Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
«
»
von Stiffy    erstellt: 30.10.2005    letztes Update: 11.07.2009    Geschichte, Romanze / P18 Slash    (abgebrochen)
Watashi no Sekai
Part 3a - Sakuya (by littleblaze)

Eigentlich hatte ich vorgehabt, mich noch einmal bei Takahama für seine gestrige Hilfe zu bedanken und ihm zu versichern, dass er sich in Punkto Sanae keine Sorgen zu machen braucht.
Abgesehen davon, hatte ich gehofft, dass ich vielleicht noch einmal auf seine Worte zu sprechen kommen könnte, er mir sagen würde, dass es nur ein blöder Scherz war und ich die Sache endlich aus meinem Kopf kriege, aber nach der Nummer, die er gerade abgezogen hat, sind meine Vorsetze natürlich pasé.
Schon alleine diese hochnäsige Art... dieses Grinsen und lässt dazu noch so einen blöden Spruch ab, was hat er sich erhofft damit zu erreichen? Wollte er mich vor Tsuzuki bloß stellen?
Dieser biss natürlich auch sofort an und fragte mich, was ich denn mit DEM zu tun hätte. Takahama war nicht gerade beliebt bei den männlichen Schülern, viele hassten ihn sogar richtig. Was Tsuzuki persönlich gegen ihn hatte, wusste ich allerdings nicht.
„Es ist nicht gut für dich, wenn du dich mit diesem Arsch abgibst“, erklärt er mir. „Das gibt nur Probleme, glaub mir. Lass da lieber die Finger von.“
Ich schweige, sage nichts dazu.
Die ganzen zwei Stunden hindurch folgen weitere Ratschläge und Warnungen, und ich versichere Tsuzuki einige Male, keinerlei freundschaftliche Beziehung zu Takahama zu haben, was ihn jedes Mal erleichtert aufatmen lässt.
„Aber, meine Freunde suche ich mir immer noch selbst aus, auch wenn es dir und der gesamten Schule nicht passen sollte“, füge ich hinzu.
„Natürlich, so war das auch gar nicht gemeint“, stottert er.
„Reden wir nicht mehr davon.“

~ * ~

Nach dem Sozialkundekurs statte ich dem Baseballfeld meinen üblichen Besuch ab, einfach ein wenig abhängen, auch wenn alle anderen noch in ihren Kursen stecken. Die regulären Sportclubs finden in den Sommerferien nicht statt.
Zwei Mädchen joggen auf dem Nachbarfeld, der Hausmeister, der dem Fußballfeld einen neuen Schnitt verleiht und... NEIN!
Ich lasse meinen Schläger zu Boden gleiten und gehe mit schnellen Schritten auf die Zuschauertribüne zu. Lässig nach hinten gelehnt verfolgt der dort Sitzende meine Bewegungen und schaut mir direkt in die Augen, als ich näher komme. Mein Blick zornig und genervt, schaut er eher ruhig und zufrieden drein.
„Verfolgst du mich etwa?“, brülle ich ihn schon beinahe an.
„Nein, eigentlich nicht, ich war schon vor dir hier. Aber wenn du es dir wünscht, lässt es sich bestimmt einrichten“, antwortet er ruhig, mit einem Lächeln auf den Lippen, was mich zur Weißglut bringt. Gibt es irgendwo ein Nachschlagewerk für blöde Sprüche?
„Was sollte eigentlich der Scheiß im Klassenzimmer? Hast du niemand anderen dem du auf die Nerven gehen kannst?“
„Ehrlich gesagt... nein.“
„Hör zu, ich bin dir wirklich dankbar für deine Hilfe gestern und die Sache mit Sanae im Club war auch nicht gerade in Ordnung von mir, aber ich habe keinen Bock darauf, dass du jetzt zu meinem Schatten wirst und mich bei jeder Gelegenheit versuchst bloß zu stellen. Da habe ich echt null Bock drauf!“
Nachdem ich meinen Spruch vom Stapel gelassen habe, setzt er sogleich wieder dieses blöde Grinsen auf.
„Es war wirklich nicht meine Absicht... dich bloß zu stellen, meine ich.“
Hätte er nur nicht so blöde dabei gegrinst.
„Und glaub ja nicht, dass mir das mit der Nachhilfe Spaß macht. Ich mache das nur, weil mich Toshik...“
„Nachhilfe?“, unterbricht er mich.
„Ja, die Nachhilfe“, antworte ich karg. Er scheint immer noch nicht zu verstehen. „Deine Englischnachhilfe... für die Prüfung.“
Langsam scheint es ihm zu dämmern.
„Du machst Witze? Das... das ist ja geil. Damit hätte ich ja niemals gerechnet“, sprudelt es aus ihm heraus und diese überschwängliche Freude bringt mich vollkommen aus dem Konzept.
Was wollte ich sagen? Ach ja...
„Hey, hör mir zu, ich war noch nicht fertig.“ Ich beuge mich zu ihm herunter, stütze mich an am Geländer ab und schaue ihm direkt in die Augen. „Ich habe keine Lust mehr auf deine blöden Sprüche und schon gar nicht auf eine gute-Freund-Nummer mit dir. Lass mich einfach in Ruhe und wir können beide in Frieden weiterleben. Ich hoffe du hast das jetzt verstanden“, betone ich den letzten Satz ein wenig deutlicher. Sein Grinsen verschwindet.
Ich erwarte keine Antwort von ihm, dass sein nervendes Grinsen verschwunden ist, bringt mir schon genug Befriedigung. Ich stoße mich vom Geländer ab, möchte diesen kurzen Moment des Zögerns seinerseits dafür nutzen, meinen Abgang perfekt zu machen.
„Scheiße!“
Ein kurzer, stechender Schmerz und eh ich meine Hand zurück ziehen kann, hält er sie fest. Er hat einfach nach ihr gegriffen, so als wäre es das normalste der Welt, so als hätte er ein Recht, sie zu halten.
„Ist nur ein kleiner Schnitt, wird schon wieder“, flüstert er schon beinahe zärtlich.
Ich versuche meine Hand wütend aus seiner zu ziehen, aber er hält sie immer noch fest umschlungen.
„Jetzt halt schon still“, mahnt er mich.
Es tut nicht wirklich weh, es ist nur ein sanfter Druck, selbst den eigentlichen Schmerz spüre ich kaum noch.
Sein Blick ist leicht gesenkt, er nähert sich meinem Finger und dann sehe ich ihm dabei zu, wie er etwas tut, das meine Mom immer getan hat, wenn ich mich geschnitten hatte...
„Siehst du, alles wieder gut.“ Er deutet auf meinen Finger.
Ich weiß nicht, ob es Wut oder Hilflosigkeit gegenüber der Situation ist, die mich dazu veranlasst, ihn zu schlagen...

Ich schaue ihn nicht noch einmal an, drehe mich einfach um ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen, hebe meinen Schläger mit der schmerzenden Hand auf und verlasse das Spielfeld. Für heute habe ich genug Zeit auf dem Feld verbracht, ich will nur nach Hause, ich fühle mich, als würde ich jeden Moment umkippen... mein Herz klopft wie wild.

~ * ~

Zu Hause angekommen gehe ich sofort ins Bad, versorge die kleine Wunde am Finger und kühle die schmerzende Hand. Sofort beschenkt mich mein Gedächtnis mit einer kleinen Erinnerungsszene des gerade Geschehenden. Ich schüttle heftig mit dem Kopf als ob ich mich so davon befreien könnte. Natürlich klappt dies nicht.
Wie konnte er so etwas nur...
Erschrocken vernehme ich ein Geräusch im Haus. Wer kann das sein? Mom und Dad kommen erst in Stunden wieder.
Ich schnappe mir meinen Baseballschläger den ich gegen die Wand gelehnt habe und schleiche mich in die Richtung, aus der ich das Geräusch vernehme.
Lautlos gehe ich Meter um Meter, schaue vorsichtig um jede Ecke, bevor ich sie umgehe.
Wieder das Geräusch, es kommt aus Dads Arbeitszimmer, ein Einbrecher?
Ich schleiche auf die angelehnte Tür zu und schaue durch einen kleinen Spalt. Im Inneren sehe ich meinen Dad, wie er in seinem Schreibtisch rumwühlt, erleichtert atme ich auf.
„Dad, was machst du den schon daheim?“, frage ich nach.
„Ich habe ein paar wichtige Akten vergessen und musste noch einmal zurück“, antworte er zerknirscht.
Ich schaue mich in dem Zimmer um, neben mir auf dem Schrank liegt ein Aktenordner.
„Sind diese Akten zufällig in einem roten Ordner und tragen einen gelben Erinnerungszettel mit dem Vermerk ‚Wichtig, nicht vergessen’?“
Ich ernte einen erleichterten Blick als ich die Akten vom Schrank nehme und sie hoch halte.
„Danke Junge, was sollte ich bloß ohne dich machen. Aber was hast du denn mit deiner Hand gemacht?“
„Ah, das ist nichts. Baseball, kennst mich doch.“
Ich lächle verlegen, lasse meine Hand hinterm Rücken verschwinden.
„Na ja, übertreibs nicht. Ach, und sag deiner Mutter, dass es heute später werden könnte.“
„Mach ich.“
Auf dem Weg zur Haustür stoppt er noch einmal.
„Ach, da fällt mir noch etwas ein“, meint er freudestrahlend. Sein Gesicht sieht plötzlich so aufgeregt aus, als ob er wieder den Santa Claus spiele und ich wieder 4 Jahre alt sei.
„Wie würde es dir gefallen, bald mal wieder nach Boston zu kommen?“
Diese Nachricht ist um vieles besser, als der blöde Santa.
„Ist... ist das dein Ernst?“, frage ich ihn, aus Angst, er könnte nur einen Scherz gemacht haben. Bitte lieber Gott, lass es kein Traum sein, flehe ich innerlich.
„Natürlich ist das mein Ernst Sakuya. Glaubst du wirklich, ich würde dich damit veräppeln? Ich weiß doch genau, wie gerne du wieder zurück möchtest, und da ich geschäftlich für zwei Wochen runterfliege, dachte ich mir, dass du gerne mitkommen würdest... oder etwa doch nicht?“ Ich falle meinem Dad um den Hals, und die Akten fallen auf den Boden.
„Ja, ja, ja, ja, ich will, will, will.“
„Hey hey, aber nur für zwei Wochen Sakuya, dass wir uns da richtig verstehen.“
Ich lasse von ihm ab, hebe schnell die Akten auf und reiche sie ihm.
„Natürlich... nur für zwei Wochen, Dad. Danke.“

Natürlich wäre es viel schöner, für immer da zu bleiben, aber ich hatte mir niemals träumen lassen, vor meiner Volljährigkeit noch einmal zurück zu kommen.
Jubelschreiend renne ich durch das ganze Haus, nachdem mein Dad aus der Tür ist.
Ich gehe zurück, endlich wieder amerikanischen Boden unter meinen Füssen, endlich wieder richtige Hot Dogs, ins Fenway gehen und ein Spiel der Red Sox ansehen und Kevin wieder sehen...



Part 3b - Kida (by Stiffy)

Ich lasse mich auf der Zuschauertribüne des Baseballfeldes nieder... Sanae hat noch einen weiteren Block und ich habe ihr versprochen, auf sie zu warten...
Mit geschlossenen Augen lehne ich mich nach hinten und muss an die vergangene Stunde denken.
„Sag mir einfach bescheid... Ich fang dich gern wieder auf...“
Wie konnte ich nur so etwas zu ihm sagen? Ich fühle mich schon peinlich berührt, wenn ich nur darüber nachdenke. Es ist doch beim besten Willen nicht normal, so etwas zu einem Jungen zu sagen, egal wie ich es drehe und wende... Selbst als Scherz geht das nicht mehr wirklich durch. Aber was habe ich mir auch dabei gedacht?
Mit mir selbst unzufrieden öffne ich seufzend die Augen. Du spinnst, Kida Takahama...
Ich sehe mich um. Fast keine Menschenseele ist zu sehen, nur hier und da, aber nichts im Vergleich dazu, wie es hier schon bald wieder zugehen wird... Dann wenn die Ferien vorbei sind und die Clubs wieder stattfinden...
Als ich zum Schulgebäude blicke, entdecke ich Sakuya...
Sofort huscht ein Lächeln über meine Lippen... und ein kleines spannendes Gefühl durchzieht meine Magengegend...
Als er mich bemerkt, verändert sich sein Blick sofort. Wütende Worte, als er bei mir angekommen ist... Natürlich besonders wegen der Situation im Klassenzimmer.... Oh bitte, hör auf davon zu reden... Ich will gar nicht daran denken oder weiter nach einem Grund suchen.
Doch schon findet sich ein neuer Punkt, über den ich mir Gedanken machen kann. Wieso um Himmels Willen freut es mich so sehr, als ich höre, dass er es ist, der mir Nachhilfe geben wird? Wieso habe ich das Gefühl, mir könne heute nichts besseres mehr passieren?
„Du machst Witze? Das... das ist ja geil. Damit hätte ich ja niemals gerechnet“, kann ich meine Freude nicht für mich behalten... eine Reaktion, mit der er wohl nicht gerechnet hat.
„Hey, hör mir zu, ich war noch nicht fertig.“ Er kommt mir näher indem er sich vorbeugt und auf dem Geländer abstützt. „Ich habe keine Lust mehr auf deine blöden Sprüche und schon gar nicht auf eine gute-Freund-Nummer mit dir. Lass mich einfach in Ruhe und wir können beide in Frieden weiterleben. Ich hoffe du hast das jetzt verstanden“
Mein Herz schlägt ganz schnell, vielleicht weil er mir so nah ist... vielleicht auch wegen seiner harten Worte. Es ist schade, fast tut es weh, auch wenn mir solche Dinge eigentlich sonst nie etwas ausgemacht haben...
Du willst also auch nichts mit mir zu tun haben?
Ich kann nichts darauf erwidern.
Er will weg, stößt sich ab... und verletzt sich.
Ehe ich mich versehe, halte ich seine Hand in meiner. Es war purer Reflex.
„Ist nur ein kleiner Schnitt, wird schon wieder.“
Gegenwehr, er will sich befreien, doch ich lasse ihn nicht gehen.
„Jetzt halt schon still“
Ich ziehe seine Hand noch etwas näher an mich heran und schließe meine Lippen um seinen Finger.
Genau in diesem Moment, als ich sein Blut schmecke, beginne ich das Ganze erst wirklich zu realisiere... leider viel zu spät, um diese Katastrophe noch abzuwenden.
Unruhe kommt in mir auf. Was mache ich hier? Wieso mache ich das? Das ist doch nicht normal!
Es kostet alle Kraft, um Ruhe zu bewahren, ihn ohne Hektik wieder freizulassen.
„Siehst du, alles wieder gut.“
Im nächsten Moment spüre ich einen festen Schlag mitten ins Gesicht. Er dreht sich um und geht.

Scheiße!
Ich lasse mich zurück sinken.
Ach du verdammte Scheiße!
Was war das? Was habe ich getan?
Wieso schaffe ich es nicht, ihn genauso links liegen zu lassen wie alle andren Kerle?
Warum mache ich mich bei ihm auch wirklich jedes Mal zum Idioten?
Wieso scheint er mir nicht einfach egal zu sein?

~ * ~

Sanae ist nicht minder erschrocken, als sie einige Minuten später zu mir kommt.
„Was hast du denn gemacht?!“, fragt sie schockiert.
„Was meinst du?“
„Na das!“ Sie deutet auf meine Lippe.
Vorsichtig taste ich danach.
„Sag bloß, du hast das nicht gemerkt?!“ Vollkommen verwirrt schaut sie mich an, beginnt in ihrem Rucksack zu kramen.
„Nicht wirklich...“
Der Rucksack fällt zu Boden und sie setzt sich neben mich.
„Zeig mal...“ Ein vorsichtiges Tupfen... mit einem Mal brennt es höllisch. Warum habe ich das vorher nicht bemerkt?
„Das muss unbedingt desinfiziert werden!“ Schon zieht sie mich von der Tribünenbank hoch und mit sich. „Nun sag schon, was ist passiert!“
In meinem Kopf spiele ich die Situation jetzt schon zum x-ten mal durch, verstehe mein eigenes Handeln immer noch nicht... seines hingegen umso besser.
„Sakuya hat mich geschlagen...“, sage ich kleinlaut.
„Wie bitte?“ Ihre laute, erschrockene Stimme.
„Er hatte allen Grund dazu...“
Ich erzähle ihr von der Situation... beginnend mit dem Vorfall im Lehrerzimmer, dem im Klassenraum... und schließlich der Schlag vorhin.
Ich kann förmlich spüren wie ihr Blick an Ungläubigkeit immer mehr dazu gewinnt, mit jedem einzelnen Wort.
„Du hast was getan?!“ Ich sehe sie an und die Verblüffung ist ihr ins Gesicht geschrieben.
„Ihm am Finger gelutscht...“ Ich lache kurz auf, aber mehr wegen der Abstrusität der Situation... Ich komme mir vor wie ein Idiot.
„Wieso machst du so was... ich meine... das...“
„Es ist nicht normal... das weiß ich...“ Ich bleibe stehen vor ihrem Häuserblock und starre hinauf zu dem Fenster... dem mit der blauen Gardine. „Ich habe keine Ahnung, Sanae... Irgendwas Komisches geht in mir vor...“
„Ich habe da so meine Vermutungen...“

„Du magst ihn!“, sagt sie, als sie mich kurzerhand mit hochgeschleift und provisorisch meine Wunde versorgt hat.
Mögen... was meint sie mit mögen? Dass... ich...
„Quatsch!“
„Kein quatsch...“
„Natürlich! Mensch Sanae, das ist ein Kerl!“, ereifere ich mich, fühle mich in eine Ecke gedrängt.
„Ach komm, so unnormal ist das nun auch wieder nicht!“ Sanae legt den Kopf schief und sieht mich skeptisch an. „Warum sonst benimmst du dich so... so...“
„...bekloppt? krank? Irrational?“
„So anders...“ Sie lächelt. „Kida, so kenne ich dich nicht...“
„Glaub mir, ich hab damit auch noch so meine Schwierigkeiten...“ Ich sinke zurück in die Kissen, starre gen Decke. „Aber das kann mit mögen doch nichts zu tun haben...“

~ * ~

Ihn mögen... als ich abends allein in meinem Bett liege, lassen mich ihre Worte noch immer nicht los...
Aber wenn es tatsächlich so wäre und ich ihn tatsächlich, mal rein hypothetisch... wenn ich ihn wirklich auf diese Weise mögen würde... das würde doch bedeuten, dass ich...
Ich schüttle den Kopf, schalte das Licht aus und versuche an irgendwas anderes zu denken...
Es gelingt mir nicht... auch noch mehr als eine Stunde später liege ich mit genau den selben Gedanken wach...
...Warum sonst suche ich in der Schule alles mit den Augen nach ihm ab, wieso sonst zieht er mich in seinen Bann, wenn er vor mir steht.... wieso sonst habe ich das Verlangen, ihn zu berühren...
Aber das kann es doch nicht sein... nie zuvor ist mir so etwas passiert... immer waren es Mädchen, die mir gefallen haben... das kommt doch nicht von einen Tag auf den anderen... man kann doch nicht ganz plötzlich auf Männer stehen...
Schwul sein... Männer lieben und mit ihnen schlafen wollen... reizt mich das wirklich?
Ich weiß es nicht.. ich weiß es wirklich nicht... ich weiß nur, dass Sakuya mehr ist... dass ich anders bin, wenn ich in seiner Nähe bin... Ich verhalte mich komisch, versuche irgendeinen Schein zu wahren... doch wieso? Was will ich ihm zeigen? Oder was will ich ihm nicht zeigen?

~ * ~

In den nächsten Tagen sehe ich Sakuya ungewöhnlich oft – oder lege ich es innerlich drauf an? Er hingegen macht einen deutlichen Bogen um mich... es enttäuscht mich ein wenig.
Und außerdem muss ich mich langsam mal um die Sache mit der Nachhilfe kümmern...

Am Freitag wird es mir dann einfach zu blöd. Als ich durch Zufall herausbekomme, dass er einen Matheblock hat, beschließe ich, dort auf ihn zu warten...
Wie erwartet wirkt er weniger glücklich darüber, mich zu sehen... wendet seinen Blick sofort ab und will an mir vorbei ins Klassenzimmer gehen.
„Ryan...?“, spreche ich, was ihn nur einen Moment stocken lässt, aber nicht aufhält.
Kurzentschlossen greife ich nach seinem Handgelenk und ziehe ihn zurück. Sofort befreit er sich von meinem Griff.
Ich fühle mich beobachtet... aber es ist mir egal, was sie denken mögen.
„Wegen der Nachhilfe... ich denke, wir sollten mal langsam damit anfangen.“
Er sieht mich an... irgendwie so, als würde er überlegen, wie er mich loswerden kann. Asumo stößt ihn an, macht mit einem Blick unmissverständlich klar, was er von meinem Auftauchen hier hält und geht dann weiter.
„Heute, 3 Uhr, bei mir.“
Damit geht er ebenfalls an mir vorbei ins Klassenzimmer, als mir einfällt, dass da noch etwas fehlt...
„Hey, und wo wohnst du?“
„Du bist doch so ein cleveres Kerlchen, also find es selbst heraus“
Damit ist die Sache erledigt... und schon wieder merke ich, wie nur diese kleine Begegnung mich aufgewühlt hat.

Auf dem Weg zum Lehrerzimmer, mit der Hoffnung, dass Toshiki-Sensei noch da ist und mir Sakuyas Adresse geben kann, hält mich ein Mädchen auf. In meinem Kopf beginnt es zu rattert... Ich kenne sie, doch woher?
„Ja? Was gibts?“ Plötzlich habe ich alle Mühe ruhig zu bleiben, so nett wie immer. Ich habe gerade andere Gedanken...
„Willst du... ich meine...“ Sie wirkt nervös, als sie mich ansieht. „Hast du am Samstag... was vor?“
Ich hätte es mir denken können... sie will ein Date...
Innerlich gehe ich durch, wie ich sie am nettesten abblitzen lasse, wenn das überhaupt möglich ist... Ich weiß nicht wieso, aber ich verspüre nicht die geringste Lust, etwas mit ihr zu machen... Und dabei ist sie hübsch...
„Nein, noch nicht...“
„Naja... ich wollte dich fragen, ob du vielleicht...“ Sie schluckt. „Würdest du mit mir... ins Kino gehen?“
Streng genommen ist sie sogar genau mein Typ.........
Also... Wieso eigentlich nicht?
„Klar, wieso nicht...“
„Was?“ Ihre Augen weiten sich und auf ihren Lippen erstrahlt ein Lächeln. „Im ernst?“
„Ja“ Ich versuche ebenfalls ein Lächeln.
Wir verabreden uns für die Abendvorstellung... Strahlend zieht sie von dannen... Nachdenklich blicke ich ihr hinterher.
Es stimmt, eigentlich ist sie tatsächlich mein Typ... wieso freue ich mich also nicht auf Samstag?

~ * ~

Zuhause stelle ich den Reiskocher an.
„Verdammt! Ich hab dir doch gesagt du sollst dir heute Abend frei nehmen!“ Schreie dringen durch die Wohnung, gefolgt vom Klirren von zerspringendem Glas.
Lynn, die neben mir steht, zuckt zusammen und hält ihren Teddy fest an sich gedrückt. Ich hebe sie auf meine Arme und gehe in mein Zimmer.
„Mama und Papa haben wieder Streit...“, sage ich leise und seufze.
Die beiden streiten sich oft. Anfangs weinte Lynn immer... doch mittlerweile sitzt sie dann nur noch mit traurigen Augen da. Vielleicht hat sie sich daran gewöhnt. Ich wünschte, das wäre nie nötig gewesen...
Ich verstehe auch nicht, wieso die beiden das tun... So oft wie sie unzufrieden miteinander sind, wieso trennen sie sich dann nicht endlich voneinander? Wahrscheinlich wäre uns allen damit geholfen...
Diesmal ist es verhältnismäßig schnell wieder still, nach dem lauten Knallen der Wohnungstür.
„Komm, spiel noch ein bisschen... ich muss gleich gehen...“
Ich gebe Lynn einen sanften Kuss auf die Stirn und bringe sie in ihr Zimmer.
Danach will ich gerade frische Sachen zum Duschen zusammen suchen, als ich mir meine Armbanduhr vom Nachtschränkchen schnappe und einen kurzen Blick hinaufwerfe...
Was? Schon zwanzig nach drei?
Sofort lasse ich meine Sachen wieder fallen.
„Scheiße!“, fluche ich, schlüpfe aus meinem Hemd um ein neues überzuziehen.

So schnell es geht renne ich die Treppen hinunter, suche währenddessen in meiner Hosentasche nach dem Zettel mit Sakuyas Adresse.
Ich haste durch die Straßen, springe in die nächste U-Bahn... und bleibe am Ende verdutzt vor einem großen Haus stehen. Wow! Okay, ich wusste schon als ich die Adresse las, dass er in einem Viertel mit Einfamilienhäusern wohnt, aber das... Wahnsinn!!
Beeindruckt gehe ich zur Tür und klingle. Bin ja mal gespannt, wie es drinnen aussieht...
Doch als die Tür mit einem Schwung aufgerissen wird, stockt mir von etwas anderem der Atem. Es ist Sakuya, der vor mir steht... und das Einzige was er trägt, ist eine Jogginghose...
Ich zwinge mich, ihm in die Augen zu blicken.
Als ich meine Stimme wieder gefunden habe, grinse ich ihn an. „Na, das nenn ich einen Empfang!“


Part 3c - Sakuya (by littleblaze)

„Du bist bestimmt ganz schön fertig, ich meine wegen Kevin?“
„Ja... Es wird komisch sein, ihn nach so langer Zeit wieder zu sehen, aber ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr ich mich darauf freue.“
„Mach dir keinen Kopf Sakuya. Er wird es verstehen.“
„Das hoffe ich.“

Kyo hatte ich von dem Vorfall auf dem Baseballfeld natürlich nichts erzählt und auch über die Nachhilfestunden, wusste er noch nichts. Wie sollte ich ihm auch beibringen, dass ich dem Typ, der sich damals seine Freundin gekrallt hat, Nachhilfe gebe?
Abgesehen davon versuchte ich in den letzten Tagen mehr oder weniger erfolgreich das Thema Takahama schlichtweg aus meinen Kopf zu verbannen, nicht einmal mehr die kleine Wunde erinnert an das Geschehene, da diese bereits weitgehend verheilt war. Doch trotz meiner größten Bemühung, erschien sein Bild spätestens mit dem Schließen meiner Augen. Stundenlang lag ich wach und versuchte nicht daran zu denken.
Machte ich mir viel zu viele Gedanken? Vielleicht war er ja so ein Mensch, der sich gar nichts dabei dachte, wenn er jemanden berührte, umarmte oder an einen verletzten Finger saugte. Entweder dies oder Überlegung 2 oder 3 traten in Kraft. 2 beinhaltete, dass er immer noch versuchte mich zu reizen und mir die Sache mit Sanae heimzuzahlen, und Punkt 3 krallte sich an der Vermutung fest, dass Kida wohlmöglich schwul wäre, was meiner Meinung nach unmöglich ist, dann eher bi. Immerhin waren eine Menge Leute vor gut einem Jahr Zeugen geworden, dass er Frauen liebte, und die Beziehung zu Sanae dürfte in meiner Überlegung natürlich auch nicht fehlen. Punkt um, ich war wieder am Anfang und hatte null Ahnung.

„Wann fliegst du eigentlich?“
„Nächste Woche oder so, am Montag kriegt mein Dad von der Firma bescheid.“
„Sollen wir am Samstag ins Tokyo Dome, die Giants spielen gegen die Swallows?“
„Sorry, ich glaube das klappt nicht, am Samstag kommt meine Tante aus Kobe zu Besuch.“
„Ich denke du kannst die nicht leiden?“
„Genau, oder besser gesagt, sie kann mich nicht leiden. Ich spiegle nur ihre Warmherzigkeit wieder und Mom verlangt trotzdem, dass ich da bin. Glaub mir, ich würde alles geben, um dem zu entgehen.“
„Ist doch bestimmt witzig eine Frau zu hassen, die genau wie die Mutter aussieht.“
„Witzig würde ich nicht gerade sagen.“
„Ich könnte zu dir kommen, wenn du magst?“
„Klar, wir könnten die neuen Games ausprobieren.“
„Ich komm dann, wenn wir den Laden geschlossen haben.“
„Bring noch was zu knabbern mit und diese komischen runden Dinger, die ich so gerne mag.“

Besagte Tante ist die Zwillingsschwester meiner Mom. Sie mochte mich von Anfang an nicht, was ich allerdings eher in Verbindung damit bringe, dass ich meines Vaters Sohn bin. Sie hasst meinen Vater. Warum habe ich niemals gefragt, doch Theorie 1 besagte, dass sie es nicht ertragen konnte, dass er ihre Schwester wählte und nicht sie, und Theorie 2, dass er meine Mom mit in die USA genommen und ihr somit die geliebte Schwester entrissen hatte.

„Was will der denn?“, werde ich meiner Gedankenwelt entrissen.
Ich habe zwar die ganze Zeit nach vorne geschaut, doch realisieren tue ich ihn erst jetzt.
„Was weiß ich...“ Ich zucke kurz mit den Schultern.
Takahama steht neben der Tür des Mathekurses, in den Kyo und ich gehen.
Ich will einfach nur schnell an ihm vorbei, doch seine Anrede reißt mich aus der Hoffnung, nichts mit seinem Hiersein zu tun zu haben. Ich stocke kurz, gehe dann aber trotzdem weiter, doch bevor ich den rettenden Klassenraum erreicht habe, zieht er mich beiseite. Die Berührung löst Panik aus und ich schlage seine Hand weg. Nicht nur mir kommt es so vor, als wäre die Zeit für einen Moment stehen geblieben, auch um uns herum ist es still geworden, Blicke ruhen auf uns.
„Wegen der Nachhilfe...“
Die Nachhilfe! Ich hatte sie glatt vergessen.
„..ich denke, wir sollten mal langsam damit anfangen.“
Am liebsten hätte ich ihm gesagt, dass er sich die Nachhilfe sonst wo hin stecken kann, aber unter den Blicken der Anderen versuche ich mich zusammen zureißen und überlege fieberhaft, wann und wo ich das hinter mich bringen möchte.
Ein kleiner Schubs von hinten. Kyo wechselt mit mir einen fragenden Blick. Als ich ihm nicht sofort antworte, geht er ihn den Klassenraum. Na toll, sonst noch was?
„Heute, 3 Uhr, bei mir.“
Ich folge Kyo ins Klassenzimmer.
„Hey, und wo wohnst du?“
„Du bist doch so ein cleveres Kerlchen, also find es selbst heraus“, hallt es durch den Flur.
Während der gesamten Stunde versuche ich zu erklären, warum ich das mit der Nachhilfe vor ihm geheim halten wollte. Er ist nicht sauer, versteht sogar meine Beweggründe, trotzdem erkenne ich die Enttäuschung in seinem Gesicht. Kyo ist mein bester Freund, seit ich in Japan bin und niemals gab es etwas, das ich dachte vor ihm geheim halten zu müssen, doch jetzt habe ich das Gefühl, dass es einige Dinge gibt, die ich ihm nicht sagen kann...

~ * ~

Ungewöhnlich schnell vergehen die Stunden an diesem Freitagvormittag. Zu Hause angekommen, gehe ich noch schnell unter die Dusche und etwas essen wäre auch nicht schlecht bevor Takahama hier auftaucht.
Meine Haare färben sich dunkel, als sie mit dem Wasser in Berührung kommen. Ob mir schwarzen Haare eigentlich stehen würden?
Ich schließe meine Augen, lasse das heiße Nass einfach an mir hinablaufen, entspanne mich für ein paar Sekunden... noch einmal Kraft tanken, bevor Takahama hier auftaucht. Hoffentlich ist er nicht total blöde, damit ich diesen Nachhilfescheiß relativ schnell hinter mich bringen kann. Worauf hatte ich mich da bloß wieder eingelassen?
Ich schlüpfe in Boxershorts und Jogginghose, den Weg zur Küche, rutsche ich auf dem Treppengeländer hinunter, meine Mom würde mich köpfen, wenn sie davon wüsste.
Durch Schule und Baseball komme ich normalerweise erst so gegen 18.00 Uhr nach Hause, ebenso wie meine Mom von der Arbeit. In den Ferien allerdings, wo die Kurse nur wenig Zeit einnehmen und die Sportclubs ausfallen, bin ich im Punkto Essen auf mich allein gestellt, also schaue ich mich in der Küche um, auf der Suche nach etwas Essbarem. Eier, Speck und Toast, schnell und einfach.
Gerade die Pfanne mit dem Speck auf die Herdplatte gestellt, klingelt es an der Haustür. Wer kann das denn jetzt schon wieder sein? Es würde mich nicht wundern, wenn der Speckgeruch bis zu Kyo vorgedrungen ist und er lechzend vor der Tür stünde. Der Gedanke daran bringt mich zum lächeln.
Mit einem kurzen Sprint erreiche ich die Tür und reiße sie auf.
Takahama!
Er scheint aus der Puste zu sein...
Und dann sein Blick, wie er mich von unten bis oben regelrecht mustert, und wie vor den Kopf gestoßen fällt mir auf, dass ich noch gar nicht richtig angezogen bin.
„Na, das nenn ich einen Empfang!“, grinst er mir entgegen.
Von einer Sekunde auf die andere, erhitzt sich mein Gesicht, ich spüre es genau und mir fällt tatsächlich nichts Besseres ein, als ihm die Tür vor der Nase zu zuschlagen.
Es klingelt erneut.
„Hey, nun mach schon auf“, höre ich ihn durch die Tür rufen. „Es... es war nur ein Scherz...“
Ein wenig sauer auf mich selbst, da ich mich wie ein kleines Kind zu benehmen scheine, steigt mir ein bekannter Geruch in die Nase. Mist!
Ich reiße die Haustür ein weiteres Mal auf, was dazu führt, dass der davor Stehende beinahe auf die Fresse knallt, schreie ihm zu, dass er die Tür gefälligst hinter sich schließen soll und renne in die Küche.
Vor dem Herd steige ich auf die Bremse und ziehe gleichzeitig die Pfanne von der Platte, gerade noch rechtzeitig.
„Äh, darf ich reinkommen?“
„Bleibt mir was anders über?“, antworte ich.
„Natürlich.“
Du solltest mir nicht noch andere Optionen eröffnen, sonst bist du schneller wieder draußen als dir lieb ist, denke ich, deute ihm aber gleichzeitig sich an den Küchentisch zu setzen.
„Ich wusste gar nicht, dass du kochen kannst“, folgt sein Kommentar, während ich das Rühreigemisch in die Pfanne lasse.
„Es gibt so einiges was du nicht über mich weißt.“
„Das könnte man ändern.“
Ich verkneife mir meinen Kommentar darauf und versuche mich auf meine Tätigkeit zu konzentrieren, was mir mit dem durchbohrenden Blick in meinem Rücken nicht gerade leicht fällt.
Speck, Rührei und Toast sind fertig, und ich entschließe mich dazu, ihm etwas anzubieten, da er sich während ich esse auf etwas anderes als auf mich konzentrieren soll.
„Das soll schmecken?“, schaut er ein wenig angewidert.
„Dann lass es halt“, antworte ich ein wenig beleidigt.
„Ok, gib mir was, ich möchte es gerne probieren“, kommt es in ernstem Ton, ohne dieses blöde Grinsen im Gesicht.
Ich teile mein Essen auf zwei Teller auf und hole für ihn ein paar Stäbchen aus dem Schrank.
Es ist schon eine komische Situation, wie wir hier sitzen und gemeinsam essen, auf unsere Teller schauen und keiner ein Wort sagt.

~ * ~

„Das war wirklich gut“, lobt er, als ich die leeren Teller in die Spülmaschine räume, mein Blick dabei auf die Küchenuhr fällt.
„Sag mal, warum tauchst du eigentlich schon so früh hier auf“, frage ich ihn.
„Was heißt hier früh?“ Er schaut auf seine Uhr, „Bei mir ist es... ääähhh, zwanzig nach drei... genau wie vorhin.“
Ich gehe ein Stück zur Seite und gebe den Blick auf die Küchenuhr frei.
„Uppss“, gibt er kleinlaut zu verstehen.
Ich setze mich wieder an den Tisch, und für einige Momente treffen sich unsere Blicke. Schnell wird mir dieser Blickkontakt peinlich, auch wenn ich nicht verstehe wieso, ich schaue als erster weg.
„Es war eine Lüge.“
„Was?“, frage ich irritiert.
„Das mit der Uhr. Ich hielt es einfach nicht mehr aus.“
„Bitte?“
Blitzschnell greift er nach meiner Hand, will etwas sagen, doch er kommt nicht dazu, da ich ihm mit einem Schwall Kakao, der sich über seinen Kopf und Oberkörper ergießt, zum Schweigen bringe.
„Verschwinde!“
Ich stehe vom Tisch auf.
„Hey! Hey, hey hey, das war nur ein blöder Scherz. Wirklich, ich schwörs. Meine Uhr ist wirklich stehen geblieben.“
„Ich sagte, du sollst verschwinden“, bleibe ich standhaft.
„Komm schon, so kann ich nicht raus“, er deutet auf sein kakaobeschmiertes Äußeres. „Und außerdem brauche ich dich... Äh, ich meine, ich muss diese Prüfung schaffen und ohne deine Hilfe klappt das nicht. Bitte!“
Er verbeugt sich vor mir, der Kakao tropft immer noch auf den Boden. Einige Sekunden ist es einfach nur still im Raum.
„Keine blöden Sprüche mehr?“
„Keine blöden Sprüche.“

Wir gehen hoch und ich führe ihn in mein Badezimmer damit er sich die Haare auswaschen kann.
„Ich hol dir ein Shirt.“
„Danke.“
Ich krame meinen Schrank durch und entscheide mich schließlich für ein schwarzes, schwarz passt doch zu jedem, oder? Ich selbst entscheide mich für ein graues.
Als ich zurück ins Bad komme, steht er mit nacktem Oberkörper vor mir. Der Anblick selbst, sollte mich eigentlich nicht weiter irritieren, da es keine Seltenheit ist andere Jungs nackt zu sehen aber hier, in meinem Bad ist es irgendwie komisch.
„Ist was?“
Ich schüttle nur mit dem Kopf, werfe ihm das Shirt zu und verlasse den Raum. Ich setze mich an meinen Schreibtisch und suche die Englischprüfung, die ich natürlich fehlerfrei bestanden habe, heraus. Natürlich werden es in den Nachprüfungen andere Fragen sein, aber ich denke, dass der Aufbau der Aufgabenanforderungen der Selbe sein wird.
„Wo soll das Handtuch hin?“
„Scheiße, musst du so rumschleichen?“ Dem Herzinfarkt nahe drehe ich mich zu ihm um. Seine Haare hängen ihm feucht ins Gesicht und mein Shirt auf seinem Körper sieht plötzlich gar nicht mehr aus wie mein Shirt.
„Ich bin ganz normal gelaufen... Also?“
„Also was?“
„Das Handtuch?“
„Leg es einfach auf den Wannenrand.“
Er stiefelt zurück ins Bad und plötzlich kommt diese Frage wieder in mir hoch, die ich doch so lange versucht habe zu verdrängen.
„Takahama?“
„Ja?“, erklingt es aus dem Bad.
„Kann ich dich mal was fragen?“
Er erscheint an der Tür.
„Natürlich. Doch als erstes hätte ich da eine kleine Bedingung.“
„Bedingung?“
„Nenn mich Kida, nicht Takahama.“
„Kida?“
„Ja, so heiße ich.“
„Das weiß ich auch“, lüge ich. Ich hatte seinen Vornamen zwar schon mal gehört, aber hätte mich jemand danach gefragt, hätte ich ihn nicht nennen können.
„Ok, dann frag.“
„Es geht um die Sache im... Club.“
Er dreht sich weg und geht auf die andere Seite des Zimmers zu, setzt sich auf den dort stehenden Sessel und schaut mich an.
„Du meinst die Sache mit Sanae?“
„Ja... nein, eigentlich nicht direkt.“
Gott, warum fällt mir die Frage auf einmal so schwer? Wie oft hatte ich mir vorgestellt sie aus zu sprechen, im Zorn schreiend, auf einen Zettel stehend, über Sanae gestellt... mir waren bestimmt ein Dutzend Wege eingefallen aber nicht die absurde Möglichkeit, mit ihm in meinem Zimmer zu sitzen und sie in einer ganz normalen Tonlage zu stellen.
„Du willst wissen, warum ich das was ich gesagt habe, gesagt habe?“, nimmt er mir dies plötzlich ab.
„Äh... ja.“
Ein Schulterzucken.
„Ehrlich gesagt, ich weiß es selber nicht.“
„Was heißt, du weißt es nicht?“
„Ich weiß es einfach nicht. Ich sah dich mit Sanae und keine Ahnung wieso, aber ich war plötzlich total sauer, am liebsten hätte ich dich mitten auf der Tanzfläche verprügelt... aber dann... null Ahnung...“
Also war es doch nur eine plumpe Provokation gewesen.
„Das, das mit Sanae. Ich kann dir nur noch mal versichern, dass da wirklich nichts ist. Ich habe nie geplant sie dir auszuspannen oder so.“
„Da mach dir mal keine Sorgen... Sanae ist alt genug, sie fällt nicht direkt auf jeden Anmachversuch rein.“
Ich lächle leicht und als er es erwidert, hege ich für einen Moment das Gefühl, dass man mit ihm vielleicht doch befreundet sein kann.

~ * ~

Die nächsten drei Stunden vergehen relativ schnell. Seine gute Auffassungsgabe erstaunt mich und lässt mich einige Male irritiert aufschauen, da er es zuvor nicht begriffen haben soll. Nach einer weiteren Aufgabe entscheide ich mich für heute Schluss zu machen. Meiner Meinung nach, hätte er keine Probleme die Prüfung so gerade noch zu bestehen.
Kida steht auf, streckt sich und ich fange an die Arbeitsblätter zusammen zuräumen.
„Machen wir morgen weiter?“
„Sorry, aber morgen habe ich keine Zeit.“
„Sonntag?“
„Nein, ich habe anderes zu tun am Wochenende.“
„Was denn zum Beispiel? Mit deinem Schläger auf einen kleinen Ball eindreschen?“
„Ja, vielleicht.“
„Ich weiß gar nicht, was man daran finden kann.“
Ich vernehme das Geräusch eines aufgefangenen Balls. Ich drehe mich zu ihm um und kann nicht wirklich glauben, was ich da sehe.
„Leg ihn wieder hin.“
„Hä?“ Der Ball wird noch einmal in die Luft geworfen, den Schriftzug kann ich genau erkennen.
„Ich sagte, leg ihn wieder hin.“ Meine Stimme klingt gereizt.
„Den Ball?“
Mein Blick spricht Bände.
„Ok, ok, nicht aufregen. Ich leg ihn ja schon weg.“
Erneut wende ich mich meinem Schreibtisch zu.
„Obwohl... mich würde schon mal interessieren, wie weit ich ihn werfen könnte.“
Sofort schnellt mein Blick zum Regal, der Ball ist immer noch nicht wieder an seinen Platz.
„Was denkst du?“ Sein Blick geht in Richtung geöffnetes Fenster.
„Das wagst du nicht.“ Und kaum den Satz beendet, muss ich mit ansehen wie sich seine Muskeln spannen, sein Arm zum Wurf anlegt. Die paar Schritte die uns trennen habe ich schnell hinter mich gebracht, doch zu spät... der Ball ist mir ein kleines Stück voraus, fliegt durch das geöffnete Fenster. Takahama, den ich beiseite geschubst habe, fällt aufs Bett, zieht mich mit sich hinunter, keine Chance mehr den Ball zu erreichen.
Ich lande nicht gerade weich, will mich sofort losreißen, am liebsten auf ihn einprügeln. Wie kann er es wagen einen von Curtis Montague Schilling handsignierten Ball einfach so aus dem Fenster zu werfen...
„Lass mich los, verdammte Scheiße“, schreie ich ihn an.
„Komm schon, beruhig dich...“
„Lass mich...“
Es gelingt mir, mich zu befreien, doch gerade auf den Beinen werde ich wieder auf das Bett hinunter gedrückt.
„Ich sagte, du sollst dich beruhigen“, schreit er mich an. „Es war ein anderer Ball den ich aus dem Fenster geworfen habe... es sollte nur ein Scherz sein, nur ein Scherz.“
Sein Gesicht ist mir so nahe, dass ich am liebsten hineinspucken würde.
„Krieg dich wieder ein, der Ball liegt unterm Bett und das gerade war ein stinknormaler... OK?“
Ich will ihn von mir wegstoßen, doch schaffe ich es nicht, sein Gewicht drückt mich weiterhin zurück. Ich gebe viel zu schnell auf, das ist mir selber bewusst, aber ich will einfach nur hier raus und ihn hochkantig aus dem Haus werfen, und wenn ich gegen ihn ankämpfe wird sich das wohl nur hinziehen. Doch irgendwie geht mir alles zu langsam, warum gibt er mich nicht endlich frei?
Als ich ihn direkt anschaue, kann ich seinen Blick nicht wirklich definieren und sein Gesicht scheint um ein großes Stück näher an dem meinen zu sein...
„Tut es noch weh?“
Er hebt meine Hand in unser Blickfeld, deutet auf die kleine Stelle, an der ich mich vor ein paar Tagen verletzt habe.
Nein, es tut nicht mehr weh.
Ich sehe ihn wieder an, mein Blick fällt auf seine Lippe.
Schmerzt es?
Die kleine, verkrustete Stelle auf deiner Lippe, tut sie noch weh? Ehrlich gesagt, ist es mir egal. Dieser unschöne blau-grüne Fleck, der deinen Mundwinkel ziert, ist er dir peinlich? Fragt sie dich, wo du ihn her hast. Was hast du ihr gesagt?
„SAKUYA! Schatz, bist du zu Hause?“
Mit einer schnellen Bewegung lässt er von mir ab, geht einige Schritte beiseite. Zum zweiten Mal höre ich die Stimme meine Mom nach mir rufen, dann betritt sie auch schon mein Zimmer. Sie schaut erst mich, dann ihn an.
„Oh, du hast Besuch.“
Sie geht auf Takahama zu und verbeugt sich leicht vor ihm, er tut es ihr gleich.
„Sakuya, was ist mit dir? Du bist ja total blass, du wirst mir doch nicht schon wieder krank?“, redet sie weiter auf mich ein.
„Nein... mir, mir geht es gut“, stammle ich ihr entgegen. „Ich glaube, Ki... Takahama wollte gerade gehen, nicht wahr?“ Ich schaue ihn an, sein Blick wandert von mir zu meiner Mom.
„Ja, so ist es. Hat mich gefreut sie kennen zu lernen, Mrs. Ryan.“
Er verbeugt sich ein weiteres Mal und verlässt das Zimmer, das Haus.
„Wie sieht es denn hier schon wieder aus“, kritisiert meine Mom und ist schon dabei einige Dinge, die nicht an ihrem richtigen Platz stehen, zu ordnen.
„Mom, lässt du mich bitte alleine.“
„Geht es dir...“
„Mom, bitte“, unterbreche ich sie.
„Ok, sag einfach, wenn du etwas brauchst.“
Besorgt verlässt meine Mom den Raum, ich schließe die Tür hinter ihr und bleibe wie angewurzelt im Raum stehen. Was ist hier gerade passiert?

Ende Part 3

PS:
Lexikoneinträge und Bilder zu folgenden Begriffen sind auf der HP (http://www.watashi-no-sekai.de) zu finden:
      - Boston
      - Curtis Montague Schilling
      - Fenway Park
      - Hot Dog
      - Santa Claus
      - Red Sox
      - Tokyo Dome
      - Yomiuri Giants und Yakult Swallows
«
»
Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
> Nutzungsbedingungen <   > Datenschutz <   > Impressum <          v3.9-7097