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von Schattenstern
erstellt: 08.04.2004
letztes Update: 08.04.2004
Geschichte, Drama / P6
(fertiggestellt)
Teil: 1/1
Autor Schattenstern
e-Mail: Schattenstern@livejournal.com
Disclaimer: Bareil, Nalas und die ganze Welt drumrum, also DS9, gehören bekanntermaßen nicht mir, sondern den Leutchen von Paramount, ich mache kein Geld hiermit und will auch keine Urheberrechte verletzen - wie üblich ^_^
Archive: Fanfiktion.de (http://www.fanfiktion.de). Wenn du diese Geschichte in dein Archiv aufnehmen möchtest, frage mich bitte.
Anmerkung: Diese Geschichte spielt etwa zehn Jahre vor der ersten Staffel von DS9, als die Cardassianer noch auf Bajor herrschten. Ich habe mir die Infos aus diversen Andeutungen zusammengesammelt und rausgefunden, dass das Lager/Kloster namens Rellitekh, in dem Bareil eine Zeit lang lebte, am Fuße der Berge lag, in denen sich Li Nalas nach eigenen Aussagen aufhielt.
Warnungen: ---
Jemand wie er
Blut färbte die Pflanzen rot. Blut an seinen Händen.
Mit geübten Handgriffen ging der junge Vedek seiner Arbeit nach, verband die Wunde des Verletzten und legte ihm für einen Augenblick die Hand auf die Schulter. Mehr als Schmerzen lindern und Trost spenden konnte er nicht. In Momenten wie diesen war er so manches Mal nahe daran, die Propheten für ihre Ungerechtigkeit zu verfluchen, doch was er in den Augen seiner Schutzbefohlenen sah, ließ ihn dieses Vorhaben bald wieder vergessen.
Der Mann auf dem Bett vor ihm konnte nicht sprechen, die Cardassianer hatten dafür gesorgt. Doch aus seinem Blick sprach Dankbarkeit, und das brachte ein Lächeln auf die Züge des Vedeks.
Dann eilte er weiter, widmete sich dem nächsten Verwundeten. Es war keineswegs so, dass er sich ein Ende seiner Arbeitszeit herbeisehnte, egal, wie erschöpft er war, doch hätte er einen Wunsch äußern dürfen, so hätte er um einen Tag gebeten, an dem nicht mindestens ein Bajoraner in die Räume des Kloster getragen wurde, der befürchten musste, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben. Es gab kaum moderne medizinische Gerätschaften im Kloster von Rellitekh; die wenigen Mittel, die ihnen einst zur Verfügung gestanden hatten, waren längst verbraucht.
Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt noch nicht überschritten, als Bareil sich auf den Boden neben der Tür sinken ließ und sich mit der Hand durch die dunklen Haare fuhr. Die Männer und Frauen des Klosters hatten ihr Bestes gegeben und die meisten Verwundeten würden bald wieder aufstehen können - doch körperliche Wunden waren vermutlich ihre kleinsten Sorgen. Bareil musste ihre Worte nicht hören, um zu wissen, was sie dachten.
Sie alle hatten Leid erfahren, und allzu oft erwuchs aus Leid tiefster Hass. Sie würden das Kloster verlassen und kämpfen. Kämpfen und anderen den Tod bringen.
Der Vedek, der Tag für Tag erleben musste, wie Männer und Frauen ebenso vor seinen Augen starben wie Kinder, hätte sie gerne davon abgehalten, doch stand es ihm nicht zu.
Mit einem Seufzen erhob er sich wieder, bemerkte erst jetzt das Blut an seinen Händen und fragte sich beiläufig, was für einen Anblick er wohl abgeben musste, als er in das Arboretum hinaustrat und zu dem kleinen, künstlich angelegten See ging, der ein wenig abseits des Gebäudekomplexes lag. Noch war Rellitekh eine Insel des Friedens, ein Zufluchtsort ebenso wie eine Ruhestätte.
Das lebendige Grün der Pflanzen um ihn herum war eine willkommene Abwechslung zum Sterben, dem er sich ausgeliefert sah. Als er den See erreicht hatte, ging er am Ufer in die Hocke und wusch seine Hände im kalten, klaren Wasser. Wasser, so überlegte er nicht zum ersten Mal, war so viel reiner als all die Kämpfer, die töteten - auch wenn sie es taten, um selbst zu überleben. Und er war froh, dass die Propheten so etwas wie Wasser geschaffen hatten, das ihm dies vor Augen führte.
Bareil schrak aus seinen Gedanken hoch, als ein nahes Gebüsch zu rascheln begann. Es lebten zu wenige Tiere im Arboretum, als dass es etwa ein Vogel hätte sein können und so vermutete er intuitiv jemanden, der, wie so viele, an diesem Ort Zuflucht suchte.
Er sollte rechtbehalten.
Der Mann, der ihm praktisch vor die Füße fiel, war verletzt, die Wunde an seiner Seite blutete offenbar stark, färbte den zerrissenen Stoff seiner Kleidung ebenso rot wie die Pflanzen.
"Die Anderen..." Die Stimme des Fremden klang rau, das Sprechen bereitete ihm Mühe. Und doch galt seine Sorge offensichtlich seinen Weggefährten, wo auch immer diese sich nun befanden.
"Keine Sorge. Die Prylare werden sie finden und sich um sie kümmern", versicherte Bareil ihm und wünschte sich gleichzeitig, sich dessen so sicher zu sein, wie er behauptete. Sicherheit war ein seltenes Gut in Zeiten wie diesen.
"Komm."
Er bückte sich und half dem Anderen auf die Beine, stützte ihn, als sie zum Kloster zurückgingen. Der Vedek wies die diensthabenden Prylare an, nach möglichen anderen Verletzten zu suchen und führte dann den Fremden zu einem Lager in einer Ecke des Raumes - Betten waren ebenso Mangelware wie medizinische Versorgung.
Der Andere ließ sich auf das saubere Stroh sinken und blickte sich aufmerksam um. Misstrauisch?
Bareil zuckte unwillkürlich zusammen, als er das Familienemblem auf dem Ohrring des anderen Mannes sah. Es gab wohl keinen zum Wiederstand gehörenden Bajoraner, der dieses Zeichen nicht erkannt hätte.
"Li Nalas."
Ehrfurcht ließ ihn flüstern und er senkte den Blick. Egal, wie geschwächt er in diesem Augenblick war, dieser Mann war ein Held. Eine Legende.
"Nein. Bitte..." Der flehende Klang in Nalas' Stimme ließ den Vedek aufsehen. "Niemand sollte jemanden wie mich..." Weiter kam er nicht. Erschöpfung und Schmerz forderten ihren Tribut und raubten ihm das Bewusststein.
So behutsam wie möglich machte Bareil sich daran, seine Wunde zu versorgen, wusch ihn, tat, was er konnte. Li Nalas. Die Identität des Anderen ging ihm nicht aus dem Sinn. Ein Held. Jemand, dessen Gedanken immer zuerst bei anderen weilten und erst danach bei sich selbst. Jemand wie er durfte nicht sterben.
***
Es war Abend, als Nalas das Bewusstsein wiedererlangte. Als die beiden anderen Vedeks erfahren hatten, wer ihr neuer Gast war, hatten sie Bareil bereitwillig zugestanden, bei ihm zu bleiben und mit ihm zu reden, sobald er erwachte. Man war zu dem Schluss gekommen, dass Nalas' Verletzung zwar schmerzhaft, nun aber nicht mehr lebensgefährlich war, doch Bareil kam nicht umhin, sich zu sorgen.
Er war im Gebet versunken und merkte darum nicht, wie sein Schutzbefohlener wieder zu sich kam. Für einen Augenblick betrachtete Nalas den Vedek, der völlig reglos und mit geschlossenen Augen neben ihm kniete. Ruhe und Selbstsicherheit, das war es, was dieser Mann ausstrahlte. Das war es, was er selbst sich wünschte. Er erinnerte sich daran, von ihm gefunden worden zu sein und empfand Dankbarkeit für diesen Mann, doch damit einher ging ein ganz anderes Gefühl: Unwürdigkeit.
Er verdiente es weder, von einem Vedek gepflegt, noch als Held verehrt zu werden. Wenn er etwas nicht war, dann ein Held.
Er wollte sich aufrichten, sehen, ob man auch Nera, Lotha und Talin hatte retten können. Auch sie hatten ihr Leben aufs Spiel gesetzt, mehr getan als er selbst. Doch als er sich zu bewegen versuchte, ließ ein plötzlicher Schmerz ihn innehalten und ein gepresstes Stöhnen kam über seine Lippen.
Der junge Vedek erwachte augenblicklich aus seiner Erstarrung, Sorge zeigte sich deutlich in den braunen Augen. Nur Sorge?
Verwirrt durch die plötzliche Bewegung fasste Bareil den Anderen am Arm und drückte ihn zurück auf sein Lager, ließ sich seine Gefühle nicht anmerken. Die Fürsorge war ihm unangenehm und so ließ der Vedek es dabei bewenden, entschieden den Kopf zu schütteln und sich in einer bequemeren Haltung neben ihn zu setzen.
"Wie ist das passiert?" Er deutete auf die Verletzung. Nalas seufzte Leise.
"Wie wohl?"
Schweigen.
Nalas spürte den Blick des Vedeks auf ihm ruhen, ruhig und voller Vertrauen in sich selbst und in die Propheten. "Ich könnte das nicht", murmelte er schließlicht, "Glauben, meine ich. Versteh' mich nicht falsch, ich glaube an die Propheten und den Himmlischen Tempel, aber..."
"Aber nicht an dich selbst."
Die Schlussfolgerung des Anderen überraschte Nalas, eben weil sie der Wahrheit entsprach. Niemand sonst wollte die Wahrheit sehen.
"Du hast Angst, deinem Ruf nicht gerecht zu werden, ist es nicht so?"
"Ich will diesen Ruf nicht. Ich habe ihn niemals gewollt."
Es überraschte Bareil, wie sehr ihn der resignierte Tonfall des Anderen schmerzte. Die Wahrheit war, dass er beobachtete, zuhörte. Nalas sah zu Boden, wann immer er sprach, er verschränkte die Arme vor der Brust. Seine ganze Körpersprache drückte ein bestimmtes Gefühl aus. Angst? Aber warum? Dieser Mann war ihm ein Rätsel. Welchen Grund sollte ein Held haben, an sich zu zweifeln?
"Ich habe nie etwas großartiges getan. Einen Unbewaffneten zu erschießen, ist keine Kunst."
Schuld? War es Schuld, die das Handeln dieses Mannes bestimmte? Unwillkürlich legte Bareil ihm die Hand auf die Schulter.
"Es ist Krieg. Wer nicht sterben will, kann schnell gezwungen sein, andere zu verletzen."
Andere, fügte er in Gedanken hinzu, denen er nicht helfen konnte. Der Hass der Bajoraner auf ihre cardassianischen Unterdrücker mochte noch so verständlich sein, und dennoch bedauerte er, den Verwundeten der Gegenseite nicht ebenso helfen zu können wie den eigenen Leuten. Es waren seltene, kostbare Momente, in denen er die Muße hatte, so zu denken. Viel zu oft ließ ihn, was er sah, seinerseits hassen.
"Es ist ja nicht so, dass ich nicht kämpfen will", fuhr Nalas fort, "Aber das erwarten sie gar nicht von mir. Sie erwarten, dass ich sie führe. Wie soll ich das tun? Ich?"
Er hatte die Hand an den Mund gehoben, schluckte. Mit einem gewissen Erschrecken erkannte Bareil, dass er geradezu verzweifelt versuchte, Tränen zurückzuhalten. Ein Held, der weinte?
"Du versuchst es doch. Du willst sein, wie sie es von dir erwarten."
Er riet ins Blaue hinein, wusste sich keine andere Hilfe mehr. Er wollte Li Nalas nicht weinen sehen, ihn nicht.
"Ich habe Angst. Angst, sie alle zu enttäuschen. Angst, sie in den Tod zu führen. Es sind gute Leute, sie haben das nicht verdient. Ich würde für sie sterben, für Bajor, für die Bajoraner. Aber ich kann sie doch nicht führen."
Bareil antwortete nicht. Er nahm den anderen in den Arm, hob seinen Kopf. Schöne, graue Augen. Verlorene Augen. Sie spiegelten wieder, was immer er war. Verloren. Allein.
"Vergiss das alles einmal. Jetzt bist du hier, hier erwartet niemand etwas von dir. Sei... sei einfach du."
"Es kann doch nicht so bleiben." Nalas machte sich los, stand auf und trat an eines der Fenster heran. Er taumelte leicht, war aber noch immer bemüht, es sich nicht anmerken zu lassen. "So sehr ich das auch wünschte."
Auch Bareil hatte sich erhoben, verletzt von der plötzlichen Abweisung des Anderen. Er verschränkte die Arme unter dem roten, im Augenblick so blutbefleckten Talar eines Vedeks und neigte leicht den Kopf zur Seite. "Ich kann dir nur Hilfe anbieten, sie dir aufzwingen kann ich nicht."
"Ein Vedek, der Fehler eingesteht?"
"Ein Held, der das tut?"
Wieder Schweigen.
Es schmerzte Bareil, dass Nalas seine offensichtliche Abwehrhaltung nicht aufgeben wollte, doch er fürchtete fast die Antwort auf die Frage, warum. Zu viele schreckliche Dinge passierten in Zeiten wie diesen.
Es war wohl so, dass jeder seinen eigenen Gedanken nachhing, die sich doch um das selbe drehten. Krieg, Tod, der Wunsch, etwas anderes zu tun als das, was man tun musste.
"Würdest du mich aufnehmen, hier?"
Die Frage überraschte Bareil, aber er nickte, ohne zu zögern. "Wann immer du möchtest. Ich werde warten."
"Das ist die Tugend der Vedeks, nicht wahr? Ihre Geduld."
"Ihr Glaube."
"Glaube? Gibt dir das die Ruhe, die ich sehe?"
"Ich denke schon." Er seufzte leise. "Ich könnte hier bleiben und mich für den Rest meines Lebens um die Pflanzen hier im Arboretum kümmern, wenn die Propheten mich lassen."
"Mich lassen sie wohl definitiv nicht." Nalas lehnte die Stirn an die Wand und schloss die Augen. "Ich würde es tun, glaub mir. Ich würde geben, was immer ich habe, wenn ich nur hier bleiben könnte. Aber ich habe eine Aufgabe, nicht?"
"Dann komm hierher zurück. Wenn dieser Kampf zuende ist und das Volk deine Hilfe nicht mehr braucht. Dann komm zurück zu mir und ich werde tun, was immer ich kann, um dir zu helfen."
Er trat einen Schritt auf den widerwilligen Helden zu, ließ zu, dass dieser sich an ihn lehnte. "Wenn es der Wille der Propheten ist, kehrst du zurück. Hab keine Angst vor deinem Schicksal."
***
Als Nalas das Kloster nach einigen Tagen verließ, konnte der junge Vedek nicht wissen, dass er den Anderen niemals wiedersehen würde.
Er konnte nicht wissen, dass das Schicksal Nalas ein Leben in einem Gefangenenlager zugedacht hatte.
Dass er dort jahrelang bleiben würde, ehe ihn sein Weg erneut in einen Kampf führte.
Dass er schließlich doch noch tat, was er einmal gewünscht hatte.
Dass er für Bajor starb.
Blut färbte die Pflanzen rot. Blut an den Händen der Bajoraner.
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