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von Suiluj    erstellt: 09.07.2005    letztes Update: 13.07.2005    Geschichte, Allgemein / P6    (abgebrochen, keine anonymen Reviews)
Fussball. Ein Spieler foult einen anderen, indem er ihm einen für den Schiedsrichter nicht sichtbaren Stoss zwischen die Rippen versetzt. Der Unparteiische entscheidet darauf, das Spiel weiter laufen zu lassen. Kann man nun sagen, dass der Schiedsrichter nicht die Wahrheit sagt? Schliesslich hat er ja nichts gesehen.
Solche und ähnliche Situationen scheinen zu suggerieren, Wahrheit sei immer vom Betrachter abhängig, eigentlich gar nichts anderes als die Meinung des Betrachters. Ebenso ist es bei der Beschreibung von Objekten: Sieht nicht jeder das Objekt anders, hat also seine Meinung eigene Wahrheit darüber? Und wie viel schlimmer noch bei Gefühlen, die endgültig beliebig und subjektiv erscheinen! Aber da die Wahrheit ja per definitionem universell gültig sein muss, kommen wir so in einen Widerspruch. Gibt es also überhaupt so etwas wie Wahrheit?

Moment mal. Durchatmen. Einen Schritt zurück. Ja, jeder Mensch fühlt anders, sieht die Dinge anders, oder zumindest haben wir guten Grund, das anzunehmen. Doch wenn wir daraus schon schliessen, es gebe keine Wahrheit, so ist das voreilig. Denn dann stellen wir völlig unreflektiert etwas in Frage, auf das wir keinen Einfluss haben, vergessen dabei aber, dass der Fehler auch bei uns liegen könnte. Tatsächlich gibt es neben dem Objekt einen zweiten kritischen Punkt im Verhältnis von Subjekt und Objekt zueinander.
Das Subjekt anzuzweifeln, ist sinnlos; Descartes' Satz "Ich denke, also bin ich" sollte als Begründung hinreichend sein. Das Objekt haben wir bereits in Frage gestellt. Zur kritischen Überprüfung bleibt damit nur noch das Verhältnis der beiden zueinander. Jeglicher Zugriff des Subjekts auf das Objekt geschieht nun über die Wahrnehmung. Wir müssen also annehmen, dass unsere Wahrnehmung auch unser Verhältnis zu den Objekten definiert, ja sogar, dass die Wahrnehmung unser Verhältnis zu den Objekten ist. Der zu untersuchende Vorgang ist also der der Wahrnehmung.
Dass unsere Wahrnehmung uns täuschen kann, ist jedem, der über das Stadium des naiven Realismus hinausgekommen ist, bewusst. Der Tisch ist braun? Nur, solange das Licht an ist; ist es aus, so ist der Tisch schwarz, und ein Blinder erkennt sowieso die Farbe des Tisches nicht. Oder sind die unhörbaren Töne, die eine Hundepfeife ausstösst, nicht, bloss, weil wir sie nicht hören? Dann würden ja auch die Tiere nicht darauf reagieren.
Wir haben nun also festgestellt, dass unsere Wahrnehmung mangelhaft ist. Dies ermöglicht uns, wieder Wahrheit anzunehmen. Sie ist damit allein aber weder notwendig noch sinnvoll. Dass dies trotzdem der Fall ist, wollen wir im folgenden Schritt herleiten.

Wenn wir annehmen, dass es keine Wahrheit gibt, bleiben wir auf der Ebene von Meinungen haften. Diese sind alle gleichberechtigt, keine wäre näher an der Wahrheit, denn die gäbe es ja gar nicht. Nun gibt es aber Meinungen, die offensichtlich sinnlos und falsch sind. Ich kann etwa der Meinung sein, ich bräuchte zum Leben bloss noch Luft und Liebe; auf Essen und Trinken könnte ich verzichten. Dass diese Meinung ein Irrtum ist, ist offensichtlich: Ich würde innerhalb von wenigen Tagen sterben. Irrtum kann es aber nur geben, wenn es Wahrheit gibt. Es ist somit anzunehmen, dass Wahrheit existiert.
Auch der Satz "Es gibt keine Wahrheit" hat einen wahrheitswert, das heisst, er kann wahr oder falsch sein. Ist er wahr, so kommen wir in einen logischen Widerspruch, denn dann könnten wir ja keine Aussage über seinen Wahrheitsgehalt machen. Die einzige logisch sinnvolle Annahme wäre, dass es Wahrheit gibt.
Wir haben somit sowohl positiv als auch negativ bewiesen, dass es Wahrheit gibt. Über das Wesen dieser Wahrheit will ich hier keine Aussagen machen, möglicherweise wird eine genauere Definition nachgeliefert.

Das Problem liegt also schlussendlich nicht in der frage, ob es Wahrheit gibt oder nicht, sondern in der Frage, ob das, was wir wahrnehmen, bereits Wahrheit ist, wie uns der Begriff suggerieren will. Das haben wir aber bereits weiter oben ausgeschlossen. Wir kommen damit zum Schluss, dass es Wahrheit gibt, wir diese aber nicht erkennen können. Dies zu denken ist durchaus sinnvoll, denn dadurch wird Meinungen ein Wahrheitswert zugeordnet: Auf einmal haben wir richtige und falsche Meinungen, und auch wenn die richtigen und scheinbar richtigen sich widersprechen, so können wir doch die offensichtlich falschen aussortieren und damit leben, dass diejenigen Aussagen, die aus unserer Sicht zwar offensichtlich falsch sind, aber aus der Warte anderer als richtig angesehen werden, bei einem der beiden Beteiligten auf einem Irrtum beruhen; es geht dann darum, diesen Irrtum aufzudecken.
Oder, um auf das Beispiel zu beginn zurückzukommen: Das Foul ist geschehen, aber der Schiedsrichter hat es nicht wahrgenommen und sitzt einem Irrtum auf. Trotzdem ist seine Entscheidung falsch.
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