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von Lacrima Draconis    erstellt: 06.12.2005    letztes Update: 19.02.2006    Geschichte, Drama / P12    (fertiggestellt)
Das Messer

Hätte er seine Hände betrachtet, so wären sie voller Blut gewesen. Natürlich waren sie es auch ohne sein Hinsehen, doch das wusste er nicht. Und das Bett war ohnehin schon rot. Unter anderen Umständen hätte er vielleicht gelächelt. Es sah wirklich aus, wie ihre gemeinsame Decke. Nur tropfte ihre Decke selten auf den Boden oder rannte auf dem unebenen Parkett bis zum Kleiderschrank.

Es hatte sich angeboten. Sie hatte sich angeboten. Er wollte es nicht tun und dennoch war es passiert. Ein einzelner Stein ... genug um einen Erdrutsch zu verursachen. Nein, es würde niemanden interessieren. Es würde in den Zeitungen stehen. "Ooh!", hörte er die Leute schon sagen. "Mein Gott!", würde der alte Mann von nebenan rufen und die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Und irgendwo ganz weit weg würde eine glückliche Familie am Tisch sitzen und während die Kinder lachend ihre Frühstücksbrote aßen, würde der Vater den Kopf schütteln und die Mutter würde sagen: "Wie konnte so etwas nur passieren?"

Ja, wie war es überhaupt passiert? Seine Schuld? Nein, das Messer lag wegen ihr im Schlafzimmer. Sie war es, die dort töpferte. Sie war es, die den Ton damit zurechtschnitt. Eine vollkommen absurde Idee, seiner Meinung nach. Und seine Meinung galt, immerhin hatte er früher ebenfalls leidenschaftlich getöpfert. Und Ton schnitt man einfach nicht mit einem Messer sondern mit einem Draht. So etwas gab es fast überall zu kaufen und notfalls konnte man es auch wirklich selbst anfertigen. Man nahm zwei Stück Holz und befestigte sie an den Enden eines Drahtstückes. Der Draht schnitt den Ton und das Holz diente als Griff, damit man sich die Hände nicht versehentlich aufschnitt. Damit man sich nicht verletzte. Damit man andere nicht verletzte!

Nein, sie war keine gute Töpferin. Sie machte vielleicht schöne Schalen auf der Drehscheibe, viel gleichmäßiger als er es je hinbekommen hätte, aber von der Tonbehandlung hatte sie keine Ahnung.

Einfach ein Messer nehmen, das doch um so vieles umständlicher und gefährlicher war, als ein Stück Draht. Hätte er getöpfert, wäre ihm das klar gewesen. Ein Stück Draht und es wäre nicht passiert. Eine simple Ohrfeige hätte es bestimmt getan. So wäre es gewesen. Sie wäre heimgekommen, früher als geplant, hätte ihn mit der anderen Frau in ihrem gemeinsamen Bett erwischt und hätte geschrien. Das wäre dann der anderen Frau sehr unangenehm gewesen. Sie hätte ihre Turnschuhe geschnappt und wäre aus der Wohnung gelaufen. Dann wäre er aufgesprungen. Sie hätte ihn weiter angeschrien und er hätte zurückgeschrien. Sie hätten sehr lange geschrien und dann wäre die Ohrfeige gekommen. Dann wäre sie heulend aus dem Zimmer gerannt und für eine Woche zurück zu ihrer Mutter gezogen. Vielleicht auch in ein Hotel, immerhin konnte sie sich das leisten. Er natürlich auch, aber irgendwie hielt er Hotels für schrecklich unpersönlich. An ihrer Stelle hätte er die Mutter gewählt, aber das hätte sie dann entscheiden müssen.

So oder so, irgendwann hätten sie sich im Theater getroffen. Ein etwas sonderbarer Gedanke vielleicht, allerdings liebten sie beide Theaterstücke über alles. Vielleicht hätte er sich eine Aufführung angesehen um die Wut zu vertreiben und sie hätte sich die selbe Aufführung angesehen, um ihren Frust zu vergessen. Vielleicht wäre es auch umgekehrt gewesen. Sie wütend, er frustriert. Vielleicht wäre sogar keiner von ihnen wütend oder frustriert gewesen. Vielleicht hätte der Zufall ihnen einfach am gleichen Abend Lust auf das gleiche Stück gemacht. Und im Theater hätten sie sich dann wieder gesehen. Dort hätten sie dann auch nicht mehr geschrien wie zu Hause, sondern geredet. Und sie hätten festgestellt, dass noch nicht alles verloren war. Sie hätten lange geredet, erst über sich, dann über das Stück und dann wieder über sich. Er hätte sich entschuldigt und alles wäre wieder in Ordnung gewesen.

Doch sie musste ja unbedingt töpfern und mit einem Messer den Ton zurechtschneiden! Im Schlafzimmer! Und nun konnte sie nichts mehr sagen und er würde nicht mehr ins Theater gehen und deshalb würden sie auch nicht mehr miteinander reden und es würde nie wieder in Ordnung sein. Dabei verlief sonst alles genau gleich. Sie kam Heim, früher als geplant, sie sah ihn mit der anderen Frau in ihrem gemeinsamen Bett unter der roten Bettdecke. Sie schrie und der anderen Frau war das sehr unangenehm, sodass sie aufsprang und ihre Stöckelschuhe schnappte. Tatsächlich waren es eigentlich Stöckelschuhe. Natürlich war d a s nicht die Schuld des Messers sondern die des schlechten Geschmackes jener Frau. Turnschuhe hätten ihr viel besser gepasst doch das wollte sie nicht hören und was sollte er schon dagegen tun? Es war ja auch egal, schließlich hatte er nie geplant, die andere Frau oder ihre Schuhe je wieder zu sehen. Die Frau packte also ihre Stöckelschuhe und rannte aus der Wohnung. Soweit fast nichts Neues.

Doch dann sprang er auf. Und sie schrie ihn an. Und er schrie zurück. Das hätte er nicht tun sollen. Er hatte kein Recht dazu, schließlich hatte er sie betrogen. Aber daran dachte er zuvor nicht. Zuvor dachte er nur, dass sie ihm Unrecht tat. Und es machte ihn wütend, weil es ihm Leid tat. Weil es ihm Leid tat und weil sie es nicht glauben wollte. Er musste schreien, weil sie ihn nicht verstehen konnte ... verstehen wollte. Dabei versuchte er ihr doch nur zu erklären, dass es so nicht in seiner Absicht gelegen hatte. Dass es ein dummer Zufall, wahrscheinlich eine Kette dummer Zufälle gewesen waren, die zu dieser noch dümmeren Situation geführt hatten. Und dass es ihm jetzt furchtbar Leid tat.

Doch sie schrie einfach weiter und wollte nicht aufhören zu schreien und er schrie weiter, weil sie nicht aufhören wollte zu schreien. Hätte sie aufgehört, hätte er es ihr erklären können. Würde sie nicht töpfern, könnte er es ihr jetzt erklären. Oder eine Woche später im Theater. Doch so konnte sie ihn nicht mehr hören. Dabei war sie noch im Zimmer. Und trotzdem hörte sie ihn nicht. Vielleicht redete er zu leise oder vielleicht war sie zu weit weg.

So oder so, er würde es ihr wohl nie mehr sagen können. Und das, obwohl es ihm so Leid tat. Obwohl es ihm schon Leid getan hatte, als er mit ihr stritt. Und wäre das Messer nie gezogen worden, er könnte sich nun bei ihr entschuldigen. Sofort könnte er es tun, schließlich war sie jetzt still. Und auch er schwieg, weil sie schwieg. Schweigen. Ja, dafür hatte das Messer gesorgt. Mit einem Draht wäre das wohl nicht gelungen. Nein, ein Draht hätte nie die Stille geschaffen, die er für seine Erklärung, für seine Entschuldigung benötigt hätte.

Doch irgendwie war ihm nun nicht mehr danach, sich zu entschuldigen. Irgendwie wünschte er sich nichts mehr, als dieses Zimmer endlich zu verlassen und diese plötzlich so schreckliche Stille nicht mehr hören zu müssen. Er wollte nichts mehr hören, nichts mehr sagen und er wollte nichts mehr sehen. Weder das Blut noch das rote Bett noch die kahle, graue Decke noch ihren entsetzten und ungläubigen Blick als sie sich endlich zu ihm umdrehte und sah, dass sie es wirklich in seinen Bauch gerammt hatte. Das Messer.

- - - - - -

Das wäre dann die überarbeitete Version des ersten Kapitels. Ich habe zum Vergleich beide Teile on gelassen. Wie gefällt euch die Verbesserung? Oder wurde es nur schlimmer? Sind sowieso beide Mist? Oder genial, egal wie?
Würde mich über Kritik freuen.
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