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von Lacrima Draconis    erstellt: 06.12.2005    letztes Update: 19.02.2006    Drama / P12    (fertiggestellt) 3 Reviews
Das Messer

Hätte er seine Hände betrachtet, so wären sie voller Blut gewesen. Natürlich waren sie es auch ohne sein Hinsehen, doch das wusste er nicht. Und das Bett war ohnehin schon rot. Unter anderen Umständen hätte er vielleicht gelächelt. Es sah wirklich aus, wie ihre gemeinsame Decke. Nur tropfte ihre Decke selten auf den Boden oder rannte auf dem unebenen Parkett bis zum Kleiderschrank.

Es hatte sich angeboten. Sie hatte sich angeboten. Er wollte es nicht tun und dennoch war es passiert. Ein einzelner Stein ... genug um einen Erdrutsch zu verursachen. Nein, es würde niemanden interessieren. Es würde in den Zeitungen stehen. "Ooh!", werden die Leute dazu sagen. "Mein Gott!", wird der alte Mann von nebenan rufen und die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Und irgendwo ganz weit weg wird eine glückliche Familie am Tisch sitzen und während die Kinder lachend ihre Frühstücksbrote essen wird der Vater den Kopf schütteln und die Mutter sagen: "Wie konnte so etwas nur passieren?"

Ja, wie war es überhaupt passiert? Seine Schuld? Nein, das Messer lag wegen ihr im Schlafzimmer! Sie war es, die dort töpferte! Sie war es, die den Ton damit zurechtschnitt. Hätte sie nicht getöpfert, wäre es nie passiert. Eine simple Ohrfeige hätte es bestimmt getan. So wäre es gewesen. Sie wäre heimgekommen, früher als geplant, hätte ihn mit der anderen Frau in ihrem gemeinsamen Bett erwischt und hätte geschrien. Dann wäre es der anderen Frau sehr peinlich gewesen. Sie hätte ihre Turnschuhe geschnappt und wäre aus der Wohnung gelaufen. Dann wäre er aufgesprungen. Sie hätte ihn weiter angeschrien und er hätte zurückgeschrien. Sie hätten sehr lange geschrien und dann wäre eine Ohrfeige gekommen. Dann wäre sie heulend aus dem Zimmer gerannt und für eine Woche zu ihrer Mutter gezogen. Irgendwann hätten sie sich im Theater getroffen. Dort gingen sie nämlich beide gerne hin. Dort hätten sie dann auch nicht mehr geschrien, sondern geredet. Und sie hätten festgestellt, dass noch nicht alles verloren ist. Sie hätten an sich gearbeitet und er hätte sich entschuldigt und alles wäre wieder in Ordnung gewesen.

Doch sie musste ja unbedingt töpfern und mit einem Messer den Ton zurechtschneiden! Im Schlafzimmer! Und nun konnte sie nichts mehr sagen und er würde nicht mehr ins Theater gehen und deshalb würden sie auch nicht mehr miteinander reden und es würde nie wieder in Ordnung sein. Dabei verlief sonst alles genau gleich. Sie kam Heim, früher als geplant, sie sah ihn mit der anderen Frau in ihrem gemeinsamen Bett unter der roten Bettdecke. Sie schrie und der anderen Frau war das sehr peinlich, sodass sie aufsprang und ihre Stöckelschuhe schnappte. Tatsächlich waren es eigentlich Stöckelschuhe. Turnschuhe hätten der anderen Frau viel besser gepasst doch das wollte diese nicht hören und was sollte er schon dagegen tun? Es war ja auch egal, schließlich würde er die andere Frau nie wieder sehen. Die Frau, die ihre Stöckelschuhe packte und aus der Wohnung lieg. Und dann sprang er auf. Und sie schrie ihn an. Und er schrie zurück.

Das hätte er nicht tun sollen. Er hatte kein Recht dazu, schließlich hatte er sie betrogen. Aber daran dachte er zuvor nicht. Zuvor dachte er nur, dass sie ihm Unrecht tat. Und es machte ihn wütend, weil es ihm Leid tat. Weil es ihm Leid tat und weil sie es nicht glauben wollte. Er musste schreien, weil sie ihn nicht verstehen konnte ... verstehen wollte. Dabei versuchte er ihr doch nur zu erklären, dass er es nicht gewollt hatte! Doch sie schrie einfach weiter und wollte nicht aufhören zu schreien und er schrie weiter, weil sie nicht aufhören wollte zu schreien. Hätte sie aufgehört, hätte er es ihr erklären können. Würde sie nicht töpfern, könnte er es ihr jetzt erklären. Oder eine Woche später im Theater. Doch so konnte sie ihn nicht mehr hören. Dabei war sie noch im Zimmer. Und trotzdem hörte sie ihn nicht. Vielleicht redete er zu leise oder vielleicht war sie zu weit weg.

So oder so, er würde es ihr wohl nie mehr sagen können. Und das obwohl es ihm so Leid tat. Obwohl es ihm schon Leid getan hatte, als er mit ihr stritt. Und wäre das Messer nie gezogen worden, er könnte sich jetzt bei ihr entschuldigen. So jedoch wünschte er sich nichts mehr, als dieses Zimmer endlich zu verlassen und all dies nicht mehr sehen zu müssen. Weder das Blut noch das rote Bett noch die kahle, graue Decke noch ihren entsetzen und ungläubigen Blick, als sie sich endlich umdrehte und sah, dass sie es wirklich in seinen Bauch gerammt hatte. Das Messer.

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Irgendwo auf meinem Rechner liegt auch noch eine verbesserte Version dieser Kurzgeschichte herum, aber diese hier wird's wohl so lange tun müssen. Impulstext, Aufgabe... tja, ich find's ganz annehmbar. Et vous?
 
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