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von Iceheart
erstellt: 11.04.2005
letztes Update: 04.01.2008
Geschichte, Drama / P18 Slash
(abgebrochen, keine anonymen Reviews)
Die unerwünschte Einladung
--- Frühling 1456 ---
Vaseria, Transsylvanien
--- Frühling 1456 ---
Vaseria, Transsylvanien
Warm und mild war der sanfte Abendwind, der über die breite Senke eines idyllischen Tals streifte und die Bäume der kleinen Waldstreifen auf den Hügeln ihren flüsternden Gesang anstimmen ließ. Der leichte Hauch zeugte von der schwindenden Macht eines harten Winters, denn in ihm lag der wunderbar zarte Duft des anbrechenden Frühlings. Die in dieser Gegend lebenden Menschen sehnten das Ende der kalten Jahreszeit schon lange herbei, denn viele Wochen herrschte bitterer Frost und eisige Schneestürme tobten um die schlichten Holzhäuser des kleinen Ortes Vaseria.
Das Geheul des schneidenden Windes hatte sich mit den schauerlichen Rufen hungriger Wölfe vermischt. Die gefürchteten Raubtiere fanden in dieser Zeit kaum Nahrung; aus diesem Grund vergaßen sie in den bitterkalten Nächten ihre übliche Scheu vor den Menschen und drangen auf der Suche nach unvorsichtiger Beute bis in die Dörfer vor. Doch nicht nur die vierbeinigen Räuber, sondern auch Schnee und Kälte vertrieben alles Leben aus Vaserias verwinkelten Gässchen - niemand setzte sich gern der unwirtlichen und lebensfeindlichen Witterung eines transsylvanischen Winters aus, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Doch nun hatte die Herrschaft des Frostes ein Ende und obgleich der in den Bergen entspringende Fluss noch klumpiges Eis mit sich führte, erwachte die Natur im Tal bereits zu neuem Leben.
Eine friedliche Stille lag über dem Dorf, die nur der abendliche Gesang geflügelter Frühlingsboten unterbrach. Die Menschen erfreuten sich an dieser beschauliche Ruhe mehr als jemals zuvor, denn nun gehörte nicht nur die winterliche Kälte, sondern auch die grausige Bedrohung durch türkische Invasoren der Vergangenheit an.
Aber obgleich die Kriegsgefahr zumindest für eine gewisse Zeit gebannt sein mochte, fand der tapferste Verteidiger Transsylvaniens immer noch keinen wirklichen Frieden.
~*~
Inmitten der kleinen Ortschaft überragte ein imposantes Anwesen die schlichten Häuser der Dorfbewohner und ließ sie neben seiner eindrucksvollen Pracht recht ärmlich wirken. Es war das Herrenhaus eines ehrenhaften Adelsgeschlechts, welches zu den mächtigsten und reichsten Familien des ganzen Landes gehörte. Zahlreiche Erker und Vorsprünge zierten den feudalen Wohnsitz ebenso wie mehrere Türme unterschiedlicher Höhe und Form. Das erhabene Bauwerk war schon vor langer Zeit errichtet worden und jene massiven Gemäuer aus dunklem Stein bargen eine Vielzahl an geräumigen und luxuriös ausgestatteten Gemächern.
Eines der zahlreichen Fenster war geöffnet und erlaubte der milden Abendluft, das prächtige Zimmer mit dem angenehmen Geruch frischen Grüns und zarter Frühlingsblüten zu erfüllen. Doch trotz dieses wundervollen Duftes und eines wahrhaft beeindruckenden Ausblicks auf das rotgoldene Glühen der fernen Berggipfel lag ein Hauch von Wehmut in den anmutigen Zügen jener Person, die eine Schulter an den kühlen Stein einer Fensternische gelehnt hatte und versonnen nach draußen schaute.
Nicht wenige Menschen brachten der attraktiven Gestalt, deren unergründlicher Blick sich nun in der Ferne der eisigen Gebirgszüge verlor, beträchtliche Missgunst entgegen. Der Neid war nicht unbegründet, denn offenbar fehlte es diesem Mann wirklich an nichts.
Eines Tages würde sowohl das gesamte Vermögen und als auch der ruhmreiche Titel seiner Familie auf ihn übergehen, denn er war der erstgeborene Sohn Valerious des Älteren und somit der Erbe ausgedehnter Ländereien, prunkvoller Anwesen und allen anderen Besitztümern seines Hauses. Hinzu kam, dass seine unbestreitbaren Heldentaten im Krieg gegen die türkischen Landesfeinde ihm die tiefe Achtung und das bewundernde Wohlwollen derjenigen eintrug, die er durch seine eindrucksvollen Siege auf dem Schlachtfeld vor den Gräueltaten der Invasoren geschützt hatte. Dieser beträchtliche Ruhm verband sich mit dem hohen gesellschaftlichen Stand seines aristokratischen Elternhauses und deshalb galt er nicht nur in materieller Hinsicht als vermögend, sondern auch als reich an Einfluss und Macht.
Und als ob dies alles noch nicht genügte, hatte der Herr ihn nicht nur mit kämpferischem Geschick und einem scharfsinnigen Verstand, sondern auch mit erheblicher Attraktivität und einem anziehenden Charme gesegnet, der ihm die Gunst des anderen Geschlechts förmlich zu Füßen legte.
Ja, fürwahr: Vladislaus Valerious hätte glücklich sein müssen, denn eigentlich besaß er alles, was man sich nur wünschen konnte. Alles - nur nicht das, wonach er selbst sich am Meisten sehnte.
Vlad verlangte es nicht nach mehr Vermögen oder Macht, denn über einen Mangel an diesen Werten, denen das Haus Valerious höchsten Wert beimaß, konnte er wahrhaftig nicht klagen.
Sein Herz begehrte etwas anderes. Etwas, das weder mit dem Vermögen seiner Familie noch mit allen anderen Reichtümern dieser Welt erkauft werden konnte, denn es war kostbarer als die Schätze jedes Königreichs der Erde und somit unbezahlbar. Angesichts seiner Beliebtheit bei der holden Weiblichkeit schien die Ironie des Schicksals ihr tückisches Spiel mit dem hübschen Adligen zu treiben, denn eine äußerst missliche Vorsehung hatte sein Herz mit tiefer Liebe und leidenschaftlichem Verlangen erfüllt, aber versagte ihm die Verwirklichung seiner begehrlichen Sehnsüchte auf ewig.
Vladislaus war aufgrund seines adligen Geburtsrechtes freier als viele Menschen in seiner Heimat, aber manches Mal fühlte er sich dennoch wie ein Gefangener. Und fürwahr, bezüglich seines größten Herzenswunsches waren ihm die Hände gebunden: Es gab keine Chance, sich seiner Liebe zu offenbaren und aus diesem Grund konnte er auch nicht um ihre Gunst kämpfen. Für Vlad war dies ein ebenso unliebsamer wie ungewohnter Zustand, hatte er doch ansonsten immer eine Möglichkeit gefunden, seinen Willen durchzusetzen und stets bekommen, wonach es ihm verlangte. Aber obwohl der Zweck ansonsten nahezu jedes Mittel zur Erfüllung seiner Wünsche heiligte, sah er in diesem Fall schon allein vom Versuch ab, seine Sehnsucht zu stillen.
Und diese außergewöhnliche Zurückhaltung war auch mehr als angebracht.
Um seiner selbst Willen durfte niemand jemals erfahren, welche Gefühle er hegte: Vlads Empfindungen galten vor Gott, für jeden Gläubigen und vor allem für die Kirche als eine der scheußlichsten Sünden, denen ein frommes Geschöpf verfallen konnte - denn es war kein Weib, dem der junge Aristokrat sein Herz geschenkt hatte. Und as ob dies alles nicht bereits fatal genug wäre, konnte Vlad sich nicht einmal seinem besten Freund und engsten Vertrauten offenbaren. Er verheimlichte ansonsten kaum etwas vor dieser Person, doch nicht nur die unabdingbare Geheimhaltung seines lästerlichen Verlangens ließ ihn schweigen wie ein Grab.
Gabriel van Helsing wusste nichts vom größtem Geheimnis seines befreundeten Kampfgefährten und würde auch niemals davon erfahren, aber Vlad brachte ihm mehr als Freundschaft entgegen. Viel mehr.
~*~
Wann sich die unklaren Gefühle für seinen attraktiven Retter mit dem ruhmreichen Beinamen, über den er sich so gern belustigte, zur sicheren Gewissheit wandelten, war dem schwarzhaarigen Kriegsherrn mittlerweile ebenso bewusst wie der Zeitpunkt, an dem alles seinen Anfang genommen hatte.
Schon an jenem schicksalhaften Tag, als sich inmitten vom Leid und Elend der Kriegswirren die Wege ihres Lebens kreuzten, hatte Gabriels Anblick eine seltsame und zugleich höchst faszinierende Wirkung auf Vladislaus gehabt. Er hatte sich über sein außergewöhnlich großes Interesse gewundert und diese erhebliche Anziehung weder verstehen noch einordnen können, denn obwohl die beschützende Gestalt ebenso verschmutzt und vom Blut besiegter Gegner besudelt war wie Vlad selbst, obwohl ihn die schmerzende Wunde an seinem Bein und eine grausige Erschöpfung quälte, hatte Gabriel ihn doch bereits während dieser ersten Augenblicke ihrer Begegnung in einen seltsamen Bann geschlagen.
Körperliche Versehrtheit und erhebliche Überanstrengung hatten Vlad für eine Weile das Bewusstsein und damit auch jede Chance genommen, sich mit jenen merkwürdigen Gefühlen auseinanderzusetzen, die der fesselnde Anblick des attraktiven Mannes in ihm auslöste. Doch auch sein Erwachen hatte ihm in dieser Hinsicht keine Klarheit gebracht, im Gegenteil.
Angesichts seines ersten Sinneseindrucks wich die seelische Verwirrung nicht, sondern steigerte sich noch.
Als Vlad erwachte und sein Blick sich allmählich klärte, sah er direkt in ein wunderschönes Augenpaar von geheimnisvoller Dunkelheit, dem ein ausdrucksvolles Glitzern beiwohnte. Ebenmäßige Wangen, die inzwischen wohl die Berührung einer glättenden Klinge erfahren hatten, wurden von schulterlangen Locken umspielt, deren seidiges Kastanienbraun einen perfekten Rahmen für das anmutige Gesicht bildete, welchem er sich nunmehr gegenüber sah. Die unwirkliche Schönheit von Gabriels gesäuberten und wesentlich ausgeruhter wirkenden Zügen hatte Vlad bezweifeln lassen, dass er noch am Leben war. Letztendlich erinnerte ihn nur der sengende Schmerz in seinem versehrten Bein daran, dass er wohl nicht in einer nachfolgenden, sondern immer noch in dieser Welt weilte und keinen beschützenden Himmelsboten, sondern ein menschliches Wesen aus Fleisch und Blut vor sich hatte.
Aus den wenigen Worten des Dankes, die er Gabriel für sein rettendes Handeln zugedachte, entwickelte sich alsbald eine überaus interessante Unterhaltung. Diese angenehme Konversation ließ Vlads körperliches Gebrechen rasch in Vergessenheit geraten und verdeutlichte ihm nachhaltig, dass sein Gegenüber nicht nur hübsch anzuschauen war, sondern auch einen ausgezeichneten Gesprächspartner abgab. Er merkte angesichts ihres äußerst vergnüglichen Geplauders kaum, wie die Zeit verging und erst die milde Ermahnung eines aufmerksamen Pflegers sorgte dafür, dass er diese aufmunternde Gesellschaft entbehren musste. Als Gabriel sich daraufhin einsichtig zum Gehen wandte, beschlich Vlad ein leises Gefühl des Unbehagens: Irgendetwas in ihm war ganz und gar nicht damit einverstanden, dass dieser attraktive Fremde mit dem gewinnenden Charme nun von ihm ging. Obwohl der junge Kriegsherr sich nichts anmerken ließ und die unterkühlte Beherrschung wahrte, schien Gabriel nicht nur den ernsten Ausdruck in seinem Blick zu bemerken, sondern auch die stille Wehmut in der Seele des Geretteten zu erahnen, denn er bat mit einem Hauch reizender Befangenheit darum, ihn alsbald wieder aufsuchen zu dürfen. Vlad hatte einige Mühe, seine Freude über dieses höchst willkommene Ansuchen nicht allzu offen zu zeigen und während er das strahlende Lächeln unterdrückte, entsprach er Gabriels Wunsch mit glühenden Wangen und einem Herzschlag, dem der gleichmäßige Takt vollends verlustig gegangen war.
Dem verletzten Heerführer war zwar Ruhe verordnet worden, aber eine wundersame Anspannung in seinem Inneren sorgte dafür, dass er diese fürsorgliche Vorschrift gründlich missachtete. Vlad lag noch lange nach dem Verschwinden seines Retters wach und ohne das geringste Zutun geisterte ein Name unablässig durch seine aufgewühlten Gedanken: Gabriel.
Vladislaus verstand in diesen Momenten des kränklichen Dämmerzustands nicht, wie ihm geschah, weshalb ihn diese zweifellos interessante Person so sehr beschäftigte und sein Denken und Fühlen in einen solchen Aufruhr versetzen konnte. Irgendwann zwang sein geschwächter Körper ihn schließlich doch zum Schlafen, aber in jener angenehmen Ermattung, irgendwo zwischen träumerischer Müdigkeit und schläfrigem Dunkel, sah er immer noch Gabriels ebenmäßig schönes Gesicht und jenes einprägsame Lächeln vor sich, welches den reizvollen Zügen seiner neuen Bekanntschaft eine schier unwiderstehliche Anziehungskraft verlieh.
~*~
Es dauerte zur heimlichen Freude des schwarzhaarigen Aristokraten auch nicht allzu lang, bis der geschätzte Retter sich erneut an seinem Krankenbett einfand, aber auch nach diesem zweiten Besuch verloren Vlad und Gabriel sich nicht aus den Augen. Mit jeder weiteren Zusammenkunft lernten sie einander besser kennen und das zarte Band ihrer jungen Freundschaft verfestigte sich rasch. Vlad bemerkte es anfangs nicht einmal, doch schon bald bedeutete ihm die Gesellschaft des Mannes, der ihn vor einem unwürdigen Tod auf dem Schlachtfeld bewahrt hatte, mehr als die Gegenwart einer jeden anderen Person.
Letztendlich war es ihr gemeinsames Wirken, welches dem Wüten der transsylvanischen Landesfeinde einen entscheidenden Einhalt gebot. Mochte einer von ihnen schon ein gefährlicher Gegner für die türkischen Streitkräfte sein, so waren sie als Kampfgefährten nahezu unbezwingbar. Gabriel van Helsing war der Einzige, dessen geschickter Umgang mit Hieb- und Stichwaffen dem des jungen Adligen ebenbürtig, ja, nahezu schon überlegen war und auch seine tollkühne Geschicklichkeit im Gefecht konnte sich mit Vlads eigenen Fähigkeiten durchaus messen. Den härtesten Wettstreit lieferten sich die linke Hand Gottes und der Erbe des Hauses Valerious indes in anderer Hinsicht: Gabriels Gnadenlosigkeit war legendär.
Vlad und Gabriel waren ein ebenso unerbittliches wie todbringendes Gespann und alsbald mussten die Türken erkennen, dass ihnen dieser Krieg nicht die Herrschaft über Transsylvanien, sondern lediglich schwere Verluste eintrug. Ihre grausige Barbarei hatte schließlich ein Ende, als auch der in fernen Gefilden weilende Sultan zu der Einsicht gelangte, dass er diesen unbeugsamen Landstrich nicht unterjochen konnte. Die Gefahr einer islamischen Invasion war vorerst gebannt und von Vlads Beinverletzung zeugte außer einer verblassenden Narbe längst nichts mehr.
Der schwarzhaarige Heerführer war nicht nur siegreich aus den unzähligen Gefechten dieses Krieges hervor gegangen, sondern hatte auch beachtlichen Ruhm für seine Heldentaten erlangt und inmitten von Tod und Zerstörung eine verwandte Seele gefunden. Der Neid um dieses immense Glück in so jungen Jahren war Vladislaus Valerious ebenso sicher wie die Anerkennung für seine Verdienste um Transsylvaniens Freiheit und eigentlich hätte es ihm besser gehen müssen als jemals zuvor.
Doch dem war nicht so.
Welche Gründe sein seelisches Unbehagen hatte, blieb dem adligen Kriegshelden zunächst ein Rätsel. Aber obgleich Vlad sich die Ursache dieser schwelenden Ruhelosigkeit nicht erklären konnte, war ihm eines durchaus bewusst: Jener unterschwellige Aufruhr hatte in dem Moment angefangen, als er seinem nunmehr besten Freund begegnete oder - wie Gabriel es auszudrücken pflegte - als er ihm vor die Füße fiel.
~*~
Der Schlachtenlärm hatte sich vor geraumer Zeit gelegt und eigentlich wäre es deshalb angebracht gewesen, sich des eigenen Daseins zu erfreuen und den angenehmen Dingen des Lebens mehr Aufmerksamkeit zu schenken. In Vaseria und den benachbarten Orten gediehen nicht nur Blumen von herrlich duftender Pracht, sondern dieser idyllische Landstrich war zur vormaligen Freude des kampferprobten Anführers auch die Heimat einiger glutäugiger Schönheiten. Vlads attraktives Erscheinungsbild und seine aristokratische Herkunft sicherten ihm die Verehrung des anderen Geschlechts und sorgten dafür, dass er leichtes Spiel bei der Erfüllung begehrlicher Gelüste hatte - es gab kaum ein Mädchen, das nicht von ihm träumte, sich nicht sehnsüchtig nach ihm verzehrte. Vladislaus war kein Kostverächter und obgleich das Haus Valerious seine Liebschaften mit Angehörigen niederer Gesellschaftsschichten zwar totschwieg, aber dennoch nicht gut hieß, hatte er in vergangenen Zeiten nichts anbrennen lassen.
Aufgrund der Kriegswirren hatte sich die Auswahl zwar etwas verringert, aber nichtsdestotrotz gab es in Transsylvanien immer noch viele Frauen von unvergleichlicher Schönheit. Doch das Begehren nach der holden Weiblichkeit schien dem heldenhaften Heerführer im hitzigen Eifer vergangener Gefechte abhanden gekommen zu sein, denn nun verlangte es Vlad nicht mehr nach der Gesellschaft einer Frau. Obgleich er nicht mit Blindheit für die sinnlichen Reize mancher Mädchen geschlagen war, schien er diese Attraktivität nun doch mit gänzlich anderen Augen zu sehen.
Er würdigte die liebreizende Anmut der hübschen Gesichter, die ästhetischen Proportionen der gertenschlanken Körper, aber das feurige Verlangen von einst wohnte jener ehrlichen Bewunderung nicht mehr bei. Im Nachhinein hegte er sogar beträchtliche Zweifel daran, ob diese vormalige Begierde jemals so aufrichtig war wie die tiefen Empfindungen, die zu jener Zeit beinahe unmerklich in seinem Herzen gediehen.
Doch wie es ein seltsamer Zufall wollte, brachte ausgerechnet ein Gespräch über die außergewöhnliche Schönheit einer jungen Frau Licht ins mysteriöse Dunkel jener seltsamen Emotionen, deren unergründliche Last sich mit jedem Tag schwerer auf Vlads Gemüt senkte.
Die Ursache der Erleuchtung war kaum zwanzig Jahre alt und hörte auf den Namen Zdenka. Die Natur hatte dieses junge Mädchen mit allen Reizen beschenkt, die sich jede Frau erträumte: Eine zierliche Figur, welche weder eine schmale Taille noch verführerische Rundungen entbehren ließ, ebenmäßige Gesichtszüge von reizender Anmut und ausdrucksvoll schimmernde Augen, deren glitzerndes Veilchenblau jeden Mann betörte, den sie mit ihrem anziehenden Blick bedachte. Doch neben all diesen Vorzügen gab es eine Besonderheit, die Zdenkas Attraktivität über jene der anderen jungen Frauen aus der Gegend um Vaseria erhob: Ihr Haar. Die hüftlange Pracht war nicht brünett oder rabenschwarz wie der natürliche Kopfschmuck vieler transsylvanischer Schönheiten, sondern ihre sanften Locken glänzten in einem satten Goldblond.
Zdenkas hübsches Äußeres verband sich mit ihrer duldsamen Wesensart und einem unwiderstehlichen Lächeln, welches ihr Schlüssel zum Herzen jedes Mannes war, den sie begehrte. Und mochte sie bei der besten Partie ihrer Heimat lediglich unterkühlte Abweisung erfahren, so schien dessen bester Freund etwas empfänglicher für ihre Reize zu sein.
~*~
Hast Du dieses Mädchen gesehen?, Wollte Gabriel eines Tages von Vladislaus wissen. Zdenka ist wunderschön.
Kaum hatte der schwarzhaarige Aristokrat diese eher beiläufig geäußerten Worte vernommen, schien sich etwas in seinem Inneren zu verkrampfen und einen stummen, aber umso qualvolleren Aufschrei auszustoßen. In Vlads Herzen flammte ein heiß glühendes Gefühl auf, welches er in dieser Intensität noch niemals verspürt hatte. Zu allem Überfluss schien sich das stille Ärgernis trotz aller Selbstbeherrschung in seinem Gesicht wiederzuspiegeln und blieb seinem Gegenüber mitnichten verborgen.
Nichts für ungut., Hatte Gabriel erklärt. Gefällt sie Dir so sehr? Es gibt keinen Grund zur Sorge, ich werde Dir Zdenka mit Sicherheit nicht abspenstig machen.
Ein leises Lächeln schlich sich in das Gesicht des attraktiven Mannes, welches die bittere Niedergeschlagenheit in seinen Augen indes Lügen strafte. Doch die nachdenkliche Kümmernis in Gabriels Zügen entging Vladislaus aus gutem Grund: In ihm tobte ein wütender Sturm widerstreitender Gefühle, wie er kaum noch schlimmer sein konnte. Er war in diesen Augenblicken seelischem Aufruhrs so sehr mit sich selbst und seinen äußerst befremdlichen Emotionen beschäftigt, dass er nur mit größter Mühe die Fassung wahren konnte. Es kostete ihn einiges an Selbstbeherrschung, sich nichts anmerken zu lassen, doch seinem Besucher entging trotz dieser erzwungenen Gelassenheit nicht, dass ihm nicht länger nach Gesellschaft zumute war. Es dauerte nicht lang, bis Gabriel rücksichtsvoll seiner Wege ging und Vladislaus mit seinem Abschied die notwendige Zeit zum Nachdenken gab.
Die aus jenen stillen Momenten des Sinnierens resultierenden Erkenntnisse sollten das Weltbild des jungen Adligen bis in die Grundfesten erschüttern.
~*~
Es waren nur zwei kurze Sätze über die augenscheinliche Attraktivität einer Dorfschönheit gewesen, aber sie hatten eine missgünstige Eifersucht in Vlad erweckt, deren brennende Heftigkeit ihn beinahe ängstigte. Doch schlimmer als alles andere war letztlich die Einsicht darüber, wem diese neidvollen Empfindungen eigentlich galten. Vlads bitteres Lachen hatte die friedliche Stille in seinen Gemächern unterbrochen, als ihm der fatale Irrtum von Gabriels Vermutung aufging: Sein Ressentiment galt nicht seinem besten Freund, sondern er war allen Ernstes eifersüchtig auf Zdenka!
Der eigentliche Grund für sein seelisches Wirrsal, die bedrückende Anspannung in seinem Inneren und das mangelnde Interesse an einer Gespielin lag lange im geheimsten Winkel seines Herzens verborgen, doch nun wusste Vladislaus, was am Ende jenes schweren Tages auf dem Schlachtfeld mit seinem attraktiven Retter in sein Leben getreten war: Die Liebe zu Gabriel.
Der hübsche Aristokrat war alles andere als begriffsstutzig und deshalb war es ihm im Nachhinein unbegreiflich, warum sich das Dunkel seiner Gefühle erst jetzt lichtete. Schon als er inmitten von Krieg, Leid und der Stickigkeit jener brennenden, von den elendigen Schreien Sterbender erfüllten Luft zum ersten Mal in die mittlerweile wohlbekannten Züge schaute, hatte Gabriels Anblick etwas eigenartiges in ihm ausgelöst. Er mochte nur von erbarmungslosen Gefechten und dem blutigen Gemetzel eines grausigen Kampfgeschehens umgeben gewesen sein, aber trotz all dieses Todes um ihn herum hatte Vlad schon beim ersten Blick in jene dunkle Augen das seltsame Gefühl verspürt, erst in diesem Augenblick wirklich zum Leben zu erwachen.
Wie viele Male er seither unauffällig den hinreißenden Charme der hübschen Gesichtszüge, den kastanienbraunen Glanz der schulterlangen Locken und den wohlgeformten Körper seines besten Freundes bewundert hatte, konnte wohl niemand nachzählen. Gabriel war mit der vollkommenen Schönheit einer Statue gesegnet, deren göttlicher Erschaffer seinem größten Kunstwerk menschliches Leben eingehaucht hatte. Er war hoch gewachsen und schlank, die straffen Muskeln seiner attraktiven Gestalt bargen männliche Stärke und ebenso viel Vitalität wie der melodische Klang seines bezaubernden Lachens. Doch dieser Mann war nicht nur eine Augenweide, sondern eine Sinnenfreude in vielerlei Hinsicht: Jedes Mal, wenn er an Vlad vorbei ging, schloss der junge Adlige für einen winzigen Moment die Augen und atmete den wundervollen Duft ein, der sowohl Gabriels gepflegtem Körper als auch dessen seidig langem Haar anhaftete.
Aber nicht nur die augenscheinliche Attraktivität seines Kampfgefährten übte eine schier unwiderstehliche Faszination auf den aristokratischen Kriegshelden aus. Gabriel van Helsing war der Einzige, der ihm ebenbürtig schien und dem er aus guten Gründen respektvolle Achtung entgegen brachte: Vlads bester Freund hatte einen scharfsinnigen Intellekt, verfügte über enormes Kampfgeschick und ihm waren einige der signifikantesten Eigenschaften des gefürchteten Anführers zueigen. Obwohl er den Namen eines Engels trug, schien er dennoch zwei Gesichter zu haben; Gabriel kannte kein Mitgefühl mit Widersachern und wer seinen Zorn erweckte, musste ernstlich um das eigene Leben bangen.
Vielleicht war es sogar dieser schurkische Charakterzug, der so interessant und anziehend auf Vladislaus wirkte, denn er schätzte diese gefährliche Wildheit, die eine Verbindung hitzigem Temperaments und kalter Erbarmungslosigkeit war. Und doch war jene boshafte Tücke nur ein Teil von Gabriels vielschichtiger Persönlichkeit: Der impulsive Lockenkopf konnte grausam und niederträchtig sein, aber diesen dunklen Teil seiner Selbst schien Gabriel mitsamt seinem Hut abzulegen, wenn Vlad in den Genuss seiner Gesellschaft kam.
Doch neben all diesen Vorzügen haftete der tiefen Bindung zu Gabriel eine wunderbare Besonderheit an.
Schon von Anbeginn ihrer freundschaftlichen Bindung gab es zwischen dem Aristokraten aus Vaseria und dem begnadeten Schwertkämpfer, der ihn mittlerweile in manchem Übungsduell bezwang, ein ebenso unerklärliches wie stilles Einverständnis. Vladislaus hatte stets an der Möglichkeit einer Seelenverwandtschaft gezweifelt, aber trotzdem verstanden er und Gabriel einander auf eine geheimnisvolle Weise, die ihm beinahe unheimlich war. Denn obwohl weder sein bester Freund noch Vlad selbst über die mysteriöse Gabe der Gedankenübertragung verfügte, fasste einer von ihnen doch oftmals die Meinung des Anderen in Worte...
Allerdings war Vladislaus angesichts der erschreckenden Einsicht über die wahre Natur seiner Gefühle äußerst dankbar dafür, dass Gabriel trotz ihrer Verbundenheit und dem Gleichklang ihres Denkens nicht alles wissen konnte, was in seinem Kopf vorging.
~*~
Gabriels Besuch und ihr verhängnisvolles Gespräch über Zdenka lag schon einige Stunden zurück, als der hübsche Adlige sich am späten Abend jenes längst vergangenen Tages endlich die Wahrheit eingestand. Gabriel van Helsing hatte geschafft, was weder dem blondgelockten Zankapfel noch irgendeiner anderen Frau jemals wirklich geglückt war: Vladislaus Valerious hatte das eigene Herz an seinen besten Freund und verlässlichsten Kampfgefährten verloren. War diese Erkenntnis schon unerfreulich genug, so waren die daraus resultierenden Konsequenzen noch schauderhafter.
In der folgenden Nacht wurde Vlad die schmerzliche Lektion erteilt, dass die Liebe zu einem Menschen nicht nur mit Zufriedenheit und Glück, sondern auch mit innerlicher Zerrissenheit und abgrundtiefer Verzweiflung verbunden sein konnte. Denn mit der Gewissheit über die eigenen Empfindungen ging ein fatales Unrechtsbewusstsein einher: Vladislaus wusste genau, dass bereits der Gedanke an solche verfehlten Leidenschaften nicht nur überaus schändlich war, sondern wahrhaftig nichts anderes als eine schwere Sünde darstellte. Der christliche Glaube verurteilte die Existenz solcher lästerlichen Gelüste aufs Schärfste und für die Kirche fielen derartig sündige Begehren unter den sträflichen Frevel der Ketzerei. Die heilige Inquisition sah für Menschen, die solch ein abscheuliches Verlangen nicht nur hegten, sondern dieser geistigen Verfehlung obendrein noch nachgaben, drakonische Strafen vor, deren Maß von der Schwere des schändlichen Vergehens abhing. Wer sich aufs Schlimmste versündigte und in Verdacht geriet, das Bett mit einem Menschen gleichen Geschlechts zu teilen, dem war der Feuertod in den verzehrenden Flammen eines Scheiterhaufens gewiss...
~*~
Jene strengen Glaubenslehren trugen eine erbitterte Schlacht mit den sündhaften Gefühlen in Vlads Innerem aus und alsbald gelang den aufgewühlten Emotionen im Herzen des tapferen Kriegshelden etwas, dass weder seine türkischen Widersacher noch alle andere Schrecknisse, mit denen er es bis zu diesem Moment aufnehmen musste, jemals vermocht hatten. Während funkelnde Sterne und silbriges Mondlicht jene warme Sommernacht im vergangenen Jahr erhellten, lag Vlad in seinem bequemen Bett und führte den schwersten Kampf seines Lebens. Was er fühlte, durfte nicht sein - und doch brannten die verbotenen Empfindungen für Gabriel so heiß in seinem Inneren, dass sie schier unauslöschlich schienen.
Die unterkühlte Nüchternheit seines Verstands und das Wissen um kirchliche Gebote kämpften verbissen gegen die tiefe Liebe und die begehrliche Sehnsucht nach größtmöglicher Nähe zu Gabriel und wie die meisten Gefechte blieb auch dieses nicht ohne Verluste. Das unvermeidliche Opfer jener widerstreitenden Gedanken und Gefühle war schließlich Vlads Selbstbeherrschung. Seit einer längst vergangenen Kindheit war ihm seine schier unerschütterliche Fassung nicht mehr auf diese entwürdigende Weise abhanden gekommen und nun, da es erneut so weit kam, schien er dagegen genau so machtlos wie einst...
Vlads gegenwärtige Qual war jedoch wesentlich schmerzhafter als jene aufgeschlagenen Knie, mit deren Versorgung sich die vornehme Dame des Hauses nicht die zarten Finger beflecken mochte und deshalb ihre Bediensteten mit solchen scheinbar niederen Aufgaben betraute. Gábor war es, der nach solchen Missgeschicken das verkrustete Blut von den kleinen Beinen entfernt und ebenso behutsam die Tränen von Vlads Wangen getupft hatte. Und Gábor war es auch, der ihn damals tröstend in den Arm nahm und sich bis zum heutigen Tag auf eine taktvolle Weise um das Wohlbefinden des hübschen Adligen sorgte, welche die eisige Gefühlskälte seines Elternhauses nicht zuließ.
Mochte es ansonsten nicht sonderlich viele Dinge geben, von denen der treueste Angehörige seiner Dienerschaft nichts erfahren durfte, so war Vladislaus in dieser Nacht doch völlig allein mit seinem entsetzlichen Zwiespalt.
Sein innerer Schmerz war so intensiv wie die verbotene Zuneigung zu Gabriel und obwohl sich der junge Aristokrat mit aller Macht gegen jenes furchtbare Stechen in seiner Brust und ein damit einher gehendes Würgegefühl wehrte, gewann die tückische Seelenqual am Ende doch die Oberhand. Und so hatte Vlad sich wie in fernen Kindertagen in seinem Bett zusammen gerollt, die weiche Decke über seinen bebenden Körper gezogen und letzten Endes dem nachgegeben, was seine Beherrschung mit der Kraft einer eisigen Flutwelle hinweg spülte.
Obwohl die Milde dieser sommerlichen Nacht von der Gluthitze des zurückliegenden Tages zeugte, fror Vlad in diesen grausigen Momenten erbärmlich und es dauerte nicht allzu lang, bis sich die ersten Spuren schmerzlichem Unglücks ihren Weg über seine Wangen bahnten. Alsbald wurde aus dem Rinnsal silbrig schimmernden Elends eine Flut lang erstickter Tränen, die Vlads scheinbar zugeschnürter Kehle ein klägliches Schluchzen, ein schmerzerfülltes Wimmern nach dem anderen entlockte. Ihm kam es vor, als ob dieser grausame Zustand stundenlang andauerte, aber irgendwann hatte Gott wohl doch Erbarmen mit dem Leiden seines recht sündigen Kindes und sorgte dafür, dass ein barmherziger Schlaf Vlads bitterliches Weinen endlich verstummen ließ...
Am nächsten Morgen erwachte der junge Adlige mit einem lästigen Brennen in den schmerzenden Augen. Als er sein blasses Gesicht seufzend in den eigenen Händen barg und versuchte, die drückende Müdigkeit der recht kurzen Nachtruhe durch ein ausgiebiges Gähnen zu vertreiben, schimpfte er sich selbst einen kompletten Narren für diese irrigen Emotionen. Diese nunmehr ausgesprochen sachlichen Gedankengänge zogen alsbald einen entsprechenden Entschluss nach sich:
Es war höchste Zeit, diesem romantischen Unfug mit aller gebotenen Vernunft zu begegnen. Er musste sich diese fehlgeleiteten Gefühle schleunigst aus dem Kopf schlagen und wie alles, was Vladislaus Valerious begann, würde ihm auch dieses Unterfangen gelingen! Und so redete er sich ein, dass seine lächerlichen Empfindungen für Gabriel nicht mehr als eine vergängliche Schwärmerei sein konnten, eine flüchtige Verirrung seines Herzens, die sicher alsbald vergehen würde.
In der folgenden Zeit musste Vlad jedoch zu seinem nicht unerheblichen Leidwesen feststellen, dass seine Zuversicht verfrüht war und er die Ernsthaftigkeit dieser innigen Zuneigung wohl gehörig unterschätzt hatte.
~*~
Trotzdem ließ er in den kommenden Wochen und Monaten kaum etwas unversucht, um die verbotene Liebe in seinem Herzen zu ersticken oder zumindest auf ein angemessen sittsames Maß zurückzudrängen. Vlad suchte das Vergessen zunächst bei einigen Gläsern vorzüglichen Karpatenweins, doch diese Form des Verdrängens verschaffte ihm nur eine kurze Erlösung und letztlich erreichte der junge Adlige trotz manches Trinkgelages letztlich nur das exakte Gegenteil der gewünschten Wirkung. Zu Vlads seelischem Schmerz gesellte sich am folgenden Tag höchstens noch eine weitere Strapaze in Form dumpfen Kopfwehs und weil er vom Trinken ohnehin nichts hielt, gab er diese Methode zum Verlassen emotionaler Irrwege alsbald auf, um sich einer anderen Vorgehensweise zuzuwenden.
Hatte er der holden Damenwelt in letzter Zeit seine Aufmerksamkeit entzogen und Transsylvaniens Schönheiten mit ignoranter Missachtung gestraft, so holte er seine dahin gehenden Versäumnisse nun umso ausgiebiger nach. Und weil ihm dies nicht genügte, vernachlässigte er zugleich seinen besten Freund.
Vlad verstand allmählich, dass sein Empfinden für Gabriel ernster Natur war und er diese Gefühle deshalb nicht ablegen konnte wie ein unliebsames Kleidungsstück. Das Gewissen des hübschen Aristokraten gab allerdings genau so wenig Ruhe wie diese sündigen Gelüste und so begann er, einen Unschuldigen für seine verfehlten Gedankengänge zu bestrafen. Er mied Gabriel, wo es nur ging, besuchte ihn kaum noch und irgendwann schließlich gar nicht mehr.
Wenn sie sich überhaupt noch sahen, dann war es Gabriel, der ihn aufsuchte. Doch so bald sie beieinander waren, ließ Vladislaus ihn kaum noch etwas anderes als schneidend kalte Ablehnung spüren. Er bemerkte wohl, dass Gabriel unter seinem hartherzigen Verhalten litt und obgleich der attraktive Mann anfangs nichts zu diesem äußerst schroffen Benehmen sagte, verriet die bitterer Enttäuschung in Gabriels dunklen Augen doch, dass Vlads abweisendes Verhalten nicht spurlos an ihm vorüber ging. Diese stille, aber doch unverkennbare Betrübnis tat Vladislaus in der Seele weh und manches Mal fragte er sich todunglücklich, warum sein bester Freund dies alles eigentlich ertrug und trotz seines unhöflichen Umgangs mit ihm doch immer wieder den Weg nach Vaseria fand.
Irgendwann war die Grenze des Erträglichen jedoch nicht nur für Gabriel erreicht. Vlad wurde seiner amourösen Eskapaden überdrüssig und glaubte sich schon bald verflucht, denn die allzu ungezügelten Ausschweifungen ließen zu seinem beträchtlichen Verdruss den gewünschten Erfolg vermissen und zeigten die entgegen gesetzte Wirkung. Wann immer er ein junges Mädchen im Arm hielt, ihr sanfte Küsse schenkte und sie zärtlich berührte, empfand er selbst so gut wie nichts mehr dabei. Weil er sich aber unbedingt den Beweis antreten wollte, dass die Gefühle für Gabriel schon vergehen würden, wenn er nur die richtige Geliebte fände, spielte er seine Verführungskünste für gewöhnlich bis zum bitteren Ende aus. Doch selbst der Beischlaf mit diesen schönen Frauen konnte kein feuriges Begehren in Vlad entfachen und nur einen sündiger Gedanke machte diese Stunden überhaupt erst erträglich. Während sich die weichen Arme seiner jeweiligen Gespielin um ihn schlangen, gab er sich der einzigen Phantasie hin, die in jener Zeit heißes Verlangen in ihm aufbranden ließ: Wenn Vlad diesen Mädchen weitaus mehr als die körperliche Unschuld raubte, schloss er die Augen und träumte von Gabriel.
Doch um ein Haar hätte er sich mit seiner abweisenden Geringschätzung um etwas gebracht, dass ihm wirklich sicher war: Die freundschaftliche Bindung zu seiner heimlichen Liebe. Vlads impulsiver Kampfgefährte war nicht gerade der geduldigste Mensch auf Erden und deshalb war es schon sehr verwunderlich, dass dieser sich seine Launenhaftigkeit überhaupt so lange bieten ließ. Irgendwann war das Maß allerdings endgültig voll.
Vladislaus war es angesichts seiner unglücklichen und verbotenen Verehrung kaum noch möglich, Gabriels bloße Anwesenheit zu ertragen - der von ihm Geliebte war so nah und dabei doch so entsetzlich weit entfernt. Und dieses hübsche Geschöpf vor Augen zu haben, aber letztlich doch nicht auf jene zärtliche Art berühren zu dürfen, wie er es so heiß ersehnte, war eine schreckliche Tortur. Aber obgleich Gabriel gänzlich unschuldig an Vlads Verderbtheit war, wusste der junge Aristokrat sich doch nur durch einen Schutzwall herber Ablehnung vor allzu großem Schmerz zu bewahren.
Als er Gabriel jedoch eines Abends mehrmals mit äußerst boshaftem Sarkasmus vor den Kopf stieß, gebot ihm dieser wirksam Einhalt. Vlads bester Freund murmelte mit unüberhörbarer Kränkung etwas davon, dass seine Gesellschaft ohnehin nicht erwünscht sei und er nicht gedachte, den hochnäsigen Adligen durch weitere Besuche zu belästigen. Anschließend setzte er jenen breitkrempigen Hut auf, ohne den seine schöne Gestalt regelrecht unvollständig wirkte, drehte sich auf dem Absatz um und wandte sich ohne ein weiteres Wort zum Gehen.
Heiße Wellen bitteren Kummers schienen Vlads Inneres versengen zu wollen, als die hallenden Schritte der schweren Stiefel verklangen und doch rührte er sich nicht vom Fleck, sondern stand wie versteinert. Sein Herz schrie nach einer unverzüglichen Beilegung dieser Zwistigkeit und wollte verhindern, dass Gabriel von ihm ging, doch der Schmerz betäubte ihn so sehr, dass er sich einfach nicht umdrehen und den erzürnten Lockenkopf zum Bleiben bitten konnte.
Vladislaus zuckte zusammen, als die schwere Eingangstür zu seinen prachtvollen Gemächern schließlich krachend ins Schloss fiel und während sich alles in ihm zusammen krampfte, flüsterte ihm sein nüchtern kalter Verstand ein, dass vielleicht besser wäre, wenn Gabriel aus seinem Leben verschwände. Wie sollte Vlad die Liebe zu seinem besten Freund auch überwinden können, wenn er ständig mit dessen attraktivem Erscheinungsbild und jener vorwitzigen Wesensart konfrontiert war, die er so hinreißend fand?
Trotzdem war er unsicheren Schritts zum Fenster gegangen und hatte zugesehen, wie die hoch gewachsene Gestalt entschwand. Gabriel schien sichtlich aufgebracht und gab seinem braunen Hengst die Sporen, als ob der Teufel persönlich hinter ihm her wäre. Alsbald entschwand er Vlads Blicken, doch die unablässig über seine Wangen rinnenden Tränen raubten dem jungen Adligen ohnehin längst die klare Sicht.
Diese verbale Auseinandersetzung war gleichwohl erst der Anfang eines unsäglichen Leidens, denn die folgenden Tage und Nächte wurden eine einzige schreckliche Tortur.
~*~
Mehr als einmal erkundigte sich Gábor zutiefst besorgt nach dem Befinden seines Herrn und fragte nach der Art seines Leidens, doch der bekümmerte Aristokrat musste seinem vertrauten Untergebenen eine ehrliche Antwort verwehren. Ihm war es indes selbst ein Rätsel, wie er die äußere Maske unterkühlter Beherrschung weitestgehend aufrecht erhalten konnte, während seine Seele vor Schmerz und unbändiger Sehnsucht förmlich schrie.
Seit Kindertagen fürchtete Vlad die Dunkelheit nicht mehr, doch in diesen Tagen graute es ihm aus guten Gründen davor, sich am Abend zur Ruhe zu begeben.
Wann immer er in seinem Bett lag, sah er Gabriels charmantes Lächeln vor sich und dachte daran, dass er den attraktiven Mann zu seinem eigenen Besten niemals wieder sehen durfte. Aber schon die Vorstellung von einem Dasein ohne seine heimliche Liebe war für Vlad mit unbeschreiblichem Schmerz verbunden und nach ein paar Minuten des erbitterten Ringens um Fassung hatte er stets das Gefühl, das innere Elend wollte ihn in Stücke reißen. Er lernte schnell, dass es in diesen Kampf keinerlei Aussicht auf einen Sieg gab und unterlag Abend für Abend dem grausigen Wüten seines Kummers, bis die Ermattung stärker als das Herzweh war und sein jämmerliches Schluchzen erstickte. Doch dieser Frieden war trügerisch und kurz, denn er dauerte stets nur für wenige Stunden unruhigen Schlafs an.
Der erhebliche Mangel an erholsamer Ruhe sorgte dafür, dass der hübsche Adlige schon bald wie der Tod auf Beinen aussah. Die Bitternis seines furchtbaren Leids grub tiefe Schatten in Vlads nunmehr kränklich blasses Gesicht, der unglückliche Zug um seine Mundwinkel und ein erschreckender Mangel an Appetit taten ihr Übriges und zeugten davon, dass er sich alles andere als wohl fühlte. Die Ursache dieser Unpässlichkeit interessierte indes höchstens seine Dienerschaft, denn seine Familie stellte sich in erster Linie die dringliche Frage, ob der Erbe des Hauses seinen Pflichten in angemessener Form nachkommen könne.
Es dauerte kaum eine Woche, bis die Kraft des jungen Aristokraten restlos erschöpft war.
Kreidebleich und übernächtigt stieg er auf sein Pferd und während er auf dem Rücken des getreuen Rappen fast einschlief, fand das kluge Tier den Weg zum Anwesen von Gabriels Familie fast von selbst. Vladislaus kannte die wahrlich sagenhafte Starrköpfigkeit seiner heimlichen Liebe und rechnete deshalb fest mit einer Fortführung jenes unangenehmen Gesprächs, das ihre Wege getrennt hatte. Doch zu seiner erheblichen Verwunderung geschah nichts dergleichen, im Gegenteil - als er träge vom Pferd stieg, kam ihm sein bester Freund bereits zügigen Schritts und mit einem Lächeln im Gesicht entgegen gelaufen. Gabriel schien alles andere als erbost über sein Erscheinen zu sein und erkundigte sich nach einer äußerst freundlichen Begrüßung unverzüglich, ob er krank sei.
Diese Frage beruhte indes auf Gegenseitigkeit, doch dank einer bleiernen Erschöpfung entging dem schwarzhaarigen Edelmann gänzlich, dass der ungewöhnlich friedfertige Lockenkopf wohl genau so geschwächt und übermüdet wirkte, wie er sich selbst fühlte.
~*~
Vladislaus war hernach glücklich darüber, dass ihm das Wichtigste in seinem Leben erhalten blieb. Mochten seine Gefühle auch niemals eine Erfüllung finden, so hatten ihn die Tage ohne Gabriel doch zu wichtigen Erkenntnissen verholfen: Obwohl er seinem besten Freund zweifelsohne viel bedeutete, wusste Vlad doch genau, dass er Gabriels Herz niemals auf eine Art erobern konnte, die seine Sehnsucht zu stillen vermochte: Er würde seinen attraktiven Kampfgefährten niemals im Arm halten, ihm keine zärtlichen Küsse schenken können und nicht eine einzige leidenschaftliche Nacht mit ihm verbringen dürfen. Aber wie allen anderen Widrigkeiten, die das Schicksal dieser unerwiderten Liebe schon auferlegt hatte, gelang es auch dieser verhängnisvollen Gegebenheit nicht, etwas an Vlads Empfindungen zu ändern - denn trotz aller unüberwindlichen Hindernisse war es ihm erst recht unmöglich, ganz ohne Gabriel zu sein.
Vladislaus hatte sich lange Zeit gequält, doch nun verdrängte er seine Gefühle nicht mehr und gestand sich zu guter Letzt ein, dass er Gabriel über alles liebte. Diese Erkenntnis machte allzu sinnlose Ablenkungsmethoden überflüssig und ließ ihn alsbald die entsprechenden Konsequenzen ziehen.
Zdenka weinte bittere Tränen, als er sie verließ, doch Vlad sah sich nun völlig außerstande, diesem hübschen Mädchen und vor allem sich selbst noch länger etwas vorzuheucheln. Deshalb beendete er diese höchst einseitige Liebschaft in dem sicheren Wissen, dass niemand auf dieser Welt Gabriels Platz in seinem Herzen einnehmen konnte.
In der folgenden Zeit behandelte der einsichtige Adlige seinen besten Freund zuvorkommender denn je und obwohl der stille Schmerz unerfüllter Liebe nicht aus seinem Inneren weichen mochte, wurde etwas anderes immer leiser und leiser, bis es schließlich vollends verstummte.
Es ist Sünde.
Vladislaus wusste nicht, wie oft die mahnende Stimme seines gottgläubigen Gewissens ihm diesen strengen Tadel eingeflüstert hatte. Er bemerkte es zunächst kaum, doch das religiöse Pflichtgefühl meldete immer seltener zu Wort und immer dann, wenn jene anklagende Reue sein Herz mit eisigen Fingern umklammern wollte, vermochten die darin verwurzelten Gefühle diese sittenstrengen Fesseln durch eine nunmehr unerschütterliche Erwiderung zu lösen.
Es ist Liebe.
Vlad hatte es nicht für möglich gehalten und doch konnte er eines Tages nicht mehr nachvollziehen, weshalb er die Gefühle für Gabriel einstmals so sehr verteufelt hatte. Seine Empfindungen waren zwar einseitig und mussten um seiner selbst Willen ein Geheimnis bleiben, aber dies hielt ihn nicht länger davon ab, jede Minute mit seiner heimlichen Liebe zu genießen und höchst begehrliche Gedanken zu hegen, deren er sich nicht mehr schämte.
Doch kaum war dieser innere Aufruhr besänftigt, folgte das nächste Ärgernis auf den Fuß.
~*~
Vladislaus schaute ein letztes Mal zu den fernen Berggipfeln, welche die untergehende Sonne in ein rotgoldenes Glühen getaucht hatte.
Dann wandte er sich langsam vom Fenster ab, ging zu seinem Schreibtisch und ließ sich auf das dunkle Samtpolster des bequemen Stuhls sinken. Er stützte die Ellbogen auf das edle Holz der Tischplatte und barg seufzend den Kopf in seinen Händen, um sich anschließend ein verdrießliches Gähnen zu gestatten. Der Grund seines Missbehagens lag direkt vor ihm und obwohl das goldgeprägte Stück Papier auf den ersten Blick recht harmlos wirken mochte, bargen die in kunstvoller Schrift verfassten Sätze doch eine unheilvolle Gewissheit: In den nächsten zwei Tagen würde er vor Langeweile schier vergehen.
Auf dem Schreibtisch lag eine Einladung, welche nicht nur ihm selbst, sondern auch allen anderen Mitgliedern des Hauses Valerious galt. Ein einflussreicher Angehöriger des rumänischen Adels hatte zum alljährlichen Empfang in seinem prachtvollen Anwesen geladen und weil die herrschaftliche Residenz dieses Edelmannes weit von Vaseria entfernt lag, würde die gesamte Familie erst am Tag nach der prunkvollen Gesellschaft zum eigenen Wohnsitz zurück kehren.
Die Erfüllung repräsentativer Pflichten war für den jungen Adligen nichts Neues. Schon von frühester Jugend an hatte ihn sein strenges Elternhaus an die Obliegenheiten seines gesellschaftlicher Standes herangeführt und für gewöhnlich waren ihm derartige Anlässe längst nicht so zuwider wie jener Person, der seine glühende Verehrung galt.
Trotz allen Verdrusses zauberte der Gedanke an Gabriel ein stilles Lächeln auf das Gesicht des schwarzhaarigen Aristokraten. Der heimlich Angebetete mied solche Abendgesellschaften wie der Teufel das Weihwasser und wenn derartige Empfänge in seinem Beisein erwähnt wurden, konnte man angesichts seiner angewiderten Mimik meinen, dass man über eine seuchenartige Krankheit spräche.
Es gab wohl nichts, was Gabriel an feierlichen Ereignissen in aristokratischen Kreisen schätzte. Der unangenehme Zwang festlicher Garderobe, die aufgesetzt falschen Höflichkeiten der adligen Gäste, die affektierten Konversationen und ganz besonders die unvermeidlichen Tänze waren für den ruhmreichen Kriegshelden wohl alles andere als vergnüglich.
Vlad hatte ihn einmal im Scherz gefragt, ob er einen erneuten Angriff der Türken dem Besuch einer Abendgesellschaft vorziehen würde und als der talentierte Schwertkämpfer daraufhin ernsthaft über die Antwort nachdachte, war es Vlad unmöglich, sich das Lachen zu versagen.
Gabriels hübschen Zügen haftete ohnehin ein ganz besonderer Reiz an, wenn dieser aufgebracht war. Deshalb erlag Vladislaus trotz seiner tiefen Empfindungen des Öfteren der Verlockung, die Schwächen des vorwitzigen Lockenkopfs zu erkunden. Das empörte Funkeln in diesen wunderschönen Augen war einfach zu bezaubernd, um länger auf einen solchen Anblick verzichten zu können und im Laufe der Zeit wurde er immer begabter im Finden neuer Möglichkeiten, den attraktiven Mann aus der Fassung zu bringen. Gabriel zu ärgern zählte nunmehr zu Vlads liebsten Beschäftigungen und ein kleiner Wildfang namens Aranka schien seine infame Vorliebe für diesen vergnüglichen Zeitvertreib durchaus zu teilen.
~*~
Vladislaus betrachtete die ausgesprochen vornehme Kleidung, die Gábor bereits vorsorglich über einen Stuhl gehängt hatte. Es war ein hübsches Ensemble, dessen eng anliegender Schnitt Vlads schlanker Figur ebenso schmeicheln würde wie die Farben des kostbaren Stoffes - samtiges Schwarz und leuchtendes Blutrot passten zweifelsohne hervorragend zur zartweißen Haut seines Gesichtes und dem ebenholzfarbenen Glanz seines Haars. Aber obwohl Vladislaus die noble Eleganz solcher Garderobe durchaus zu schätzen wusste und ihm beim Gedanken an Feierlichkeiten in Adelskreisen im Gegensatz zu bestimmten Menschen nicht sofort die langen Haare zu Berge standen, bereitete ihm die Aussicht auf diesen Empfang aus gutem Grund einiges Unbehagen.
Es fing schon damit an, dass er für zwei Tage in den höchst zweifelhaften Genuss kam, seine Eltern beinahe ständig um sich zu haben. Insgeheim fragte er sich manches Mal mit bitterbösem Sarkasmus, was schwerer zu ertragen war: Die hochmütige Affektiertheit seiner Mutter oder das herrische Gehabe seines Vaters. Beides war ihm inzwischen ebenso gleichgültig wie das ermüdende Gerede, welches er sich regelmäßig zu solchen feierlichen Gelegenheiten anhören durfte: Während Vlads Blick über die Tanzfläche schweifte und seine Gedanken wie in nahezu jedem unbeobachteten Augenblick einem brünetten Lockenkopf galten, unterhielten sich seine Eltern höchst angeregt darüber, mit welcher der anwesenden Töchter aus hochherrschaftlichem Hause ihr Sohn den Bund der Ehe schließen sollte, um Ansehen und Macht der eigenen Familie zu vergrößern.
Vlad entlockte dieses einschläfernde Geschwätz bestenfalls ein freudloses Lächeln und soweit es möglich war, enthielt er sich jedwedes Kommentars. Er gönnte seinen Eltern die naive Freude ihrer berechnenden Mutmaßungen, denn sie war ohnehin verfrüht - wenn sie tatsächlich glaubten, dass er sich von ihnen verheiraten ließe, dann unterlagen sie einem gehörigen Irrtum.
Vlads tiefe Gefühle hatten ihn durch ein dunkles Tal voller Zweifel und zermürbender Gewissenskonflikte gehen lassen, aber das Ende dieser schweren Zeit hatte eine sichere Erkenntnis mit sich gebracht: Er war sich nunmehr im Klaren darüber, die Liebe seines Lebens gefunden zu haben.
Und obgleich sie im Verborgenen blühte, würde er ihr trotzdem bis ans Ende seiner Tage die Treue halten und sich zu einer arrangierten Bindung weder überreden noch zwingen lassen. Allzu lebhaft sah er Zdenkas tränenüberströmtes Gesicht vor sich, allzu gut hörte er ihr bitterliches Schluchzen, als er diese Liaison aufgrund weitaus ernsterer Empfindungen beendet hatte. Das herzerweichende Unglück dieses jungen Mädchens hatte Vlad aufgezeigt, wie gefühlskalt er all seine früheren Liebschaften behandelt hatte und er wollte nicht, dass sich noch eine hübsche Frau für den Rest ihres Lebens nach seiner Zuneigung verzehrte - einer Zuneigung, die ihr aufgrund eines Eheversprechens zwar zustehen mochte, aber doch auf ewig verwehrt bliebe, weil sein Herz längst verschenkt war.
~*~
Mochte Vlad manche Mitglieder seiner Familie und deren anstrengendes Gebaren ansonsten mit Fassung, bitterbösem Spott oder stolzer Unbeugsamkeit ertragen, so erweckte der Gedanke an die nächsten zwei Tage nun nicht die geringste Vorfreude in ihm.
"Ich will nicht!" Knurrte er deshalb in die Stille des Zimmers.
Der Klang seiner Stimme entlockte ihm ein süffisantes Grinsen. Vladislaus Valerious, geachtet und verehrt von den Menschen in Transsylvanien, verhasst und gefürchtet von jedem Feind, murrte gerade wie ein kleines Kind, welches eine ungeliebte Speise verweigerte. Nun, er war allein in seinen eigenen Räumlichkeiten und deshalb war dieser schwächliche Gefühlsausbruch wohl verzeihlich.
Vlad seufzte leise, rieb sich mit den Fingern über die Schläfen und dachte zugleich über einen rettenden Ausweg nach. Es musste sich doch eine Möglichkeit finden lassen, diesem unliebsamen Ereignis fernzubleiben, die nächsten zwei Tage mit einem amüsanteren Zeitvertreib als der Teilnahme an jenem Empfang und vor allem in angenehmerer Gesellschaft als jener seiner Familie zu verbringen...
Der verschlagene Adlige begriff schnell, dass er im Grunde genommen nur zwei Chancen hatte, um dem drohenden Unheil zu entrinnen:
Er konnte seine unbeugsame Starrköpfigkeit ein weiteres Mal unter Beweis stellen, seinen zweifelhaften Ruf als schwarzes Schaf in dieser treuen Herde von Roms willfährigen Dienern festigen und sich dem Willen des Familienoberhauptes widersetzen. Dies würde aller Wahrscheinlichkeit nach dazu führen, dass die Grundfesten dieses altehrwürdigen Herrenhauses von der Lautstärke der verbalen Auseinandersetzung mit seinem Vater erzitterten. Vlad hatte sich diesem herrischen Tyrann noch niemals gebeugt und würde es weder zu dieser noch zu irgendeiner anderen Gelegenheit tun, doch ausnahmsweise verspürte er nun keine Lust zum Streiten.
Also half nur noch eine Ausrede.
Vlads klugen Gedankengängen wohnte ein gewisses Maß hinterhältiger Raffinesse bei und so brauchte er nicht viel Zeit, um sich eine glaubhaften Vorwand auszudenken. Lächelnd stand er auf und bedachte die edle Garderobe mit einem letzten Blick, um kurz darauf das Fenster zu schließen und sich in sein Schlafgemach zu begeben.
~*~
Vladislaus brauchte nicht lange, um sich seiner dunklen Kleidung zu entledigen und in das bequeme Bett zu kriechen. Er winkelte die Beine an, rollte sich zusammen und zog schließlich die seidig weiche Decke bis zu seiner Nasenspitze, um sein verräterisches Grinsen zu verbergen. Die erste Person, die dieses Zimmer betrat, würde anstelle dieser erfreuten Gefühlsregung einen schmerzverzerrten Ausdruck körperlicher Qual in seinen Zügen entdecken - diese Mimik entsprach zwar mitnichten seinem tatsächlichen Befinden, würde ihn aber vor der drohenden geistigen Erschöpfung durch die eigene Familie bewahren.
Doch vorerst war Vladislaus allein und verbrachte zunächst einige Minuten damit, sich über die Art seiner plötzlichen Unpässlichkeit klar zu werden. Dann schloss er die Augen, um den Raum und allen Verdruss mit sämtlichen Mitgliedern des Hauses Valerious aus seiner Wahrnehmung zu verbannen. Als er den Kopf etwas tiefer in das bequeme Kissen drückte, verwandelte ein sehnlicher Wunsch die Gehässigkeit seines Grinsens in leise Wehmut: Nur allzu gern wollte Vlad seinen Kopf nun an Gabriels Schulter betten, sich an dessen wohlgeformten Körper schmiegen und das Gesicht in den duftenden Locken seiner heimlichen Liebe vergraben.
Reviews, anyone? ^.^
(Meine Antworten auf eure Kommentare zum Prolog findet ihr unter selbigem!)
Eine kurze Anmerkung zu einem Charakter aus diesem Kapitel habe ich auch noch:
Zdenka heißt nicht ohne Grund Zdenka. Ihr Name ist eine kleine Hommage an eine sehr empfehlenswerte Kurzgeschichte von Alexej Tolstoi (japp, ich war wieder mal auf Raubzug in der Weltliteratur ;-)). Sie heißt "Die Familie des Wurdalak" und ist eine der schauerlichsten Vampirgeschichten, die ich jemals gelesen habe. Und der weibliche Hauptcharakter jener Story heißt eben Zdenka, aber "meine" Zdenka hat mit der von Tolstoi erdachten Figur eigentlich nichts außer dem Namen und dem blonden Haar gemeinsam.
Wer sich nun fragt, was denn jetzt bitte ein Wurdalak sein soll (oder auch Wurdelak - es gibt zwei Bezeichnungen, aber die Bedeutung variiert nicht), dem sei erklärt:
Ein Wurdalak ist im Grunde genommen ein Vampir wie jeder andere auch. Es gibt nur einen ziemlich schauderhaften Unterschied - diese Untoten, an die vor allem im slawischen Sprachraum geglaubt wurde, bevorzugen das Blut der Menschen, die ihnen im sterblichen Leben am Nächsten standen und wählen sich somit zuerst ihre Verwandten und Freunde als Opfer. ^^'
Zdenka ist übrigens nicht der einzige Name, den ich Tolstois Erzählung entlehnen werde, aber darauf komme ich dann zu gegebener Zeit zurück. So, und nun ist eure Meinung zu diesem Chapter gefragt. :->
EDIT: (30.04.2005)
Hallo zusammen,
Weil ich heute doch tatsächlich zwei Reviews gekriegt habe, gibt's das neue Chap. ;-> Nein, Spaß beiseite - es ist fertig und findet deshalb seinen Weg ins Internet.
Aber nun mal zu euren Kommentaren:
Zuerst möchte ich euch allen danken, hab mich wie immer sehr über jedes Review gefreut!
@ Pharaonin:
Wie fast immer warst Du die Erste. :->
"Ich war bei diesem Kapitel zwischen Lachkrämpfen und Heulanfällen hin und her gerissen."
*g* Japp, das kommt mir sehr bekannt vor. Vieles in dieser FF ist einfach tragikomisch und beim Schreiben schwanke ich derzeit auch zwischen Gelächter und tiefer Ernsthaftigkeit.
@ Ebisu und Sabse:
Hey, wieder neue Gesichter! *freutsich*
"Ich finde du bist wirklich begnadet (das sage ich, weil ich auch die beiden anderen Geschichten gelesen hab.)"
Erst einmal möchte ich mich für dieses wirklich große Kompliment bedanken. :->
Und dann hätte ich noch die Frage, wie viele Stunden Du zum Lesen von "Lost and Found" und "Specter of the Past" benötigt hast. Beide Fanfics haben zusammen ja fast schon die Ausmaße eines Romans. ^.^ (Und das ist noch längst nicht alles, was mir zu D/G so einfällt! *g*)
@ Sabse:
Auch Dir danke ich für dieses Riesenlob, so etwas liest man gern!!^^ Wobei ich sagen muss: Wenn ich derzeit gelegentlich mal in "Lost and Found" etwas nachlese, sehe ich doch eine ziemliche Weiterentwicklung, was mein Geschreibsel angeht. Durch die ständige Übung verbessert man sich doch sehr.
"... ich hoffe ich komme bald in den Genuss des nächsten Kapitels."
Japp, kommst Du. *g* Das Warten hat ein Ende und pünktlich zur Walpurgisnacht gibt's die Fortsetzung. :->
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