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von Organized Chaos
erstellt: 21.08.2005
letztes Update: 21.08.2005
Geschichte, Allgemein / P6
(fertiggestellt)
Hochbegabte - Reaktion einer "Betroffenen"
Eine Reaktion auf den Artikel "Genie im Kinderzimmer" vom 6. August (DIE WELT)
Wie schon viele andere Artikel vor diesem hat mich dieser zuerst zum Schmunzeln, dann zum Lachen und schließlich zum Haare Raufen und Toben gebracht. Ich verstehe zwar, dass in einem Zeitungsartikel nicht jedes Detail genannt, jeder Fakt analysiert werden kann, aber eine grobe Verfälschung der Tatsachen und eine Darstellung, die nicht recherchiert, sondern schlichtweg den Klischees nachgeeifert ist, kann und will ich nicht so stehen lassen.
Zuerst eine häufig getätigte Verwechslung: "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung", das sind zwei unterschiedliche Syndrome, die zusammenfallen können, es aber nicht wesentlich häufiger tun als sonstige. ADS ist eine Krankheit, die bei Hochbegabten durchaus häufig auftritt - ADHS dagegen kommt bei "normal Begabten" öfter vor und ist nur bedingt und selten mit einer Hochbegabung gekoppelt. ADS hat nichts mit dem "Zappelphilippsyndrom" zu tun, beschränkt sich auf eine extreme Konzentrations- und damit verbundene Leistungsschwächen.
In dieser Verbindung wurde in dem Artikel außerdem die Hochbegabung als Auslöser dieses Verhaltens genannt - das kann zwar der Fall sein, ist aber nicht typisch und eher selten, hat dann auch nichts mit den veranlagten Krankheiten ADS, ADHS oder Hyperaktivität zu tun. Hochbegabte neigen entweder zur Anpassung, die auch meistens vom Umfeld gepredigt wird, oder zur Abkapselung, zum Träumen.
In Verbindung mit Bildung wird immer wieder ein fataler Fehler aufgezeigt: Hochbegabte haben keine Lernstrategie. Soweit durchaus richtig, die meisten Hochbegabten haben sich, weil sie in der Schule nur Unterforderung erfahren haben, nie eine solche explizit angeeignet. Falsch aber ist die Annahme, dass sie eine umgängliche benötigen. Hochbegabte lernen anders, leichter und ohne große Mühe, dadurch aber nicht schlechter. Sie benötigen im normalen Leben keinerlei Lernstrategie und selbst wenn man das Lerntempo erhöht, haben die meisten mit ihrem ganz eigenen, ein wenig chaotischen Lernstil kein Problem.
Wie immer wurden im Artikel viele "Fördermöglichkeiten" aufgezeigt. Wie immer sind die meisten auf das Erbringen von Leistung, gewinnen von Wettbewerben und das Bedürfnis der Eltern, ihr Kind ins Rampenlicht zu rücken, aus. Dabei gerät aber das Ziel - das meist eher Alibifunktion erfüllt -, dem Kind oder Jugendlichen zu helfen völlig aus den Augen. "Klavierstunden Mathe- und Schach AG" zeigen für mich lediglich Klischees auf. Auch "flexible Einschulungstermine, das Überspringen von Klassen, ebenso wie zusätzliche Nachmittagskurse" sind nicht besser, grenzen noch mehr aus, lassen Klischees und Vorurteile tagtäglich neu aufleben. "Wettbewerbe" machen Stress, zielen auf Leistung ab und daraus resultiert Leistungsdruck. "Ferienakademien" - insofern nicht von einem speziellen Verein organisiert - sind genauso Stress, hier aber eher zwischenmenschlich, denn es gibt für einen Hochbegabten nicht viel schlimmeres als Tag und Nacht unvermeidlich mit Kindern oder Jugendlichen "unter seinem Niveau" konfrontiert zu sein, ohne die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, dazu kommt, dass die Projekte dort nur sehr selten wirklich Interesse wecken und gleichzeitig auf entsprechendem Niveau verlaufen.
Und schließlich stößt man auch im restlichen Artikel auf eine Vielzahl von Klischees. Besonders bei den Fördermöglichkeiten fällt eins ins Auge: Hochbegabte sollen sich mit Klassik, Naturwissenschaften, Schach und Mathe beschäftigen. Als ob sich jeder Hochbegabte dafür interessieren würde! Auch ein hochintelligentes Kind kann sich für Metal oder Punk, für Computerspiele, für Comics oder Manga, für Sport aller Art interessieren. Die Individualität Hochintelligenter ist sehr stark ausgeprägt, nicht selten sind die Hobbys exzentrisch und gar nicht "typisch hochbegabt". Wir tragen nicht alle Pullunder und Stoffhosen, sind nicht alle brave, unkomplizierte und disziplinierte Kinder - im Gegenteil. Man trifft unter hochbegabten eine Vielzahl von Punks, Gothics, Sportlern, Menschen, die man auf den ersten Blick nicht einmal für besonders intelligent hält.
"Grundsätzlich ist ein hochbegabtes Kind frühzeitig auf Hilfe angewiesen [..]". An diesem Satz habe ich mich besonders gestört. Die meisten hochbegabten finden ihren Weg durchaus selbst. Dass dieser nicht so vorbildlich und gutbürgerlich ist, wie es die meisten eben gerne hätten, stört dabei nicht. Man schläft im Unterricht oder sucht sich selbst eine Beschäftigung, wo es keine angemessene gibt, die Freizeit wird ausgenutzt, so weit es geht, man beschäftigt sich mit dem, was einen interessiert, eignet sich auch Wissen darüber an - allerdings meistens nicht gerade systematisch.
Zu den Fördermaßnahmen sei noch eines gesagt: viele davon sind nicht geeignet, bestes Beispiel "Überspringen". An der Lerngeschwindigkeit ändert sich nichts und auch wenn das Kind auf dem Papier gefördert wird, so sieht es doch eher so aus, dass es in den Ferien ein Jahr Schulstoff nachholen kann, um sich anschließend wieder zu langweilen. Die Behauptung, in den oberen Klassen sei das Niveau höher gesteckt, halte ich für ein Gerücht, im Gegenteil wagt man sich nur im Schneckentempo an schwierige Wörter heran und Erörterungen sind nicht anders als in der Achten.
Schlussendlich sind die Informationen über Mensa und MinD nicht mehr wirklich aktuell. Mensa ist kein Verein nur für Erwachsene, die Aufnahme im Verein kann ab 14 erfolgen, außerdem werden schon die Kinder von Mitgliedern von Anfang an integriert. Es gibt Camps und Veranstaltungen, nur für Kinder und Jugendliche. MinD - Mensa in Deutschland - zählt mittlerweile auch schon wesentlich mehr Mitglieder als genannt.
Zu ihrem kleinen Interview möchte ich nur eines sagen: dafür, dass man die meisten Hochintelligenten ihr Leben lang mit Neid und Nicht-Versehen-Wollen straft, sind sie der Gemeinschaft nichts schuldig. Auch wir haben ein Recht auf ein Leben fernab von de Zwang, besondere Leistungen erbringen oder anderen Helfen zu müssen.
Organized Chaos
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