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von knight-of-pentacles    erstellt: 06.11.2004    letztes Update: 06.03.2005    Geschichte, Allgemein / P12    (fertiggestellt)
Weit mehr als 100 000 Iraker, weit mehr als 1000 Amerikaner, jugendliche Soldaten, sind gestorben, Geiseln wurden genommen, Städte zerstört; Unzählige Verwundete.
America hat gewählt, die rot - weiß - blauen Stars and Stripes flattern, oh say can you see?

America bekam eine Chance - America hat sich entschieden, es war eine faire Wahl; Entschieden für einen, der als Cowboy  oder Marionette oder Beschützer des Landes gesehen wird - es kommt ganz auf den Standpunkt an. Der andere, den Mr. President "my opponent", überzeugte Republikaner "flip - flop politician" und seine Fans zärtlich "JFK" titulierten, wird wohl weder Glorie noch Abgründe seines berühmten Idols teilen. Er, der über den Präsidenten zuweilen mit einem hilflosen "he" und einer allumfassenden Handbewegung sprach, wird vielleicht irgendwann versucht sein, in einer Autobiographie die grosse Niederlage als zentralen Punkt seines Lebens darzustellen - vielleicht auch nicht, doch wer könnte es ihm übel nehmen?

Aber wir wollen nicht über Politik sprechen; Jedermann spricht über Politik, nicht immer sonderlich qualifiziert.
Lassen wir die Flaggen wehen, tanzen wir über Architektur;
Sprechen wir stattdessen über Literatur.

Nicht über gute Literatur (oder was dafür gehalten wird); Gute Literatur ist Kunst, Kunst ist Lüge - Lüge kann Literatur sein.
Sprechen wir über ehrliche Literatur;

Sprechen wir über David Hare. Skandalschriftsteller, Drehbuchautor, Intellektueller, erfolgreich - umstrittende Persönlichkeit, wenn auch kein Star.
Im Frühling des Jahres 2004 schrieb David Hare ein Theaterstück, ein Historienstück gleichermassen, dessen Faszination darin liegt, dass es beinahe noch in der Gegenwart spielt.
"Stuff happens" sagte Donald Rumsfield, "the american hawk", als er nach den Ereignissen im Irak befragt wurde.
"Stuff happens" nennt Hare auch sein Stück.

Dokumentationen sind beliebt, derzeit, egal ob es sich um Michael Moore's Holzhammerpropaganda oder Jean Luc Godard's subtil - verfeinerte dokumentarische Fiktion handelt.
Auch David Hare spielt mit dem Konzept der Dokumentation. Sein Stück ist ehrlich, denn gut die Hälfte seines Textes besteht aus Zitaten. Zitaten von Politikern, während "stuff happend".
"When doors close on the world's leaders and their entourages, then I have used my imagination" schreibt Hare als erklärendes Vorwort.

Und so bekam im Frühherbst 2004 das Publikum im Londoner XYZ - Theater eine Dokumentation des Scheiterns vorgesetzt.
Der Irak - Krieg, natürlich. Der Irak - Krieg, der die Gemüter erhitzt, seit über einem Jahr. Der Krieg, zu dem fast jeder eine Meinung hat, der Krieg der in den Medien als grauenvolle Abenteuer - Serie gebracht wurde. Whatever.

Das Stück ist nicht schlecht. Es ist allerdings auch nicht sonderlich gut. Als Dokumentation zu freischwebend, als Satire zu ernsthaft, als Tragödie zu kühl; Die Handlung allzu bekannt.
Das Publikum lachte. Und das war ganz bestimmt nicht der Zweck.
"Utterly boring" fanden es manche.
Die Schauspieler gestanden zögerlich, dass es schwierig war, Persönlichkeiten zu verkörpern, die omnipresent zu sein scheinen, ohnehin.

Aber, versuchen wir fair zu sein. Vielleicht lachte das Publikum nicht aus dem selbstsüchtigen Gefühl des Amusements sondern aus dem ebenso selbstsüchtigen Gefühl der Betroffenheit. Vielleicht lachte man auch, weil man nicht wusste, was man sonst tun sollte, wenn auf der Bühne, verzerrt durch die Linse der Kunst, die Tragödie des Zustandekommens des Krieges, den so manch einer schon als "Vietnam II" bezeichnet hat, ablief.
Spannend bleibt stets die Spekulation - war es wirklich so, fragen wir mit Augen und Stimme des Kindes, das eine "wahre" Geschichte hören will, wenn sich die Türen zu den Konferenzsäalen und Bureaux schliessen.
Natürlich ist sie wahr, diese Geschichte. Jede Szene ist wahr, wenn sie passiert sein könnte.

David Hare lässt eine Menge politischer Prominenz über die Bühne taumeln. Ja, taumeln, denn der Sturm des Krieges hat sie erfasst und sie lassen sich von ihm treiben, kämpfen vielleicht auch gegen ihn an, manche.

"Stuff happens" bleibt zahm und zynisch, wohl gibt es ein paar goldene Momente, etwa wenn Hare seinen Colin Powell einige Mitglieder der Pro-War-Coalition als "a group of people getting a hard-on about the idea of war and not giving a damn for realitiy" definieren lässt oder wenn Hare's Blair findet "Blix is running around Mesopotamia like Hercule Poirot. The whole world is watching and everyone seems to think it's some kind of game. Everyone thinks "if Blix doesn't find the weapons, then Saddam wins." The man is a murderous dictator and we've turned the whole thing into Cluedo."
Das Publikum lachte, natürlich.

Vielleicht lachten sie auch ob der Lächerlichkeit an sich. Vielleicht kann man sich mit einem lächerlichen Krieg leichter abfinden.
David Hare ist ein politischer Mensch, doch zieht er nicht den berühmten Strich zwischen gut und böse. Hare zeigt auf. Seine Kunst scheint objektiver als die live TV coverage von CNN.
CNN wertete.

Auch Kriegsberichterstattung ist Kunst; Es ist die Kunst des Im - richtigen - Moment - hin - und - wieder - weg - sehens. Obzwar: keine Kunst die gefällt. Oder?
Während des Bombardements auf Baghdad verzeichneten die TV-Channels denkwürdig hohe Einschaltquoten.
Das Bombardement von Baghdad, Bomben als grelle Blitze in dunkler Nacht, Krachen und von fern die verzerrte Stimme des Journalisten, der, tapfer oder dumm - wer wagt es, ein Urteil zu fällen? - in einem Hotel in der Stadt blieb.
Surreale Schönheit eines Avantgarde-Films, der etlichen tausend Menschen das Leben kostete.

Die Welt, das haben wir vor langer Zeit gelernt, ist weder fair noch geschmackvoll. Schwenkt die Flaggen, seht Mr President den Krieg als beendet erklären, zu irgendeinem, nicht weiter relevanten Zeitpunkt, hört die Hymne, hört die Lügen, hört die Schreie der Sterbenden, holt euch eure rote Tapferkeitsmedaillie, gewinnt eure Schlacht.
Ja, gewinnt sie, ich bitte euch.

Jene, die sich dagegenstellten, die Kriegsgegner, die "axis of weasles", hatten keine reinen Motive, doch wer hat sie schon?
Ein prominenter französischer Politiker gestand in halboffizieller Runde, dass Frankreich ebenfalls Truppen gen Irak entsandt hätte, wenn Deutschland umgefallen wäre. Vice versa.
Eine Chance, einen Staat wieder in das Zentrum der diplomatischen Bühne zu rücken.

Was zählt schon - Taten oder Motive? Bushs Motive sind vielleicht rein (sofern er nicht die Marionette ist, als die er gern gesehen wird). Er glaubt an die Idee hinter den Taten, die die Regierung seines Landes setzt. Vielleicht weiß auch er, dass Ideen allein nicht töten.

"Four more years" jubelt ein signifikant grosser Teil Americas; Und ich denke "Bush happens".
 
 
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