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von Organized Chaos    erstellt: 16.10.2005    letztes Update: 16.10.2005    Geschichte, Allgemein / P6    (fertiggestellt)
Hochbegabung im Auge der Schulpädagogik


 Vorab sage ich ganz klar: ich rede über etwas, von dem ich betroffen bin, das heißt auch, dass es eine sehr emotionale Angelegenheit ist, aber: Hochbegabung ist aufgrund der wenigen Betroffenen und der komplexen historischen Ereignisse, die ebenfalls mit sog. "Elite" zu tun hatten, sehr emotional und sollte nicht rein sachlich abgehandelt werden.


 Seit einigen Monaten zeichnet sich ein schon vor ungefähr sieben Jahren verfolgter Weg wieder ab: die Gesellschaft zeigt Interesse an der Förderung von Hochbegabten. Diese "Förderung" auch "Ausschöpfen von Leistungsressourcen" genannt, soll sich vor allen Dingen im Schulbereich wiederspiegeln. Hier nur ein kleiner, vielleicht manchmal sarkastischer, Kommentar meinerseits zu dieser Entwicklung und dem dazugehörigen neuen Informationsmaterial für Eltern, Lehrer und Erzieher.  

 Wo also anfangen? Das Thema ist lang, die Aufätze der Schulpsychologen und Doktoren noch länger. Da diese meist mit der simplen Frage "Was ist Hochbegabung" beginnen, möchte auch ich schon hier den ersten Kommentar einbringen.
 Immer wieder sieht man zwei Konzepte, das des Herrn Möller und das des Herrn Heller.  Beide basieren auf der Annahme, das tatsächliche Hochbegabung von Umwelt und Persönlichkeit beeinflusst wird, so weit, so gut. Die Artikel aber gehen noch weiter, die meisten behaupten schlichtweg, die Hochbegabung sei zu über 50 % von der Umwelt abhängig. Eltern freut euch, ihr könnt aus einem intelligenten Kind mit ein bisschen Glück einen Hochbegabten machen! Und nicht nur das: die Gauß-Kurve trifft auch noch zu! Wir gehen also von einer naturgesetzlichen Verteilung aus, obwohl die Umwelt den Löwenanteil an Einfluss haben soll - und entfremden uns ganz nebenbei vom mönks'schen Modell.  
 Als nächsten Punkt haben wir dann sehr häufig die Identifikation der betroffenen SchülerInnen. Im Gegensatz zu den Behauptungen der letzten Jahre ist der Hochbegabte nach heutigem Stand doch wieder an seinen sehr guten Noten zu identifizieren - leider geben sich in den selben Arbeiten aber auch die Nachweise der Unvereinbarkeit von hochintelligentem Denken und den schulischen Prinzipien die Klinke in die Hand. Drei Sätze später haben wir nämlich das Eingeständnis, dass viele Hochbegabte aus chronischer Unterforderung das Interesse verlieren und in die Mittelmäßigkeit abrutschen oder die Leistung komplett verweigern zu sogenannten Underachievern werden.
 Einige Absätze später müssen wir dann doch lesen, dass die Hochbegabten arme Würstchen sind, die ganz dringend Hilfe benötigen. Es werden also einige Vorschläge gemacht, was mit den besagten armen Würstchen getan werden kann, damit sie auch ja nicht auf die Idee kommen, von der Gesellschaft schlecht behandelt worden zu sein und schön brav handzahm bleiben. Ganz hervorragend seien hierfür Wettbewerbe - kein Wunder, ist ja auch sehr bequem, die Lehrer brauchen nichts dazutun, die Eltern können sich im Glanze des Erfolges sonnen, denn immerhin kann ihr Kind ja einen Preis gewinnen! Was natürlich auch alle hochbegabten gerne tun würden, wäre an sogenannten Schülerakademien oder Sommerkursen teilzunehmen - ist doch klar: zwischen von Lehrern und Eltern gepuschten Leidensgenossen zu sitzen und in den Ferien Schule zu machen begeistert uns alle, wobei die Themen ja auch so toll sind. Es ist ja nicht so, dass man nach 14, 15 Jahren genug von Dinos und Raumfahrt hätte... Was natürlich nicht erwähnt werden braucht ist, dass jeder hochbegabte andere Interessen hat und u.U. Wettbewerbe nicht mag, oder schlichtweg kein Interesse hat. Ich meine, hallo, was interessiert einen schon der Wille des Betroffenen?!  
 So, jetzt haben wir die außerschulische Förderung hinter uns, kommen wir also zur Schule - Lehrer versteckt euch, es könnte Arbeit auf euch zukommen! Keine Sorge, tut sie nicht. Zwar werden einige zaghafte Vorschläge gemacht, diese beschränken sich normalerweise aber darauf, dass die Lehrer doch bitte auf etwaige Anzeichen achten, die Eltern informieren und ggf. eine Fortbildung zum Thema machen sollten. Weiterhin... rutschen die meisten Berichte ins Diffuse ab. Die Kinder beschäftigen sich gern allein, heißt es, man solle ihnen Aufgaben zum selbst bearbeiten geben. Ganz hervorragend ist natürlich der Vorschlag, die Kinder "Lehrer spielen" zu lassen - haben die Lehrer noch ein bisschen mehr Freizeit und brauchen sich keine Gedanken mehr um das lästige Problemkind zu machen - wunderbar.
 Tja, und wo wir schon in der Schule sind, machen wir eine revolutionäre Feststellung: Hochbegabung schlägt sich nicht immer in guten Schulnoten nieder (ich verweise mal ganz kleinlaut auf die sparte "Erkennung", wo dies noch behauptet wurde - aber Logikfehler sind ja nicht so schlimm, es geht ja nur um eine Minderheit....). Häufigster Grund sei das Problem der Hochbegabten, nicht mit Autorität umgehen zu können, insofern sie sich nicht rational begründen lässt. Ist natürlich ein Problem - welcher normale Mensch sucht schon nach richtigen Gründen?! Man müsse also den armen, unverständigen Kindern die Autorität spielend und vorsichtig nahe bringen - ihnen eine Erklärung liefern wäre zwar effizienter aber hups, das können wir ja gar nicht... Sobald das Lehrpersonal dann den Respekt der Kinder errungen habe - was sie selbstverständlich schaffen - sei vielen anderen Problemen schon beigekommen. Dass die grundsätzliche Denkweise der Kinder dann immer noch dem des Schulprinzips widerspricht, ist ja nicht so tragisch.
 Tja, und da wir schon dabei sind die vielen, vielen schwierigen Persönlichkeitsmerkmale der Hochbegabten aufzudecken, können wir da ja gleich weitermachen. "Er ist durch seine Interessen isoliert" halte ich für ein sehr schönes, oft genanntes Beispiel. Es ist doch immer wieder erstaunlich, dass die Leute sich einfach keinen Hochbegabten der Fußball und Computerspiele spielt, Musik hört und auch ansonsten ganz "normalen" Hobbys nachgeht, geschweige denn, dass ein Hochbegabter irgendeiner Subkultur angehören könnte oder sogar modisch gekleidet ist...
 "Er versteht oft nicht, dass andere Kinder langsamer arbeiten und begreifen" Manchmal muss ich mich wirklich fragen, für wie blöd man einen Hochintelligenten halten kann. Da stellen sie schon fest, dass wir schneller begreifen und im gleichen Satz begreifen wir gar nichts... Gut, die ganz kleinen mögen es nicht verstehen, aber nach einiger Zeit fällt es den meisten Hochbegabten doch auf und sie finden sich damit ab, dass die Menschen anders sind - und er nur eben noch sehr viel mehr.
 "Er ist und wirkt häufig dominierend" Sorry, an dieser Stelle musste ich lachen... wenn es schon als dominant gilt, seinem Lehrer gegenüber Dinge zu erwähnen, die dieser nicht versteht oder den anderen auf einen Fehler hinzuweisen und ihm den richtigen Weg zu zeigen, bitte, aber muss denn jeder Hochbegabte ständig seine Klappe halten, nur damit die Umwelt keinen Minderwertigkeitskomplex bekommt?! Das mag jetzt etwas rüde klingen, aber hat man nicht schon sein ganzes Leben damit zuzubringen, sich selbst zu verstellen, um überhaupt mit anderen klar zu kommen?
 Überaus interessant ist auch die Feststellung "Es hat keine angemessene Arbeitshaltung erworben, da es nicht gefordert wurde". ES hat keine angemessene Arbeitshaltung, soso... Im gleichen Artikel und sogar in der gleichen Grafik (!) ist der Hochbegabte aber auch vom Perfektionismus geplagt und "traut sich alles zu". Was für eine Arbeitshaltung erwartet die Welt denn. Ich mach einfach mal was der da sagt, ist ja mein Vorgesetzter?! Ja, das wäre natürlich perfekt, wenn man die Hochbegabten auch noch zu netten Jasagern machen könnte... aber ich schweife ab. Wie notwendig ist denn eine durchschnittliche und normale' Arbeitshaltung für einen überdurchschnittlich intelligenten? Der Nutzen wird wieder einmal vollkommen in den Hintergrund gedrängt, davor steht übergroß die Anpassung und Normalisierung.
 Zum Schluss noch ein Punkt, der mich schlichtweg vom Stuhl gerissen hat. Bei vielen Artikeln fanden sich als Buchtipp "Wie Eltern und Erzieher Hochbegabte in den Griff bekommen - nicht andersherum" und "Hochbegabung ist machbar" allein dien Titel fand ich erschreckend und sollten sie nicht zutiefst ironisch gemeint sein, finde ich sie nur noch schrecklich.
 
 Nun, dies waren nur einige, am häufigsten aufgetretene Punkte, die ich für ansprechenswert hielt. Natürlich gibt es mit Sicherheit auch entsprechendes Material, dass sehr viel besser und korrekter ist, aber seien wir doch mal ehrlich: wenn ein nicht hochbegabter - großteils nicht einmal davon indirekt betroffener -  über dieses Phänomen schreibt, dann kann nicht viel gutes dabei herauskommen, denn die Hochbegabung nur als eine gesteigerte Intelligenz zu sehen ist schlichtweg naiv.
 Ich bitte die Autoren solcher Artikel mir die sarkastischen Bemerkungen nicht Übel zu nehmen, aber so sehr ich auch an manchen Stellen übertrieben habe, es steckt doch Wahrheit dahinter.



 OC
 
 
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