uns irgendwas erklären zu müssen?“, stellte Randy mit ernster Miene eine Gegenfrage, doch Nora hörte seine Vergnügung heraus und lächelte deswegen beide leicht an. „Eurer Hotelführer kommt gerade“, sagte sie dann neckend und hob grüßend die Hand zu dem Mann mit dem tief sitzenden dunklen Cowboyhut, bevor sie ihre Sachen nahm und in das Haus eintrat.
Randy und Lance wandten sich daraufhin um und sahen sich einem drahtigen dunkelhaarigen Mann gegenüber, mit ergrauten Schläfen und einem dichten Vollbart. Er trug feste Lederhandschuhe und in einer Hand hielt er ein Lasso fest, seine dunkle Jeans und Karohemd war mit Staub und Dreck übersät, doch sein Gesicht, dass braun und recht jugendlich war, zeugte von Sauberkeit. Als er vor Randy und Lance zum stehen kam, schob er seinen Hut leicht zurück und musterte die beiden Männer vor sich mit einem leichten grinsen auf seinen fast versteckten Lippen. Dann wanderten seine braunen heiteren Augen zu ihren Gesichtern und er ließ das gleiche schnalzen los, wie Elaine zuvor.
„Yeah. Folgt mir“, gab er nur schlicht von sich und ging, noch bevor einer der beiden reagieren konnte, an ihnen vorbei zu dem dunkleren und kleineren Haus, in der Nähe des Felsvorsprungs. Randy und Lance warfen sich einen seufzenden Blick zu und versuchten dann dem energischen Gang des Cowboys gleichzuziehen.
Nora wiederum würde einen wärmeren Empfang erhalten, als die beiden New Yorker Männer den gesamten Tag über erfahren hatten. Sie ließ ihren Koffer und Tasche an der Tür stehen und blickte sich erst einmal in dem großen Ranchhaus um. Nichts schien sich verändert zu haben. Das Haus war noch immer gemütlich, aber zweckmäßig eingerichtet, selbst die Fotos an den Wänden hatten ihren Platz nicht getauscht.
Nora warf einen Blick nach links, zum Speiseraum, der auch gleichzeitig als Aufenthaltsraum für die Rancharbeiter diente, doch im Moment war niemand drin, alle gingen ihrer arbeit nach.
Der große ovale Tisch stand noch immer an seinen Standort an der Fensterseite des Hauses. Elaines Mutter hatte ihn dort platziert, weil man von da aus den besten Blick auf den Felsvorsprung und teile der freistehenden Koppeln hatte. Auf der gegenüberliegenden Seite war der Kamin und eine Gruppe von bequemen Sesseln und einer alten ausgesessenen Couch. Nora musste lächeln bei dem Gedanken daran, wie oft sie darauf erschöpft eingeschlafen und am nächsten Tag mit schmerzenden Rücken aufgewacht war.
Mit einem gedankenschweren schmunzeln ging sie schließlich auf den Kamin zu, in dem schon ein prasselndes Feuer brannte und alle Geräusche in ein beruhigendes Knistern und Knacken einhüllte. Auf dem Sims des Kamins und darüber an der Stein- und Holzwand waren alter Bilder von Familienmitgliedern oder bedeutenden Ereignissen der Familie Nolan angebracht.
Nora kannte sie beinah auswendig. Da war das Foto von Elaine, die stolz und mit einem breiten grinsen auf ihrem rotbraunen Pferd saß und ihr erstes Kalb eingefangen hatte. Sie war damals gerade mal fünf. Elaine bei der Abschlussrede ihrer Highschool oder als sie ihr Studium in Agrarwissenschaften mit Auszeichnung bestanden hatte. Das Bild von ihrem Großvater und Großmutter war ebenso noch immer an seinen Platz, sowie das von Elaines Daddy zwischen seinen Cowboys.
Mr. Frank Nolan war ein stattlicher und starker Mann, er arbeitete hart für die Ranch, aber vergaß darüber hinaus niemals seine Familie. Jedoch war die anstrengende Arbeit zuviel für seinen Körper und er erlitt bereits im Alter von fünfundvierzig Jahren einen Herzinfarkt. Damals riet man ihm kürzer zu treten, nicht mehr die ganze Arbeit allein machen zu wollen und eine Zeit lang schien es so, als würde er sich erholen. Doch der zweite Herzinfarkt war zuviel für seinen angeschlagenen Körper. Mr. Frank Nolan starb im Alter von zweiundfünfzig Jahren. Er war ein guter Mensch und seinen Tod hatte Elaine nie wirklich verwinden können.
Noras Augen wanderten zu Mrs. Amy Nolan. Ein altes schwarzweiß Foto zeigte eine wunderhübsche strahlende junge Frau. Das Bild wurde aufgenommen als sie Elaines Daddy kennen gelernt hatte, damals war sie um einiges jünger als Elaine heute, doch sie war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Die selben sanften Züge, die hohe Stirn und vor allem, die gleichen Augen, mit dieser Lebenslust und Fröhlichkeit darin.
Doch Mrs. Nolan war nun eine alte Frau, die nicht mehr auf der Ranch leben konnte, seit ihr Mann verstorben war. Sie lebte nun in Casper in einem hervorragenden Institut, wo man sich ausgiebig um sie kümmern konnte, was Elaine durch die Führung der Ranch einfach nicht schaffte und dennoch hatte sie immer Schuldgefühle, ihre Mutter dorthin gebracht zu haben, auch wenn Mrs. Nolan ihrer Tochter keine derartigen Gedanken einredete.
Nora hatte sogar immer das Gefühl, dass sie erleichtert war von der Ranch wegzukommen und nicht mehr mit ihren Erinnerungen so deutlich konfrontiert zu werden. Sie war eine stille und ernste Frau geworden, nachdem ihr Mann gestorben war und Elaine sagte manchmal, dass etwas von ihrer Momma mit ihrem Daddy gestorben sei.
Nora musste sich bei diesen Gedanken von dem Bild abwenden, selbst sie konnte den Schmerz von Mrs. Nolan nachempfinden, sie hatte auch jemanden verloren, der vorher ihre ganze Welt war, doch sie hatte nur wenige Menschen mit denen sie ihren Schmerz teilen konnte. Eigentlich hatte sie niemanden mehr, ihre gesamte leibliche Familie war gestorben.
Ihr Blick fiel auf eine vertraute Figur, auf einer Kommode an der Wand und sofort schritt sie darauf zu. Sie hatte dieses grässliche Ding Elaine geschenkt, als Dankeschön und Anerkennung. Sie hatte gehofft, dass sie dieses hässliche Etwas, dass einen Cowboy, der ein Lasso über seinem Kopf schwang, auf einem aufsteigenden Pferd, in Bronze darstellte, schon längst entsorgt hätte. Zumindest hätte diese Scheußlichkeit nichts anderes verdient.
Der Duft von gebratenem Fleisch und frisch gebackenen Apfelkuchen drang ihr entgegen und sofort umspielte ein wohliges lächeln ihre Lippen. Ja, sie war wirklich Zuhause. Seit langer Zeit hatte sie sich nicht mehr auf anhieb so wohl gefühlt, wie in diesem Moment wo sie den gewohnten Duft und die bekannte Umgebung um sich hatte.
Mit leisen Schritten ging sie dem Geruch entgegen, der sie direkt zur Küche führte, die an dem Speisezimmer anschloss und an der Rückseite des Hauses lag. Von der Küche konnte man in jeden Teil des Hauses gelangen, man kam durch eine Tür in den Wohnbereich sowie zurück in den vorderen Teil, aber man konnte auch über eine schmale dunkle Treppe in das obere Stockwerk gelangen und natürlich gab es eine weitere Tür nach draußen, die zu einem duftenden kleinen Kräutergarten führte, den einst Mrs. Lacey und Mrs. Nolan zusammen angelegt hatten. Ein weißer Gartenzaun zäumte diesen Bereich ein und an einer Wand am Haus gab es eine uralte Pumpe, die aber nur noch zum bewässern benutzt wurde. Nora erinnerte sich, dass Mrs. Lacey immer fuchsteufelwild wurde, wenn sie oder einer der anderen Rancharbeiter durch diesen Eingang in ihre Küche kamen, denn sie glaubte immer, dass man etwas von ihren frischgebackenen Keksen und Kuchen naschen könnte. Was ja auch meistens der Fall war. Aber am meisten wollte Mrs. Lacey nicht, dass ein ungewaschener, nach Kuh, Pferd und Mist stinkender Cowboy durch ihre Küche trampelte, weil er alles schmutzig machte, egal ob der Weg kürzer war oder nicht.
Nun konnte sie gepolter von Töpfen und Pfannen hören und wie Elaine versuchte der Haushälterin von Lazy Stream zu erklären, dass sie für drei weitere Mäuler kochen musste: „... aus New York um genauer zu sein und nicht alle sind uns fremd.“
Daraufhin herrschte ruhe in der Küche und Nora nutzte dies um die braune Flügeltür zu öffnen und leise einzutreten. Mrs. Lacey hatte ihr glücklicherweise den Rücken zugekehrt und so blickte sie in das grinsende Gesicht von Elaine.
„Hi, Mrs. Lacey“, sagte sie versucht unschuldig und augenblicklich drehte sich die kleine, pummelige Haushälterin um und starrte Nora mit aufgerissenen Augen entgegen. Ihr dunkelblondes Haar war noch immer in dem selben Kurzhaarschnitt frisiert, der ihren Kopf viel zu rund und ihren Hals viel zu kurz erscheinen ließ. Ihr fülliger Körper war in einer buntgeblümten Schürze eingewickelt und sie trug die selben verschlissenen Schlappen wie vor vier Jahren.
„Jesus Christus, Nora“, stieß Mrs. Lacey dann hervor und augenblicklich fand sich die junge Frau in einer festen Umarmung wieder, die sie nur zu gerne erwiderte. Erst jetzt schien ihr klar zu werden, wie sehr sie doch die Freundin ihrer Tante, die auch ihre eigene Freundin geworden war, vermisst hatte. Sie und Mrs. Lacey hatten ihre anfänglichen Probleme gehabt, doch konnten sie diese durch intensive nächtliche Gespräche und viel selbstgebackene Kekse überwinden. Mrs. Lacey war verständig und geduldig und sie hatte eine angenehme mütterliche Art an sich, die jeder sofort zu schätzen wusste und in der man sich einfach wohlfühlen musste.
„Kind, warum hast du nicht angerufen oder wenigstens geschrieben das du kommst. Herrgott, ich hätte dein Zimmer schon herrichten können – Du meine Güte, es wird eiskalt da oben sein! Warte, ich lüfte nur schnell und beziehe dein Bett und dann werden wir reden“, schwatzte Mrs. Lacey wild drauf los und wollte schon zur Treppe wehen, als Nora sie mit einem heiteren auflachen festhielt. „Das brauchst du nicht. Ich kann das später auch machen. Viel lieber will ich wissen, wie’s dir geht.“
Mrs. Lacey blickte sie mit einem liebevollen lächeln an und strich dann mit beiden warmen, nach frischen Äpfeln duftenden Händen über ihre Wangen. „Oh, mein Kind, ich bin so froh dich wiederzusehen, du hast mir gefehlt. Aber du hättest auch ruhig einmal anrufen können, wir sind hier nicht so rückständig, wie alle Städter immer glauben“, gab sie schließlich ihre fürsorglichen Vorwürfe von sich und Nora setzte sich gespielt genervt auf einen Hocker an einen Tisch, den Mrs. Lacey immer für die Küchenarbeit nutzte.
„Ich werd euch beide besser alleine lassen, ihr habt eine Menge zu bereden und ich muss noch was tun“, verabschiedete sich Elaine jedoch schnell und warf während sie aus der Küche huschte, Nora einen lächelnden Blick zu. Nora blickte ihr noch nach, als die Flügeltür hinter ihr schon längst zugeschwungen war und konnte deswegen nur mit einem Ohr, den Erzählungen von Mrs. Lacey lauschen.
Es gab vieles, dass es zwischen sie und Elaine zu klären gab, Dinge die ausgesprochen werden mussten, die sich aber keiner von beiden wagte in Worte zu fassen. Es gab noch immer eine tiefgründige und feste Verbindung zwischen den beiden, eine die alle anderen als Freundschaft abtaten.
Doch es war der Sommer auf den einsamen Wiesen, alleine mit den Kühen und ihren Kälbern der sie verband, die stillen Nächte voller Kälte unter den dunklen von Sternen erhellten Himmel. Doch darüber haben sie nie geredet, haben die Geschehnisse für sich behalten und ahnten nicht im geringsten, dass ihre engsten Freunde von ihren anderen Gefühlen wussten.
„Sie war sehr traurig, als du einfach gegangen bist“, holte Mrs. Lacey ihre junge Schutzbefohlene aber aus ihren Gedanken und diese starrte ihr beinah erschrocken entgegen, bevor sie ein fahriges Lachen von sich gab und ihr rotbraunes Haar zu einem losen Zopf drehte, etwas das sie immer tat, wenn sie Zeit schinden wollte, wie Mrs. Lacey sehr genau wusste.
„Ich hab einfach Abstand von allem gebraucht. Ich wollt raus aus Wyoming und endlich das tun, was mein Herzblut war. Ich hab diese Eintönigkeit nicht mehr ertragen“, erwiderte Nora dann ehrlich und blickte die Freundin ihrer verstorbenen Tante freudlos entgegen. Die stellte ihr eine große Tasse dampfenden Kaffees vor die Nase und blickte sie nachdenklich an, während sie von ihrem eigenen Becher trank. „Und hast du gefunden, wonach du gesucht hast? Du bist berühmt, selbst hier haben wir von deinem Erfolg in New York gehört. War es nicht immer das, was du wolltest?“
„Berühmt sein wollte ich nie, dass ist eine Qual! Ich wollte nur Fotografieren, die Menschen mit meinen Bildern bewegen und zum Nachdenken bringen. Mein Verleger und die Galleristen sagen, dass ich’s geschafft habe, dass ich eine der wenigen Künstlerinnen bin, die so früh Erfolg haben, doch sie verstehen nicht, dass es mir darum nie gegangen ist.“
„Worum ging’s dir dann? Du hast alles hinter dich gelassen, um genau das zu erreichen und nun sitzt du hier in meiner dreckigen, nach Fleisch und Kochdünsten stinkenden Küche und sagst mir, dass du das nicht wolltest? `Tschuldige Kleines, aber das glaube ich dir nicht.“
Nora lächelt leicht bei den Worten von ihr und blickte dann in den dunklen Kaffee, der ebenso düster erschien wie ihre Gedanken. „Du weißt, dass ich immer von Metropolen gesprochen habe, ich wollte nach Europa, die orientalischen Länder sehen, großartige Dinge erleben und noch einzigartigere Fotos schießen, doch jedes Mal, wenn ich diese Orte erreicht habe, dass gesehen habe, was ich sehen wollte, dann waren sie mir plötzlich nicht mehr so wichtig. Alles habe ich mit Wyoming verglichen, mit den atemberaubenden Sonnenaufgängen über den Bighorns. Nirgends habe ich mich wohl gefühlt und alles was ich sah, wirkte auf mich zwar beeindruckend, doch ließ dieses Gefühl sehr schnell wieder nach. Ich liebe das was ich tue, Mrs. Lacey, und ich bin dankbar für die Chance die man mir gegeben hat, aber ich war nie zu Hause.“
Mrs. Lacey griff über den Tisch nach Noras Hand und drückte diese besänftigend, sie wusste, dass sie damit Lazy Stream meinte und im besonderen wohl ihre Tante. Doch über sie hatten sie seit der Beerdigung, wo Mrs. Lacey extra nach Cheyenne gefahren war, nicht mehr gesprochen. Nora war der Typ Mensch, der nicht über seinen Schmerz sprechen wollte, sie war stark und wollte deswegen ihre Trauer alleine bewältigen. Mrs. Lacey kannte Nora sicherlich noch nicht lange, aber sie kannte sie gut. Sie war ein verträumtes und ehrgeiziges Mädchen, doch in ihrem inneren sehnte sie sich nur nach einem richtigen zu Hause, sie wollte Heimkommen und ein ruhiges Leben führen.
„So geht es jedem, der seine Heimat verlässt. Erst ist er aufgeregt und voller Tatendrang, doch dann schleicht sich das Heimweh ein. Du bist jetzt Zuhause, Nora, genieße es einfach“, schlug Mrs. Lacey schließlich sanft vor und Nora lächelte ihr herzlich und erleichtert entgegen.
„Nun gut, dann erzähl mir jetzt mal von deinen beiden Freunden, die du uns mitgebracht hast. Sie sollen recht merkwürdige Typen sein“, wollte Mrs. Lacey dann heiter wissen und trank mit einem schmunzeln von ihrem Kaffee, Nora lachte erfreut auf und trank dann ebenso einen Schluck, bevor sie ihr von Randy und Lance und ihren Macken erzählte.
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