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Geschichte: Freie Arbeiten
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von Stiffy
erstellt: 30.10.2005
letztes Update: 11.07.2009
Geschichte, Romanze / P18 Slash
(abgebrochen)
Part 2a - Kida (by Stiffy)
„Erde an Kida... bist du noch unter uns?... KIDA???“
„Was?“, reagiere ich genervt.
„Was ist denn los mit dir?“
„Nichts...“
„Kida, mir kannst du nichts verheimlichen! Ist es wegen Sakuya? Bist du böse?“
Ich seufze, streiche mir durch die Haare. Warum muss sie auch immer sofort merken, wenn etwas mit mir nicht stimmt?
„War es denn schön mit ihm zu tanzen?“, frage ich und merke sofort wie bescheuert das klingt.
„Ja, war es... Wäre es dir lieber gewesen, ich hätte nicht mit ihm getanzt?“
Ich zucke leicht die Schultern. „Vielleicht...“
Sanae läuft ein Stück vor, dreht sich dabei zu mir um.
„Das kann’s doch nicht sein... Nun sag schon, was passiert ist, so kenne ich dich ja gar nicht!“
„Ich mich leider auch nicht...“ Ich seufze und bleibe stehen, sehe in Sanaes Augen, als sie vor mir ebenfalls zum Halten kommt. „Ich bin irgendwie völlig...“
„...neben der Spur“, beendet sie meinen Satz. „Das merk ich schon... und es scheint, als wollest du nicht darüber reden...“
Ich schüttle den Kopf.
Sie lächelt mich liebevoll an und wirbelt herum, zieht mich an der Hand mit sich. „Du wirst es mir schon noch erzählen, da bin ich mir sicher...“
Ich bin es gar nicht gewohnt, dass sie so schnell aufgibt...
Kurz darauf sind wir bei ihr zuhause. Leicht drücke ich sie an mich.
„Bis morgen...“ Damit begebe auch ich mich mit langsamen Schritten nach Hause.
Ich sehe alles noch deutlich vor mir. Ich hatte Sakuya und Sanae, engumschlungen auf der Tanzfläche gesehen. Als sie sich dann von ihm löste und er ihr auch noch einen Kuss auf die Stirn drückte, drohte in mir die Wut überzukochen, es störte mich irgendwie, selbst wenn ich immer noch nicht weiß, wieso. Wutentbrannt ging ich auf ihn zu.
Sein Blick war erschrocken und ich wollte ihn anschreien, auch wenn ich jetzt keine Ahnung mehr habe, was ich ihm hätte sagen wollen... doch plötzlich... es ist schwer zu erklären, was genau dann passiert ist... schlicht gesagt, schien es einen Moment so, als hätte ich einfach meine Sprache verloren. Ich schluckte, fühlte einen Kloß im Hals und war einfach unfähig zu allem. Kein Wort der Wut kam über meine Lippen, schlimmer noch, alle Empörung war plötzlich wie weggeblasen, und ich weiß beim besten Willen nicht warum...
Ich konnte ihm nur noch in diese schönen Augen sehen.
Ich betrete unsere Wohnung und die Dunkelheit empfängt mich. In meinem Zimmer schalte ich die Nachttischlampe an. Kurz lässt mich die Helligkeit blinzeln. Ich ziehe mich aus und bleibe einen Moment still im Raum stehen. Als ich meinen Blick schweifen lasse, bleibe ich an meinem Spiegelbild in der Fensterscheibe hängen... und doch sehe ich weniger mich selbst, als dass in meinem Kopf immer noch diese Gedanken herumschwirren, die ich nicht einmal wiedergeben könnte, Gedanken an eine ganz gewisse Person. Verwirrt stelle ich fest, dass mir deutlich heißer wird und so drehe ich mich schnell weg, schmeiße mich in mein Bett und schalte das Licht aus.
Doch auch hier finde ich beim besten Willen keine Ruhe, schaffe ich es nicht, an etwas anderes zu denken. Grüne Augen halten mich wach.
Noch nie hatte ich so etwas erlebt, dass es einem einfach so die Sprache verschlägt, wenn man einer anderen Person in die Augen schaut. Warum muss mir denn so etwas ausgerechnet bei einem Jungen passieren?
Ehe ich mich versah, hatte ich ein paar blonde Haarsträhnen zwischen den Fingern. Noch nie waren einfache, blöde Haare so interessant... Ich muss echt verrückt gewesen sein! Sakuyas erschrockener Blick schien mich durchbohren zu wollen, denn natürlich verstand auch er nicht, was ich tat. Er versuchte wohl sich von mir zu entfernen, als er einen Schritt nach hinten tat, doch im nächsten Moment war er mir noch näher. Und spätestens da mussten mich endgültig alle guten Geister verlassen haben...
Auch jetzt kann ich einfach immer noch nicht verstehen, warum ich das zu einem JUNGEN gesagt habe!
Ich drehe mich auf den Rücken, starre vor mich hin in die Dunkelheit.
Verdammt, Schluss damit! Das war nur ein Versehen, alles verdammtes Hormonchaos! Lass mich schlafen!
Part 2b - Sakuya (by littleblaze)
Selbst Stunden nach dem Clubbesuch konnte ich mir seine Worte immer noch nicht erklären. Sollte es vielleicht nur eine plumpe Provokation sein? Was zum Teufel brachte jemanden dazu, dem Typen, den man gerade mit seiner Freundin erwischt hatte, so etwas zu sagen? Oder hatte ich ihn vielleicht nur falsch verstanden, war der ganze Lärm um uns herum vielleicht doch ein wenig zu viel gewesen und er hatte etwas ganz anderes gesagt?
Die halbe Nacht konnte ich nicht schlafen, weil es mir einfach keine Ruhe ließ, und als ich am darauf folgenden Tag erwachte, hatte ich 39,5 ° C Fieber.
Ich hatte mich am Abend zuvor schon nicht so Topfit gefühlt, aber dass es so ausarten würde, hätte ich nicht gedacht.
Meine Mutter meinte, dass ich mich wohl in der Nacht verkühlt hätte, da wir jungen Kerle ja nichts Besseres zu tun hätten, als halb nackt rum zu rennen.
Wie dem auch sei, hatte ich mir eines der wohl langweiligsten Wochenenden überhaupt eingefangen. Baseball war gestrichen, Schwimmen ebenfalls, das Einzige was mir erlaubt wurde, waren Fernsehen und Playstation.
Darüber hinaus folgten die üblichen Prozeduren. Meine Mutter ging mir unheimlich auf die Nerven, indem sie mich wie ein Kleinkind behandelte, kam tausendmal in mein Zimmer, überzog andauernd mein Bett neu, da die Bettwäsche ja durchgeschwitzt wäre, fragte immer wieder, ob wir etwas zusammen machen wollten und stopfte mich mit irgendwelchen Mittelchen auf Kräuterbasis voll.
Um es einfach auszudrücken, der Horror eines jeden Jugendlichen.
~ * ~
Sonntagabend, 22.47 Uhr.
Ich grübele abermals, versuche alles einmal ganz neutral zu betrachten und komme immer wieder zu dem Schluss, dass Takahama mich nur ärgern wollte, da ich seine Freundin angemacht hatte. Dass ich mir seine Worte nur eingebildet habe, glaube ich nicht.
Ich gehe ins Bad und wasche mir mein Gesicht... na toll, ein Pickel. Ich tupfe etwas Zahncreme drauf, da man immer wieder hört, dass diese Prozedur helfen soll.
„Weißt du eigentlich wie schön du bist?“
„Scheiße, jetzt ist aber genug. Hör endlich auf darüber nachzudenken!“, schreie ich mein Spiegelbild an.
Hätte er mich nicht einfach ein dreckiges Arschloch nennen, mir ne Szene machen oder mich schlagen können, dann müsste ich jetzt nicht andauernd daran denken.
„Ist alles in Ordnung, Sakuya?“ höre ich die Stimme meiner Mom besorgt durch die Badezimmertür dringen.
„Ähh, ja Mom. Alles Ok.“
Ich gehe zurück in mein Zimmer, lasse mich aufs Bett fallen. Gelangweilt werfe ich einen Ball immer wieder der Zimmerdecke entgegen. Das Fieber ist weg und mir geht es wieder gut, natürlich pünktlich um morgen wieder zur Schule zu gehen, ich hasse Sommerkurse.
~ * ~
„Steh auf, Sakuya.“
„Was?“
„Ich höre, du bist wieder fit... also hopp hopp, raus aus den Federn.“
„Verpiss dich, Kyo. Geh jemand anderen auf die Nerven.“
„Ok, ich versuche es dann mal bei deiner Mom.“
„Schmarotzer.“
Da Kyo und ich nur einen Kurs zusammen besuchen, trennen sich unsere Wege nach der zweiten Stunde. Ich bin spät dran, der Sozialkundekurs fängt gerade an, als ich durch die Klassentür trete. Ich entschuldige mich für mein zu spätes Kommen und überschaue den Raum auf der Suche nach einem freien Platz. Der Kurs ist gut besucht, was auch kein Wunder ist, Sozialkunde ist stufenflächend gehasst. Zu meiner Missgunst muss ich feststellen, dass nur noch zwei Plätze frei sind, und diese sind genau vor und neben... Takahama.
Das kann doch echt nur ein böser Traum sein... ein schlechter Scherz? In den ganzen zwei Jahren sind wir uns vielleicht ein Dutzend Mal über den Weg gelaufen, wenigstens kam es mir so vor, und jetzt zwei Mal in ein paar Tagen. Hatten wir zuvor eigentlich irgendwelche Fächer zusammen?
Noch unbemerkt, wähle ich den Platz vor ihm aus. Mit gleichgültigem Blick, der schnell in Verwunderung umzuspringen scheint, sieht er zu mir auf. Ich lasse meinen Rucksack zu Boden gleiten, weiche seinem Blick galant aus, setze mich hin und gebe ihm somit die Sicht auf meinen Hinterkopf preis. Doch das schnell aufkommende, unangenehme Gefühl, zu wissen, dass man beobachtet wird, lässt mich sofort daran zweifeln, dass meine Sitzwahl wirklich so vorteilhaft gewesen ist.
Ich versuche mich abzulenken indem ich ein bisschen auf meinem Heft herumkritzle. Als das nicht funktioniert, versuche ich zum ersten Mal ernsthaft zu begreifen, was der Lehrer uns zu vermitteln versucht... Mann, bin ich tief gesunken.
Ich rede mir ein, dass es nur Einbildung ist, dass er mich beobachtet, immerhin muss er doch nach vorne schauen, und trotzdem versuche ich jede größere Bewegung zu vermeiden.
Die Stunde zieht sich endlos hin, und als das ersehnte Klingeln endlich ertönt, lasse ich mich von meiner schon beinahe steifen Pose locker in den Stuhl fallen.
Ich warte bis Takahama an meinen Platz vorbei gegangen ist, bevor ich meinen Rucksack hoch hieve und mein Heft darin verschwinden lasse, und als ich denke, dass es heute eigentlich gar nicht mehr schlimmer kommen kann, ruft mich Toshiki-sensei zurück und bittet mich noch mal kurz in seinem Büro vorbei zu schauen.
~ * ~
Wie befohlen mache ich mich auf den Weg ins Lehrerzimmer, dass Kyo jetzt vor dem Schultor auf mich warten muss, passt mir gar nicht. Ich melde mich bei der Sekretärin an und lehne mich gegen die Wand. Was mag er wohl von mir wollen?
Ein kurzes Schwindelgefühl überkommt mich und erst jetzt registriere ich, dass meine Temperatur wohl wieder gestiegen ist. Von einer Sekunde auf die andere fühle ich mich schlecht, komisch wie eine plötzliche Erkenntnis das ganze System zusammenbrechen lässt. Ich schließe meine Augen für einen Moment, und das Schwindelgefühl löst sich in Luft auf.
Die Tür zum Büro öffnet sich, und... ER tritt heraus. Was auch sonst, was ist heute denn bloß los?
Die Sekretärin bittet mich hinein zu gehen, ich stoße mich von der Wand ab. Doch weit komme ich nicht...
Als ich meine Augen wieder öffne, finde ich mich gegen seinen Körper gelehnt wieder, er hält mich fest und schaut mich an. Mein erster Reflex schreit “Weg hier“ und genauso versuche ich auch zu reagieren, aber mein Körper scheint noch nicht bereit für diese Handlung zu sein. Toshiki und die Sekretärin schauen ebenfalls besorgt.
„Ryan, geht es ihnen nicht gut? Was ist los?“
Ich schließe noch einmal die Augen, immer noch von ihm gestützt. Weitere Fragen erklingen, doch ich versuche mich nur auf mich selbst zu konzentrieren und so schaffe ich es schon bald mein Gleichgewichtsgefühl wieder zu finden.
Ich drücke mich gegen den Körper, der mich bis jetzt gehalten hat.
„Es... es geht schon wieder.“
„Sind sie sicher? Sollen wir vielleicht doch besser die Schwester holen?“
Den letzten bestehenden Körperkontakt breche ich damit ab, dass ich meine Hand von seinen Arm nehme. Ist es das Fieber oder etwas anderes, was diese aufkommende Hitze in mir hervor ruft?
Vielleicht spielen mir meine Sinne einen Streich, doch fühlt es sich wie ein eisiger Luftzug an, als er sich wegdreht und in Richtung Tür davon geht. Ich schaffe es nicht, mich ebenfalls um zudrehen, was nichts mit meinem gesundheitlichen Zustand zu tun hat, aber ich schaffe es laut genug zu sprechen, so dass er mich versteht:
„Danke... Takahama.“
„Keine Ursache“, antwortet er knapp, und verschwindet.
Ich folge Toshiki in sein Büro, wo er mir einen Stuhl und ein Glas Wasser anbietet und sich nochmals nach meinem Befinden erkundigt. Ich versichere ihm, dass alles in Ordnung sei, und frage, warum er mich zu sich gebeteten hat.
Er erzählt mir von Takahamas Englischproblemen, und das ihm nur die Nachholprüfung nach den Ferien noch helfen könnte, da durch zu kommen. Er bräuchte dringend jemanden, der ihn auf die Prüfung vorbereitet und Toshiki bittet mich, ihm diese Hilfestellung zu geben.
Ich zögere kurz, sage dann aber zu.
Wenn nicht gerade dieser Vorfall gewesen wäre, hätte ich garantiert abgelehnt, doch jetzt habe ich das Gefühl, Takahama etwas schuldig zu sein und ich bin nicht gerne der Typ, der jemanden etwas schuldig bleibt.
Part 2c - Kida (by Stiffy)
Ich starre auf die vielen dämlichen Buchstaben, die zusammen Wörter oder gar ganze Sätze ergeben sollen, kann mich aber beim besten Willen auf keinen Einzigen davon konzentrieren, geschweige denn, das Geschriebene auch noch verstehen!
Ich bin todmüde... hatte ich doch das gesamte Wochenende über kaum geschlafen.
Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen und ich gähne einmal ausgiebig. Wenn nicht gleich irgendwas passiert, schlafe ich echt noch ein! Kann der dämliche Lehrer nicht wenigstens irgendwas Interessantes sagen?
Meine Gedanken schweifen zu Freitag ab...
Nachdem es meiner Schwester erst mit Mühe gelungen war, mich dazu zu bewegen, mich mit ihr zu beschäftigen, war ich ihr danach ziemlich dankbar. Bestimmt drei Stunden lang spielte ich mit ihr jeglichen Kram, den sie sich wünschte, und schaffte es dabei tatsächlich, von meinen Gedanken loszukommen.
Mittags war ich mit Sanae verabredet. Hier nun allerdings konnte ich dem vorherigen Tag nicht entkommen. Es war nicht wirklich, dass sie mich drängte, etwas zu sagen, aber nachdem es kaum übersehbar war, dass ich mich mit meinen Gedanken an einem vollkommen anderen Ort befand, war ich ihr wohl langsam eine Erklärung schuldig.
Vollkommen sprachlos starrte sie mich an, als ich ihr von dem Vorfall erzählte. Ich weiß nicht wirklich mit was für einer Reaktion ich gerechnet hatte. Vielleicht, dass sie mir sagte, ich solle das alles nicht so eng sehen...
„Das ist doch ein Scherz, oder?“, fragte sie und versuchte ein Grinsen.
„Ich wünschte, es wäre einer...“
Ich sah sie an, sah ihre Mimik sich verändern, von überrascht ganz langsam zu belustigt. Diese Reaktion passt zu ihr.
„Das heißt mein bester Freund hat mir verheimlicht, schwul zu sein... ja ja, welch Vertrauen...“
Ihr gespielt schmollendes Gesicht brachte mich zum Lachen, auch wenn mir nicht danach war. Schwul... Schon dieses Wort... Und das war sowieso vollkommener Unsinn.
Mit einem Satz landete ich vom Schreibtischstuhl genau über ihr auf dem Bett und drückte sie in die Kissen. Ich beugte mich so weit zu ihr herunter, dass sich unsere Nasenspitzen berührten.
„Ich kann dir ja beweisen, dass ich's nicht bin?“, grinste ich und Sanae lachte leise.
„Habt erbarmen mit einem armen Mädchen!“, rief sie, schlang dann aber im nächsten Moment ihre Arme um mich. „Ist schon gut... ich glaub dir ja.“
„Gut so...“ Ich drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Vielleicht um mir selbst etwas zu beweisen.
„Ich hab dir doch gesagt, dass ich dir glaube...“ Sie lachte. „Nun aber mal im Ernst... seit wann schmeichelst du einem Jungen?“
Ich konnte ihr keine Antwort darauf geben und fand auch das ganze Wochenende über keine.
~ * ~
Es klingelt zur Pause. Diese verbringe ich mit Sanae bis es schließlich auf den Weg zum nächsten Kurs geht. Sozialkunde... Wie ich es hasse!
Ich sitze als einer der Ersten im Raum, doch die Plätze füllen sich schnell. Hauptsächlich Jungen sind verdonnert, hier zu sein, was vielleicht auch der Grund dafür ist, dass der Platz neben mir frei bleibt. Heute stört es mich nicht wirklich.
Toshiki-sensei kommt pünktlich und noch bevor der Unterricht beginnt, sagt er mir, ich solle nachher in sein Büro kommen... Ich weiß schon, worum es geht... Wieder diese verdammte Englischprüfung...
Wir werden angewiesen unsere Bücher aufzuschlagen, und neben diesem nehme ich auch meinen Diskman aus der Tasche, stecke mir die Stöpsel in die Ohren. Während ich versuche mich auf die Musik zu konzentrieren, starre ich auf die aufgeschlagene Buchseite und frage mich, wie ich diese langweilige Stunde bloß überstehen soll. Plötzlich nehme ich eine Bewegung vor mir wahr.
Als ich aufschaue erkenne ich den Menschen, der mir die letzten Nächte den Schlaf geraubt hat. Er allerdings würdigt mich keines Blickes und lässt sich auf den freien Platz vor mir nieder. Er ist auch hier? Die letzten paar Male war es mir gar nicht aufgefallen...
Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück und blicke geradeaus. Das ganze Wochenende hindurch hatte mich sein Anblick verfolgt, hatte sich regelrecht in meinen Verstand gefressen, und auch jetzt ist er der Grund, warum ich dieser Sozialkundestunde wohl keinen müden Gedanken mehr widmen werde. Nicht einmal meine Musik nehme ich mehr wahr.
Aber warum? Was an ihm bringt mich dazu, plötzlich nur noch an ihn zu denken? Was genau ist es, das meine Gedanken fesselt?
Ob er sich noch daran erinnert, was am Donnerstag geschehen ist? Sicher tut er das, schließlich ist es ja nichts alltägliches, weder für ihn, noch für mich...
In mir kommt das Verlangen auf, mit ihm sprechen zu wollen... Vielleicht um zu merken, ob er irgendwie komisch mit mir umgehen würde, oder ganz normal... mich so wie fast alle Jungen behandeln würde... Und vielleicht auch um zu verstehen, was mit mir selbst los ist. Wenn ich einfach nur ein paar normale Worte mit ihm wechseln könnte, würde mir sicher klar, dass er mir genauso egal ist, wie alle anderen Jungen... Und dann ist die ganze Sache in ein paar Tagen schon wieder vergessen...
~ * ~
Nach der Stunde, in der ich eigentlich die meiste Zeit wirklich nur Sakuya beobachtet habe, mache ich mich auf dem Weg zum Lehrerzimmer.
Toshiki-sensei bittet mich sofort herein und es folgt ein langweiliges Gespräch zwischen Lehrer und Schüler, das, wie erwartet, mein Englischproblem zur Grundlage hat. Er bietet mir an, mir einen Nachhilfelehrer zu besorgen, damit es mir leichter fällt, den benötigten Stoff aufzuarbeiten. An sich ist es schon eine gute Idee, allerdings habe ich überhaupt keine Lust auf irgendeinen Typen, der mir was beibringen soll... Dennoch stimme ich den gut gemeinten Vorschlag zu.
Als ich aus dem Büro heraustrete, fällt mein Blick auf eine Person, die wartend an der Wand lehnt. Sakuya. Auch er wirkt nicht minder überrascht, mich hier zu sehen. Ich spüre mein Herz plötzlich ganz deutlich.
Sein Aufruf erfolgt sogleich und er stößt sich von der Wand ab. Eigentlich will ich schnell an ihm vorbei gehen, als ich sehe, wie unsicher seine Schritte sind... Und schon in der nächsten Sekunde geben seine Beine nach.
Ich halte ihn in den Armen noch ehe ich es wirklich realisiere. Sein Körper lehnt kraftlos an meinem und ich kann ihn nur erschrocken anstarren. Was ist gerade passiert?
Doch da bewegt er sich auch schon wieder. Er hebt den Kopf und sieht mich an. Sein Gesicht ist erschreckend blass.
„Ryan, geht es ihnen nicht gut? Was ist los?“
Toshiki-Sensei und die Sekretärin sind neben uns, stellen die Fragen, die ich nicht über die Lippen bekomme.
Du hast mir einen riesigen Schrecken eingejagt, Sakuya...
Seine Augen schließen sich wieder und dann versucht er sich richtig hin zu stellen.
„Es... es geht schon wieder.“, meint er, während seine Hand noch fest meinen Arm hält.
Ich versuche ihm in die Augen zu sehen, doch er wirkt noch immer irgendwie abwesend.... Und dann lässt er meinen Arm los, als Zeichen dafür, dass ich nun nicht mehr gebraucht werde...
Sofort setzte ich mich in Bewegung. Mir ist unglaublich heiß und ich will eigentlich einfach nur noch hier weg. Natürlich hält mich niemand auf, doch als ich die Tür erreicht habe, vernehme ich doch ein paar zögernde Worte.
„Danke... Takahama.“
„Keine Ursache“
Ich verlasse das Lehrerzimmer und lasse mich im Flur gegen die Wand fallen. Das Lächeln, das ich gerade aufhabe, muss echt dämlich wirken... Denn um ehrlich zu sein, habe ich mich noch nie so darüber gefreut, von jemandem beim Namen genannt zu werden...
Schnell mache ich mich auf den Weg nach Hause. Kurz nur habe ich überlegt, auf Sakuya zu warten, um ihn zu fragen, wie es ihm geht, doch eigentlich wäre das wohl eine ziemlich blöde Tat gewesen... Ich habe ja eigentlich überhaupt nichts mit ihm zu tun...
Zuhause angekommen, versuche ich mich auf die Aufgaben zu konzentrieren, die uns die Lehrer aufgegeben haben, doch es klappt nicht wirklich.
In mir reift die Frage, warum es so ein tolles Gefühl war, als er in meinen Armen lag...
~ * ~
Die nächste Sozialkundestunde ist schon am nächsten Tag... Sakuya sitzt bereits im Raum, als ich diesen betrete, und unterhält sich mit seinem Nachbarn. Leider sind diesmal nur noch ein paar Plätze in den hinteren Reihen frei.
Er hat mich nicht bemerkt, und vielleicht ist es gerade das, was mich nicht so einfach an ihm vorbeigehen lässt... Irgendwie will ich, dass er mich bemerkt.
„Hi...“, sage ich, und es wundert mich selbst, wie ruhig ich klinge.
Sakuya sieht auf und sein überraschter Blick trifft meinen. Ich grinse und hoffe, dass ich nicht rot werde... frage mich gleichzeitig, was ich hier eigentlich tue.
Und dann sage ich Worte, die ich schon bereue, als sie noch nicht ganz meinen Mund verlassen haben...
„Sag mir einfach bescheid... Ich fang dich gern wieder auf...“
Ein Rotschimmer legt sich über seine Wangen, als ich meinen Blick abwende und an ihm vorbei zu einem Platz in die vorletzten Reihe gehe.
Alles in mir kribbelt und es ist ein unglaublich komisches Gefühl... Doch noch viel stärker ist das Gefühl, mich nun selbst nicht mehr zu verstehen...
Part 2 - Ende
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